Skip to main content

Full text of "Briefe und telegramme Wilhelms II"

See other formats


yf 







2?i?-''- '-'■-f^' ^- 










/ nn 








TIN5LR 



3^(?3. 



BRIEFE UND TELEGRAMME 

WILHELMS II. AN 

NIKOLAUS II. 

<i894 — 1914) 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

HELLMUTH VON GERLACH 



1920 



MEyER® JESSEN/ WIEN 



Druck: Mündiner Budigewerbehaus M. Müller 'S) Sohn 



Einführung. 

I. 

Die Briefe Wilhelms II. an Nikolaus IL, die die 
ganze Zeit vom Regierungsantritt des Zaren bis zum 
Weltkrieg umfassen, sind in englischer Sprache ge- 
schrieben. Die Originale haben mir nicht vorgelegen. 
Der Ort ihrer Aufbewahrung hinderte mich an der Ver- 
gleichung der Abschriften mit den Originalen. Die 
Stelle, von der sie dem Verlage übermittelt worden 
sind, bürgt jedoch für ihre Echtheit wie für die Gewis- 
senhaftigkeit der Übersetzung. Übrigens spricht auch 
ihr Inhalt selbst überzeugend für ihre Authentizität. 
Von kleinen Unebenheiten des Stils, Auslassungen ein- 
zelner Wörter, nebensächhchen Irrtümern usw., läßt 
sich, da die Originale zurzeit nicht zugänglich sind, 
nicht feststellen, ob sie dem Übersetzer oder dem 
Briefschreiber zur Last fallen. Diese Inkorrektheiten 
sind jedoch offensichtlich so nebensächhch, daß sie die 
Bedeutung der Publikation in keiner Weise beeinträch- 
tigen können. 

Diese Publikation stellt natürlich nicht ein in sich 
abgeschlossenes historisches Gemälde dar. Dazu feh- 
len die Briefe, die Wilhelm IL während des gleichen 
Zeitraums an andere Staatsoberhäupter und sonstige 
politische Persönlichkeiten gerichtet hat. Es fehlen 

V 



vor allem auch die Antworten des Zaren. Sie wenig- 
stens hätten längst zur Veröffentlichung bereit liegen 
können, wenn in den ersten Revolutionstagen nicht 
schwere Unterlassungssünden vorgekommen wären. Im 
Drang der Geschäfte versäumte die neue deutsche Re- 
gierung, sofort die Beschlagnahme der gesamten Korre- 
spondenz zu verfügen, die sich in den Schlössern Wil- 
helms II. und der anderen Mitglieder des Hohenzol- 
lernhauses, wie in den Wohnungen der maßgebenden 
Männer des alten Regimes befand. Einige Mitglieder 
des BerUner Soldatenrats versuchten, auf eigene Faust 
vorzugehen. Sie fuhren nach Potsdam und wollten dort 
die in den Schlössern befindlichen Schriftstücke be- 
schlagnahmen. Aber der Potsdamer Soldatenrat, in dem 
reaktionäre Offiziere sich den ausschlaggebenden Ein- 
fluß zu sichern verstanden hatten, verhinderte diese 
Maßnahme. Es standen mehr als 100 Kisten vollgepackt 
zum Abtransport nach Holland bereit. Sie enthielten 
auch den Inhalt der Schreibtische, soweit er nicht ver- 
brannt war. Der Potsdamer Soldatenrat erlaubte der 
Kaiserin, diese Kisten mit unkontrolliertem Inhalt mitzu- 
nehmen. Womit wohl für alle Zeit die Hoffnung begra- 
ben werden muß, die wichtigsten Schriftstücke aus dem 
Besitze Wilhelms II. an die Öffentlichkeit gelangen 
zu sehen, was natürlich im Interesse der vollen histo- 
rischen Wahrheit sehr zu bedauern ist. 

Immerhin bietet auch das unvollständige Material, 
das hiermit der Öffentlichkeit übergeben wird, das 
größte Interesse. Insofern es — von den Telegrammen 
abgesehen — anscheinend den gesamten schriftlichen 
Verkehr Wilhelms II. mit Nikolaus II. darstellt, ist es 
doch ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Auf 20 
Jahre Weltgeschichte fällt manches aufklärende Streif- 

VI 



licht. Viele Viorgänge, deren Wirkungen die ganze 
Welt und das deutsche Volk insbesondere zu spüren 
bekamen, finden erst durch diese Korrespondenz ihre 
psychologische Begründung. Eine ganze Reihe völHg 
unbekannter oder doch nur in ihren Umrissen bekannter 
oder gar nur vermuteter poUtischer Aktionen wird 
klargelegt. Vor allem wird auch das Letzte darge- 
boten, was noch fehlte, um das Charakterbild des 
früheren Kaisers endgültig zu fixieren. 



II. 

Die Veröffentlichungen der letzten Monate, insbe- 
sondere die von Eckardstein, von Tirpitz, von Czer- 
nin und von Otto Hammann, haben schon ein ziem- 
lich deutliches Porträt Wilhelms IL ergeben. 
Aber alle diese Männer sind doch nur amtlich mit ihm 
in Berührung gekommen. Sie hatten mit ihm als Kaiser, 
nicht als Menschen zu tun. 

Die Briefe an den Zaren ergeben ein Bild von „Guil- 
laume IL intime". Gewiß, der Herrscher schreibt an 
den Herrscher. Aber es schreibt doch auch der Freund 
an den Freund. Ich weiß nicht, ob Wilhelm IL bei 
seinem maßlosen SelbstgefühL wirklicher Freundschaft 
fähig war. Aber wenn er überhaupt geneigt war, jemand 
sein Inneres zu öffnen, so noch am ersten dem Manne, 
der ihm einerseits nach seinen Jahren und verwandt- 
schaftlich nahe stand, und den er andererseits als 
völlig gleichberechtigt und gleichgestimmt ansah. Der 
Autokrat von Zarskoje Selo war der einzige Mensch, 
dem der would-be-Autokrat von Potsdam sein Herz 
ausschütten konnte, ohne sich etwas zu vergeben. Bei 
dem überwältigenden Gefühl von seiner erhabenen Stel- 

VII 



lung hätte der Gleichgestimmte zum Gleichgestimmten 
allein nie so offen gesprochen, wenn es sich nicht 
gleichzeitig um den Gleichgestellten gehandelt hätte. 
Nie hat Wilhelm II. natürlich im entferntesten an die 
MögUchkeit gedacht, daß seine Briefe an den Zaren je 
an die Öffentlichkeit gelangen würden. Darum gibt er 
sich in ihnen wirklich so, wie er war. Dieser Ein- 
druck verläßt einen bei der Lektüre nie. Gewiß, selbst 
hier posiert er wer weiß wie oft. Stellen natürlichsten 
Empfindens wechseln ab mit solchen geschwollener 
Phrasenhaftigkeit. Kaum hat er sich im Hausrock pro- 
duziert, so stülpt er schon wieder den Stahlhelm mit 
dem silbernen Adler auf den Kopf und schwingt den 
Marschallstab. Aber das ist nun einmal sein wahres 
Ich. Dieser Mann muß posieren. Das Unnatürliche ist 
ihm zur zweiten Natur geworden. 

III. 

Der Urgrund seines Wesens — falls man bei einem 
so oberflächlichen Sanguiniker überhaupt von Urgrund 
sprechen darf — ist romantische Mystik. Er 
fühlt sich als das auserwählte Rüstzeug Gottes. Als 
er einst in feierlicher Rede in Königsberg sich als das 
„Instrument des Himmels" bezeichnet hatte, da war das 
nicht eine bloße Phrase „in usum publici". Das war 
wirklich seine innerste Überzeugung. Immer wieder 
kommt er in seinen Briefen darauf zurück, daß der 
Zar und er von Gott berufen seien, Vorkämpfer des 
christUchen Glaubens zu sein. 

In diesem Lichte wird ihm der Krieg Rußlands gegen 
Japan zum heiligen Glaubenskrieg. Er meint, Europa 
müsse dem Zaren dankbar sein, weil er so rasch be- 
griffen habe, daß „die große Zukunft für Rußland in 

vm 



der Zivilisierung Asiens und in der Verteidigung des 
Heiligen Kreuzes und der alten christlichen europäi- 
schen Kultur gegen die Einfälle der Mongolen und des 
Buddhismus liege'^ Von den sehr materiellen Grün- 
den, die allein zum russisch-japanischen Kriege ge- 
führt haben, weiß er nichts oder will er nichts wissen. 
Er sieht nur die Notwendigkeit „des vereinigten Wider- 
standes aller europäischen Mächte gegen den Einfall 
des Buddhismus, des Heidentums und des Barbarismus 
zur Verteidigung des Heiligen Kreuzes'^ Bei diesem 
Kampf ist der Zar der Bannerträger. ,,Das ist die 
große Aufgabe, welche der Himmel für Dich geschaf- 
fen hat.^' Wilhelm aber hält es für seine Aufgabe, 
in diesem vermeintlichen Glaubenskriege Rußland den 
Rücken frei zu halten. 

Sein Glaubenseifer begnügt sich nicht mit der Ab- 
wehr des eingebildeten Angriffs der — religiös bekannt- 
Hch meist völlig indifferenten — Japaner auf das Chri- 
stentum. Wo es sich um den Glauben handelt, da emp- 
fiehlt er sogar die Offensive. Er will nicht bloß den 
„Einfall des Buddhismus" abwehren. Er wünscht die 
„Christianisierung des fernen Ostens". Zur Verdeut- 
lichung dieser seiner Pläne schickt er dem Zaren eine 
Zeichnung, welche „die symbolischen Figuren Ruß- 
lands und Deutschlands als Schildwachen am Gelben 
Meere darstellt, um das Evangelium der Wahrheit 
und des Lichts im fernen Osten zu proklamieren". 

Im Widerspruch mit diesem christlichen Fanatismus 
scheint es zu stehen, daß er sich andererseits als Schutz- 
herr der 300 Millionen Mohammedaner bekennt, dem 
Sultan Abdul Hamid, dem Veranstalter der armenischen 
Massenabschlachtungen, mit ausgesprochener Sympa- 
thie begegnet, immer wieder beim Streit zwischen den 



Türken und den von ihnen unterdrückten christlichen 
Völkern für die Türkei eintritt. Aber Logik ist nun 
einmal keine Eigenschaft, die mit Mystik parallel zu 
gehen pflegt. 

IV. 

Direkt aus der Wurzel der religiösen Mystik wächst 
das verstiegene dynastische Bewußtsein Wil- 
helms II. empor. „Wir christlichen Könige und Kai- 
ser haben eine heilige Pflicht, die uns vom Himmel 
auferlegt ist, nämlich das ,von-Gottes-Gnaden-Prin- 
zip' aufrechtzuerhalten." Oberster Gesichtspunkt bei 
allen seinen politischen Betrachtungen und Plänen ist 
der: habe ich es mit demokratischen oder royalisti- 
sqhen Völkern zu tun? 

Im tiefsten Innern widerstrebt es ihm, sich näher mit 
Personen einzulassen, die nicht von ,, Gottes Gnaden" 
sind. „Loubet und Deloasse sind zweifellos erfahrene 
Staatsmänner, aber da sie nicht Fürsten oder Kaiser 
sind, so kann ioh sie in einer Vertrauenssache 
wie diese, nicht auf den gleichen Fuß wie Dich, mein 
Vetter und Freund, stellen." Er kennt das Bündnis 
zwisqhen Rußland und Frankreich. Es muß ihm im 
höchsten Maße unsympathisch sein. Aber er findet 
sich damit ab, indem er an der Fiktion festhält, daß 
Frankreich so eine Art Vasall Rußlands sei, ein In- 
strument des Zaren. Es hat ihn sehr beruhigt, daß Alex- 
ander III. ihm einst angeblich versichert hat, er sei 
gegen die Republik und wolle das Königtum in Frank- 
reich wieder herstellen. 

Unbequeme Tatsachen, z. B. daß ein Zar in Reval 
die Marseillaise stehend angehört hat, übergeht er mit 
Stillschweigen. Es liegt ja überhaupt in seiner sanguini- 

X 



sehen Natur, die am liebsten nur Angenehmes sähe, 
daß er fast alles, was ihm nicht paßt, zu ignorieren ver- 
sucht und vielfach anscheinend sogar wirklich sofort 
vergißt. 

Passieren Dinge, die ihm als zu große Intimität 
zwischen Russen und republikanischen Franzosen er- 
scheinen, so warnt er: 

„Nicht die Tatsache, daß es sich hier um einen , Rap- 
port^ oder eine Freundschaft zwischen Rußland und 
Frankreich handelt, macht einen unruhig — denn jeder 
Herrscher ist alleiniger Herr der Interessen seines Lan- 
des und richtet seine Politik demgemäß ein — , sondern 
die Gefahr, die unserem monarchischen Prinzip dadurch 
erwächst, daß man die Republik durch die Form, 
in der sich diese Freundschaft zeigt, auf ein Piedestal 
erhebt. Die ständige Anwesenheit von Fürsten, Groß- 
herzögen, Staatsmännern, Generalen in Gala bei den 
Truppenrevuen, Begräbnissen, Diners, Wettrennen mit 
dem Haupt der Republik oder in seiner Umgebung 
läßt Republikaner wie diese glauben, daß sie äußerst 
ehrenwerte Leute sind, mit welchen Fürsten zusam- 
mengehen und im Innern fühlen können." 

Das Bündnis Rußlands mit Frankreich also stört ihn 
weiter nicht. Aber um keinen Preis dürfen Vertreter 
Rußlands sich so benehmen, daß die Republikaner 
auf den Gedanken kommen könnten, sie seien ehren- 
werte Männer, mit denen Fürsten zusammengehen und 
im Innern fühlen könnten! Denn das wäre ja eine Ge- 
fahr für das monarchische Prinzip. 

Der tiefste Grund, der ihn immer wieder zu Rußland 
hintreibt und von jeder Annäherung an England abhält, 
ist das Gefühl, daß außer dem Sultan eigentlich nur der 
Zar das wahre monarchische Prinzip verkörpert. 

XI 



Deutschland und Rußland müssen soviel wie möglich 
vereinigt werden, denn „diese Vereinigung würde ein 
mächtiges Bollwerk für die Aufrechtcrha'.tung des Frie- 
dens und der m^onarchischen Institution bedeuten". 

Als ernsthafte monarchische Institutionen sieht er 
nur die Staaten an. wo nicht das Parlament, sondern 
der Monarch ausschlaggebend ist. Das Sympathische 
am Zarentum ist ihm gerade sein autokratischer Cha- 
rakter. Deshalb rät er in der Not der russischen Revo- 
lution dem Zaren zwar zu allerlei Konzessionen, aber 
er W'arnt vor Konstituante und Nationalversammlung, 
vor Versammlungs- und Pressefreiheit. Zweck seiner 
ganzen Reformvorschläge ist nur „die Exekutive ein für 
allemal dem autokratischen Zaren zu erhalten*^ 

V. 

Hand in Hand mit der Erhebung der Monarchie auf 
eine weltentrückte Höhe geht die Behandlung aller 
,,Diener" der Monarchie ganz von oben herab. 
Ausländern wird ja hie und da ein Wort gespendet, 
das ihrer Bedeutung einigermaßen gerecht wird. Über 
den Grafen Witte z. B. fallen Ausdrücke, die erken- 
nen lassen, daß der Kaiser für seine Größe ein gewisses 
Verständnis hat. Aber es sind doch ganz seltene Aus- 
nahmefälle, wo er sich von dem Aberglauben frei 
machen kann, als wenn die w^ahre Weisheit eigentlich 
nur auf den Thronen zu finden sei. 

Nikolaus II., dessen nur sehr durchschnittliche Be- 
gabung der ganzen Welt wahrhaftig kein Geheimnis 
war, wird immer wieder mit Lobsprüchen wegen seiner 
staatsmännischen Weisheit bedacht. Regierungsakte, 
die ihm nur die Not der Revolution abgepreßt hat, 
oder die ganz gewiß nicht auf sein Konto, sondern auf 
XII 



das kluger Ratgeber zu buchen sind, werden ihm aus- 
schüeßhch gutgeschrieben. Weil Nikolaus einmal vor- 
übergehend auf einer Vergnügungsreise in Japan war, 
deshalb hält Wilhelm es für selbstverständlich, daß 
der Zar weit besser als Kuropatkin beurteilen könne, 
wie man mihtärisch richtig gegen die Japaner zu ope- 
rieren habe. 

Das höchste Lob, das Wilhelm II. seinen eigenen 
Staatsmännern und Offizieren zu spenden weiß, ist, daß 
sie „treue Diener ihres kaiserUchen Herrn" und „ab- 
solut verläßlich'^ seien. Samt und sonders erscheinen 
sie nur als Werkzeuge. Er „instruiert" den Reichskanz- 
ler, wie er im Reichstag zu sprechen habe. Eine Aner- 
kennung geistiger Leistungen seiner Handlanger fin- 
det sich nirgends. 

Psychologisch sehr aufschlußreich sind die Äuße- 
rungen über Bismarck in dem Brief vom 12. No- 
vember 1896. Man braucht kein Bismarckianer zu sein, 
um die Art und Weise peinlichst zu empfinden, wie hier 
ein Monarch ohne sonderUche Verdienste über den 
„unbotmäßigen Mann mit dem gemeinen Charakter" 
loszieht, der doch immerhin einige staatsmännische 
Qualitäten gezeigt hatte. Es ist einfach ein Wutaus- 
bruch über den Mann, der es gewagt hatte, nicht nur 
andere Meinungen zu haben, sondern auch zu äußern, 
als sein „kaiserhcher Herr", obwohl er doch nur ein- 
facher Reichskanzler war. 

Wilhelm II. war eben nicht imstande, jemandem, den 
er als seinen persönlichen Gegner betrachtete, auch 
nur eine Spur von gerechter Würdigung entgegenzu- 
bringen. 



XIII 



/ VI. 

Wer die Monarchie überschätzt, muß die Dem o- 
kratie unterschätzen. Aber Wilhelm II. mißachtet die 
Demokratie nicht nur, er haßt sie. Und zweifelhaft kann 
es nur sein, ob nicht noch größer als sein Haß gegen 
sie, die Furcht vor ihr ist. 

Besondere Abneigung bringt er natürlich den Fran- 
zosen entgegen, nicht bloß wegen ihrer gegenwärtigen 
politischen Verfassung, sondern namentlich auch we- 
gen ihrer Vergangenheit. 

„Die französische Republik stammt aus der Quelle 
der großen französischen Revolution und propagiert 
ihre Ideen und muß es tun. Vergiß nicht, daß Jaures 
— es ist nicht seine persönliche Schuld — auf dem 
Thron des Königs und der Königin von Frankreich von 
Gottes Gnaden sitzt, welche die französischen Revo- 
lutionäre geköpft haben. Das Blut Ihrer Majestäten 
klebt noch an dem Lande. Niki, nimm mein Wort, der 
Fluch Gottes hat jenes Volk für ewig getroffen. ^^ 

Wenn er auf die Republikaner im allgemeinen oder 
bestimmte Republikaner zu sprechen kommt, so über- 
steigt der Ausdruck seines Hasses manchmal alle Gren- 
zen. Die Republikaner sind ihm „von Natur Revo- 
lutionäre und werden ganz folgerichtig als Leute be- 
handelt, die erschossen oder gehängt werden müssen^^ 
Frankreich ist ihm eine „Republik elender Bürger- 
hcher^^ Und die französischen Radikalen, wie Clemen- 
ceau, kennzeichnet er als „Lumpenpack und Pöbel". 

Fast ebenso groß wie gegen Frankreich ist seine 
Abneigung gegen England. Die englische Monarchie be- 
sagt ihm natürlich nichts, da sie ja „unter der abso- 
luten Herrschaft dieser hitzköpfigen Parlamente" 
steht. Es empört ihn, daß die Engländer „gegen Zar- 

XIV 



tum und Imperialismus für Aufklärung und Liberalis- 
mus" kämpfen. Denn damit „propagieren sie die Revo- 
lution". 

Dieselbe scharfe Kritik wie den Franzosen und Eng- 
ländern, wird den deutschen Parteien zuteil, die anders 
wollen als S. M. „Mein Reichstag beträgt sich so 
schlimm wie nur möglich. Er schwankt hin und her zwi- 
schen Soziahsten, die von den Juden aufgehetzt wer- 
den, und den ultramontanen Katholiken, beides Par- 
teien, die möglichst bald verdienten, gehängt zu wer- 
den, soweit ich es beurteilen kann." 

Auf feine Unterscheidungen läßt sich Wilhelm nicht 
ein. Anarchismus, Nihilismus und Republikanismus 
nennt er widerholt in einem Atem, als wenn es sich 
um wesensgleiche Dinge handle. Er hat sich anschei- 
nend mit den Programmen der verschiedenen Parteien 
der Linken niemals auch nur oberflächlich beschäftigt. 
Für ihn ist alles, was nicht unbedingt royalistisch ist, 
eine einzige massa perditionis, gegen die mit ihm ge- 
meinsam anzukämpfen er immer wieder seinen „Kolle- 
gen" Niki beschwört. 

VIL 

Das „distinguo" ist zweifellos die allerschwächste 
Seite in Wilhelms Charakter. Er schematisiert, er gene- 
ralisiert, er bleibt immer an der Oberfläche haften. 
Das macht, er treibt nie mit der ratio, son- 
dern immer nur mit dem Gefühl Politik, 
wenigstens, soweit es sein eigenes Land und seine 
eigene Person direkt angeht. 

Handelt es sich um Dinge, die andere in erster Linie 
betreffen, so vermag er sich zeitweise von seinem 
unerhörten Subjektivismus zu befreien. Ist er doch ein 

" XV 



in gewisser Beziehung begabter Mensch mit rascher 
Auffassung und vielseitigen Interessen. 

Das Memorandum über die Zustände Rußlands wäh- 
rend der Revolution und des letzten Teils des japa- 
nischen Krieges enthält manche zutreffende Beobach- 
tung, manchen guten Ratschlag. Ich weiß nicht, ob es 
wirkHch aus seiner eigenen Feder geflossen ist. Eine so 
zusammenhängende Arbeit, die eine gewisse Konzentra- 
tion voraussetzt, widerspricht eigenthch seinem sprung- 
haft nervösen Naturell Aber jedenfalls hat er sich 
ihren Inhalt zu eigen gemacht. Und da fragt man sich: 
Weshalb konnte der Kaiser niemals die Verhältnisse 
in seinem eigenen Land und die Stimmung seines eige- 
nen Volkes so richtig beurteilen, wie es hier einem 
fremden Volk und fremden Verhältnissen gegenüber der 
Fall war? 

Er konnte es nicht, weil er zwar allen anderen Men- 
schen, ausnahmsweise sogar seinem Thronkollegen Ni- 
kolaus gegenüber kritisch sein konnte, nur nicht sich 
selbst gegenüber. Seine eigene Meinung über sich 
selbst war eben derart, daß hier der Psychologe die 
Feder aus der Hand legen muß, um dem Psychiater das 
weitere zu überlassenu 

VIII. 

Nicht Zweckmäßigkeitserwägungen, sondern Ge- 
fühlsregungen bestimmten ausschheßlich die gesamte, 
äußere Politik Wilhelms. Mag passieren, was will, mag 
die russische Politik einen für Deutschland noch so un- 
günstigen Kurs einschlagen, an der unlöslichen Zu- 
sammengehörigkeit von Rußland und 
Deutschland hält er fest. Zar und Kaiser müssen 

XVI 



zusammen bleiben. Das verlangt das dynastische Inter- 
esse. 

Frankreich dagegen haßt er. An diesem Lande 
klebt das Blut seines Königspaares. Der Fluch Gottes 
hat es getroffen. Es ist repu1)likanisch und Treimaure- 
risch. Es kann 'ihm zwar gestattet werden, gewisser- 
maßen als Hilfsvolk, geführt von Rußland, die Kon- 
tinentalallianz gegeni Ei^land zu verstärken. Aber 
niemals wird es als ein den monarchischen Mächten 
gleichberechtigter Faktor behandelt. 

Japan haßt er. Aus religiösen wie aus Rassegrün- 
den. Mal sind es die „Buddhisten", mal die „Gelben", 
gegen die er sich besonders heftig entladet. Die fixe 
Idee, dem europäischen Christentum drohe ein neuer 
Mongoleneinfall, verläßt ihn nicht. In seiner Phanta- 
sie sieht er schon 20 — 30 Millionen gutbewaffneter 
Chinesen — die Chinesen sind bekanntUch so ziemHch 
das unkriegerischste Volk der Erde — unter japani- 
scher Führung gegen Europa marschieren. 

England haßt er. England hat mit den „Gelben" 
ein Bündnis geschlossen. England ist parlamentarisch 
regiert. Englands rein von Handelsinteressen und son- 
stigen Verstandsmomenten diktierte Realpolitik bedeu- 
tet psychologisch eine ständige Herausforderung für 
seine mystische Illusionspolitik. 

Deshalb schlägt jeder Versuch Englands, mit 
Deutschland zu besseren Beziehungen zu kommen, fehl. 
Die Veröffentlichungen des letzten Jahres, insbesondere 
die des Botschaftsrats Freiherrn v. Eckardstein, des 
Regie rungsrats Martin, des Wirkl. Geheimrats Ham- 
mann, haben den Beweis erbracht, daß seit 1899 Eng- 
land wieder und wieder an Deutschland herangetreten 
ist, um ein Bündnis, eine Entente oder wenigstens 
11* XVII 



eine Verständigung herbeizuführen. Die Briefe Wil- 
helms II. beweisen, daß in der Beziehung noch weit 
mehr geschehen ist, als bisher bekannt war. 

Der Brief vom 30. Mai 1898 ist wohl das wichtigste 
Aktenstück der ganzen Sammlung. Aus ihm geht her- 
vor, daß schon Ostern 1898 England ein direktes Bünd- 
nisangebot an Deutschland ergehen ließ. Als zunächst 
k*eine Antwort erfolgte, wurde das Angebot dringend 
erneuert. „Auf meinen Befehl wurde kühl und dilato- 
risch in farbloser Weise geantwortet." Daraufhin wurde 
das Ansuchen zum dritten Male erneuert, und war 
„von enormen Anerbieten begleitet, die eine weite und 
große Zukunft für mein Liand eröffneten". Wilhelm 
wagt es diesmal doch nicht, ohne weiteres wieder „kühl 
und farblos" zu antworten. Er wendet sich um Rat an 
Nikolaus. Aber man merkt diesem Briefe an, wie er 
danach lechzt, von Rußland, das damals noch der ge- 
borene Gegner Englands in Asien war, in seinem 
Wunsch nach Ablehnung des englischen Angebots be- 
stärkt zu werden. Welchen Gefallen ihm natürlich Niko- 
laus auch getan hat. 

IX. 

Mit Rußland gegen England! Das war das 
Leitmotiv der auswärtigen Politik Wilhelms. Allerdings, 
Rußland war der Verbündete Frankreichs. Und zwi- 
schen Frankreich und England bestanden, von vor- 
übergehenden Trübungen wie beim Faschoda-Zwi- 
schenfall abgesehen, sehr gute Beziehungen. Aber 
solche kleinen praktischen Hindernisse stören einen 
großen Phantasten weiter nicht. 

Unsere verantwortlichen Staatsmänner haben immer 
so getan, als hätten sie die englischen Bündnisange- 

XVIII 



böte vor allem deshalb ablehnen müssen, weil sie sich 
nicht ieinem Sturm der „öffentlichen Meinung" in 
Deutschland aussetzen dürften. Es ist wesenthch, daß 
jetzt festgestellt ist, daß die Seele des Widerstandes 
gegen ein Bündnis mit England, das den Weltfrieden 
natürlich absolut gesichert hätte, der Kaiser selbst war. 

Wilhelm II. geht auf Grund seiner dynastischen Vor- 
eingenommenheit immer davon aus, daß bei der rus- 
sisch-französischeni Aillianz der Zar die ausschlag- 
gebende Stelle sei. Wenn Rußland will, muß Frank- 
reich! Der Gedanke, daß beide Reiche innerhalb ihrer 
Allianz sich das Gleichgewicht halten, ja daß unter 
Umständen die Führung sogar bei der „Republik" 
liegen könne, kommt ihm gar nicht. Er meint, wenn er 
nur den Zaren für eine Idee gewonnen habe, dann folge 
alles weitere einschließlich Frankreichs von selbst. 

Während des russisch-japanischen Krieges ist die 
deutsch-russische Intimität am größten. Das heißt, ohne 
jede Gegenleistung deckt der Kaiser dem Zaren den 
Rücken und unterbreitet ihm einen gegen England dik- 
tierten Bündnisvertrag. Immer in der Annahme, daß, 
wenn Nikolaus nur wolle, Frankreich von selber auch 
kommen .werde. 

Unter welchen phantastischen Voraussetzungen Wil- 
helm seine Politik trieb, dafür liefert einen sprechenden 
Beweis eine Veröffentlichung Iswolskys während des 
Weltkrieges in der französischen Presse. Sie bezieht 
sich — ich kann nur nach dem Gedächtnis zitieren — 
auf jene deutsch-russischen Bündnisverhandlungen. Der 
Kaiser sprach gelegentlich auch mit Iswolsky darüber 
und erklärte, daß Frankreich sich wohl ohne weiteres 
anschließen werde. Iswolsky machte den Kaiser in vor- 
sichtigster Form darauf aufmerksam, daß zwischen 

XIX 



Frankreich und Deutschland doch noch ein kleines Hin- 
dernis liege. Als der Kaiser überrascht fragte: „Wel- 
ches ?^^ erwiderte Iswolsky: „Elsaß-Lothringen^^ Wor- 
auf der Kaiser sehr bestimmt: „Das ist beseitigt! In der 
Marokkofrage habe ich Frankreich den Handschuh hin- 
geworfen, es hat ihn nicht aufgenommen. Damit hat es 
bekundet, daß es auf Elsaß-Lothringen verzichtet hat." 

Für jeden Politiker waren Zweibund und Dreibund 
These und Antithese. Für Wilhelm IL vereinigte sich 
These und Antithese zur Synthese „Wilhelm-Nikolaus". 
In seinem Brief vom 27. Juli 1906 phantasierte er von 
der Verbindung der Doppelallianz mit der TriplealHanz 
zur Quintupleallianz. Der „große Block der 
Mächte Rußland, Deutschland, Frankreich, Osterreich, 
Italien" werde auch „die kleinen Körper, Holland, Bel- 
gien, Dänemark, Schweden anziehen". 

Gelegentlich bezeichnet Wilhelm sogar die Franzosen 
als „unsere Alliierten". So sehr verwischt sich in seinem 
Gehirn Wunsch mit Wirklichkeit. 

Zweck der von ihm angestrebten KontinentalaUianz 
war die völlige Kaltstellung Englands. Er bezeichnet es 
selbst als Aufgabe der QuintupleaUianz ,,alle unbot- 
mäßigen Nachbarn in Ruhe zu halten und selbst mit 
pewalt ihnen den Frieden aufzuerlegen". 

Der angeblich von Eduard VII. betriebenen Politik 
der Einkreisung Deutschlands steht also nach 
dem Zeugnis des Deutschen Kaisers selbst in Wahr- 
heit die von Wilhelm IL betriebene Politik der völli- 
gen Isolierung Englands, seiner Aus krei- 
sung, gegenüber. 

X. 

Zahllos sind die Stellen in den Briefen, die den 
Wunsch des Kaisers nach Erhaltung des Friedens 

XX 



bekunden. Sie sind zweifellos ehrlich gemeint. Soviel 
Wilhelm in seinen öffentlichen Kundgebungen auch mit 
der gepanzerten Faust gedroht und mit dem Säbel 
gerasselt hat, so zweifelte doch längst ni-emand, der ihn 
kannte, daran, daß er kein Held, sondern nur ein Wort- 
held sei. Er wollte keinen Krieg. Wenigstens legte er 
keinen Wert auf einen von ihm selbst zu führenden 
Krieg. 

Aber er war nicht etwa Kriegsgegner aus pazifisti- 
scher Gesinnung heraus. Es ist charakteristisch, daß in 
dem ganzen Briefwechsel sich nicht einmal eine An- 
spielung auf den wichtigsten Akt im Leben Nikolaus II. 
findet, auf sein Friedensmanifest, das die Haager Konfe- 
renzen im Gefolge hatte. Auch hat Wilhelm gegen den 
russisch-japanischen Krieg gar nichts einzuwenden. Im 
Gegenteil, er idealisiert diesen Krieg mit seiner sehr 
nüchtern materialistischen Grundlage in einen Glau- 
bens- und Rassekrieg um. Und einmal spricht er Eng- 
land gegenüber nicht etwa davon, daß man die Kriegs- 
ursachen ausschalten, sondern nur davon, daß man den 
Krieg „verschieben^' müsse. Auch konstruiert er zu 
Rußlands Gunsten ein „Gesetz der Ausdehnung^^ Er 
war eben nicht prinzipieller Kriegsgegner. Und 
spielte außerdem ständig mit der Kriegsgefahr. In der 
Einbildung befangen, daß England den Krieg gegen 
Rußland wolle, stachelte er am 17. XII. 1904 den Zaren 
an, „um die englische Frechheit und Anmaßung abzu- 
kühlen, militärische Demonstrationen an der Grenze 
von Afghanistan und Persien zu veranstalten und, falls 
die russischen Streitkräfte zu einem wirklichen Angriff 
auf Indien nicht genügen, von Persien her einen Druck 
auf die indische Grenze auszuüben'^ 

Hätte der Zar diesen freundschaftlichen Rat des Frie- 

XXI 



denskaisers befolgi:, so wäre natürlich sofort der Krieg 
zwischen England und Rußland und damit vielleicht 
schon 1904 der Weltkrieg dagewesen. Aber diese Folge 
machte sich Wilhelm wahrscheinlich nicht klar, so we- 
nig wie er sich am 5. Juli 1914 klar machte, was die 
von ihm an Österreich-Ungarn erteilte Blankovollmacht 
gegen Serbien für Konsequenzen haben müsse. 

XI. 

Das ist der stärkste Eindruck, den man aus den Brie- 
fen Wilhelms II. erhält. Er ist ein Mann, der 
sich über die Tragweite seiner Worte und 
Handlungen nicht im klaren ist. Was dem 
ferner Stehenden als dolus erscheinen muß, ist bei ihm 
immer nur als culpa anzusehen. Er ist ein geeigneteres 
Objekt für den Gerichtsarzt als für den Richter. Und 
weil dem so ist, darum ist die Korrespondenz Wil- 
helms II. weniger eine Anklage gegen den Monarchen 
als gegen die Monarchie als solche. Eine so patholo- 
gische Natur wie Wilhelm II. konnte mehr als 25 Jahre 
die letzte Entscheidung über die Geschicke eines gro- 
ßen Volkes treffen! Eine Staatsform, die so etwas 
möglich machte, ist mit Recht dem Untergang verfallen. 

Berlin, im Januar 1920 

Hellmuth v. Oerlach. 



Potsdam, 5. I. 1895. 
Mein lieber N ikü^ 
Dein lieber Brief, den Knorring mir überbrachte, 
enthielt sehr interessante, aber auch sehr traurige Nach- 
richten. Ich bin Dir für Deine Erl^lärungen sehr dank- 
bar und verstehe voll die Gründe, die Dich zu Deiner 
Entscheidung, den Grafen Schuwaloff betreffend, ver- 
anlassen. Gleichzeitig kann ich Dir versichern, daß 
ich den Verlust des trefflichen Paul schmerzlich emp- 
finde, welcher der einzige Gesandte in BerHn war, 
mit dem ich auf wirklich vertrautem Fuße stand, und 
der mir ein „ami intime" war, soweit ein Nicht- 
deutscher solchen Namen verdienen konnte. Ich werde 
ihn wirklich sehr vermissen. Er verdient voll das 
Lob, das Du ihm in Deinem Handschreiben erteilt 
hast. Die nahen und innigen Beziehungen unserer 
Höfe und Völker konnten von niemand besser als von 
ihm gewahrt werden. Ich hoffe vertrauensvoll, daß 
der Mann, den Du ausersehen willst, um seinen Posten 
auszufüllen, die Fähigkeit besitzt, sein Werk in glei- 
chem Sinne und mit der gleichen Wahrhaftigkeit und 
Offenheit des Charakters, wie sie Schuwaloff eigen 
ist, fortzusetzen, da die Beziehungen unserer beiden 
Länder zu einander auf traditionellen Grundlagen 
ruhen, ganz anders wie zu anderen Nationen, und 
ihren bestimmenden Einfluß auf die Welt ausüben 
werden. Mit den Worten Deines lieben Vaters möchte 
ich „Schweinitz durch Werder" 2 ersetzt sehen, und 

1 Nikolaus IL, geb. 19. 5. 1868, Zar seit 1. 11. 1894, vermählt mit 
Alexandra Feodorowna (Prinzessin Alix von Hessen und bei 
Rhein) seit 27.11. 1894. Kinder: Olga (16. 11.95), Tatiana (11.6.97) 
Maria (27. 6. 99), Anastasia (18. 6. Ol), Alexei Nikolajewitsch (12. 8. 04). 

" Von Schweiniiz und von Werder waren preußische Gene- 
rale, die als persönliche Adjutanten beim Zaren fungiert und in 
Petersburg dasselbe Vertrauen wie in Berlin genossen hatten. 

1 1 



wenn ich gleichzeitig einen Wunsch ausdrücken könnte, 
so wäre es der, daß Du, wenn möghch, entweder 
Pahlen, Richter oder Staal zum Ersatz wählen würdest. 
Nun laß mich Dir ein glückliches neues Jahr an 
der Seite Deines geliebten Engels Alix wünschen. 
Möge es ein Jahr des Friedens und des Glückes sein! 
Meine Weihnachtsgabe wird Dich hoffentlich erfreuen; 
es ist ein Album mit Photos von der „Fahnenweihe^' 
in Berlin. In der Hoffnung, daß wir uns bald einmal 
irgendwo in diesem Jahre treffen, verbleibe ich 
Dein wohlgesinnter Freund 

Willy. 

K a 1 1 e n b r o n n - S c h w a r z w a 1 d, 26. IV. 1895. 

Liebster Niki! 

Da Fürst Radolin ^ bald nach Petersburg reist, sende 
ich Dir diese wenigen Zeilen durch ihn. Er ist mein 
trefflicher und warmer Freund, der sich in der schwieri- 
gen Aufgabe als Papas Oberhofmeister während seiner 
kurzen Regierung bewährt hat und allen Versuchungen 
der Intrigue, von welcher Seite sie auch kommen moch- 
ten, standhaft gegenüber geblieben ist. Du kannst 
volles und unverhülltes Vertrauen in ihn setzen ; 
seine Diskretion ist sprichwörtlich. Er brennt darauf, 
in allem, was in seiner Macht steht, uns beiden zu 
Gefallen zu sein und das traditionelle Band, das unsere 
Familien und unsere Länder seit fast einem Jahrhundert 
verknüpft, noch enger zu knüpfen. Er haßt die Polen 
und hat nichts mehr mit ihnen zu tun, oder ist so wenig 
an ihnen interessiert wie an den Sandwich-Isulanern. 

Ich danke Dir aufrichtig für die ausgezeichnete Art, 

^ Deutscher Botschafter in Petersburg. 



mit der Du die vereinigte Aktion Europas zur Wahrung 
seiner Interessen in Japan eingeleitet hast. Es war 
hohe Zeit, daß energische Schritte ergriffen wurden, 
und es wird einen ausgezeichneten Eindruck in Japan 
wie anderwärts machen. Es zeigt klar, wie notwendig 
es ist, daß wir zusammenhalten müssen, und ebenso 
daß es eine Grundlage gemeinsamer Interessen gibt, 
auf welcher alle europäischen Nationen in gemein- 
samer Tätigkeit für die Wohlfahrt aller arbeiten 
können, wie es sich in der Anhängerschaft Frankreichs 
an uns beide gezeigt hat. Möge die Überzeugung be- 
stehen, daß dies geschehen kann, ohne an die Ehre 
einer Nation zu rühren. Möge der Gedanke immer 
festere Wurzel schlagen, dann wird unzweifelhaft die 
Furcht vor einem Kriege in Europa sich mehr und 
mehr zerstreuen. Die freundliche und überaus wert- 
volle Botschaft, welche Du mir durch Osten-Sacken^ 
unter Vermittlung des Grafen Eulenburg ^ in Wien ge- 
sandt hast, ist mir ein sichtbarer Beweis Deiner treuen 
Gesinnung und Aufrichtigkeit. Ich werde sicherUch 
alles tun, was in meiner Macht steht, um Europa ruhig 
zu halten und auch den Rücken Rußlands so zu decken, 
daß niemand Deine Aktion gegen den fernen Osten "^ 
stören soll. Denn es ist klar: die große Zukunfts- 
aufgabe für Rußland liegt darin, den asiatischen Konti- 
nent zu zivilisieren und Europa vor den Einfällen der 

^ Wurde 1895 russischer Botschafter in Berlin als Nachfolger 
des Grafen Schuwaloff. 

' Graf, später Fürst Philipp Eulenburg, Botschafter. 

' Der Zar hatte Wilhelm II. eingeladen, sich an den Maß- 
nahmen zum Schutze Chinas zu beteiligen, stellte dabei die Er- 
laubnis, einen festen Stützpunkt oder eine Kohlenstation in China 
zu besetzen, in Aussicht. Darauf hin kam es zu einer Ver- 
ständigung zwischen Deutschland, Rußland und Frankreich in der 
ostasiatischen Frage gegen Japan. Japan mußte damals Port Arthur, 
das es im Krieg gegen China erobert hatte, aufgeben. 

1* 3 



großen gelben Rasse zu verteidigen. Hierbei wirst 
Du mich immer auf Deiner Seite finden, bereit, Dir 
zu helfen, so gut ich es nur kann. Du hast diesen Ruf 
der Vorsehung wohl verstanden und hast den richtigen 
Moment rasch ergriffen. Er ist von ungeheurem politi- 
schen und historischen Wert; möge es zum Guten 
ausschlagen! Ich werde mit Interesse die weitere Ent- 
wicklung unserer Aktion erwarten und hoffe, daß ge- 
rade so, wie es Dir angenehm sein wird, die Frage 
eventueller Annexionen von Landteilen oder Gebieten 
für Rußland zu regeln. Du auch freundlich darauf achten 
wirst, daß Deutschland ebenfalls irgendwo einen Hafen 
erwerben kann, wo es Dich nicht ,,geniert^^ Da die 
Norweger ^ sich in einem Zustand befinden, der an 
Tollheit grenzt, so befürchte ich, daß ich meine 
Sommerreise dorthin nicht unternehmen kann, sondern 
an der schwedischen Küste der Ostsee werde kreuzen 
müssen. Sollten wir in diesem Falle nicht irgendwo 
mit unseren beiden Jachten zusammentreffen können, 
um dort, wo es Dir paßt, ein ruhiges, kleines Gespräch 
miteinander zu führen? Es wäre zu nett. Nun lebe 
wohl, liebster Niki, meinen herzlichsten Gruß an Alix 
und ehrfurchtsvolle Empfehlung an Deine Mutter ^ 
für immer Dein sehr ergebener und wohlgesinnter 
Freund Willy. 

Radolin ist in alle meine Ideen, wie ich sie Dir 
eben entwickelte, völlig „eingeweiht". 

Stora-Sundby, den 10. VII. 1895. 
Li-ebster Niki! 
Meine Reise in Schweden und an seinen Küsten 



^ Norwegen hatte die Union mit Schweden gelöst. 

* Verw. Kaiserin Maria Feodorowna, geb Prinzessin Dagmar 
von Dänemark, Tochter Friedrichs VIII. von Dänemarlc. 
4 



bringt mich Deinen Küsten und Deinem „buen retiro*^ 
gegenüber, und ich kann diesen AugenbHck, in dem 
ich, nur wenige Meilen von Dir entfernt, die Gewäs- 
ser kreuze, nicht vorübergehen lassen, ohne Dir eine 
Zeile zu senden, um Dir zu sagen, daß es mir nicht 
unangenehm wäre. Dich auf der salzigen Flut zu treffen. 
Laß mich Dir mit aller meiner Herzlichkeit noch ein- 
mal dafür danken, daß Du jene prächtigen Schiffe ge- 
sandt hast, welche so geschickt und machtvoll die 
russische Flotte in Kiel ^ repräsentierten. Alexei ^ war 
die Freundlichkeit und Leutseligkeit selbst. Er tat 
alles, was er konnte, um den Verkehr mit unseren russi- 
schen Kameraden in jeder Beziehung so zu gestalten, 
wie man es nur wünschen konnte. Deine gütige Er- 
laubnis, ihn ä la suite unserer Marine zu führen, machte 
meine Offiziere sehr stolz und schien ihm ein Ver- 
gnügen zu bereiten. Ich hatte die gute Gelegenheit 
zu einem ziemlich ernsten Gespräch (die ostasiatischen 
Angelegenheiten) mit Alexei und seinem guten alten 
Baron SchiHing, der ein sehr guter Freund meines 
Großvaters war. Er wird, wie ich annehme, Dir schon 
darüber Bericht erstattet haben. Es freute mich, ihm 
zeigen zu können, wie unsere Interessen im fernen 
Osten miteinander verbunden sind, daß meine Schiffe 
schon den Augenblick herbeisehnten, die Deinigen im 
Notfall zu unterstützen, wenn die Lage bedenklich 
werden sollte. Europa müßte Dir dankbar sein, daß 
Du so rasch die große Zukunft für Rußland in der 



* Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals in Kiel, 19. Juni 95. 
Anwesend waren Flottenvertreter aller Länder, auch Rußlands 
und Frankreichs. 

^ Vizeadmiral Alexejew, später Befehlshaber der russischen 
Flotte im Stillen Ozean, Haupt der russischen Kriegspartei und 
Statthalter der Mandschurei. 



Zivilisierung Asiens und in der Verteidigung des lieili- 
gen Kreuzes und der alten christlichen europäischen 
Kultur gegen die Einfälle der Mongolen und des Bud- 
dhismus begriffen hast, es müßte verstehen, daß Du, 
wenn Rußland mit dieser kolossalen Aufgabe be- 
schäftigt wäre, den natürlichen Wunsch hättest, Europa 
ruhig- zu sehen und Deinen Rücken frei zu haben, und 
daß es natürlich und zweifellos meine Aufgabe sein 
würde, dafür zu sorgen, daß niemand den Versuch 
macht. Dich dabei zu stören und Dich im Rücken von 
Europa her anzugreifen, solange Du damit beschäftigt 
bist, Deine große Aufgabe zu erfüllen, welche der 
Himmel für Dich geschaffen hat. Dies war so sicher 
wie das Amen in der Kirche! — Nun hat sich ein 
Zwischenfall ereignet, den ich Dir erzählen sollte, da 
ich ganz sicher bin, daß er sich ohne Kenntnis Alexeis 
ereignet hat, der aber unter unseren Offizieren bekannt 
wurde und einen sehr peinlichen Eindruck hinterlassen 
hat. An Bord des Qroßjaschtschy, jenes Schiffes, auf 
dem ich Admiral Skrydlow und seine Kapitäne einlud, 
den Kanal zu passieren, schifften sich zwei Ingenieur- 
offiziere heimlich ein, die unseren Behörden nicht ge- 
meldet waren. Der älteste von ihnen war Oberst 
Bubnow. Beide nahmen in Begleitung eines Leutnants, 
der für diesen Zweck sich eingeübt hatte und einen 
großen Apparat mit sich führte, Photographien unserer 
Forts und Batterien auf und machten sich Notizen und 
Skizzen während der ganzen Fahrt, und als schließlich 
Skrydlow sah, daß mein Marineattache ziemlich erstaunt 
war, ganz fremde Leute auf dem Schiff zu sehen, 
wurden sie ihm als zwei Direktoren der Wasserwerke 
und Wasserwege vorgestellt. In Kiel war Bubnows 
Betragen so verdächtig, daß Polizei und Gendarmen 
ihm folgten. Er ging in voller Uniform und bewegte 
6 



sich an den Befestigungs werken, was strengstens für 
Fremde verboten ist. 

Nun, ich denke, es ist nicht ganz passend, w^enn 
man als Gast zu einem solchen Fest in einem fremden 
Lande eingeladen ist, das einem ohne jede Zurück- 
haltung seine Pforten öffnet und einen in seinen Kriegs- 
hafen einläßt, die Gastfreundschaft derart zu miß- 
brauchen, um Deinen Freund auszuspionieren zu ver- 
suchen und das dazu noch unter einem angemaßten 
Range. Die Folge ist, daß dies die Leute mit russischen 
Kriegsschiffen sehr vorsichtig machen wird und un- 
freundhche Gefühle weckt, was ich so sehr bedaure 
und was hoffentlich wieder gut gemacht wird. Ent- 
schuldige bitte, daß ich diese Angelegenheit erwähne, 
aber ich dachte, es wäre besser, sie Dir direkt mit- 
zuteilen, anstatt darüber diplomatische Noten usw. zu 
schicken, da Du weißt, wie ich für Dich und Ruß- 
land fühle. Aber ich möchte jede Schwierigkeit, 
welche auftreten könnte, um die Bande unserer Völker 
zu lockern, überwinden, bevor sie Wurzeln schlägt. 
Lebe wohl, liebster Niki, meine herzlichsten Wünsche 
an Alix mit dem Wunsche für einen ruhigen Sommer 
und einen hübschen kleinen Knaben. 

Dein immer wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Jagdhaus Rominten, den 6. IX. 1895. 

Liebster Niki! 
Mein Onkel Reichskanzler ^ der mir über den freund- 
lichen und sympathischen Empfang, den er von Deiner 

* Fürst Chlodwig Hohenlohe, Reichskanzler nach Caprivis Aus- 
scheiden 26. 10. 94. Es wurde seit seinem Eintritt in die Re- 
gierung wieder mehr Wert auf die Beziehungen zu Rußland als 
zu England gelegt. 

7 



Seite hatte, berichtete, ist ganz von Deiner Art ein- 
genommen und hat einen tiefen Eindruck von Deiner 
Kenntnis über die politische Situation und von der 
ruhigen, besonnenen Weise, mit der Du die inter- 
essanten Fragen beurteilst, mitgenommen. Er erzähhe 
mir auch, daß Du den Wunsch ausgedrückt hättest, 
daß ich weiter die Gewohnheiten fortsetzen möchte, 
welche wir begonnen haben, nämhch Dir zu schreiben, 
wenn ich meinte, daß dafür Gelegenheit sei, und ich 
tue es also mit Vergnügen. Die Lage im fernen Osten 
hat Dir die günstige Gelegenheit zur Unterhaltung 
darüber mit meinem Onkel gegeben. Ich danke Dir 
für Deine freundhche Art, mit der Du auf mein Zu- 
sammenarbeiten mit Rußland und die Koalitionsfrage 
angespielt hast. Die Entwicklung der Dinge im fernen 
Osten, namentlich ihre Gefahr für Europa und unseren 
christlichen Glauben, ist ein Gegenstand, der ständig 
mein Inneres bewegt, seitdem wir ihn zum erstenmal 
in diesem Frühhng berührt haben. Schließlich haben 
meine Gedanken darüber eine bestimmte Form ange- 
nommen, und diese habe ich als Skizze zu Papier ge- 
bracht. Ich arbeitete sie mit einem Künstler \ einem 
ersten Zeichner, aus, und nachdem sie fertiggestellt 
war, ist sie für die Öffenthchkeit graviert worden. Sie 
zeigt die europäischen Mächte, die durch ihre ent- 
sprechenden Genien dargestellt und von dem Erzengel 
Michael, der vom Himmel gesandt ist, zusammen- 
gerufen werden, um sich zum Widerstand gegen den 
Einfall des Buddhismus, des Heidentums und des Bar- 
barismus zur Verteidigung des heiligen Kreuzes zu 
vereinen. Besonderer Nachdruck ist auf den ver- 



* Maler Knackfuß. Es handelt sich um das bekannte Bild: 
Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter I 

8 



einigten Widerstand aller europäischen Mächte ge- 
legt, der gerade so gerecht wie notwendig auch gegen 
unsere gemeinsamen inneren Feinde, Anarchismus, Re- 
publikanismus und Nihilismus ist. Ich erlaube mir, 
Dir eine Gravüre dieser Zeichnung zu schicken, mit 
der Bitte, sie als ein Zeichen meiner warmen und 
aufrichtigen Freundschaft für Dich und Rußland an- 
zunehmen. Mitten in diese friedlichen Beschäftigungen 
und ruhigen Jagdvergnügen fallen erstaunliche Nach- 
richten, die ich aus Paris erhalten habe, daß nämüch 
die Budgetkommission der französischen Kammer bei 
der Erörterung des Militärbudgets vorschlägt, das 
19. Armeekorps (Algerien und Tunis) zurückzurufen 
und ein neues Kontinentalkorps an meiner west- 
lichen Grenze aufzustellen. Diese Zurückberufung 
ist bisher nur einmal, und zwar im Jahre 1870 erfolgt, 
als Frankreich gegen uns Krieg führte. Solch ein Plan 
in der Zeit tiefsten Friedens hat wie ein Donnerschlag 
in Deutschland gewirkt und eine tiefe Alarmstimmung 
hervorgerufen. Diese Stimmung hat sich durch die 
Tatsache verstärkt, daß der Vorschlag öffentHch be- 
kannt geworden ist in dem Augenblick, als Fürst 
Lobanoff ^ und General Dragomiroff offiziell der 
Truppenschau der französischen Grenzarmee an der 
lothringischen Grenze unter dem frenetischen Beifall 
der „Grenzbevölkerung" beiwohnten. Diese Armee, 
von der die französischen Zeitungen uns seit Wochen 
erzählen, soll für den ersten Einbruch in unser Grenz- 
land im Revanchekrieg einmarschieren. Sie ist schon 
vier Armeekorps stark, gegen meine beiden Armee- 
korps (15 und 16). Das vorgeschlagene neue Korps 



^ Russischer Reichskanzler und nach Giers' Tode Minister 
des Äußeren (seit Juni 1895). 

9 



würde die bereits in der Überzahl befindlichen französi- 
schen Streitkräfte auf fünf Armeekorps verstärken und 
bedeutet eine Drohung so gut wie eine ernste Gefahr 
für mein Land. Hierauf muß ich jetzt ernsthaft mit 
Maßnahmen begegnen. Bei diesem Anlaß ereignete es 
sich gerade, daß Eure Offiziere dekoriert wurden und 
Fürst Lobanoff festlich gefeiert wurde, während die 
Ohren meines Attaches von nicht übermäßig ange- 
nehmen Bemerkungen länger wurden, welche die Leute 
hier unfreundlich fallen ließen, und die die Tatsachen in 
ein häßliches Licht setzten, als ob Rußland es gern 
sehe, daß Frankreich gegen Deutschland angriffslustig 
sei, in der Hoffnung, von ersterem Hilfe zu erhalten. 
Solch eine ernste Gefahr wird mich veranlassen, mein 
Heer dermaßen zu verstärken, um mit so furchtbaren 
Gegnern kämpfen zu können. So schwer auch die 
finanziellen Anstrengungen auf uns lasten würden, so 
würde mein Volk doch niemals einen Augenblick 
schwanken, um seiner Sicherheit Gewähr zu leisten, 
wenn es nötig wäre. I c h weiß ganz und gar, daß D u 
persönlich nicht im Traum daran denkst, uns anzu- 
greifen, aber Du kannst doch nicht darüber erstaunt 
sein, daß die europäischen Mächte in Alarm geraten, 
wenn sie sehen, wie die Gegenwart Deiner Offiziere 
und hohen Beamten in Frankreich offiziell (die 
leichtentzündlichen Franzosen zu einer bis zur Weißglut 
gehenden Leidenschaft anfacht, welche die Ursachen 
des Chauvinismus und der Revanche stärkt. 

Gott weiß, daß ich alles, was in meiner Macht stand, 
um den europäischen Frieden zu wahren, getan habe. 
Aber wenn Frankreich, offen und gehejm ermuntert, 
wie in diesem Falle, beginnt, alle Regeln der inter- 
nationalen Höflichkeit und den Frieden in Friedenszeit 
lü 



zu verletzen, so wirst Du Dich, mein liebster Niki, 
eines schönen Tages selbst nolens volens plötzlich in 
den schrecklichsten aller Kriege, die Europa jemals 
gesehen hat, verwickelt finden. Einen Krieg, der infolge 
*der durch ihn in Bewegung gesetzten Menschenmassen 
und durch die Geschichte vielleicht sich an Dich heftet, 
als ob Du die Ursache davon gewesen wärest. Bitte, 
sei nicht böse darüber, wenn ich vielleicht ganz ohne 
meine Absicht Dich verletze, aber ich denke, es ist 
meine Pflicht, unseren beiden Ländern und Dir, meinem 
Freund, gegenüber, es offen zu schreiben. Da Deine 
Abgeschlossenheit und Zurückgezogenheit Dir tiefe 
auferlegt hat, so siehst Du nicht die Men- 
schen und verfolgst nicht im einzelnen, was hinter 
den Kulissen vorgeht. 

Nun, ich besitze einige Erfahrung in politischen 
Dingen und sehe gewisse untrügliche Anzeichen, so 
daß ich mich beeile, im Namen des Friedens von 
Europa zu sprechen. Wenn Du zum Guten oder 
Schlimmen mit den Franzosen vereinigt bist, wohlan, 
so halte diese verfluchten Kerle im Zaum und laß sie 
still sitzen, wenn Du aber nicht mit ihnen verbündet 
bist, so dulde nicht, daß Deine Leute, die nach Frank- 
reich gehen, die Franzosen glauben machen, daß Du 
mit ihnen verbündet bist. Laß sie sie nicht rücksichtslos 
machen und ihnen ihre Köpfe verdrehen, bis sie sie 
verloren haben und wir dann in Europa kämpfen 
müssen, anstatt gegen den Osten zu kämpfen. Denke 
an die furchtbare Verantwortlichkeit für das fürchter- 
liche Blutvergießen. Nun lebe wohl, liebster Niki, mit 
herzlichsten Grüßen an die liebe Alix, und behalte 
mich lieb als 

Deinen ergebenen und redlichen Freund und Vetter 

Willy. L R. 

11 



Neues Palais. Potsdam, 25. X. 1895. 

f Liebster Niki! 

Die uns so herzlicti erfreuende und unerwartete An- 
kunft Onkel Michaels ^ der soeben mit uns speiste, 
gibt mir die angenehme Gelegenheit, Dir für Deinen 
lieben Brief, den mir Moltke überbrachte, meinen 
wärmsten Dank auszusprechen. Moltke ist noch ganz 
voll von all Deiner Freundlichkeit und ganz entzückt 
von Dir und Deinen Zielen. Deine Ansichten über die 
Presse sind im allgemeinen genau die gleichen wie die 
meinigen. Sie bildete und bildet noch immer einen 
Teil meines Kummers, wir müssen mit schwerem Groll 
ihre Lügen und ihren Unsinn hören. Dennoch muß 
der Einfluß, den sie, horribile dictu, besitzt, aus den 
Köpfen der Leute der verschiedenen Rassen aus- 
getrieben werden, die von ihr gefüttert werden und 
sie lesen. Deine Untertanen und die meinigen sind 
langsamer in ihren Gedankengängen, nüchterner und 
ruhiger in ihren Schlußfolgerungen, welche sie ziehen, 
als beispielsweise die südlichen Völker oder die Fran- 
zosen. Die Romanen oder die gallischen Rassen werden 
viel leichter aufgeregt und beeinflußt und sind eher 
dazu geneigt, zu Folgerungen zu eilen und, einmal an- 
gefacht, viel gefährlicher für die Störung des Friedens 
als die teutonische oder russische Rasse. In England 
wiederum ist die Presse mehr das Mundstück der 
öffentUchen Meinung als auf dem Kontinent und handelt 
mehr nach den Interessen ihres Landes. 

Lobanoffs Besuch hat mich sehr interessiert. Er ist 
unzweifelhaft ein sehr fähiger Diplomat, ein blendender 
Plauderer. Was er mir bezüglich Frankreichs erzählte, 



^ Großfürst Michael, Großonkel des Zaren (Bruder Alexanders II.). 
12 



war sehr beruhigend. Ich dachte, es sei richtig, ganz 
offen mit ihm über Frankreich zu sprechen, da er mir 
erzählte, daß Du mit ihm in Verbindung seiest. In 
dieser Beziehung gab ich mir Mühe, ihm zu zeigen, 
daß ich nicht wünsche, mißverstanden zu werden. Nicht 
die Tatsache, daß es sich hier um einen „Rapport^^ 
oder eine Freundschaft zwischen Rußland und Frank- 
reich handelt, macht einen unruhig — denn jeder Herr- 
scher ist alleiniger Herr der Interessen seines Landes 
und richtet seine Politik demgemäß ein — , sondern 
die Gefahr, die unserem monarchischen Prinzip dadurch 
erwächst, daß man die Republik durch die Form, 
in der sich diese Freundschaft zeigt, auf ein Piedestal 
erhebt. Die ständige Anwesenheit von Fürsten, Groß- 
herzögen, Staatsmännern, Generalen in Gala bei den 
Truppenrevuen, Begräbnissen, Diners, Wettrennen mit 
dem Haupt der Republik oder in seiner Umgebung läßt 
Republikaner wie diese glauben, daß sie äußerst ehren- 
werte Leute sind, mit welchen Fürsten zusammengehen 
und im Innern fühlen können. Was würde aber nun 
daheim in unsern Ländern die Folge sein? Die Repu- 
blikaner sind von Natur Revolutionäre und werden ganz 
folgerichtig als Leute, die erschossen oder gehenkt 
werden müssen, behandelt. Sie sagen unseren übrigen, 
loyal gesinnten Untertanen: Oh, wir sind nicht ge- 
fährliche böse Menschen, geht nach Frankreich, hier 
könnt ihr die Royalisten mit den Revolutionären zu- 
sammengehen sehen, warum sollte dasselbe auch nicht 
bei uns gehen? Die französische Republik stammt aus 
der Quelle der großen französischen Revolution und 
propagiert ihre Ideen und muß es tun. Vergiß nicht, 
daß Jaures — es ist nicht seine persönliche Schuld — 
auf dem Thron des Königs und der Königin von Frank- 

13 



reich von Gottes Gnaden sitzt, welche die französi- 
schen Revolutionäre geköpft haben. Das Blut Ihrer 
Majestäten klebt noch an dem Lande. Betrachte es, 
ist es seitdem jemals glücklich oder wieder ruhig 
geworden? Ist es nicht von Blut\Trgießen zu Blut- 
vergießen gewankt?-' Schritt es nicht in seinen großen 
Augenblicken von Krieg zu Krieg, bis es ganz Europa 
und Rußland in Ströme von Blut stürzte, bis es zu- 
letzt die Kommune wieder über sich hatte? Niki, nimm 
mein Wort, der Fluch Gottes hat jenes Volk für ewig 
getroffen. Wir christlichen Könige und Kaiser haben 
eine heilige Pflicht, die uns vom Himmel auferlegt ist, 
nämlich das „Von-Gottes-Gnaden^'-Prinzip aufrecht zu 
halten. Wir können gute Beziehungen zur französischen 
Republik haben, aber niemals mit ihr intim stehen. 
Ich fürchte immer, daß bei den häufigen und langen 
Besuchen in Frankreich Leute ohne Gesinnung repu- 
blikanische Ideen einsaugen. Hier muß ich Dir ein 
Beispiel erzählen: Ich erinnere mich daran, wie vor 
wenigen Jahren ein Herr — kein Deutscher — mir 
voll von Schrecken davon sprach, daß er in einem 
eleganten Salon in Paris einen russischen General 
einem Franzosen auf die Frage, ob Rußland die 
deutsche Armee zerschmettern würde, antworten hörte: 
„Nein, wir werden völlig breitgeschlagen werden, aber 
was macht das, dann werden wir auch die Republik 
haben." Das ist, was ich für Dich, mein lieber Niki, 
fürchte. Vergiß nicht Skobelew ^ und seinen Plan, die 
ganze kaiserliche Familie bei einem Mahle auf einmal 
beiseite zu bringen. Darum sorge, daß Deine Generale 
die französische Republik nicht allzusehr lieben. Ver- 



^ Hervorragender russischer Sozialdemokrat, späteres Duma- 
mitglied, kein Terrorist. 

14 



gib mir bitte, wenn ich so offen bin, aber ich wünsche, 
Du sähest, wie warm, ich für Dich fühle und wie besorgt 
ich um Dich bin, und Du erkenntest voll meine Be- 
weggründe. 

Der nächste interessante Punkt waren die Nach- 
richten, welche mir Lobanoff über die Türkei über- 
brachte, daß er nämlich Grund hätte, England zu 
verdächtigen, daß es auf die Dardanellen begierig sei! 
Deshalb sei die armenische Frage wieder aufgelebt. 
Ich gestehe, daß ich von diesem Teil seiner Nachrich- 
ten äußerst betroffen wiar. Zweifellos ist seit Salis- 
burysi Amtsantritt Englands auswärtige Politik äußerst 
dunkel und undurchsichtig geworden, und die son- 
derbare Art, in der die englische Flotte um die Dar- 
danellen kreuzt, zeigt, daß dies etwas bedeutet. Aber 
wenn sie dies tun, so verletzen sie den Berliner Ver- 
trag, und derartige Dinge zu tun, könnte ihnen nur mit 
Erlaubnis aller übrigen Signatarmächte zugestanden 
werden, welche diese aber niemals geben werden. 
Es scheint indessen, daß sie die eine oder andere Ab- 
sicht haben, ihre Politik im Mittelmeer zu ändern, 
denn zwei Tage später gebrauchte Mallet^, als er 
seinen Abschiedsbesuch bei unserm Auswärtigen Amt 
machte, sehr polternde Worte, daß Deutschland sich 
sehr schlecht gegenüber England in Afrika benommen 
habe; daß es so nicht so weitergehen könne, und daß, 
nachdem man die Franzosen durch Konzessionen in 
Ägypten losgeworden sei, man auf uns wieder achten 

* Salisbury, drittes Ministerium 1895. Seine Politik hinderte 
doch nicht, daß Gladstone erneut gegen den von ihm gehaßten 
Sultan die englische Nation aufrief. Salisbury kam der erreg- 
ten Meinung in England entgegen und schlug 1896 die Flotten- 
demonstration vor, durch die der Sultan gezwungen werden 
sollte, Armenien Autonomie zu gewähren. 

^ Britischer Botschafter in Berlin. 

15 



müsse. Er war sogar so undiplomatisch, das Wort 
„Krieg*^ auszusprechen. Er sagte, daß selbst England 
nicht davor zurückschrecken würde, mit mir Krieg an- 
zufangen, wenn wir nicht in Afrika eins auf den Kopf 
gekriegt hätten. Ich antwortete dem Sinne nach, daß 
die Engländer sich in diesem Falle selbst lächerlich 
machten, wenn nicht jedem verhaßt. Wenn sie aber 
Streitigkeiten mit irgendeinem sonst anfangen wollen, 
so würde ich mir das merken und einen pommerschen 
Grenadier schicken, um ihnen zu helfen. Ich denke, das 
w^ird sie abkühlen. Es ist dasselbe, was ich zu Lobanoff 
sagte. Ich sagte ihm ferner, daß, wenn Rußland im fer- 
nen Osten ernstlich engagiert werden sollte, ich es für 
meine Pflicht ansehen w^ürde, Dir den Rücken vor jed- 
wedem in Europa freizuhalten und dafür zu sorgen, daß 
alles ruhig ist und daß sich nichts von anderer Seite 
ereignen würde, auch nicht von Frankreich, vorausge- 
setzt, daß ich nicht angegriffen würde. Er dankte mir 
dafür mit warmen Worten. Ich teile seine Furcht, daß 
Japan irgendein Einverständnis mit England hat; das 
sei der Grund, warum es so steifnackig sei. 

Bevor ich meinen Brief schließe, laß mich Dir mein 
tiefgefühltes Beileid zum kommenden 1. November^ aus- 
sprechen. Gott allein kann den Schmerz und den Kum- 
mer ermessen, der Dein Herz erfaßt im Gedenken an 
einen so lieben Vater, einen* so ausgezeichneten und 
guten Mann, ganz wie es mein armer Vater gewesen 
ist. Darf ich Dir etwas sagen, was ich auf dem Herzen 
habe? Wenn ich an unsere nahen verwandtschaftli- 
chen Beziehungen denke, möchtest Du dann nicht, da 
der ständige Austausch von Briefen und Botschaften 
immer unnötig unseren Gesandtschaftsapparat in Be- 

* 1. November 1894 Todestag Alexanders"!!!. 
16 



wegung setzt, die alte Gewohnheit unserer Vorväter 
erneuern, die sie seit fast einem Jahrhundert hatten, 
und wieder einen persönlichen Adjutanten haben, der 
unsern beiderseitigen Kabinetten zugestellt ist? Die 
mehr privaten und ,,intimen^^ Angelegenheiten könn- 
ten wie in alten Zeiten direkt durch diese Adjutanten 
gehen, was die Dinge viel einfacher macht. Ich werde 
mit Vergnügen jemand, dem Du vertraust, in mein 
Militärkabinett berufen. Wäre Dir Moltke recht? Jetzt 
aber möchte ich Dich nicht länger aufhalten, lebe 
wohl, mein liebster Niki, herzliche Grüße an Alix; 
die „Zukunft". Ich verbleibe 

Dein ergebener und wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Neues Palais, 2. I. 1896. 

Liebster Niki! 
Radolins Rückkehr nach Petersburg gibt mir Gele- 
genheit, Dir diese wenigen Zeilen zu senden. Laß mich 
Dir für die mannigfachen Zeichen Deiner Freundlich- 
keit und Freundschaft aufrichtig danken, die Du mir 
und meinem Lande bewiesen hast, die uns einen Grund 
von Ruhe und Sicherheit verliehen haben, und die ich 
auch im folgenden Jahre weiter bestehen wissen 
möchte. Mit meinen herzlichsten Glückwünschen zum 
neuen Jahr und einem glücklichen Weihnachtsfest ver- 
einige ich mein Gebet, daß der Herr Dich, die liebe 
Alix, Euer süßes Kind und Eure ganze FamiUe seg- 
nen und vor jedem Übel, Sorgen und Krankheit be- 
schützen und behüten möge. Möchte Deine Regierung 
glücklich sein und mögest Du die Verwirklichung 
mancher Pläne, an denen Du für die Wohlfahrt Deiner 
Untertanen arbeitest, erleben. Mögen unsere Länder 

2 17 



wie bisher fähig sein, sich in der Stärkung und Auf- 
rechterhaltung des Friedens, in der Verteidigung ihres 
Glaubens und ihrer Interessen gegen jeden äußeren 
und inneren Feind zusammenzufinden! 

Der politische Horizont hat sich eigenartig verdü- 
stert. Armenien^ und Venezuela^ sind offene Fragen, 
die England aufgeworfen hat, und plötzlich ist die Re- 
publik Transvaal^ in einer ganz schmachvollen Weise 
angegriffen worden, wie es scheint, nicht ohne Eng- 
lands Mitwissen. Ich habe eine sehr strenge Sprache 
in London geführt und habe Verbindungen mit Paris 
eingeleitet, um unsere bedrohten Interessen gemein- 
sam zu verteidigen, da sich französische und deutsche 
Kolonisten unverzüglich in gemeinsamer Verbindung 
die Hände gereicht haben, um den erbitterten Buren 
zu helfen. Ich hoffe, Chi wirst auch freundlich die 
Angelegenheit in Erwägung ziehen, da sie eine prin- 
zipielle ist, um die Verträge, die einmal geschlossen 
sind, aufrecht zu erhalten. Ich hoffe, daß alles in 
Ordnung kommen wird, aber komme, was kommen mag, 
ich werde niemals zugeben, daß die Briten Transvaal 
stäupen. Hoffentlich hast Du bessere Nachrichten von 
Deinem Bruder, der, wie ich sehe, an der Riviera an- 
gekommen ist. Meine herzlichsten Grüße der lieben 
Alix und nochmals vielen Dank für all Deine Freund- 
lichkeit Straus und seinen Leuten gegenüber. Ich 
bleibe wie immer, lieber Niki, 

Dein stets wohlgesinnter Vetter und Freund 
Willy. 

Schon 1894 ''waren in Armen'en Unruhen ausgebrochen, worau 
die Türkei die räuberischen Kurden gegen die Armenier hetzte. 

^ Es handelt sich hier um den ürenzstreit zwischen Vene- 
zuela und Bri'isch-Guyana. 

• Einfall Jamesons in Transvaal. Eintreten Wilhelms II. für 
die Buren (Krüger-Telegramm). 

18 



Berlin, 7. XI. 1895. 

Liebster Niki! 

Egloffstein wird Dir hoffentlich den ganzen Haufen 
Porzellan ohne Bruch überbringen. Er ist angewiesen, 
die Tafel so zu arrangieren, als wenn Du ein Diner für 
50 Personen geben wolltest. Du magst ein Auge auf 
die Angelegenheit werfen. Ich hoffe, daß meine Manu- 
faktur alles getan hat, um Deine Wünsche zu erfüllen, 
und daß das Geschenk Euch beiden zustatten kommt. 

Seit den schHmmen Wochen, die Ihr durchlebt habt, 
hat sich viel in Europa ereignet. Ihr habt einen ausge- 
zeichneten alten Diener Eurer Vorfahren, den alten 
Giers^, verloren, der ein wirkHch guter Mann war, den 
ich sehr schätzte. Frankreich hat in überraschender 
Weise sein Oberhaupt und Regierung gewechselt und 
durch die Amnestie die Tür allen schlechten Elementen 
geöffnet, welche die frühere Regierung unter Schwierig- 
keiten ins Gefängnis gesetzt hatte. Der Impuls, der 
dadurch den Demokraten und der revolutionären Par- 
tei gegeben worden ist, hat sich auch hier fühlbar ge- 
macht. Mein Reichstag beträgt sich so schlimm wie 
nur möglich. Er schwankt hin und her zwischen So- 
zialisten, die von den Juden aufgehetzt werden, und 
den ultramontanen KathoHken, beides Parteien, die mög- 
lichst bald verdienten, gehängt zu werden, soweit wie 
ich es beurteilen kann. 

In England wankt das Ministerium, bis es nach all- 
gemeinem Entschluß fallen wird. Kurz, überall wird 
das monarchische Prinzip aufgerufen, sich stark zu 
erweisen. Darum bin ich so froh über die vortreff- 
liche Rede, die Du gestern an die Deputationen als 

^ Russischer Minister des Äußeren. 
2* 19 



Antwort auf einige Reformadressen gehalten hast. Sie 
traf den Nagel auf den Kopf und machte auch ander- 
wärts tiefen Eindruck. Zur Eröffnung unseres Kanals 
Ende Juni habe ich alle europäischen Regierungen 
eingeladen, Kriegsschiffe nach Kiel zu entsenden; ich 
hoffe, daß auch Deine Flotte dort durch ein oder zwei 
Schiffe vertreten sein wird. Mit ehrfurchtvollem Gruß 
an Deine Mama und viele Grüße an Alix verbleibe ich 
Dein wohlgesinnter Freund 

Willy. 

Berlin, 20. Februar 1896. 
Liebster Niki! 

General Werder hat das große Vergnügen und die 
Ehre, Dein Gast zu sein, und so vertraue ich ihm 
diesen Brief an. Laß mich Dir noch einmal von gan- 
zem Herzen für das Gemälde und für den Brief 
zu meinem Geburtstag danken. Deine Aufmerksamkeit 
war ebenso überaus freundlich wie gnädig, und gerade 
zu der Zeit, als die Eröffnung des Kanals ein Ereig- 
nis war, das mir tatsächlich sehr am Herzen lag und 
das wirklich einen Erfolg darstellte. Ich habe das Bild 
nach Kiel geschickt, wo es in meinen privaten Ge- 
mächern aufgehängt werden soll, in denselben Zim- 
mern, in welchen Dein armer teurer Vater zuletzt 
wohnte, als er mit mir in Kiel zusammen war. Werder 
wird EHr auch zwei Photographien überbringen. Eine 
für Dich, ein kleines Andenken von mir, und eine 
für Alix, um ihr ein Bild davon zu geben, wie mein 
Töchterchen aussieht. Sie ist ein Stück lebendigen 
Quecksilbers und tyrannisiert ihren Papa furchtbar. 

Deine Gesandtschaft hatte wegen unserer Vertre- 
tung bei Deiner Krönung in Moskau angefragt und 
20 



ich habe ihr Heinrich als meinen Vertreter genannt. 
Ich würde Dir sehr dankbar sein, wenn Du freundlich 
darauf sehen würdest, daß seine Rangfrage völlig klar- 
gestellt ist, da ich hörte, daß Dein Zeremonienmeister 
Radolin einen Wink gab, daß Heinrich erst allen erb- 
lichen deutschen Großherzogen und Fürsten, selbst 
dem Sohne des Fürsten von Montenegro im Range 
folgen könne. Darüber kann es natürlich nun gar keine 
Frage geben. Mein Haus als ein regierendes in 
Deutschland ist das Erste und die zu ihm gehören- 
den Prinzen haben daher vor den Söhnen der regieren- 
den Fürsten in Deutschland den Vorzug. Ich befragte 
Wladimir^ bei seiner Anwesenheit über diese Dinge 
und er war ganz derselben Meinung und sagte mir, 
er würde diese Angelegenheit Dir gegenüber zur 
Sprache bringen. Außerdem ist Heinrich Dein Schwa- 
ger, und als solcher zählt er doch zu Eurer Familie, 
gerade wie Dein Vater es mit dem Herzog von Edin- 
burgh bei seiner Krönung handhabte. 

Ich sah Tante Sanny in Oldenburg und auf ihrer 
Reise hier. Sie ist durch den langsamen und schlei- 
chenden Tod ihrer armen Schwester schwer betroffen 
und leidet sehr an Schlaflosigkeit, armes Geschöpf! 

Das dem Parlament in London vorgelegte Blau- 
buch hat noch mehr gezeigt, wie richtig Deine Politik 
in der orientalischen Frage ist und wie England be- 
strebt ist. Dich und uns alle in Unruhe zu stürzen. 
In Transvaal ist durch den Willen der Vorsehung ihr 
Raubzug mißlungen und, obwohl einige Leben dabei 
verloren gingen, ist doch Revolution, Blutvergießen 
und allgemeine Plünderung verhindert worden. Sie 

* Großfürst Wladimir Alexandrowitsch, Bruder Alexanders III,, 
Onkel Nikolaus' II. 

21 



(die Engländer) haben sich sehr unpassend mir gegen- 
über benommen, aber das läßt mich unberührt, da die 
Mobilisierung ihres berühmten Flottengeschwaders ge- 
gen uns, die kaum der Rede wert war, sie unsterblich 
lächerlich gemacht hat. Nun lebe wohl, liebster Niki, 
grüße Alix, ich bleibe 

Dein stets ergebener Vetter und Freund 

Willy. 

Coburg, 19. IV. 1896. 
Liebster Niki ! 
Die fröhliche Hochzeitsfeier, die hier stattfindet, und 
die Gegenwart so mancher Gäste ruft die Erinnerung 
an die Zeit von vor zwei Jahren in mir wach, als ich 
zu meinem großen Glück Dir zu dem reizenden und 
vollkommenen Engel, der jetzt Dein Weib ist, ver- 
helfen konnte. Die Erinnerungen an April 1894 wurde 
auch von den anderen empfunden und aus diesem 
Grunde waren wir alle eins. Dir das Telegramm zu 
senden, das Du erhalten haben wirst. Ich kann darauf 
vertrauen, daß ich nichts anderes sagte oder damals 
versprach, als das, was Du nicht hernach in Deinem 
Eheleben gefunden hast. Möge Gottes Segen auf Euch 
beiden ruhen, namentlich im kommenden Monat, wenn 
ihr unter der bewundernden Anwesenheit der ganzen 
Welt zur Krönung fahrt. Ich danke Dir herzlich für 
Deinen lieben Brief, den Du mir durch Werder ge- 
sandt hast und der an dem Tage mich erreichte, als 
ich nach dem Mittelmeer abfuhr. Werder war so 
glückHch über seinen Besuch in Petersburg, und daß 
er dort so manch wohlbekanntes Gesicht gesehen hat. 
Ich bin völlig einverstanden mit dem, was Du an dem 
Schluß Deines Briefes über die Engländer sagtest. 

22 



Ihre Fanfaren gegen uns machen sie äußerst lächer- 
Hch und machen auf mich keinen Eindruck, je mehr 
sie in Afrika in Verwicklungen geraten, um so besser 
für uns in Asien. Nun lebe wohl, lieber Niki, herz- 
liche Grüße an Alix und Gott mit Euch 

Euer wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Letzlingen, 12. XI. 18%. 

Liebster Niki! 

Wladimir ist so freundüch, diese Zeilen mitzuneh- 
men, um sie Euch zu übergeben und wird auch meine 
wärmsten Grüße überbringen. Ich bin froh, daß Ihr 
wieder wohlbehalten daheim seid und daß Euch die 
herrliche Reise, die Ihr durch Europa machtet, nicht 
allzusehr angestrengt hat. Ich bin sehr betrübt über 
das schauderhafte Betragen der Bismarckfronde^, die, 
obwohl es nur ein Coup ist, der sich lediglich gegen 
mich persönlich richtet, nichts destoweniger auch einen 
Loyalitätsbruch gegenüber Deiner Regierung darstellt 
und einen Schandfleck auf das Andenken meines ge- 
liebten Großvaters wie auf das E>eines gehebten Va- 
ters wirft. Ich habe bereits meinen Onkel Kanzler in- 
struiert, wie er im Parlament reden soll und hoffe. 
Du wirst mit der Art, in der die ganze hochverräteri- 
sche Angelegenheit behandelt wird, zufrieden sein. Ich 
nehme an, daß durch diesen letzten Streich des Fürsten 
und bei der schamlosen Art und Weise, mit der er 
mich in seiner Presse behandelt — er versucht na- 



* Die Hamburger Nachrichten hatten mitgeteilt, daß der 
deutsch-russische Rückversicherungsvertrag durch Deutschland 
gekündigt worden war. 

23 



mentlich, die Leute glauben zu machen, daß ich unter 
engHschem Einfluß stand und immer noch stehe — 
die klareren Köpfe zu verstehen beginnen werden, 
daß ich Grund hatte, diesen unbotmäßigen Mann mit 
seinem gemeinen Charakter aus dem Amt zu ent- 
fernen. Ich habe den einfältigen Glauben und hoffe, 
daß Du mir freundlichst vertrauen wirst, wie Du es 
bis jetzt tatest, und daß sich zwischen uns beiden 
nichts geändert hat oder ändern kann, seitdem wir die 
Richtlinien unseres Handelns in Breslau festgelegt ha- 
ben. Wladimir ist aus Paris mit den besten Eindrücken 
gekommen, daß dort alles ruhig ist, was ich auf Grund 
der Berichte meines Gesandten bekräftigen kann, der 
auf bestem Fuß mit der dortigen Regierung lebt und 
voll Bewunderung für die Fähigkeit und Kaltblütig- 
keit Hanotaux' ^ ist. Letzterer ist eher wegen der 
Türkei nervös, aber da ich keine beunruhigenden Nach- 
richten von dort erhalten habe, so denke ich, daß 
dafür kein wirklicher Grund vorliegt. Er ist, wie ich 
höre, ein starker Gegner irgendeiner Konferenz be- 
treffs der Türkei, und das mit vollem Recht. 

An unserer Grenze in Littauen haben wir mehrere 
Fälle von Aussatz entdeckt und lokalisiert. Einige Leute 
haben die Infektion von den nächsten Plätzen der 
Ostseeprovinzen eingeschleppt. Ich habe daher den 
Bau eines Hospitals in Memel befohlen, um die ar- 
men Kinder dort unterzubringen. Die Krankheit ist 
eine furchtbare und sehr ansteckende und ich schlage 
Dir vor, ob unsere Grenzprovinzbehörden sich nicht 
vereinigen sollten, um die auftretenden Fälle zu über- 



^ Gabriel Hanotaux von Mai 1894-1898 mit Unterbrechungen 
Minister des Äußern in Frankreich. 
24 



wachen und zu beobachten, indem sich einige Ärzte 
zur ärzthchen Überwachung dort vereinigten. 

Wir haben prächtigen Sport und gutes Wetter und 
waren sehr erfreut, Wladimir hier an seinem alten 
Platz zu sehen. Mit besten Wünschen an Alix 
Dein wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Berlin, 3. III. 1897. 

Mein lieber Niki! 

Mit Deiner freundlichen Erlaubnis wird Oberst von 
Moltke in wenigen Tagen die große Ehre haben, 
seinem kaiserUchen Chef seine Aufwartung zu ma- 
chen. Dies gibt mir die gute Gelegenheit, Dir einige 
Zeilen warmen Freundschaftsbeweises in dieser Prü- 
fungszeit zu senden. Ich bin Dir sehr dankbar für die 
loyale, klare und staatsmännische Art, in der du diese 
unglückselige Kreta^-Affäre angefaßt hast und bin mit 
Recht darauf stolz, daß unsere Ansichten in dieser 
Sache genau die gleichen sind. Vom Familienstand- 
punkt^ aus mußt Du Augenblicke erlebt haben, die 
Deine Gefühle aufs äußerste erregten, und der Ent- 
schluß, so zu handeln, wie Du handeltest, muß Dir 
erst nach manchen inneren Kämpfen gekommen sein. 

Aber Du warst völlig im Recht, und Du siehst durch 
das Ergebnis, daß Deine „Demarche" alle Mächte, 

^ Die griechische Regierung ließ am 15. Februar Truppen auf 
Kreta landen und es im Namen König Georgs besetzen. (Georg 
I. 1868-1913). Die Großmächte, voran Rußland, das der Türkei 
günstig gesinnt war, da es keine Autonomie Armeniens (im 
Gegensatz zu England) wollte, verlangten Zurückberufung der 
griechischen Truppen, versprachen aber den Kretern Autonomie 
im Rahmen des türkischen Reichs. 

' Der König von Griechenland war der Onkel des Zaren. 

25 



ob sie wollten oder nicht, zu einer gemeinsamen De- 
monstration geeinigt hat, die, wie ich hoffen will, den 
Frieden Europas ungestört erhalten wird. Du hast 
der Welt wieder einmal gezeigt, daß, wenn die drei 
Großmächte gemeinsam marschieren und sich ihnen 
die anderen großen Kontinentalmächte anschließen, 
d. h. wenn der ganze Kontinent in ungebrochener 
Front zusammenhält, der Rest der Welt uns folgen 
muß und sei er noch so stark. Der König von 
Griechenland müßte ein rechter Wahnsinniger sein, 
wenn er mit seinem tollen Beginnen, die Welt in 
Flammen zu setzen, um sich daran seine Pfeife an- 
zuzünden, nicht haltmachen kann. Ich bin froh, daß 
sich die Türken^ so nüchtern benommen und starke 
Streitkräfte nach Mazedonien gesandt haben. Dort liegt 
die größte Gefahr und die muß mit allen Mitteln be- 
seitigt werden. 

Ich sende Dir durch Moltke einige wichtige Photo- 
graphien, die von der Parade abgenommen sind, nach- 
dem Deine Bänder an den Fahnen des Alexander- 
regiments befestigt worden waren. Er wird Dir auch 
das Werk, das über meinen teuren Großvater ge- 
schrieben und das zur Hundertjahrfeier seines Ge- 
burtstages veröffentlicht wurde, überbringen. Seine 
schönen Briefe und Reden sind die beste Charakteristik 
von ihm, die ich kenne. — Unser Ball ging sehr 
schön aus, und der Effekt war einfach magisch, gleich- 
sam wie ein Traum aus vergangenen alten Zeiten. 

Die Bänder, welche ich meinen Grenadieren stiften 
will, sind fertiggestellt, und ich wäre sehr dankbar 
für einen Wink von Dir, ob ich sie ihnen selbst über- 



* Die Türken erklärten später im April 1897 an Griechenland 
Krieg, da dieses Kreta nicht räumte. 

26 



geben kann oder ob Du es für besser hältst, unsere 
Offiziere damit zu senden. Nun herzlichen Gruß an 
AHx, ich will hoffen, daß alles bald in Ordnung kommt, 
ich verbleibe wie immer 

Dein wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Neues Palais, 4. I. 1898. 
Liebster Niki! 

Das neue Jahr hat gerade begonnen, das alte ge- 
endet, aber ich kann seinen Abschluß nicht vergessen, 
ohne einen BHck auf die lieblichen und herrlichen 
Tage des August zu werfen, als ich Dich und Alix 
umarmen konnte, und ohne Dir für Deine freundliche, 
glänzende, ja verschwenderische Gastfreundschaft Vik- 
toria und mir gegenüber zu danken. Mit tiefem Dank- 
gefühl erinnere ich mich der angenehmen Stunden, 
die ich mit Euch verbringen konnte, wobei unser Ge- 
spräch zeigte, daß wir in den Grundlagen, die wir in 
der Erfüllung der Aufgabe befolgen, die uns vom Herrn 
aller Heerscharen gesetzt ist, einer Meinung sind. 
Jeder von uns sucht für die Entwicklung und Wohl- 
fahrt seines Landes, wie es seine Pflicht ist, sein 
Bestes zu tun, aber gemeinsam suchen wir unseren 
Ländern die Segnungen des Friedens zu sichern! 

Möge dies neue Jahr ein glückHches für Dich, Deine 
liebe AHx, Dein ganzes Haus und Land sein. Mögen 
die Pläne, die Du für die Wohlfahrt Deines Volkes 
zur Reife bringst, sich verwirklichen. Heinrichs Auf- 
gabe ist. Dir bei Deinen erhabenen Idealen — ohne 
welche kein Fürst existieren kann — zur Förderung 
der Zivihsation, d. h. zur Christianisierung des fernen 

27 



Ostens mitzuhelfen und sie zu unterstützen. Willst Du 
freundlichst eine Zeichnung annehmen, die ich für 
Dich skizziert habe, welche die symbolischen Figuren 
Rußlands und Deutschlands als Schildwachen am Gel- 
ben Meer darstellt, um das Evangelium der Wahrheit 
und des Lichtes im fernen Osten zu proklamieren. 
Ich zeichnete diese Skizze in der Weihnachtswoche 
unter dem Glanz der Lichter des Christbaumes! 

Dazu noch ein Album mit Photographien der 
Truppenschau an Deinem Geburtstage in Wiesbaden 
vor der neuen Standarte Deines Husarenregiments und 
von der Eidesleistung der Rekruten Deines schönen 
Alexanderregiments, sowie ein Abbild seiner schönen 
Kaserne! 

Das Memoirenwerk des Vaters meines Oberstall- 
meisters Graf Wedel wird in Bälde folgen, da der 
Einband noch nicht ganz fertiggestellt ist. Er diente 
unter Napoleon L im Jahre 1812 in Rußland, wurde 
von Deinen Truppen gefangen genommen und gibt 
eine sehr interessante Beschreibung des Feldzuges und 
seiner Gefangenschaft. — Viktoria sendet ihre besten 
Wünsche; sie war lange Zeit krank und hatte starke 
Nervenschmerzen und eine Halsentzündung und stand 
erst heute zum erstenmal wieder auf. Sie ist sehr ge- 
quält von den beiden Jüngsten, von denen der eine 
einen schweren Anfall von Influenza erlitten hat, die 
hier noch umgeht, und an der er einen Monat lag. 
Nun lebe wohl, liebster Niki, herzliche Grüße an Alix, 
und meine ehrfürchtigen Grüße an Deine liebe Mutter 
von 

Deinem ergebenen und aufrichtigen Freund und Vetter 

Willy. 

28 



Berlin, 28. III. 1898. 
Liebster Niki! 
General von Werder überbrachte mir Deine und 
Alix' freundliche Grüße aus Petersburg und strahlte 
vor Entzücken in der Erinnerung an seinen dortigen 
Aufenthalt, den Du ihm so freundlich und angenehm 
wie immer gestaltet hast. Ich danke Dir aufrichtig^ 
für alles, was er mir von Dir übermittelte und brauche 
nicht hinzuzufügen, daß ich Deine Wünsche herzlichst 
erwidere. Der liebe alte General ist nicht nur eine 
Reliquie der Vergangenheit, sondern wirkHch und aus 
tiefster Überzeugung Dir und Deinem Hause ver- 
bunden, und darum ist er in meinen Augen ein lebRi- 
diges Stück der alten Tradition, die immer unsere 
Familie zum Wohle unserer Länder und dadurch der 
ganzen Welt vereint hat. 

Ich muß Dich für den glücklichen Ausgang Deiner 
Aktion in Port Arthur ^ herzlich beglückwünschen. Wir 
beide werden ein paar gute Wächter am Eingang des 
Golfes von PetschiH^ abgeben und müssen vor allem 
von den „Gelben" respektiert werden. Ich meine, der 
Weg, den Du mit dem meisterhaften Arrangement in 
Korea 3 eingeschlagen hast, um die Gefühle der ärger- 

' Auf Rußlands Forderungen gab China damals dem Zaren- 
reich die Halbinsel Liaotung mit Port Arthur, das Schlüssel zum 
Gelben Meer war (Mitte März 1898). Port Arthur wurde auf 
25 Jahre an Rußland „verpachtet". 

2 Kurz vorher hatte Deutschland Kiautschou „gepachtet" 
(4. Januar 1898). 

' Verständigung zwischen Japan und Rußland über Korea, das 
unabhängig bleiben sollte, über jede Frage sollten sich Rußland 
und Japan näher gemeinsam verständigen. Schon vorher hatte 
Rußland einen Geheimvertrag mit China, das seinen Schutz erbat, 
geschlossen, wofür es von den Chinesen die Eisenbahnkon- 
zessionen in der Mandschurei bis nach Port Arthur erhielt. 

29 



liehen Japaner zu besänftigen, war ein besonders feines 
Diplomatenstück und stellt ein großes Zeichen Deiner 
Voraussicht dar. Er ist geeignet, zu zeigen, was für 
ein Glück es war, daß Du durch Deine große Reise 
in der Lage warst, die Fragen des fernen Ostens an 
Ort und Stelle zu studieren und jetzt moralisch als Herr 
von Peking zu sprechen. 

Radolin berichtete mir über Deine sehr interessante 
Unterhaltung über China und Deine Wünsche, be- 
treffend die Militärinstrukteure in den Gouvernements, 
die unter russischem Einfluß standen. Ich habe jetzt 
einen Befehl an die deutschen Offiziere vorbereitet, 
• den ich aber noch nicht veröffentlichen kann, weil es 
ohne eine Angabe auf der Karte nicht möglich war, 
eine sichere Landgrenze zu fixieren. Ein paar Bleistift- 
striche auf einem Blatt Papier von Deiner Hand wür- 
den mich beruhigen, weil es sehr unangenehm sein 
würde, wenn durch irgendein Mißverständnis meine 
Offiziere ohne ihre eigene Schuld auf russisches Gebiet 
gehen würden, da sie eine wirklich genau festgelegte 
Grenze nicht kennen. Der Gedanke, der jenseits des 
Kanals in der Presse jetzt wieder erörtert wird, daß 
die chinesischen Angelegenheiten durch eine inter- 
nationale Konferenz entschieden werden müßten, ist 
hier schroff von mir abgelehnt worden, und zwar aus 
dem Grund, weil ich bald herausfand, daß es ein mas- 
kierter Versuch war, um Dir die Hände im fernen 
Osten zu binden. Die Beziehungen dorthin aber, denke 
ich, sind ganz Deine Angelegenheit und nicht die 
anderer Völker. Die Nachrichten von Heinrich lauten 
gut, er setzte in Hongkong sein Schiff wieder in Gang, 
hat gute Freundschaft mit Ssissoy Weliky und Navarin 
in C o 1 o m b o geschlossen, und man manöverierte dort 

30 



einige Tage in voller Harmonie zum großen Erstaune» 
anderer Leute. Hm! Das amüsiert mich ebensosehr, 
wie es mir gleichzeitig als russischer Admiral Ver- 
gnügen macht. Oberst von Moltke, mein Adjutant 
und Kommandeur Deiner „Alexandriner", überbringt 
diesen Brief und gleichzeitig ein Etui mit zwei klein- 
kalibrigen Jagdpistolen von ausgezeichneter Durch- 
schlagskraft und großer Schußweite. Ich hoffe. Du 
wirst sie gut gebrauchen können und damit manchen 
guten „Kapitalhirsch" zur Strecke bringen. Nun lebe 
w^ohl, mein liebster Niki, herzlichen Gruß an Alix und 
Waidmanns Heil 

Dein immer wohlgesinnter und ergebener Freund 

und Vetter 

Willy. 

Berlin, 30. V. 1898. 

Privat und streng vertraulich. 

Liebster Niki! 

In ganz unerwarteter Plötzlichkeit bin ich vor eine 
schwere Entscheidung gestellt, die für mein Land von 
größter Lebenswichtigkeit ist und die so weit reicht, 
daß ich nicht die letzten Konsequenzen voraussehen 
kann. Die Traditionen, in welche ich durch meinen 
geliebten Großvater gesegneten Angedenkens in bezug 
auf unsere beiden Häuser und Länder erzogen worden 
bin, sind immer, wie Du weißt, von mir als sein heiliges 
Vermächtnis angesehen worden, und meine loyale Ge- 
sinnung Dir und Deiner Familie gegenüber ist, wie 
ich mir schmeichle, über jeden Argwohn erhaben. Ich 
möchte Dir deshalb als meinem Freund und Vertrauten 

31 



die Angelegenheit vorlegen, wie jemand, der eine frei- 
mütige und loyale Antwort auf eine freimütige und 
loyale Frage erwartet. 

Anfang April haben die Angriffe auf mein Land und 
mich, die bis dahin in Fülle durch das britische Presse- 
volk auf uns ausgegossen waren, plötzlich aufgehört, 
und es trat, wie Du erfahren haben wirst, eine plötzliche 
Ruhepause ein. Dies setzte uns hier in ziemliches Er- 
staunen, und wir hatten dafür keine Erklärung. Auf 
Grund einer privaten Nachfrage fand ich heraus, daß 
Ihre Majestät die Königin von England selbst durch 
eine ihr befreundete Persönlichkeit ein Wort an die 
britischen Zeitungen gegeben hatte, daß sie wünsche, 
daß dieses unedle und falsche Spiel aufhören möge. 
Das in dem ,,Land der freien Presse'M Solch ein un- 
gewöhnlicher Schritt führte uns natürlich zu dem Schluß, 
daß etwas in der Luft lag. Um Ostern herum wurde 
nun ein berühmtes politisches „Propriomotu^^ plötz- 
lich meinem Botschafter übergeben und „ä brule pour 
point" ein Bündnisvertrag mit England angeboten. 
Graf Hatzfeld, äußerst erstaunt, sagte, er könne sich 
nicht ganz einen Vers daraus machen, wie so etwas 
eintreten könnte, nach allem andern, was sich zwischen 
uns (und England) seit 1895 ereignet hatte. Die Ant- 
wort lautete, daß das Angebot in tatsächlich ernster 
Absicht gemacht und aufrichtig gemeint sei. Mein 
Gesandter sagte, er würde Bericht erstatten, aber er 
zweifelte sehr, ob das Parlament jemals ein solches 
Bündnis ratifizieren würde, da England bis jetzt 
immer jedem klar gemacht hatte, der es hören 
wollte, daß es niemals irgendwie ein Bündnis mit 
einer kontinentalen Macht abschließen würde, wer es 
auch sei, und zwar deshalb nicht, weil es völlige Be- 

32 



Wegungsfreiheit zu haben wünsche. Im Jahre 1897, 
dem Jubiläumsjahre, wurde gerade der Grundsatz, der 
besagte, daß England keine Verbündeten braucht, daß 
es gegebenenfalls gegen die ganze Welt allein kämpfen 
würde, in Verse gebracht mit dem Refrain: „Wir 
haben die Schiffe, haben die Menschen, haben dazu 
Geld!** Die Antwort darauf war, daß die Aussichten 
sich völlig geändert hätten (?) und daß dieses An- 
erbieter die Folge davon sei. Nach Ostern wurde das 
Ersuchen dringend erneuert, aber auf meinen Befehl 
kühl und dilatorisch, in farbloser Weise beantwortet. 
Ich dachte, daß die Angelegenheit damit zu Ende sei. 
Nun wurde indessen wiederum das Ersuchen zum 
dritten Male in so einer nicht mißzuverstehenden Weise 
erneuert und dabei ein ganz kurzer Termin für 
meine endgültige Antwort gestellt und von so enormen 
Anerbiete: begleitet, die eine weite und große Zu- 
kunft für mein Land eröffneten, daß ich es für meine 
Pflicht Deutschland gegenüber halte, die Angelegenheit 
ernstlich zu erwägen, bevor ich antworte. Bevor ich 
die Antwort gebe, möchte ich Dich als meinen ge- 
schätzten Freund und Vetter benachrichtigen, da ich 
fühle, daß es sozusagen eine Frage auf Leben und 
Tod ist. Wir beide haben die gleichen Ansichten, wir 
wünschen Frieden, wir haben ihn bis jetzt erhalten 
und bewahrt. Die Tendenz dieses Bündnisses geht, 
wie Du wohl verstehst und wie ich darüber unter- 
richtet bin, dahin, daß es ein Bündnis mit dem Drei- 
bund und unter Hinzunahme von Japan und Amerika, 
mit dem bereits Pourparlers eröffnet worden sind, 
sein soll. Wie die Chancen für uns stehen, wenn 
wir es abschlagen oder annehmen, kannst Du selbst 
beurteilen. Jetzt bitte ich Dich als meinen alten und 

33 



vertrauten Freund, mir zu sagen, was Du mir bieten 
kannst und willst, wenn ich ausschlage, bevor ich 
meine endgültige Entscheidung treffe und meine Ant- 
wort erteile. In dieser schwierigen Lage muß ich 
völlig klar sehen können; klar und offen, ohne Hinter- 
gedanken müßten Deine Vorschläge sein, so daß ich 
sie beurteilen und in meinem Herzen und vor Gott 
erwägen kann, wie ich es müßte, da es sich um das 
Gut des Friedens für mein Vaterland und die Welt 
handelt. Du brauchst nichts für Deinen Verbündeten 
zu fürchten, denn bei irgendeinem Vorschlag, den Du 
machen solltest, würde er in eine von Dir gewünschte 
Vereinbarung mit einbezogen werden. Mit diesem Brief, 
liebster Nikolaus, setze ich meinen ganzen Glauben in 
Dein Stillschweigen und Deine Diskretion jedwedem 
gegenüber und schreibe Dir, wie in alten Zeiten mein 
Großvater Deinem Großvater Nikolaus I. geschrieben 
haben würde. Möge Gott Dir helfen, die aufrichtige 
Lösung und Entscheidung zu treffen. Es geht um die 
nächste Generation! Aber die Zeit drängt, bitte ant- 
worte daher bald. 

Dein ergebener Freund 

Willy. 

Wilhelms höhe, 18. VIIL 1898. 
Liebster Niki! 

Durch Deine freundliche Erlaubnis ermuntert, den 
alten Heben Werder nach Moskau als meinen Ver- 
treter zur Zeremonie der Enthüllung des Denkmals 
Deines teuren Großvaters zu senden, wird mir gleich- 
zeitig die Gelegenheit gegeben, Dir durch ihn diese 
Zeilen zu senden. Es ist wirklich eine Gefühlssache, 

34 



die mich antreibt, ihn zu senden, und nicht eine reine 
Höflichkeitssache. Durch Großpapa habe ich oft von 
Alexander II. gehört, und als ich die Ehre hatte, ihm 
vorgestellt zu werden, fühlte ich mich bald im Banne 
seiner Liebenswürdigkeit, was jedem so erging, der 
durch seine Anwesenheit geehrt wurde. Seiner Freund- 
lichkeit bin ich verpflichtet, daß ich die Uniform des 
prächtigen Grenadierregiments trage, dessen Stiftungs- 
tag heute ist, was mir ein festes Band der Vereinigung 
mit Deiner herrlichen Armee bedeutet, die ich bis zu 
meinem Tode schätzen und lieben werde. 

Deine Diplomatie ^ hat kürzHch einen neuen großen 
Erfolg in China geerntet, zu dem ich Dich um so 
mehr zu beglückwünschen mir erlaube, als er ohne 
Abfeuerung eines einzigen Schusses und ohne einen 
unnötigen Alarm oder Polterei errungen worden ist. 
Die Wirkung wird einen großen Anreiz für den Handel 
und die industrielle Entfaltung Deines Landes be- 
deuten. Heinrich hat mir gerade telegraphiert, wie 
freundhch ihn Deine Behörden empfangen haben und 
alles tun, was in ihrer Macht steht, um seine Reise so 
angenehm wie mögUch für ihn zu machen, was mir 
die erfreuliche Gelegenheit gibt. Dir herzlich zu dan- 
ken. Ich bin höchst erstaunt über die Menge Unsinns 
und Aufschneiderei, die jetzt in den Zeitungen Europas 
über meinen Besuch nach Jerusalem verbreitet wird. 
Es ist ganz entmutigend, festzustellen, daß das Gefühl 
wahren Glaubens, das einen Christen beseelt, das 
Heilige Land zu besuchen, in dem unser Heiland lebte 
und litt, fast völlig in den sogenannten besseren Kreisen 
des 19. Jahrhunderts ausgelöscht ist, so daß sie die 
Pilgerreise gewaltsam mit politischen Motiven erklären. 

^ Spielt auf die erwähnten Erfolge Rußlands in Ostasien an. 
3* 35 



Was Recht für tausend unserer ärmsten Bauern ist, 
ist auch mein Recht. Seitdem ich mich mit Dir im 
Juni briefhch in Verbindung setzte, hat England noch 
dann und wann Unterhandlungen mit uns eröffnet, 
aber auch niemals seine Hand ganz unbedeckt gelassen. 
Es versucht zäh, wie ich es verstehe, eine kontinentale 
Armee zu finden, die für seine Interessen kämpft. Aber 
ich bilde mir ein, sie werden nicht leicht eine solche 
finden, wenigstens aber nicht die meine. Ihr neuester 
Plan ist der Wunsch, Frankreich von Dir weg auf ihre 
Seite zu ziehen, und sie haben sich demgemäß plötz- 
lich entschlossen, den Herzog von Connaught zu den 
französischen Manövern zu senden. Ein hübscher 
kleiner Plan von Courcelles, der, wie ich glaube, eifrig 
am Werk zwischen Paris und London ist. Ich habe 
bereits Deine Leute vor ihm gewarnt. Nun lebe wohl, 
mein Heber Niki, wie beneide ich Werder darum, daß 
er Dich sieht und mit Dir spricht. HerzHche Grüße 
an Alix. — Wollt ihr wieder die früheren Uniformen 
und Knöpfe einführen? — Glaube an mich als 
Deinen stets wohlgesinnten Freund und Vetter 

Willy. 

J a c h t L o r e 1 e y, S t a m b u 1, 20. X. 1898. 
Liebster Niki! 
Während meines Aufenthaltes in Stambul gewährte 
ich den Gesandten Audienzen. Ich hatte das Ver- 
gnügen, die Bekanntschaft Sinowiews^ zu machen. 
Ich fand in ihm einen vollendeten Diplomaten, einen 
Mann mit sehr klarem Kopf, einen energischen Cha- 
rakter, mit einem Wort, was man einen starken Mann 



,^ Russischer „Gesandter in Konstantinopcl. 
36 



nennt. Ich beglückwünsche Dich zu solch einer aus- 
gezeichneten Wahl. Wir hatten eine lange Unter- 
haltung, selbstredend war seine Ansicht über die 
Orientfragen für mich von größtem Wert, es bereitete 
mir Vergnügen, ihm zuzuhören. Da er Dich bald sehen 
wird, so gibt mir dies eine gute Gelegenheit, Dir diese 
Zeilen durch ihn zu senden. Die Unterhaltung drehte 
sich auch um die kretische Frage und um die letzten 
Ereignisse, die sich dort zugetragen hatten. Die Quelle, 
aus der die letzten Exzesse entstanden sind, ist ohne 
Zweifel keine klare, und sicher handelt es sich nicht 
um sogenannten muselmannischen Fanatismus, von dem 
gewöhnlich in der europäischen Presse erzählt wird. 
Ich wage vielmehr die Vermutung, daß Intrigen einer 
bestimmten sich einmischenden Macht damit etwas zu 
tun haben. Im Laufe unserer Unterhaltung erzählte 
mir Sinowiew offen, daß die Situation weit davon ent- 
fernt sei, sich wieder zu festigen, und daß die einzige 
Möglichkeit, um aus diesem Dilemma herauszukommen, 
die sei, die Türken zu veranlassen, Kreta mit Sack 
und Pack zu verlassen i. Ob dies so sein muß, weiß 
ich allerdings nicht, aber wie ich Dir in Peterhof ge- 
legentlich auseinandersetzte, muß die kretische Frage 
so gelöst werden, daß kein allgemeines „Imbroglio" 
aus ihr entsteht, das diese Schurken von Kretern nicht 
wert sind. Ich habe mit vielen alten und hervorragen- 
den Türken gesprochen, die mir alle versicherten, daß 

^ Trotz des Sieges über die Griechen 1897 war die Türkei 
doch in der Folgezeit genötigt, Kreta die Autonomie zu gewähren. 
Deutschlands zurückhaltende türkenfreundliche Haltung — es 
überließ den anderen Großmächten die Schutzherrschaft über 
Kreta — gewann ihm die dauernden Sympathien des Sultans. 
Hierdurch und durch die Reise des Kaisers nach Jerusalem 
bahnten sich die engeren Beziehungen Deutschlands zur Welt 
des Islam an. 

37 



das ganze Volk Kreta zu einer Frage nationaler Ehre 
macht, daß eine reine und einfache Entfernung der 
Bevölkerung, wenn ihr von dem Sultan zugestimmt 
würde, diesen seine Autorität, Krone und vielleicht so- 
gar sein Leben kosten würde, und daß sie alle darüber 
tief betroffen und bekümmert seien. Ich erlaube mir 
daher, dies zu Deiner Kenntnis zu bringen und hoffe 
dabei, daß Du in Deiner Weisheit freundlichst eine 
Lösung finden mögest, welche die Lage des Sultans 
gegenüber seinem Heere, und die des Kalifen gegen- 
über der ganzen mohammedanischen Welt halten kann. 
Du weißt aus den Berichten Osten-Sackens, was mich 
veranlaßt hat, ,, meine Flotte auf den Tisch^^ nieder- 
zulegen. Weil ich nämUch fühlte und sah, daß eine 
gewisse Großmacht uns wie alle anderen als Werkzeug 
benutzt, um ihr dabei behilflich zu sein, Kreta oder 
Sudabay zu nehmen, und weil ich nicht zu der Partei 
derer gehören möchte, von denen man erwartet, daß 
sie mit Brot und Salz und auf den Masten die Fahnen 
Kretas führend, besagte Macht bitten, daß sie so gnädig 
die Wohlfahrt ihrer armen Schützlinge, der Kreter, be- 
denken möchte, „die samt und sonders in der Hölle 
braten mögen'M Die neuesten Ereignisse haben weiter 
bewiesen, daß mein Argwohn berechtigt war und daß 
diese gewisse Macht Unheil im Schilde führt und Ge- 
waltmittel anwenden möchte. Das bedeutet so viel, 
als daß man die Mohammedaner vertreiben möchte, 
welche auf Kreta geboren und dort einheimisch sind 
(gleich wie die christlichen Rebellen, die nur zum Islam 
bekehrt sind), welche die Landeigentümer darstellen, 
um, nachdem die ersteren dann alles verloren haben, 
ihr Land den Christen zu geben, die bis jetzt ihre be- 
zahlten Pächter und Arbeiter waren und gegen ihren 

38 



Herrn revoltierten. Das ist die kretische Frage in 
„Nuce'S und das möchte ich ganz offenherzig Räuberei 
nennen. Welch einen Eindruck dieser Akt der Räuberei 
auf die mohammedanische Welt macht, davon hast Du 
keine Ahnung, aber ich fühle und sehe und höre es. 
Ein furchtbarer Schlag für das Prestige der Christen 
im allgemeinen in den Augen der Mohammedaner und 
die Erneuerung eines Hasses, den Du Dir kaum vor- 
stellen kannst. Die betreffenden Mächte in Kreta haben 
ein törichtes und äußerst gefährliches Spiel gespielt, 
und dies treibt mich an. Deine freundliche Aufmerk- 
samkeit auf diese Angelegenheit zu lenken. Erinnere 
Dich, was Du und ich in Peterhof vereinbart haben, 
nämlich niemals zu vergessen, daß die Mohammedaner 
eine wichtige Karte in unserem Spiel sind für den 
Fall, daß Du oder ich plötzlich vor einen Krieg mit 
der besagten, sich hier einmischenden Macht gestellt 
seien. Du als der Herr von Millionen von Moham- 
medanern mußt der rechte Richter für diese Angelegen- 
heit sein. Wenn Du ruhig der Führung der anderen 
Macht in Kreta, wie es bisher geschehen ist, weiter 
folgst, so wird der Ausgang für Deine eigenen mo- 
hammedanischen Untertanen und für die Türkei ein 
beklagenswerter sein, und Du wirst ein sehr wert- 
volles Atout Deines ganzen Spieles verlieren. Darum 
flehe ich Dich an, widme dieser Angelegenheit noch 
einmal Deine ernste Aufmerksamkeit und finde mög- 
lichst Mittel und Wege, wodurch Du den Sultan aus 
seiner gefährlichen und kompromittierenden Situation 
gegenüber seinen Untertanen retten kannst, und löse 
die kretische Frage in einer für ihn annehmbaren Form. 
Vergiß nicht, daß sein Heer tapfer und siegreich in 
Larissa und Domokus für Kreta gekämpft und die 

39 



Provinz wieder erobert hat. Es würde niemals eine 
andere Macht die Austreibung- ihrer bewaffneten Brüder 
und ihrer Herren aus einer wiedereroberten Provinz 
vergessen und vergeben. Welch glänzende Gelegen- 
heit für Dich, hier einzuschreiten und den Sultan aus 
Ungnade zu retten, die Welt vom blutigen Krieg zu 
behüten und dabei die Dankbarkeit aller Moham- 
medaner zu gewinnen. Andernfalls wird die Revolution 
kommen und das Blut des Sultans eines Tages vor 
Deiner Tür fließen. Bitte, verzeih mir, daß ich mit 
solchen Dingen in Deine Zeit und Ruhe eingreife, aber 
die Situation ist zu ernsthaft, die Interessen, die auf 
dem Spiele stehen, so mannigfach, und ich möchte 
nicht wünschen, daß Rußland seine glänzende Posi- 
tion, die es bisher noch behauptet hat, verlöre. Alle 
Augen richten sich hoffnungsvoll auf den großen Kaiser 
des Ostens, wird er die erhoffte Lösung bringen? 
Meine vielleicht zu rauhe Offenheit mag Dir zeigen, 
wie groß und stark meine Liebe für Dich ist. Grüße 
bitte Alix. 

Dein wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

Damaskus, 9. IL 1898. 
Mein liebster Niki! 

Durch das freundliche Telegramm, das Du mir nach 
Jerusalem sandtest, zeigst Du mir, daß Du unsere 
Reise mit Interesse verfolgst. Dies ermutigt mich. Dir 
einige Zeilen jetzt gegen das Ende unserer Reise mit 
einigen meiner Eindrücke zu senden. Sie sind so man- 
nigfach, daß es ziemlich schwer ist, sie festzuhalten. 

An erster Stelle hat natürlich Jerusalem unsere Auf- 
merksamkeit beschäftigt, da so zahlreiche Stellen voll 

40 



von Erinnerungen an unseren Heiland sind. Der Ge- 
danke, daß seine Augen auf demselben Hügel ruhten, 
daß sein Fuß denselben Boden betrat, bewegt einem 
tief das Herz und läßt es schneller und stürmischer 
schlagen. Aber ich muß offen bekennen, daß nicht 
alles, was man zum christlichen Glauben gehörend 
sieht, tatsächhch zur Förderung des Gefühles dient. 
Die mannigfachen und verschiedenen Konfessionen und 
Sekten unseres gemeinsamen christlichen Glaubens be- 
schäftigen sich zu sehr mit der Art von Kirchenbauten, 
Errichtung von Klöstern und Kapellen auf sogenannten 
überlieferten heiligen Stellen. Dies hat zu einer Art 
von Wettkampf oder Wettlaufen um die höchsten Türme 
oder größten Kirchen geführt, die im ganzen nicht zu 
den Stätten passen, an denen sie errichtet sind. Tat- 
sächlich könnte man es eine Ausstellung von Kirchen- 
modellen nennen. Dies hat auf die Geistlichkeit der 
verschiedenen Kirchen gewirkt, die sich an Intrigen 
und politischen Anschlägen vergnügen, die nur Haß 
an Stelle von Liebe nähren müssen und zu offenen 
Kämpfen und Schlachten in den Kirchen führen, an 
Stelle der Psalmen und freundlichen Reden. Aber was 
noch schlimmer ist, man hat einen Gottesdienst von 
Steinen und Holz geschaffen, der am Ende der zehn 
Gebote verboten ist, anstatt die Gottheit selbst zu 
ehren. Ein Franzose sagte zu mir sehr bezeichnend, 
„das ist die Anbetung des Steines an sogenannten 
heiligen Stätten, deren Heiligkeit nicht garantiert wer- 
den kann, wogegen die Gottheit hier nichts gilt". 
Sehr wahr, aber sehr niederdrückend für unseren christ- 
lichen Glauben. Ganz natürhch, verzeih mir dies Wort, 
hat die Anbetung des Fetischs eine tiefe Verachtung 
der Christen bei den Mohammedanern hervorgerufen. 

41 



Mein persönliches Gefühl beim Verlassen der heiligen 
Stadt war, daß ich tief beschämt vor den Moham- 
medanern war und daß, wenn ich hierher ohne Religion 
gekommen wäre, ich sicher als Mohammedaner zu- 
rückgekommen sein würde. Das, was man in Jerusa- 
lem unter Religion versteht, wird niemals zur Bekeh- 
rung eines einzigen Mohammedaners oder zum Pflanzen 
eines einzigen Baumes oder zum Graben eines ein- 
zigen Brunnens führen. Ich bin entsetzt darüber, daß 
Religion in Jerusalem so offen von der Geistlichkeit 
dazu gebraucht wird, um einen politischen Plan oder 
Anschlag zu decken, und das ist sehr schHmm und 
fügt dem Christentum sehr großen Schaden zu, da 
die Mohammedaner seit langem dies durchschaut haben 
und uns demgemäß behandeln. Ich kehre mit dem 
Gefühl einer großen Enttäuschung heim und mit der 
festen Überzeugung, daß unseres Heilands Grab ganz 
sicher nicht unter jener heiligen Grabeskirche 
liegt, die in ihrem Aussehen und Schmuck sich nur 
schlecht mit der Moschee Omars in ihrer einfachen 
und Ehrfurcht erweckenden Größe vergleichen läßt. 
Ach! — Die interessanteste und schönste Stadt vom 
orientalischen Gesichtspunkte aus ist zweifellos Da- 
maskus. Beirut mit seinen lieblichen Villen, Gärten 
und freundlichen Lichtungen erinnert einen mehr an 
eine Stadt im südlichen Italien oder auf Sizilien. Das 
heilige Land wirkt einfach schrecklich in seiner grenzen- 
losen Trockenheit und Dürre und seinem äußersten Man- 
gel an Wald und Wasser. Aber hier ändert sich alles 
wie mit einem Zauberschlag. Der große Fluß Baradar 
bringt Leben und Kühlung und nährt eine herrliche 
Vegetation. Die Stadt liegt inmitten großer Gärten 
und schattiger Parks, die durch kleine Flüßchen be- 

42 



wässert werden, die ihr, wenn man von weitem kommt, 
das Aussehen einer großen Fasanerie im Umkreis von 
zwei Quadratmeilen geben. Die Heblichen ruhigen Hof- 
räume mit ihrem arabischen Mauerwerk, ihren schat- 
tigen Winkeln und murmelnden Quellen mit frischem 
Wasser in den Marmorbassins sind einzigartig, gleich- 
wie im Märchen. Du würdest ganz entzückt sein, 
wenn Du hier wärest, da Du doch auch so viel vom 
Orient kennst. Unsere Aufnahme ist hier einfach er- 
staunlich, und niemals ist ein christlicher (Giaur) 
Monarch iso gefeiert und mit so ungebändigtem Enthu- 
siasmus aufgenommen worden. Dies darum, weil 
ich ein Freund ihres Sultans und Kalifen bin, und 
weil ich immer eine offene und loyale Politik gegen 
ihn eingeschlagen habe, dieselbe, die ich so oft vor 
Dir verteidigt habe. Der Haß gegen die Engländer 
ist so stark und wird immer heftiger, kein Wunder, 
während gleichzeitig zusehends die offene Verachtung 
Frankreichs wächst, das allen Respekt, den es einst- 
mals besaß, verloren hat. Das ist die unvermeidliche 
Folge des schrecklichen Sumpfes, in dem die Fran- 
zosen in ihren eigenen inneren Angelegenheiten herum- 
tappen, wobei sie das Recht mit Schmutz bewerfen 
und ganz Europa mit Gestank erfüllen, wobei sie zeigen, 
wie tief die Korruption, Lüge und Schmach schon in 
der Nation und vor allem in der Armee Boden ge- 
wonnen hat. Die Leute hier sehen die Franzosen als 
eine sterbende Nation an, besonders seit ihrem letzten 
und schmachvollen Rückzug aus Faschoda. Was in aller 
Welt hat sich nach einer so schönen und mutig arran- 
gierten Expedition des armen, tapferen Marschand^ 



^ Anspielung auf die Faschoda-Expedition. Ultimatum Englands 
an Frankreich, das in Westafrika und im Sudan nachgeben mußte. 

43 



ihrer bemächtigt? Sie waren in einer erstklassigen 
Position und in der Lage, uns allen anderen in Afrika 
zu helfen, wo wir so sehr starker Hilfe bedurften. Die 
Nachricht traf hier wie ein Donnerschlag die Völker 
des Orients, niemand wollte sie glauben. Wenn es 
wirklich wahr ist, was die Presse sagt, daß Graf 
Murawieff^ Frankreich geraten hat, einen so törichten 
Schritt zu tun, so war er einseitig und äußerst schlecht 
unterrichtet, da er — Deinem Freunde und Alli- 
ierten einen tödlichen Schlag versetzte und sie hier 
um ihr altes Prestige gebracht hat, das sie niemals 
wieder erringen werden. Die Mohammedaner nennen 
es Frankreichs zweites Sedan, und der arme französische 
Konsul, den ich sprach, war in Tränen und sagte, daß 
alles um. ihn zu Staub versinke. Frankreich wird niemals 
diesen Freundschaftsdienst vergessen, noch wird es je- 
mals dafür dankbar sein. Dies, mein lieber Niki, sind 
meine interessantesten Beobachtungen, welche ich offen 
und ohne Hintergedanken Dir erzähle, da ich alles mit 
meinen eigenen Augen gesehen und mit meinen eige- 
nen Ohren gehört habe. Ich fand meine Vermutungen 
und Kombinationen völlig bestätigt. Die Türkei ist 
sehr lebendig und nicht ein sterbender Mann. Hüte 
Dich vor den Mohammedanern, wenn Du an ihre natio- 
nale Ehre oder an ihren Kalifen rührst. Herzliche Grüße 
an Alix 

Dein immer wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

Berlin, 6. V. 1900. 
Liebster Niki! 
In Eile möchte ich Dir diese wenigen Zeilen senden, 



' Russischer Minister des Auswärtigen. 



44 



um Dir aus meinem tiefsten Herzen für Deinen freund- 
lichen, lieben Brief zu danken, den Du mir so liebens- 
würdigerweise durch Costia ^ sandtest. Ich erinnere 
mich wirklich so aller Ereignisse bei Deiner Mündig- 
keitserklärung und aller Zeremonien, die sie beglei- 
teten. Wie tapfer sprachst Du Deinen Eid und wie 
tief wurde Dein Vater gerührt, als er Dich nach- 
her umarmte. Wie ist die Zeit vergangen. Jetzt bist 
Du noch dazu Herrscher eines großen Reiches und 
hast Kinder, und auch ich habe einen erwachsenen 
Sohn. Was für ein feiner und lieber Gedanke war 
es von Dir, Costia und den lieben alten Richter ^ wie 
die übrigen Herren Deines Gefolges zu senden, um 
der Mündigkeitserklärung meines Sohnes beizuwoh- 
nen. Ich bin dankbar und stolz darüber, daß Du ein 
so freundliches Interesse an den Begebenheiten unseres 
Hauses nimmst, was mir wiederum einen Beweis der 
festen Bande Deiner Freundschaft gibt, die wir von un- 
sern Vätern ererbt haben und deren Bestand mit Got- 
tes Willen und Hilfe niemals aufhören möge. Die Zere- 
monie der Eidesleistung auf die alten Fahnen des ersten 
Garderegiments war sehr eindrucksvoll und rührend. 
Der Knabe verhielt sich sehr natürlich und sehr tapfer 
vor der großen Versammlung der Fürstlichkeiten usw. 
Mit tausend Dank und den herzlichsten Grüßen an Alix 
und dem Wunsch für einen gesunden Sommer, ver- 
bleibe ich 

Dein stets wohlgesinnter und ergebener Freund 

Willy. 

P. S. : Unsere großen diesjährigen Manöver zwischen 
dem Gardekorps und dem zweiten Armeekorps werden 

^ Großfürst Konstantin Konstantinowitsch. 
^ Generaladjutant des Zaren. 

45 



bei Stettin abgehalten. Falls Du etwas davon sehen 
möchtest, könntest Du mit Deiner Jacht nach Swine- 
münde kommen, und von hier könnte ich Dich sofort 
flußaufwärts bis zur Stadt bringen. W. 

Kiel, 13. VI. 1901. 

Liebster Niki! 
Meinen herzlichsten und wärmsten Dank für Deine 
freundliche Nachricht durch Paulis i. Alles soll, wie 
Du wünschest, arrangiert werden. Die Flotte soll nach 
dem Winde dort vor Anker gehen, wo die Landung den 
besten Schutz gewährt. Bojen mit russischen Fahnen 
sollen für Deine Schiffe ausgelegt werden. Avisos und 
Torpedoboote werden Dich erwarten und Dich an Dei- 
nen Landungsplatz führen. Ich werde keinen Diploma- 
ten mitbringen, selbst nicht den Kanzler, nur wenn Du 
ihn sehen willst. Waldersee wird sich hier selbst mel- 
den. Unser lieber alter Schuwaloff ist in Berlin und 
die ganze Garnison pilgert zu ihm, in den Straßen 
macht jeder Soldat „Front'^ und beim Vorbeiziehen 
vor seinem Fenster spielen die Musikbanden Deine 
Nationalhymne. Mit großem Vergnügen hoffe ich Dich 
zu sehen. Waidmanns Heil für Alix. 

Willy. 

Swinemünde, 8. VII. 1901. 
LiebsterNiki! 
Ich sende Dir diese Zeilen durch meinen Sohn Adal- 
bert, den ich freundlich Deiner Gnade empfehle. Es ist 
das erste fremde Land, das er besucht, und da er erst 

^ Großfürst Paul Alexandrowitsch, Onkel Nicolaus' II. '^(Bruder 
Alexanders III.). 

46 



Seekadett ist, bitte ich Dich, ihn nicht allzu offiziell zu 
behandeln. Er ist jung und standhaft und ich vertraue 
darauf, daß Du freundlich darauf achten wirst, daß er 
nicht in schlechte oder leichte Gesellschaft kommt. Mit 
herzlichen Wünschen an AHx und ihre Umstände bleibe 
ich mit großem Vergnügen, unserer Zusammenkunft auf 
See entgegensehend. 

Dein immer wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Wilhelmshöhe, 22. VIII. 1901. 
Liebster Niki! 
Dein lieber Brief vom 17. hat mich heute erreicht und 
ich beeile mich, Dir für Deine freundliche Gesinnung, 
die daraus blickt, zu danken. Ich danke Dir und bin 
sehr erfreut, aus Deinem Brief zu ersehen, daß ich tat- 
sächlich das große Vergnügen haben werde. Dich bei 
Danzigi zu treffen. Um so mehr, als es an der Spitze 
meiner Flotte geschehen wird, die stolz darauf sein 
wird, ihren Admiral zu begrüßen, und die hoffentHch 
seine Zufriedenheit erringen wird, wenn er sie besich- 
tigt. Denr die Offiziere und Mannschaften meiner Flotte 
wissen wohl, daß Du bei Deinem Interesse und bei 
Deiner Kenntnis in Marinedingen auf Deine Stellung 
als Admiral mit wirklichem Ernst blicken wirst, und 
daß Du sie mit den Augen eines Sachverständigen be- 
sichtigst. Daher wird sie sich jeder Anstrengung unter- 
ziehen, um zu zeigen, was sie kann. Ich bitte Dich 
jedoch, nur nicht zu vergessen, was Du auch durch 
unsere Veröffentlichungen weißt, daß sich meine Flotte 
gerade im Zustand der Vergrößerung und Umbildung 

1 Die Zusammenkunft fand am 11. September IPOl statt. 

47 



befindet. Dies ist natürlich die Kehrseite ihrer äußeren 
Erscheinung. Altes und neues Material und verschie- 
dene Schiffstypen werden miteinander gruppiert, wobei 
die allgemeine Erscheinung der Flotte einen beklagens- 
werten Mangel an Harmonie und Einheitlichkeit zeigt. 
Du hast freundlich den Besuch Adalberts genehmigt, 
den Du durch Deine große Gastfreundschaft sehr ver- 
zogen hast. Dein Lob macht Papa und Mama sehr stolz, 
ich hoffe, er wird sich dessen immer wert erweisen. 
— Dein Beileid in meinem Schmerz, anläßlich des 
Todes meiner lieben Mutter ^, hat mich tief gerührt. 
Du kannst ja aus Deiner eigenen traurigen Erfahrung 
ermessen, als Dein armer Vater starb, was es bedeutet, 
einen von den Eltern zu verlieren, der nach Menschen- 
ermessen noch lange Jahre hätte leben können. Aber 
in diesem Falle war das Leiden so schrecklich, daß man 
das Ende nur als eine Erlösung ansehen konnte, als 
Gott sie zu sich rief, und ihre letzten Stunden waren, 
wofür ich ihm dankbar bin, sozusagen ganz friedlich 
und schmerzlos. Dank der großen Geschwindigkeit 
meiner Jacht und ihrer Geleiter, die mich in 28 Stunden 
von Bergen nach Kiel brachten, konnte ich Cronberg 
noch zur rechten Zeit erreichen, um sie noch ganz bei 
Bewußtsein anzutreffen. 

Ich habe Deine freundliche Einladung, ihm zu be- 
gegnen, dem Kanzler mitgeteilt, der tiefgerührt und sehr 
geehrt ist, daß Du ihm solches Vertrauen schenkst. 
Er war völlig unvorbereitet. Ich selbst bin sehr glück- 
lich darüber, weil er ein guter Kenner russischer Dinge 
und Traditionen ist, und ein dankbares Andenken und 
eine tiefe Ergebenheit an Eure Familie von seinem 
Aufenthalt in Petersburg her zurückbehalten hat. Was 

^ Kaiserin Friedrich. '* 

48 



Graf Lambsdorff angeht, so werde ich ihn gern empfan- 
gen, wenn er an Bord Deiner Jacht sein sollte. Sollte 
das nicht der Fall sein, da wir nicht bei jeder Gelegen- 
heit an Land gehen, so beunruhige nicht den armen 
Minister, eine so lange Reise nach Danzig zu machen. 
Die Hitze, die wir in Norwegen ausstanden, war furcht- 
bar, bis zu 33 Grad R. im Schatten, ganz wie in Syrien. 
Mein Gefolge von einigen 20 Mann hat an einem Tage 
167 Flaschen Apollinaris ausgetrunken. Möge das Wet- 
ter günstig sein und ohne obige Folgen, wenn Du 
kommst. Die Einzelheiten des Programms wirst Du 
durch PauHs erhalten. Herzlichen Dank für die China- 
medaille, die ich Soeben empfangen habe, die mich 
erfreut und mir Vergnügen bereitet. Herzliche Grüße 
an AHx 

Dein ergebener und wohlgesinnter Freund 

Willy. 

Neues Palais, 17. XII. 1901. 
Liebster Niki! 
Der Besuch Deines lieben Bruders Michael geht sei- 
nem Ende zu, und mit großem Bedauern sehen wir ihn 
abfahren. Er ist ein reizender und einnehmender jun- 
ger Mann, der jeden hier gefesselt hat, selbst meine 
Tochter. Er schießt sehr gut und hat sich all der klei- 
nen Arbeiten eines offiziellen Diners mit Repräsenta- 
tion und Cercle tapfer unterzogen, obgleich er aus- 
drücklich hervorhob, daß er kein Wortdrechsler sei. 
Alle Leute, die mit ihm zusammenkamen, fesselte er 
durch seine offenmännliche Haltung und freie Aus- 
drucksweise. Er war ein Erfolg! — Ich danke Dir 
herzlich für Deine freundlichen Worte für Danzig, 
die mich ungewöhnlich stolz machen. Ich hoffe, daß 

4 49 



bei meinem Besuch im nächsten Sommer ich Dir ein 
homogeneres Geschwader und einen der neuen ge- 
schützten Kreuzer zeigen kann. Ich sehe unserem 
Zusammensein mit Vergnügen entgegen. Oberst Kes- 
nakow ist hier unter den Offizieren meiner Drago- 
ner und scheint ein sehr netter Offizier zu sein. Ich 
bin sehr erfreut, sie alle hier zu haben. Nimm bitte 
als Andenken an meine liebe Mutter diese Nadel von 
mir und ein Medaillon für Alix. Micha wird es Euch 
überbringen. Mit aufrichtigem Wunsch für ein glück- 
Hches neues Jahr und fröhliche Weihnacht, bleibe ich 
Dein Dich liebender Vetter und Freund 

Willy. 

Neues Palais, 3. I. 1902. 

Liebster Niki! 
Diese Zeilen sollen Dir fröhliche Weihnacht und ein 
glückliches neues Jahr wünschen. Möge Gott Dich 
und Dein Hebes Weib und Deine Kinder segnen und 
schützen und Euch alle insgesamt an Leib und Seele 
gesund erhalten. Möge Deine Arbeit für den Frieden 
der Welt und die Pläne, die Du für die Wohlfahrt 
Deines Landes reifen läßt, erfolgreich sein. 

Ich sende Dir als Weihnachtsgeschenk einen Offiziers- 
dolch, der dem Modell entspricht, das ich kürzlich 
in meine Marine durch Order vom „Wariag" einge- 
führt habe. Ich bitte Dich, ihn als ein Andenken an 
den freundlichen Besuch, den Du mir in Danzig ab- 
stattetest und an die glücklichen Stunden, die wir dort 
miteinander verbrachten, anzunehmen. Dies neue Seiten- 
gewehr ist so populär unter unseren Offizieren, daß 
ich glaube, daß sie damit zu Bett gehen möchten. 

50 



■ Meine Flotte, Heinrich und ich erwarten schon den 
Tag, wo wir Deinen Besuch in diesem Jahre erwidern 
können, und ich würde sehr froh sein, zu wissen, wann 
und wo Du uns erwarten wirst. 

Da Du ein so großes Interesse für unsere Marine 
bekundest, wird es Dich interessieren, zu hören, daß 
der neue bewaffnete Kreuzer „Prinz Heinrich" schon 
nahe seiner Vollendung ist und bereits seine Maschinen 
mit sehr zufriedenstellendem Resultat erprobt hat. Er 
wird nach Abschluß der Probezeit voraussichtlich Aus- 
gang Winter in die Flotte eingereiht. Das neue Linien- 
schiff „Karl der Große", das fünfte der Kaiserklasse, 
wird hoffentlich bald zu Versuchsfahrten auf See Ende 
nächster Woche fertiggestellt sein, und Heinrich hofft, 
es in einem Monat in die Flotte aufzunehmen. 

Die Wittelsbachklasse ist in aller Eile weiter vor- 
wärts gediehen, und man hofft, daß sie nach den 
Manövern unter Heinrichs Flagge gestellt werden kann. 
Dies bedeutet einen Zuwachs von fünf Linienschiffen, 
was ihn in den Stand setzt, über eine ganz homogene 
Flotte von ,, Friedensstiftern" zu verfügen, was zweifel- 
los ein angenehmes Gefühl schafft und auch nützlich 
ist. Dich darin zu unterstützen, der Welt den Frieden 
zu erhalten. Die fünf neuen Linienschiffe sind schon 
in Bau gegeben, und ihr Bau hat begonnen ; sie stellen 
die erste Division des zweiten Geschwaders dar. Ich 
ersehe aus den Zeitungen, daß der historische „Wariag" 
in „Koweit"! angekommen ist. Es ist ein sehr weiser 
Gedanke, daß Deine Flotte auch dort erschien, denn 
es ist nicht unmöglich, daß eine andere Macht das 
erfolgreiche Experiment, das sie auf der Insel Kreta 



* Die Mündung'des Schatt-el-Arab beherrschender Hafenplatz 
im" Persischen" Golf. 

4* 51 



unternahm, die Flagge des Sultans herabzuholen, Ma- 
trosen und Kanonen (zu landen und ihre Flagge oder 
eine andere unter einem Vorwand zu hissen und dann 
zu sagen: ,,J^y suis, j'y reste^^ auch hier wiederholen} 
wird. In vorliegendem Falle würde dies die oberste 
Regelung aller Handelsstraßen Persiens i, die zum Golf 
führenj, 'durch Persien selbst bedeuten und die Dir 
mittels jenes „Tata'^ vorgeschlagene Regelung des 
russischen Handels, die mit dem Abschluß eines Zoll- 
vereins mit Persien durch Dich sehr glücklich ein- 
geleitet worden ist. Das Auftreten der ausländischen 
Macht in Koweit hebt in starkem Kontrast den außer- 
ordentlichen Vorteil einer überragenden Flotte hervor, 
welche die Angriffe zur See auf Plätze beherrscht, 
die keinerlei Verbindung über Land haben, und an 
die wir anderen nicht heran können, weil unsere Flotten 
zu schwach sind, und ohne sie unser Handelsverkehr 
der Gnade des Feindes ausgeliefert ist. Dies zeigt 
noch mehr, wie äußerst nötig die Bagdadbahn ^ ist, 
welche nach meiner Absicht deutsches Kapital bauen 
soll. Wenn unser ausgezeichneter Sultan nicht jahre- 
lang mit dieser Frage die Zeit vertrödelt hätte, so wäre 
der Bahnbau schon vor Jahren begonnen worden und 
hätte Dir die Gelegenheit gegeben, einige Regimenter 
schnurstracks aus Odessa nach Koweit zu senden und 
der anderen Macht den Stuhl vor die Tür zu setzen, 
weil dann die russischen Truppen das Kommando der 
inneren Linie an der Küste hätten, gegen welche selbst 



* Rußland hat etwa seit der Jahrhundertwende den englischen 
Einfluß in Persien immer mehr zu seinen Gunsten verringert. 
Es gewährte sogar Persien eine Anleihe unter der Bedingung, daß 
eine frühere englische Anleihe zurückgezahlt werde. 

' Die Konzession, die bereits 1899 erteilt wurde, war die 
Frucht der Jerusalemreise in jenem Jahre. 

52 



die größte Flotte ^us vielen Gründen machtlos ist. 
Der Hauptpunkt in Anlehnung an den Komman- 
danten von Kronstadt, der Peter dem Großen auf die 
Frage, warum er ihn nicht begrüßte, antwortete: 
„erstens weil die Schiffe nicht auf dem Lande mar- 
schieren können"; Du weißt, das genügt. Die eigent- 
liche Antwort des wackeren Admirals, ,, zuerst weil 
ich kein Pulver mehr habe", wurde einen Tag vor 
Weihnachten Heinrich vom Kapitän des Askold erteilt. 
Mein Geschwader hatte den Befehl erhalten. Deinen 
Geburtstag durch eine reiche Entfaltung des Flaggen- 
schmuckes und königlichen Salut zu feiern. Als aber 
Heinrich den Kapitän von Reizenstein fragte, zu wel- 
cher Stunde die Zeremonie stattfinden sollte, erklärte 
dieser, er würde nichts Derartiges tun, und selbst als 
Sergius ihn aufgefordert hatte, weigerte er sich un- 
bedingt, seine Flagge zu hissen und seinen Kaiser zu 
grüßen, trotzdem das Schiff den Auftrag hatte und 
die ganze Mannschaft an Bord war. Mein Geschwader 
war sehr enttäuscht und wie ich sagen muß, von dem 
Betragen dieses Mannes sehr abgestoßen! — Ich sende 
Dir außer dem Dolch noch ein sehr interessantes Buch 
über den südafrikanischen Krieg, das von einem Eng- 
länder geschrieben ist, der ganz und gar den Weg, der 
eingeschlagen wurde, und den Zweck, zu dem dieser 
Krieg begonnen wurde, verurteilt. Es ist sehr klar 
in dieser Hinsicht und zeigt, daß der Autor seine Un- 
parteilichkeit bis zu dem letzten Augenblick beibehalten 
hat, eine sehr dankenswerte Ausnahme für die Regel, 
die jetzt in England herrscht. Die Parallele, die er 
zwischen diesem Kriege und dem Kriege gegen die 
amerikanischen Kolonien vom Jahre 1775—1783 zieht, 
ist äußerst überraschend und schlagend. Der Über- 

53 



bringer meiner Gabe, mein Adjutant, war Kommandant 
der „Hertha*^ während der Chinaaffäre ^ und rettete 
die Expedition Seymours und brachte sie sicher nach 
Tientsin zurück. Er war tatsächHch der Admiralstabs- 
chef, und ihm wurde der jetzt historische Befehl ge- 
geben, auf den meine Blaujacken so stolz sind: „Ger- 
mans to the Front", als die britischen Matrosen sich 
weigerten, auch nur noch einen Zoll vorwärts zu gehen. 
Er war nicht in Danzig anwesend, da er sich sein 
Bein durch einen Sturz vom Pferde verletzt hatte, sonst 
hättest Du aus seinem eigenen Munde den Bericht 
hören können, aus welchen Leuten sich die wenig 
glänzende Expedition zusammensetzte. Nun, mein 
liebster Niki, lebe wohl, grüße Ahx, Micha und Deine 
Mutter von 

Deinem stets wohlgesinnten und ergebenen Freund 

und Vetter 

Willy. 

Berlin, 30. I. 1902. 

Liebster Niki! 
Laß mich Dir noch einmal schriftlich danken für den 
glücklichen Gedanken, Deinen Lieblingsadjutanten Obo- 
lensky mit den Geschenken zu meinem Geburtstag 
hierher zu entsenden. Der Mantel ist sehr praktisch 
und wird in jedem Wind und Wetter gute Dienste 
leisten, notabene bei dem Gang zum Stapellauf und 
beim Gang vom „Standard" nach der „Hohenzollern" 
in Reval. Dann sind die Vasen ganz reizend, die eine 
blaue mit der Patina ist ein Prachtstück und eine schöne 
Zierde in meinem Salon. Obolensky begleitete mich 

^ Boxeraufstand 1900. 
54 



bei all den verschiedenen Funktionen anläßlich meines 
Geburtstages und wird Dir erzählen, was so ein armer 
überarbeiteter Landesvater alles zu tun hat, ehe er sich 
für einen AugenbUck ruhig zu einem Bissen oder einer 
Zigarre setzen kann. Dennoch waren wir sehr lustig, 
da alle meine Geschwister hier waren und Heinrich ^ 
die Familie munter antreffen konnte, mit der Aussicht, 
den Amerikanern und ihren schönen Damen eine Stipp- 
visite abzustatten, die zu unserem größten Vergnügen 
große Zahnschmerzen an der jenseitigen Küste des 
Kanals hervorruft. 

Aber ich möchte Deine kostbare Zeit nicht länger 
in Anspruch nehmen. Obolensky überbringt Dir die 
Tafeln der russischen, amerikanischen und japanischen 
Marine, die nach den neuesten Berichten aufgestellt 
sind, ferner Photographien aus Danzig, worauf ich 
immer mit Dank und Vergnügen zurückblicke. 

Dein immer wohlgesinnter Vetter und Freund 



Herzliche Grüße an Älix. 



Willy. 



Generalkommando Posen, 
2. IX. 1902. 

Mein liebster Niki! 
Seit meiner Rückkehr aus Reval war ich sehr in 
Anspruch genommen, wie Du aus den Zeitungen er- 
sehen haben magst. Jetzt, wo mich mein erlauchter 
Gast, der König, nach einem erfolgreichen Besuch 
verlassen hat, spare ich mir in den Unruhen der Ma- 
növer einige Minuten ab, die ich einem Brief an Dich 



^ Es handelt sich um den Besuch des Prinzen Heinrich in 
den Vereinigten Staaten. 

55 



widmen möchte. Ich brauche es nicht zu sagen, die 
Erinnerung von Reval steht noch lebhaft vor meinen 
Augen, mit all der Liebenswürdigkeit und Freundlich- 
keit, die Du mir damals bewiesest, mit dem pracht- 
vollen militärischen Schauspiel, der Tüchtigkeit Deiner 
Flotte bei ihren Geschützübungen und ihren Evo- 
lutionen und nicht zuletzt die vielen Stunden liebens- 
würdiger ungestörter Kameradschaft mit der freund- 
lichen Unterhaltung, die ich mit Dir pflegen konnte. 
Alles das lebt noch weiter in meinen Gedanken und 
begleitet mich auf meinen Wegen, und ich fühle, es 
wäre ein entschiedener Mangel an Takt und Erziehung, 
wenn ich Dir nicht noch einmal in diesem Brief von 
ganzem Herzen danken würde. Die ganze Reise war 
für mich ein dauernder Hochgenuß, aber sie war mehr. 
Die Marineartillerieschule, die mir auf Deinen Befehl 
gezeigt wurde, ist der wichtigste Teil in der Ent- 
wicklung der Flotte und ihrer Vorbereitung fürs „Ge- 
schäft^^ Durch diese Erlaubnis hast Du mir -^inen 
besonderen Grad Deines Vertrauens bewiesen, eine 
Revanche für das, was ich Dir in Danzig zeigte, etwas, 
>vas den Besucher mit vollstem Vertrauen erfüllt, das 
nur zwischen Männern denkbar ist, welche dieselben 
Ideen und Prinzipien vertreten, und was zwischen zwei 
Monarchen vereinte Arbeit in der gemeinsamen An- 
gelegenheit, den Frieden ihren Ländern zu erhalten, 
bedeutet. Dieses Vertrauen und dieser Glauben, den 
Du in mich gesetzt hast, bedeutet, wie ich Dir wohl 
versichern kann, daß ich mich nicht ins Unrecht setzen 
werde, denn ich werde mich voll revanchieren. Dies 
möge Dir die Tatsache beweisen, daß die geheimen 
Pläne meiner neuesten Schiffe, die sonst für den Frem- 
den nicht bestimmt sind, Dir eingehändigt und der 

56 



Diskretion Deiner Marinebehörden anvertraut werden. 
Hierzu bemerke ich, daß wir beide das gleiche Interesse 
an der Entwicklung unserer Flotten haben, daß die 
Liebe zur See uns angeboren ist. Es wird genügen, 
zu zeigen, daß wir auf unsere beiden Marinen wie auf 
eine große Organisation bUcken müssen, die dem 
einen großen Kontinent gehört, dessen Interesse es 
sein muß, an seinen Küsten und auf dem ausgedehnten 
weiten Meere Wache zu halten. Dies bedeutet tat- 
sächlich den Frieden der Welt. 

Denn als Lenker zweier leitender Mächte der beiden 
großen Kontinentalverbände vermögen wir unsere An- 
sichten über eine allgemeine Frage, die ihre Inter- 
essen berührt, auszutauschen, und sobald wir über- 
eingekommen sind, wie wir diese Frage behandeln 
wollen, können wir auch unsere Alliierten dazu brin- 
gen, dieselbe Anschauung anzunehmen, so daß die bei- 
den AlHanzen, d.h. die fünf Mächte, wenn sie entschlos- 
sen sind, den Frieden zu erhalten, die Welt friedlich 
bleiben und die Segnungen des Friedens genießen las- 
sen werden. Es ist eine lebhafte Erklärung der Tat- 
sache, daß die beiden Allianzen das Gleichgewicht von 
Europa und der Welt aufrechterhalten, wenn sie durch 
die jährlichen Zusammenkünfte ihrer beiden Leiter, 
die ihre Ansichten austauschen, in enger Verbindung 

miteinander stehen. 

i> 

Dies ist um so notwendiger, als gewisse Anzeichen 
im Osten darauf hinzudeuten scheinen, daß Japan ^ 
wieder ein unruhiger Kunde wird, und daß die Situation 
aller Kühle und Entschiedenheit der Friedensmächte be- 
nötigt. Die Nachricht von der Ernennung des japa- 

' Japan hatte Ende Januar 1902 mit England seinen ersten 
Bündnisvertrag geschlossen. 

57 



nischen Generals Yamai, des früheren Führers der 
japanischen Truppen in China, zur Gesandtschaft in 
Peking, um dort die Reorganisation des chinesischen 
Heeres in Angriff zu nehmen, mit dem uneingestande- 
nen Zweck, alle Fremden aus China zu vertreiben, ist 
eine sehr ernste Tatsache. 20 — 30 Millionen waffenge- 
übter Chinesen, die durch ein halbes Dutzend japani- 
scher Divisionen unterstützt und von unerschrockenen, 
die Christen hassenden japanischen Offizieren geführt 
werden, das ist ein Zukunftsbild, das man nicht ohne 
Besorgnis betrachten sollte und das keineswegs un- 
möglich ist. Das ist wirklich die zur Realität gewordene 
„gelbe Gefahr^^ die ich vor einigen Jahren zeichnete, 
wegen welches Bildes ich von dem größten Teil der 
Menschen ausgelacht worden bin. 

Da es Dich interessiert, wie die Verteilung der See- 
streitkräfte sich, im Falle Komplikationen im Osten 
eintreten sollten, gestaltet, habe ich eine rohe und 
ungefähre Schätzung aufgestellt, welche die Form einer 
Tabelle angenommen hat, die ich Dir unterbreite. Die 
Zahlen sind nicht genau, da der Schiffsstand ständig 
wechselt, aber sie können so als ein allgemeiner Leit- 
faden dienen. Die vor der Vollendung stehenden Schiffe 
sind mitgezählt, einige der ältesten und einige kleinere 
sind beiseite gelassen. 

Die Manöver sind sehr gut ausgefallen, und das 
fünfte Korps hielt sich so gut, wie Du es bei Görlitz 
gesehen hast. Jeder war erfreut. Deine Offiziere und 
den Gouverneur General Tschertkoff zu begrüßen. Ich 
danke Dir sehr dafür, daß Du ihr Kommen gestattetest, 
und ich bin ganz entzückt über die Haltung des präch- 
tigen alten Soldaten, der sich genau so gab, wie Du 
ihn beschrieben hast. Ich habe ihm den Schwarzen 

58 



Adler verliehen, um zu zeigen, wie ich seinen Besuch 
schätzte. Er, wie alle Deine übrigen Offiziere, die 
einen ausgezeichneten Eindruck auf mich machten, 
waren sehr bekümmert und natürhch auch wir alle, 
einschließlich meiner Frau, über den Unfall, den AHx 
erlitten hat. Gott gebe ihr bald wieder die Genesung; 
möge es ohne üble Folgen bleiben. Mit herzlichem 
Gruß von Viktoria und meinerseits an Euch beide 
verbleibe ich 

Dein wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 
Admiral des Atlantischen Ozeans. 

Berlin, 14. I. 1903. 

Mein liebster Niki! 
Diese Zeilen werden Dir von meinem Jungen über- 
bracht werden. Meine Schwester nennt ihn stets Billy 
Nummer zwei oder den kleinen Billy, um ihn von 
seinem Vater zu unterscheiden. Ich empfehle ihn 
Deinem freundlichen Schutz und hoffe, daß Du mit 
seinem Betragen zufrieden sein wirst. Er ist noch sehr 
jung und beginnt sich erst selbst zu formen, so daß, 
falls er irgendwelche Böcke schießen sollte. Du sie 
freundlich übersehen mögest. Außer diesem Schreiben 
bringt er Dir eine Anzahl von Geschenken, die ich 
Dir nicht früher senden konnte. Erstens ein großes 
Modell unserer neuen H-Klasse von Schlachtschiffen, 
von dem Du in Reval sagtest, daß Du es gern an- 
nehmen wirst. Schimmelmann kann es Dir gelegent- 
lich erklären. Zweitens ein Aquarellalbum, das die 
Geschichte der Formen und Farben unserer Regiments- 
fahnen und Standarten seit dem Großen Kurfürst bis 

59 



auf meine Zeit darstellt. Die erste Hälfte reicht von 
der Zeit des Großen Kurfürst bis 1806, die zweite bis 
1900. Drittens sämtliche Uniformen, Waffen, Kürasse 
und Abzeichen, die zu Deinem neuen Kürassierregiment 
gehören, von denen ich hoffe, daß sie Dir passen. 
Sie werden Dir von meinem alten Kammerdiener, den 
Du in Reval gesehen hast, „Vater Schultz", über- 
bracht. Er soll Deinen „Mann" darüber unterrichten, 
wie man diese verschiedenen Dinge anlegt. Viertens 
einige Broschüren und Magazine, für die Du vielleicht 
in Deinen Mußestunden Interesse hast. 

Was die Farben unserer Armee betrifft, so habe ich 
eine Bitte an Dich. Auf der ersten Tafel, welche die 
Abzeichen aus der Zeit des Großen Kurfürsten dar- 
stellt, befinden sich die ersten Abzeichen, die dem 
Garderegiment des ersten Königs gehören und von 
ihm nach seiner Krönung als Friedrich I. verliehen 
wurden, blau mit goldenen Flammen, Kronen und 
Adlern und weiß mit schwarzen Adlern und goldenen 
Kronen. Die Standarten wurden in unserem Arsenal 
bis zum Siebenjährigen Krieg aufbewahrt, in welchem 
sie von den russischen Truppen, die damals Berlin 
besetzten, mit manch anderen Dingen aus dem Arsenal 
tbrtgenommen wurden. Wir haben jetzt große Mühen 
und Schwierigkeiten, die Geschichte unserer Stan- 
darten wieder zu schreiben, und ich würde Dir dank- 
bar sein, wenn Du die Güte hättest, zu gestatten, daß 
sie in Aquarell oder Öl nach den Originalen kopiert 
werden, so daß wir eine wahrheitsgetreue Wiedergabe 
der Originale, wie sie in Petersburg aufbewahrt werden, 
hätten. Hoffentlich geht alles gut und hat mein Sohn 
das Vergnügen, Dich zu sehen. Ich verbleibe immer 
Dein wohlgesinnter Freund und Vetter 

Billy Nr. 1. 
60 



Neues Palais, 19. XL 1903. 
Liebster Niki! 
Ich kann unmöglich den plötzlichen und traurigen 
Tod des süßen kleinen Sonnenscheins übergehen, ohne 
Dir ein Wort zu senden und Dir zu sagen, wie tief 
ich mit Euch allen in diesem traurigen Falle fühle. Es 
ist sehr schwer, die Tatsache zu begreifen, daß dieses 
Hebliche Kind nicht mehr unter uns weilt. Wie freudig 
und lustig war sie damals in Wolfsgarten, als ich dort 
war, so ganz Leben, Scherz und Gesundheit, und nun 
zu denken, daß man sie niemals wieder auf dieser Welt 
sehen soll. Was für ein schrecklicher, herzzerreißender 
Schlag für den armen Erni, der so vernarrt in sie war 
und jene kleine Zauberin so anbetete. Möge der 
Himmel ihm die Kraft verleihen, solch einen Schlag 
zu ertragen! — Ich stehe noch ganz unter dem Ein- 
druck der reizenden beiden Tage, die ich mit Dir ver- 
bringen konnte. Sie bleiben mir ein liebes Andenken. 
Du erinnerst Dich an unsere Unterhaltung über den 
Balkan und die Türkei und an mein letztes Telegramm 
mit Anweisungen an meinen Botschafter, dem Sultan 
eine energische Lektion zu erteilen, daß es höchste 
Zeit für ihn sei, sich endlich nach dem Mürzsteg!- 
programm^ zu richten? Nun, diese Instruktionen haben 

* Das Mürzstegprogramm über die Balkanfragen wurde im 
Oktober 1903 zwischen Österreich und Rußland anläßlich eines 
Besuches des Zaren mit seinem Minister des Äußern Lambsdorff 
bei Kaiser Franz Joseph in Anwesenheit des österreichischen 
Ministerpräsidenten Goluchowski abgeschlossen. Es wurde die 
Souveränität des Sultans anerkannt, dem Generalgouverneur von 
Mazedonien (Hilmi Pascha) aber zwecks Herbeiführung von Re- 
formen für die Christen ein österreichischer und russischer Zivil- 
agent an die Seite gesetzt. Die Pforte verschleppte aber die Re- 
formen, leistete passiven Widerstand und baute nur langsam die 
zerstörten Häuser der Christen wieder auf, die kleinen Balkanstaaten 
waren mit dem Mürzstegprogramm ebenfalls unzufrieden, da ihr 
Einfluß in Mazedonien durch die Großmächte lahmgelegt wurde. 

61 



zu einer Unterhaltung zwischen meinem Botschafter 
und dem Sultan vor einigen Tagen geführt, die \^k 
Stunden dauerte. Der Sultan war sehr zähe und blieb 
sehr fest bei seiner Idee, daß eine Weigerung, die 
Wünsche Rußlands und Österreichs zu erfüllen, die von 
mir unterstützt waren, ihm keinen großen Schaden 
bringen würden. Der Botschafter mußte jeden Kraft- 
ausdruck, der ihm gegenüber einem Monarchen nur 
erlaubt war, anwenden, um die Schwere der Situation 
seiner Majestät beizubringen und verließ ihn als seinen 
niedergeschlagenen, aber weiseren Mann, nachdem er 
ihm völlig klar gemacht hatte, daß er auf keinen Fall, 
wo immer ich meine Hand zu seiner Unterstützung 
erheben oder ein Wort für ihn sprechen würde, sich 
und sein Land in schwere Folgen stürzen dürfe, da- 
durch, daß er sich weigere, die Wünsche des russi- 
schen und österreichischen Kaisers zu erfüllen, die eine 
geradezu engelhafte Geduld und Nachsicht mit seinem 
Betragen gehabt hätten, und die in striktester Weise 
sich an das Februar- und Mürzstegprogramm, das von 
mir unterstützt würde, hielten. Der Botschafter steht 
unter dem Eindruck, daß sehr lebhafte Palastintriguen 
unter einer Bande von Werkzeugen schlimmster Natur 
umgingen, die den Sultan umgeben, und die mit un- 
glaublichen Lügen seine Gutgläubigkeit mißbrauchen 
und den Großvezier, dessen Einfluß von ihnen ge- 
fürchtet wird, der tatsächlich in vollster Harmonie und 
in Übereinstimmung mit unseren drei Botschaftern 
steht, entfernen möchten. 

Eine weitere interessante Nachricht erreichte mich 
aus Sofia. Der Fürst der Erzverschwörer gab in einer 
Unterhaltung nach dem Diner seiner und seines Landes 
stärksten Unzufriedenheit über das Mürzstegprogramm 

62 



Ausdruck. Dies wäre nicht genug für sie, sie müßten 
darauf drängen, noch mehr zu erhalten. Aber da er 
ganz gut weiß, daß die kaiserHchen Mächte nicht 
mehr gewähren, haben sich alle in Bulgarien an Italien, 
England und Frankreich gewandt! Von diesen Ländern 
allein hofft man für die Zukunft Bulgariens und Maze- 
doniens. Sie allein würden Freiheit, d. h. Parlament 
und Republik, den unterdrückten Balkanvölkern bringen. 
Dies zeigt Dir, worauf ich in unserer Unterhaltung an- 
spielte, daß die „Krimkombination^^ ^ in Bildung be- 
griffen ist und gegen die russischen Interessen im Osten 
arbeitet. Die demokratischen Länder, die durch Parla- 
mentsmajoritäten regiert werden, gegen die kaiser- 
lichen Monarchien, die Weltgeschichte rollt sich ab, 
um sich selbst zu wiederholen. Mit herzlichen Grüßen 
an Alix und in der Hoffnung auf ihre baldige Wieder- 
herstellung verbleibe ich immer 

Dein stets ergebener Freund und Vetter 

Willy. 

Neues Palais, 4. XII. 1903. 

Mein liebster Niki! 
Beigeschlossen sende ich Dir einiges interessantes 
Material zu Deiner Zerstreuung, Artikel über Poliük, 
über Marinefragen, eine Beschreibung der Überschwem- 
mungen in Petersburg, von der ich nicht weiß, ob sie 
richtig ist, und eine illustrierte Zeitschrift über die 
letzten Manöver. Vielleicht wirst Du ein Thema finden, 
das Dich an unsere letzte Unterhaltung erinnert und 
das Dir zeigt, wie die Entwicklung der Ereignisse auf 
Europa wirkt, vielleicht etwas verschieden von dem 

^ Der engere Zusammenschluß Englands, Frankreichs und 
Italiens in Anspielung auf den Krimkrieg (1854). 

63 



Standpunkt, den man in St. Petersburg hat. Wenn es 
alte Nachrichten sind, verzeih mir bitte, aber wie Du 
in Wolfsgarten sagtest, es komme nicht darauf an, 
vorausgesetzt, daß es Nachrichten sind, die sich auf 
unsere gemeinsamen Interessen und auf die Sicher- 
heit unserer beiden Nationen beziehen, so wage ich 
es doch, sie Dir zu schicken. Sie stammen aus Aus- 
schnitten ganz verschiedener Nachrichtenbureaus und 
Zeitungen. Wie bin ich froh darüber, daß Alix wieder 
ganz auf dem Posten ist und frei von jenen furchtbaren 
Schmerzen! Die Schußergebnisse waren sehr gut, und 
ich wünsche Dir von ganzem Herzen Waidmanns Heil. 
Ich sende Generaladjutant von Löwenfeld nach Lon- 
don, um das große Verdienstkreuz (25 Jahre) Onkel 
Arthuri zu überbringen und um gleichzeitig die Stim- 
mung und die öffentliche Meinung hinsichtlich der 
Orientfrage kennen zu lernen. Seine Mutter ist eine 
Engländerin, und auch er spricht die Sprache sehr gut. 
Was er sah und hörte, werde ich Dich wissen lassen. 
Die kommandierenden Offiziere meiner Truppe in 
China sind schon seit langer Zeit angewiesen, in aller 
Stille die Auseinandersetzungen zwischen japanischem 
und chinesischem Militär und den wachsenden Ein- 
fluß Japans auf die chinesische Armee zu überwachen. 
Vor zwei Tagen erhielt ich einen Bericht, daß die 
Japs heimlich mit den Chinesen hinter Deinem und 
meinem Rücken gemeinsame Sache gegen uns machen, 
daß sie ein geheimes Abkommen mit China geschlossen 
haben, um die chinesische Armee mit 20 000 neuen 
Repetiergewehren, Munition, 48 Feldkanonen und 12 
Schnellfeuer-Gebirgsgeschützen und Munition dafür bis 



' Prinz Arthur Herzog von Connaught, Bruder der Kaiserin 
Friedrich. 

64 



zum nächsten Sommer versorgen wollen. Die chine- 
sischen Truppen exerzieren Tag und Nacht und, wie 
die Leute, welche sie z. B. in Pao-ting-fu beobachten, 
sagen, auffallend gut, unter dem Kommando von japani- 
schen Instruktionsoffizieren, deren Zahl ständig wächst. 
Nette Sachen! Ich denke, den Chinesen sei es nicht 
gestattet, Japaner in ihrer Armee zu haben. Letztere 
erwecken sicherlich in den Chinesen Hoffnungen und 
flößen ihnen allgemeinen Haß gegen die weiße Rasse 
ein. Sie bedeuten eine schwere Gefahr in Deinem 
Rücken, falls Du einen japanischen Angriff von der 
Seeseite vor Dir hast. Verzeih meine Freimütigkeit, 
die ich mir genommen habe, ich hoffe, daß der Ad- 
miral des Stillen Ozeans nicht böse sein wird auf die 
Warnzeichen des Admirals des Atlantic, der immer 
auf der Wacht ist. Ta! Ta! 
Herzlichen Gruß an Alix von 

Deinem ergebenen Freund und Vetter 
toujours en vedette 

Willy. 

Neues Palais, 9. I. 1Q04. 
Liebster Niki! 
Nur eine Zeile, um Dir zu sagen, wie meine Ge- 
danken mit Dir in dieser schweren Zeit beschäftigt 
sind. Möge Gott geben, daß alles milde ausläuft und 
daß die Japs^ zur Vernunft kommen, trotz der wahn- 

^ Japan hatte seit Jahrhundertbeginn gegen Rußland gerüstet. 
Dieses lenkte 1902 in der Mandschureifrage ein und schloß mit 
China einen Vertrag, demzufolge es seine Truppen in 1 '/» Jahren 
aus der Mandschurei zurückziehen sollte, ohne dies indessen 
zu tun, was Japan, das anfangs mit dem Losschlagen noch war- 
ten wollte, jetzt zur Beschleunigung seiner Rüstungen veranlaßte. 
Rußland richtete eine Statthalterschaft (Alexejew) im fernen Osten 
ein. Japan forderte die Räumung der Mandschurei. 
5 65 



sinnigen Hetze der feilen Presse eines gewissen Landes, 
das auch Geld gegeben hat, um es in den japanischen 
Mobilisationsabgrund zu schmeißen. Ich danke Dir 
für den Bericht, den Du mir offiziell durch Osten- 
Sacken gesandt hast. Er ist sehr klar und wird ohne 
Zweifel zu einer Festigung des Friedens führen. Ich 
hoffe, er wird die Gefühle der unverschämten Kriegs- 
partei in Japan beruhigen, wie er sicherlich auch die 
übrigen Mächte befriedigen wird, die für ihren Handel 
besorgt sind, dem einstmals offene Tür versprochen 
war. 

Ich sende Dir ein Exemplar der Marinerundschau 
mit einem Artikel über gepanzerte Kreuzer, der von 
L. geschrieben ist, ein Pseudonym, unter dem ich 
selbst mich verberge, denn ich schrieb ihn, aber nie- 
mand hat eine blasse Ahnung davon außer Tirpitz. Als 
Material für meinen Artikel, der im November ge- 
schrieben wurde, habe ich sehr interessante Einzel- 
heiten über „Rivadavia*^ und „Moreno*^ erhalten, das 
jetzt Japan von England angeboten wird, das damals 
für Argentinien Schiffe baute. Diese Pläne, welche 
ganz vertraulicher Natur sind und mir mit aus- 
drücklicher Erlaubnis des Präsidenten der argentini- 
schen Republik überlassen w^urden, wurden mir von 
Amalde übersandt. Da Dich die Schiffe vermutlich 
interessieren, so sende ich Dir den Atlas zu Deinem 
persönlichen Gebrauch. Ich denke, die Schiffe 
sind ein vollkommener Typ der Stahlpanzerkreuzer, 
da sie große Tragkraft bei geringer Tonnage besitzen. 
(Multum in parvo.) Sie kosten pro Stück 15 Millionen 
Francs, was nicht zu viel ist. Mögen Deine Leute nicht 
gegen sie zu käm.pfen haben. Es ist wirklich sehr 
schade, daß Du sie nicht gekauft hast. Der Zeitungs- 
66 



ausschnitt zeigt, was gewisse Leute Neutralität nennen. 
Mit den besten Wünschen für ein glückliches neues 
Jahr und den Frieden, in der Hoffnung, daß ich Dich 
demnächst treffe und mit den wärmsten Grüßen an 
Alix 

Dein immer wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

P. S. Verzeih mir, wenn ich Dich so oft mit Tele- 
grammen belästigt habe, aber Du sagtest mir in Wolfs- 
garten, daß Du mir für jede Nachricht dankbar wärst, 
die wert sei, daß ich mich ihrethalben mit Dir in 
Verbindung setze. Ich vertraue selbstverständ- 
lich auf Deine Diskretion, da diese Tele- 
gramme lediglich für Dich bestimmt sind. 

Admiral des Atlantischen Ozeans. 

Berlin, 11. II. 1904. 

Liebster Niki! 
Die Antwort auf Deine freundliche Gratulation zu 
meinem Geburtstag, die mich so glücklich machte, hatte 
ich schon begonnen, als die Ereignisse eintraten, die 
zum Kriege zwischen Dir und Japan ^ führten. Ich 
hielt es daher für besser, auf eine Art Nachricht vom 
Dir zu warten, in welchem Falle ich Dir hätte ant- 
worten können. Der Ausbruch der Feindseligkeiten 
hat schlimme Folgen für Deine tapfere Marine gehabt, 
die mich tief bewegten. Wie könnte es anders der 
Fall sein, da ich nun einmal russischer Admiral und 
nur allzu stolz auf diesen Rang bin. Die schweren Er- 
eignisse haben offenbar gezeigt, daß die warnenden 

» Ausbruch des Krieges 9. 2. 1904. Überfall der Japaner auf 
die Russische Flotte in Port Arthur, Vernichtung des „Zesare- 
witsch und Rehysan", zweier großer russischer Schlachtschiffe. 

£♦ 67 



Nachrichten, die ich Dir durch meine Chiffredepeschen 
senden konnte, absolut richtig waren, und daß seit 
langer Zeit die japanische Regierung Ernst machte, 
und sich für den Krieg entschloß. Einen Teil der 
Schiffe in Port Arthur kenne ich durch meine Besich- 
tigung und ebenso ihre Offiziere und Mannschaften. 
Mein Herz ist voll von Mitleid für die armen Familien, 
die durch den Verlust so zahlreicher Männer getrof- 
fen sind. 

Ich kann mir wohl denken, wie schwer Du in Deinem 
Herzen fühlen mußt, daß alle Deine Mühen, den Frie- 
den zu sichern, nichts genützt haben. Aber andererseits 
gibt Dir dies ein gutes Gewissen, ein reines Bewußt- 
sein, das einen Mann, ich habe es oft gesagt, ohne 
Tornister und Gepäck ins Gefecht gehen läßt. Es 
scheint, als ob der Himmel, auf dessen Hilfe wir beide 
vertrauen, gewollt hat, daß es so sein sollte, dann 
mußt Du die Ereignisse im Lichte einer Prüfung' 
für Dich und Dein Land ansehen, das Dich und das 
Volk befähigen wird, die größten Fähigkeiten, die in 
den Russen schlummern, zu zeigen und zu entwickeln, 
die sie schon einmal in den großen Zeiten der ersten 
Jahre des 19. Jahrhunderts bewiesen haben. 

Es ist mein Wunsch, Deine gütige Genehmigung vor- 
ausgesetzt, daß, wenn irgend möglich ein Prinz meines 
Hauses Deine Truppen begleiten soll, um als Zu- 
schauer die Kriegskunst zu erlernen. Ich möchte Prinz 
Friedrich Leopold, meinen Schwager, wählen, der dar- 
auf brennt, zu gehen, und auch russisch spricht. Viel- 
leicht läßr Du mich freundlich wissen, ob meine Bitte 
gewährt werden kann. 

Sei versichert, daß meine Gedanken Tag und Nacht 
bei Euch weilen. Ich sende Dir diesen Brief durch 
68 



Schenk, Deinen Oberst, der Dir Helm und Mütze 
überbringen wird, die das Alexanderregiment Dich 
anzunehmen bittet. Ich flehe, daß der Himmel Dich 
und Deine gesamte FamiHe in den kommenden Zeiten 
schirmen und schützen möge. Wärmsten Gruß an Alix 
und an Deine Mutter von 

Deinem immer ergebenen Freund und Vetter 

Willy. 

P. S. Die Nachrichten, die ich Dir vor einem Monat 
übermittelte, betreffs des Waffenverkaufs Japans an 
China (Juan-shi-kai) haben sich bestätigt. Ich habe es 
fertig bekommen, eine Kopie des Vertrages, der im letz- 
ten Oktober mit der Firma Okwa und Co. unterzeich- 
net wurde, zu erhalten. Es handelt sich um 1.) 14000 
neue japanische Infanteriegevvehre (Meyji) mit Patro- 
nentaschen usw. und 22 Maschinengewehre nebst 
7 Millionen Patronen zu liefern in Tientsin nächsten 
April. 2.) 48Arisaka Feldkanonen 7,5 cm pro Stück 5668 
Yen, 12 Arisaka Gebirgskanonen 7,5 cm 1710 Yen 
pro Stück, 48 Munitionswagen, 5 Schmieden, 200 Gra- 
naten, 200 Schrapnells pro Kanone je 10 bzw. 8 Yen. 
Das Rohmaterial wird in Frankreich (Creuzot) bei 
Deinem Verbündeten hergestellt und soll in Japan 
weiter verarbeitet werden. Die Lieferung war für Mai 
nächsten Jahres in Tientsin angesetzt. Der Vizekönig 
von Nanking hat bei der gleichen Firma im September 
1903 200 000 Munitionskasten und Tornister für 70 000 
Mann bestellt. 

Gaeta, 29. III. 1904. 
Liebster Niki! 
Du wirst Dich sicherHch für meine Fahrt ins Mittel- 
meer sehr interessieren. Unsere Reise auf dem mäch- 

69 



tigen Lloyddampfer „König Albert" war ganz pracht- 
voll. Wir hatten immer glatte See, selbst die Bay von 
Biskaja gnch dem See in Peterhof. Wenn wir etwas 
Brise oder Seegang hatten, erhielten wir sie von hin- 
ten. Das mächtige Schiff, es hatte einen Tonnengehalt 
von 15 — 16 000 t, war sehr behaglich, ohne eine Be- 
wegung, keine Erschütterung von den Maschinen, hielt 
sich gut und wurde von seinem erstklassigen Kapitän 
glänzend geführt. Die Küche war ausgezeichnet, die 
Gesellschaft sehr lustig. Wie schade, daß Du nicht 
hier sein konntest, wie würdest Du Dich über alles 
gefreut haben. Die spanische Küste ist sehr schön, aber 
ohne Vegetation; Vigo ein großer Hafen, der Platz 
für alle Motten der Welt hat. Britische Flotten kom- 
men hier jeden Monat zu Besuch her, Heinrich war 
hier im letzten Jahr mit unserm Geschwader. Die 
Meerenge ist imponierend, aber Gibraltar ist einfach 
überwältigend. Das ist wohl das Großartigste, was ich 
jemals sah; Worte sind einfach unmöglich, um die 
leiseste Idee davon zu geben. Großartig in seiner 
Natur und durch die militärischen Befestigungen, die 
hier auf und um den Felsen errichtet sind, in militä- 
rischen Kreisen fand ich \äel Interesse an dem Krieg, 
aber keine Vorbereitung dafür und keine (Stimmung) 
gegen Rußland. Port Mahon ist eine ruhige und sehr 
reinliche spanische Stadt mit einem hübschen, land- 
einwärts gelegenen Hafen, so etwa wie Malta im klei- 
nen. Neapel ist zu lieblich und entzückend. Sommer- 
klima, Blumengärten, namentlich Orangenbäume, voll 
von Orangen. Der König war munter und sehr an 
dem Krieg interessiert, den er genau studiert. Er 
erwähnte, daß er Nachrichten über die Mobilisation 
der Truppen aus Turkestan und dem Kaukasus habe. 



die sich bereits in Bewegung setzten. Ich hielt dies 
für ganz unwahrscheinhch und sagte, daß ich niemals 
etwas davon gehört habe. Ich sprach mit ihm über den 
Balkan, der scheinbar wie stets auf ihn eine große An- 
ziehungskraft besitzt, und sagte, daß sich hier nichts 
ereignen würde, da die Großmächte entschlossen 
seien, nicht irgendeinen Unsinn von irgendeiner 
Seite zuzulassen. — So nebenbei sehe ich aus den 
Zeitungen, daß unser Handelsvertrag auf einen toten 
Punkt gekommen zu sein scheint. Ich denke, daß 
die Geheimräte und Tschinowniks in süßen Schlum- 
mer gefallen sind, nachdem sie eine Menge Tinte ver- 
schmiert haben, mehr, als tatsächhch gut ist. Ich würde 
etwas darum geben, den Spaß zu sehen, wenn Du 
plötzUch mit Deiner kaiserlichen Faust auf den grünen 
Tisch schlagen und Deinen Faulpelzen einen Puff geben 
würdest. Schheßhch kann einer doch nicht ewig war- 
ten, wenn man denkt, daß sie schon so viele Monate 
mit dieser Angelegenheit vertrödelt haben. Die Aussich- 
ten auf einen niedlichen Picknick in Sibirien würden 
sicherlich Wunder tun. Vielleicht würde es den Gang 
der Angelegenheit beschleunigen, wenn Du ein gro- 
ßes Tier nach Berhn stracks zu Bülow schicken wür- 
dest und das ganze Spiel mit ihm persönHch beenden 
Heßest, und zwar einen Mann von großen Fähigkeiten 
und sehr gewandt in solchen Dingen, das würde gut sein. 
Morgen fahren wir nach Sizilien und Messina ab, wo 
wir die Osterwoche zu verleben gedenken. Lebe wohl, 
mein liebster Niki, Gott behüte Dich und sei mit Dir 
in all dieser schweren Zeit. Du weißt, daß meine Ge- 
danken jetzt bei Dir sind. Herzlichsten Gruß an Alix. 
Dein wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

71 



Berlin, 6. VI. 1904. 

Liebster Niki! 

Dein lieber Brief, den Krupensky^ mir vor zwei 
Tagen überbrachte, hat mich tief gerührt. In diesen 
Tagen, die für Dich, Dein Heer und Dein Land eine 
Prüfung bedeuten, ist es doppelt freundlich von Dir, 
mir so viel Zeit zu gönnen. Aber da es andererseits 
so ist, so fühle ich mich sehr stolz, da ich aus die- 
ser Tatsache entnehme, daß Du auf mich als Deinen 
wirklichen Freund zählst, wie Du es recht aus- 
drückst. So ist es! und Jean kann Dir versichern, daß 
niemand all den Phasen des Krieges mit größerem 
Interesse und mit größerem Eifer folgt, als ich. Deine 
Bemerkung über Kuropatkin - war eine vollkommene 
Offenbarung für mich. Ich bin sehr erstaunt über seine 
Kurzsichtigkeit, daß er nicht unbedingt Deinen Be- 
fehlen gehorcht. Er hätte Deine Ratschläge um so 
mehr befolgen müssen, da Du doch selbst in Japan 
gewesen und daher doch ein viel kompetenterer Be- 
urteiler der Japs bist, als er. Deine Warnungen w^aren 
völlig richtig und sind durch die Tatsachen voll be- 
stätigt worden. Ich hoffe zum Himmel, daß der General 
nicht den endlichen Erfolg Deiner Streitkräfte aufs 
Spiel setzt, indem er sie einem „ ?? ^^ ausHefert, 
bevor seine gesamten Reserven sich mit ihm vereinigt 
haben, die, wie ich glaube, zum Teil noch unterwegs 
sind. Das alte Sprichwort Napoleons I. bewahrheitet 
sich noch, daß der Sieg nur bei den stärksten Batail- 
lonen ist. Man kann niemals zu stark für die Schlacht 
gerüstet sein, namentlich was die Artillerie anbetrifft. 

^ Russischer Diplomat, zeitweise Gesandter in Tokio. 
2 1903 Kriegsminister, 1904 bei Ausbruch des Krieges Ober- 
befehlshaber, jedoch dem Statthalter Alexejew untergeordnet. 

72 



Eine absolute Überlegenheit muß zweifellos vorhanden 
sein, um den Sieg zu sichern. 

Ich hatte über den Krieg eine interessante Unter- 
haltung mit dem französischen Militärattache, der auf 
meine Bemerkung, daß ich es sehr erstaunlich finde, daß 
die Franzosen, Deine AUiierten, nicht ihre Flotte her- 
untersandten, um Port Arthur offen zu halten, bis 
Deine baltische Flotte angekommen sei, nur erwiderte, 
das sei wahr, aber man habe mit andern Mächten zu 
rechnen. Nach mancherlei Winken und Anspielungen 
fand ich das heraus, was ich immer befürchtet hatte, 
nämhch, daß das enghsch-französische Übereinkommen 
den einen Hauptzweck habe, nämlich, die Franzosen 
abzuhalten, Dir zu helfen. Es erübrigt sich, zu be- 
merken, daß wenn Frankreich die Verpflichtung ge- 
habt hätte. Dich mit seiner Flotte oder seinem Heer 
zu unterstützen, ich natürlich nicht einen Finger ge- 
rührt haben würde, um es zu verletzen, denn das 
würde ganz unlogisch für den Autor des Gemäldes 
„Gelbe Gefahr^^ gewesen sein. 

England wird zur rechten Zeit sicherHch seine Be- 
mühungen erneuern, um Dir Vermittlungsvorschläge zu 
machen. Es ist tatsächlich die besondere Mission Har- 
dinges \ wie ich weiß, obgleich Du schon so schroff 
diese Vorschläge abgewiesen hast. England ist um 
sein Geld bange und möchte Tibet billig bekommen. 
Ich werde sicher versuchen, Onkel Bertie-, sobald ich 
ihn treffe, abzuraten, Dich mit irgend solchen Vor- 
schlägen w^eiter zu belästigen. Sollte im Laufe der 
Ereignisse eine Ermittlung Dir angezeigt sein, so ist 
es klar, daß der erste Wunsch dafür von Dir aus^ 



* Britischer Botschafter in Petersburg. 
' König Eduard VII. von England. 



73 



gehen müßte, und Du kannst sicher sein, daß ich 
immer zu Deiner Verfügung stehe. Ich beglückwünsche 
Dich zu der Tapferkeit und zu der Tüchtigkeit Deiner 
Soldaten und Deiner Matrosen, die alles Lob verdienen 
und die sehr gut gefochten haben. Ich habe über 
Deinen Einfall betreffs des Handelsvertrages nachge- 
dacht und darüber mit dem Kanzler gesprochen. Wir 
haben kein besonderes Interesse an dem Platze, wo 
die Unterhandlungen abgeschlossen werden sollen, aber 
da Du so freundlich angeboten hast, Witte hinüber zu 
senden, werden wir seine Ankunft sehr begrüßen, und 
je früher Du ihn ermächtigst zu unterhandeln, desto 
besser für unsere beiden Länder. Ich habe Major Graf 
Lambsdorff, meinenpersönlichenAdjutanten, zumMilitär- 
attache ausgewählt. Er ist durch mich unterrichtet, 
sich als ausschließlich Dir attachiert zu betrachten, wie 
es in den Tagen Nikolaus I. und Alexander II. ge- 
handhabt wurde. Er ist für seine Berichte mir allein 
verantwortlich, und es ist ihm ein für allemal verboten, 
sich mit irgendeinem, sei es Generalstab, Auswärtiges 
Amt oder Kanzler in Verbindung zu setzen. So kannst 
Du ihn mit einer Botschaft, Anfrage, Brief usw. für mich 
beauftragen und ihn in jeder Weise als ein direktes 
GHed zwischen uns beiden betrachten. Solltest Du 
mir einen Herrn Deines Gefolges senden, der Dein 
vollstes Vertrauen besitzt, so werde ich ihn mit Ver- 
gnügen aufnehmen, denn ich denke, es ist während 
dieser schweren Ereignisse sehr notwendig, daß Du 
Dich rasch mit mir „le cas echeant^^ in Verbindung 
setzt, ohne den schleppenden und indiskreten Appa- 
rat der Reichskanzlei, Gesandtschaft usw. Ich wun- 
dere mich, was ich von Onkel Bertie in Kiel hören 
werde. Auf alle Fälle werde ich Dich auf dem lau- 
74 



fenden halten. Nun lebe wohl, liebster Niki, herzlichen 
Gruß an Alix und Deine Mutter und Gott schütze 
Euch alle. Dies ist der aufrichtigste Wunsch 
Deines immer wohlgesinnten Freund und Vetters 

Willy. 

Schloß Wilhelmshöhe, 19. VIII. 1904. 

Liebster Niki! 
Was für ein reizender Gedanke war es von Dir, 
mich zu fragen, ob ich Pate Deines kleinen Jungen 
werden wolle. Du kannst Dir denken, wie groß unsere 
Freude war, als wir Euer Telegramm, das uns seine 
Geburt anzeigte, lasen. Was lange währt, w^ährt gut, 
sagt ein altes deutsches Sprichwort. So mag es auch 
bei diesem kleinen Kerl sein. Möge er ein tapferer 
Soldat und ein weiser und mächtiger Staatsmann wer- 
den, möge Gottes Segen immer auf ihm ruhen und ihn 
vor allem körperlichen und seehschen Leid schützen. 
Möge er Dir zeitlebens ein Sonnenschein, wie er es jetzt 
in der Zeit der Prüfung ist, sein. Heinrich bringt diese 
Zeilen und meine aufrichtigsten Wünsche für Dich, Alix 
und den Jungen. Als Gabe liegt ein Becher für mein 
kleines Patenkind bei, den er hoffentlich bald gebraucht, 
w^enn er denkt, daß der Durst eines Mannes nicht immer 
nur allein mit Milch gestillt werden kann. Vielleicht 
wird er dann auch für sich eines Tages herausfinden, 
daß „ein gut Glas Branntewein soll Mitternacht nicht 
schädlich sein'^, nicht lediglich ein Gemeinplatz ist, 
wie auch das oft zitierte Wort „im Wein ist Wahrheit 
nur allein^S wie der Kellermeister in „Undine^^ singt, 
und uns schließlich das klassische Wort unseres gro- 
ßen Reformators Dr. Martin Luthers: „Wer nicht liebt 

73 



Wein und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben, 
lang/' Dies würden die Grundsätze sein, zu denen 
ich mein Patenkind aufgezogen sehen möchte. Es liegt 
ein tiefer Sinn in diesen Worten und nichts kann 
gegen sie eingewendet werden! — 

Der Verlauf des Krieges ist für Deine Armee und 
Flotte eine große Prüfung gewesen, und ich be- 
klage tief den Verlust so vieler tapferer Offiziere und 
Mannschaften, die gefallen sind, oder in Ausübung ihrer 
Pflicht ertranken, wobei sie den Eid, dem sie ihrem 
Kaiser leisteten, in Ergebenheit erfüllten. Mögen die 
Verstärkungen, die jetzt ausgesandt sind, die Menge 
und Kraft Deiner Armee in solchem Maße und in sol- 
chem Grade stärken, daß die absolute Überlegenheit 
auch zahlenmäßig her\^ortritt. Soweit wie ich ausrech- 
nen konnte, hat Kuropatkin 180 000 Mann im Felde, 
während die Japs ungefähr 250—280 000 Mann auf- 
gebracht haben. Das scheint noch ein völlig ungleiches 
Verhältnis und macht den Angriff Deines tapferen 
Generals äußerst schwierig. Sollten Deine Schlacht- 
schiffe bei ihrem letzten Ausfall aus Port Arthur in- 
folge der Beschädigungen, die sie im Gefecht erlitten 
haben, Wladiwostok zu erreichen, nicht imstande sein, 
so ist ihre beste Chance, zu versuchen, noch nach 
Tsingtau zu gelangen, wo sie dann bis Ende des Krie- 
ges gut aufgenommen sein werden, anstatt daß sie 
in die Luft gehen oder in Grund und Boden gebohrt 
werden, geradeso, wie wir es bei dem ,,Zesarewitsch'' 
und den Torpedobooten leider erleben mußten. Möge 
das nächste Jahr bessere Aussichten bringen, wenn die 
Armee vorbereitet und in voller Stärke formiert ihren 
Feind mit besseren Chancen als im. Augenblick angrei- 
fen kann. Denn es scheint mir, daß Kuropatkin noch in 

76 



Gefahr ist, auf seinem Rückzug von allem abgeschnitten 
zu werden, wobei er sich in der Richtung Mukden vor- 
kämpfen muß. Gott möge ihn unversehrt hindurchkom- 
men lassen. Der alte Spruch Napoleons I. behält noch 
seine Wahrheit: „Der Sieg ist bei den großen Batail- 
lonen.** 

Es besteht kein Zweifel für mich, daß Du auf die 
Dauer den Krieg gewinnen wirst und mußt, aber es 
wird zweierlei kosten, nämlich: viel Geld und viele 
Menschen, da der Feind tapfer und gut geführt ist, 
und nur durch überragende Zahl und durch die Länge 
der Zeit und mit Geduld geschlagen werden kann. 
|Die Operationen der Feldarmee werden leichter sein 
und bessere Resultate ergeben, sobald die baltische 
Flotte auf der Bildfläche erscheinen und die japa- 
nische Flotte in ihre Häfen zurückgezwungen haben 
wird, so daß alsdann die Herrschaft zur See Dir 
wieder zufällt, die Du jetzt durch die Unzulänglichkeit 
des obersten Admirals der Seestreitkräfte in Port Arthur 
verloren hast. Die Herrschaft zur See ist absolut 
notwendiges Äquivalent für den schließlichen Ausgang 
des Landkampfes, da sie den Feind seiner Hilfsquel- 
len, Stützpunkte und Verstärkungen usw. beraubt, die 
er jetzt unbehindert für die Ausbreitung seiner Reser- 
ven, Herbeischaffung von Munition, Fortschaffung der 
Verwundeten usw. gebrauchen kann. 

Als der Krieg im Februar ausbrach, arbeitete ich 
einen Mobilisationsplan auf Grund meiner eigenen Be- 
rechnungen aus, die auf der Zahl der japanischen 
Divisionen der ersten Linie basiert waren. Da diese 
nun 10 bis 12 beträgt, so ergeben sich 20 russische! 
Divisionen, um die absolute Überlegenheit über sie 
zu erlangen zu suchen, oder 10 Armeekorps. Von die- 

77 



sen sollen vier sibirische Armeekorps in Abzug gebracht 
werden, welche jetzt an Ort und Stelle die mandschu- 
rische Armee bilden. Es verbleiben sechs Korps, die 
aus Rußland dorthin geschickt werden müssen. Sie 
könnten in zwei Armeen zu je drei Armeekorps for- 
miert werden, die von einem Kavalleriekorps von acht 
Brigaden mit vier berittenen Batterien pro Armee unter- 
stützt werden. Diese Heeresmengen müßten, wie ich 
erwartete, dorthin gesandt werden und dürften ge- 
nügen, um den Krieg zu gewinnen. Man würde dann 
die mandschurische Armee als eine Art Avantgarde 
bestehen lassen, um die Ankunft der russischen Armee- 
korps an der Stelle ihrer Operationsbasis zu maskieren 
und ihre Formation und Dislokation zu einer Armee 
durchzuführen. Ich wagte Dir nicht diese meine Ideen 
zu schreiben, da es nicht meine Art ist, mich in Deine 
Angelegenheiten zu mischen, und ich mich fürchte, daß 
Du mir sagst, ich möchte mich um meine Angelegen- 
heiten kümmern, da Du ja besser weißt, was Rußland 
nötig hat. Aber in diesem Augenblick, wo das erste 
Stadium des Feldzuges tatsächlich vorbei ist, dachte 
ich, es könnte für Dich Interesse haben. Mit herzlichem 
Gruß an Alix und den Sonnenstrahl, 
Dein immer ergebener und wohlgesinnter Vetter und 

Freund 

Willy. 

Berlin, 3. X. 1904i. 

Liebster Niki! 

Diese Zeilen sollen Dich an Euerm Weihnachtsabend 
erreichen und ich hoffe, daß sie Dich gesund und glück- 

^ Dieser Brief muß falsch datiert sein, da in ihm von einem 
Briefe des Zaren vom 20. Dezember, vom Weihnachtsabend und 
von Neujahrsi<arten die Rede ist. 

78 



lieh zusammen mit Alix, wieder wohlauf an Deiner 
Seite, und mit dem lustigen kleinen Kerl, der um Euch 
im Scheine des Weihnachtsbaumes 'herumspringt, an- 
treffen. Ich wünsche Dir nochmals allen Segen des 
Himmelb auf allen Deinen Wegen; möge Dein kost- 
bares Leben uns allen und allen denen, die Dir teuer 
und Heb sind, erhalten bleiben. Möge Deinen Plänen 
voller Erfolg beschieden sein. Wenn es auf friedlichem 
Wege geschehen kann, so ruhig wie ein murmelnder 
Bach dahinfließt, wenn es aber nur durch die Ent- 
scheidung der Waffen möglich ist, so mögen diese sieg- 
reich sein und Deine Standarten sich mit frischen Lor- 
beeren schmücken. 

Vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 20. Dezem- 
ber, der ein neues Zeugnis Deines für mich so wert- 
vollen Vertrauens ist. Wir sollten nur dafür Sorge tra- 
gen, daß die unter so günstigen Zeichen begonnene 
Verabredung nicht bei irgendeiner Detailfrage schei- 
tert. Als ich zum Könige i von Deinem lieben alten 
Großvater 2 sprach, stand ich unter dem Eindruck, 
daß diese Angelegenheit auch sein Gemüt eifrig be- 
schäftigte, und daß er darüber nachdachte, um für 
sie eine den Forderungen seines Landes bestent- 
sprechende Form zu finden. Als Grundlage unserer 
Unterhaltung brauchte ich einige dänische Zeitungs- 
artikel über die dänische Neutralitätsfrage. Da ihre 
Kommentare eine große Aufmerksamkeit in Dänemark 
erregt zu haben scheinen, so schließe ich einen kurzen 
Auszug aus denselben diesem Brief bei, der Dir zur 
Hilfe dienen mag, um Dir die Natur der Schwierig- 
keiten zu zeigen, die der König vorauszusehen scheint, 



^ Eduard VII. anläßlich seiner Anwesenheit in Kiel. 
' Friedrich VIII. von Dänemark. 

79 



und die er von seinem Volke daheim befürchtet. Dar- 
aus wird klar ersichtlich, daß der König als die am 
meisten an dem Ausgange der Frage interessierte Partei 
zweifellos als erster von allen zu einer Äußerung seiner 
Ansicht berechtigt ist, und daß diese von denen, die 
sein absolutes Vertrauen besitzen, in Worte gefaßt 
und schriftlich fixiert werden muß. Darum erschien es 
mir, da jetzt der nächste Schritt in dieser Angelegen- 
heit unternommen werden muß, am besten, wenn Du 
Deinem Großvater schreiben wurdest, uns die Vor- 
schläge, sobald als die hier eingetroffenen eine für ihn 
brauchbare Form angenommen haben, zu unterbreiten, 
und daß wir erwarten, daß er uns das ganze Ziel seiner 
Ansichten betreffs der dänischen Neutralitätsfrage mit- 
teilen würde. Wenn ich die vergangenen Tage des 
Jahres 1864 in Erwägung ziehe, so ist es klar, daß die 
Dänen noch mit etwas scheelen Augen auf uns sehen, 
und deshalb werden sie einen Vorschlag, der ihr Ge- 
schick betrifft, mit mehr Gewogenheit betrachten, wenn 
er von Dir kommt, der Du so nahe Beziehungen zu 
ihrem König hast, und der Du der Sohn einer Fürstin^ 
bist, die von ihnen leidenschaftlich angebetet wird. Ich 
sende Dir beifolgend einige interessante Artikel, einen 
über unsere Marine und die russische Politik im 
19. Jahrhundert, einen über unsere Handelsflotte, so- 
dann englische Zeitungsausschnitte aus einer Penny- 
zeitung, die täglich von Tausenden in den Straßen 
Londons und auch sonst in England gelesen wird. Sie 
mögen Dir zeigen, mit welchem Stoff und in welchem 
Ton diese Presse ihre Leser bereits seit Wochen füt- 
tert und wie sie in die Flamme blasen, wo sie es nur 
können. Uns auf dem Kontinent ist diese Heuchelei 



^ Maria Feodorowna,' geb. Prinzessin.Dagmar][von Dänemark. 
80 



und dieser Groll äußerst verhaßt und unverständlich. 
Jeder versteht hier vollkommen, daß Rußland nach 
den Gesetzen der Ausdehnung versuchen muß, einen 
eislosen Hafen oder Ausgang zur See für seinen Handel 
zu haben. Nach diesem Gesetz ist es berechtigt, einen 
Küstenstreifen, wo derartige Häfen gelegen sind, zu 
erhalten. (Wladiwostok, Port Arthur.) Ihr Hinterland 
muß in Deiner Macht sein, damit Du die Eisenbahnen 
bauen kannst, welche die Güter zu diesen Häfen der 
Mandschurei führen. Zwischen diesen beiden Häfen 
liegt eine Landzunge, die in der Hand eines Gegners 
eine neue Art Dardanellen werden müßte. Das kannst 
Du unmöglich zugestehen. Diese Dardanellen (Korea) 
dürfen nicht Deine Zufuhrstraßen bedrohen und da- 
durch Deinen Handel lähmen. Das ist bereits im 
Schwarzen Meer der Fall, und das kannst Du nicht 
für den Osten gebrauchen. Darum ist es jedem Un- 
befangenen klar, daß Korea russisch sein und bleiben 
muß. Wann oder wie, das geht niemanden etwas an 
und betrifft lediglich Dich und Dein Land. Das ist die 
Ansicht unseres Volkes hier, und darum ist hier 
weder eine Erregung oder eine ,,Einbalsamierung^S'on 
Kriegsgerüchten oder sonstigen derartigen Dingen 
nötig. Sei ganz beruhigt; daß Korea Dir einst ge- 
hören wird, ist eine alte Schlußfolgerung, gleich wie 
die Besetzung der Mandschurei; seitdem kümmert sich 
hier niemand darum. Die Neujahrskarten werden Dich 
erfreuen. Sie wurden bei Deiner Ankunft in Wies- 
baden aufgenommen. Ein kleines Andenken an glück- 
liche Tage. Ein glückliches neues Jahr und Waid- 
manns Heil auch für das „große Spiel" von 
Deinem ergebenen Vetter und Freund 

Willy. 
Herzliche Grüße an Alix. 
6 81 



Hubertus höhe, 10. X. 1904. 

Liebster Niki! 
Um keine Zeit zu verlieren, telegraphierte ich Dir 
gleichzeitig, nachdem ich Schebekow gesehen hatte. 
Ich bin sehr gerührt durch alle freundUchen Bot- 
schaften, welche Du mir durch ihn sandtest, und ich 
ersehe daraus, daß Dein Glaube an meine Loyalität 
unerschütterlich ist. Es wird indessen die Angelegen- 
heiten wesentlich vereinfachen, daß nunmehr Alexejew 
zurückgerufen ^ ist. Ein General, welcher unumschränk- 
ten Befehl und die Kontrolle über alle Truppen in 
der A\andschurei hat, wird, dessen bin ich sicher, allen 
Anforderungen, die der Krieg an ihn stellt, entspre- 
chen. Kuropatkin scheint bei seinen Truppen populär 
zu sein, und sie setzen v^olles Vertrauen auf ihn; das 
ist der wichtigste Punkt für einen glücklichen Ausgang. 

Schebekow benachrichtigte mich von Deiner Ab- 
sicht, die Seh warze-Meer- Flotte gleichzeitig zusammen 
mit der baltischen Flotte auszusenden und bat mich, 
ihm meine Meinung über diesen Plan zu sagen. Ich 
gestehe, daß ich seit langem die Ausführung dieses 
Planes erwartet habe. Es ist eine gesunde militärische 
Idee und wird den Sieg sichern. Um am besten vor- 
wärts zu kommen, bin ich nach reichlicher Überlegung 
der Frage und nachdem ich mir die notwendigen In- 
formationen beschafft habe, zu folgendem Entschluß 
gekommen: Der beste Rat würde sein, stillschweigend 
und ruhig die Flotte über ihre Bestimmung vorzu- 
bereiten und kein Wort über ihre Absicht irgend- 
einem oder irgendeiner Macht zu verraten, dann in 

" '^''Von seinem'Posten als Statthalter des fernen Ostens, der 
bisher fcmeU unter Alexejew stehende Kuropatkin wurde damit 
unbeschränkter Oberbefehlshaber. 

82 



dem gegebenen Augenblick ruhig und stolz durch die 
Dardanellen zu fahren. Der Sultan, wie wir beide es 
sicher wissen, wird keinen Schatten eines Widerstandes 
leisten, und sobald Du einmal heraus bist, werden wir 
uns alle vis-ä-vis einem „fait accompli" befinden, das 
wir alle ruhig entgegennehmen werden. Ich habe nicht 
den leisesten Zweifel, daß auch England dies annehmen 
wird, obwohl seine Presse rauchen und rasen wird 
und seine Geschwader ein wenig, wie sie es oft im 
Mittelmeer getan haben, dampfen werden. Aber sie 
werden nicht sich ernstlich aufregen, wenn sie sehen, 
daß die übrigen Mächte ruhig bleiben. Die Haupt- 
sache ist, daß es ganz plötzlich und unerwartet kommt 
und daß es die ganze Welt überrascht, ohne daß dies 
Geheimnis vorzeitig ausgeplaudert wird. Hier wird 
jeder absolut stumm bleiben. Mit Deiner gütigen Ge- 
nehmigung werde ich eine Ordre zeichnen, die Lambs- 
dorff zu Deinem Generaladjutanten ernennt, und Du 
wirst das gleiche Deinerseits freundlich mit Schebe- 
kow tun. 

Dein immer wohlgesinnter 

Willy. 
HerzHchen Gruß an AHx. 

Neues Palais, 30. X. 1904. 

Liebster Niki! 
Dein liebes Telegramm bereitet mir das Vergnügen, 
zu fühlen, daß ich Dir in einem schwierigen Moment 
gedient habe. Ich habe mich mit dem Kanzler in 
Verbindung gesetzt, und wir beide haben geheim, ohne 
irgend jemanden davon zu benachrichtigen, die drei 
Artikel des Vertrages, wie Du es wünschtest, entworfen. 
Möge es so sein, wie Du es sagst, laß uns zusammen- 

6* 83 



stehen, dann könnte unser Bündnis ein rein defensive« 
sein, das sich ausschHeßlich gegen einen europäischen 
Angreifer oder mehrere Angreifer in der Form einer 
wechselseitigen Feuer\'ersicherung gegen eine Feuers- 
brunst richtet. Es ist sehr wesentHch, daß Amerika 
sich nicht durch unser Bündnis bedroht fühlt. Roose- 
velt, wie ich weiß, hat infolge der äußersten Abneigung 
der Amerikaner gegen alle farbigen Rassen keine be- 
sondere Zuneigung zu Japan, obgleich England sein 
Äußerstes tut, um auf Amerikas Stimmung zugunsten 
Japans zu wirken. Außerdem haben die Amerikaner 
eine klare Auffassung der unbestreitbaren Tatsache, 
daß ein mächtiges japanisches Reich eine drohende 
Gefahr für die amerikanischen Philippinen ist. Was 
Frankreich betrifft, so wissen wir beide, daß die Radi- 
kalen und die antichristlichen Parteien im Augenblick 
die Oberhand haben und England zuneigen. Alte 
Traditionen aus dem Krimkrieg, aber beide dem Krieg 
abgeneigt, da ein siegreicher General sicherlich eine 
Vernichtimg dieser Republik elender Bürgerlicher be- 
deuten würde. Die nationalistische oder klerikale Partei 
hat keine Neigung für England und immer Sympathie 
für Rußland, aber sie denkt im Traum nicht daran, 
ihr Geschick mit demjenigen Rußlands im gegen- 
wärtigen Kriege zu vereinigen. Zwischen diesen beiden 
Parteien wird die republikanische Regierung neutral 
bleiben und nichts tun. Ens^land rechnet auf diese 
Neutralität und auf die darauffolgende Isolierung Ruß- 
lands. Ich weiß ganz genau, daß im Dezember letzten 
Jahreb der französische Finanzminister Rouvier nach 
seiner eigenen Versicherung dem Finanzagenten einer 
anderen Macht sagte, daß auf keinen Fall, was immer 
sich auch ereignen würde, Frankreich sich einem 

84 



russisch-japanischen Kriege anschHeßen würde, selbst 
wenn England auf Seiten Japans stehen würde. Um 
diese Republikaner doppelt sicher zu machen, hat Eng- 
land Frankreich Marokko übergeben i. Die absolute 
Sicherheit, daß Frankreich neutral zu bleiben und selbst 
seinen diplomatischen Beistand England zu leihen 
beabsichtigt, ist die Ursache, die der englischen Politik 
im Augenblick ihre ungewohnte brutale Sicherheit leiht. 
Dieser unerhörte Zustand der Dinge wird sich zum 
Besseren wenden, sobald Frankreich sich der Not- 
wendigkeit gegenüber sieht, Partei zu ergreifen und 
sich offen zu erklären, entweder für Petersburg oder 
für London. Wie ich vorher gesagt habe, sind die Radi- 
kalen, welche England zuneigen, dem Kriege und dem 
Militarismus abgeneigt, während die Nationalisten, 
wenn sie auch den Krieg an sich nicht verwerfen, doch 
nicht für England und auch nicht gegen Rußland 
fechten werden. So liegt es offenbar im Interesse 
beider Parteien, einen Druck auszuüben und England 
zu raten, den Frieden zu erhalten. Wenn Du und 
ich Schulter an Schulter beieinander stehen, wird das 
Hauptergebnis sein, daß Frankreich offen und 
formell uns beiden sich anschließen muß, indem es 
schließlich Vertragsverpflichtungen gegen Rußland er- 
füllt, was von höchstem Wert für uns ist, namentlich 
mit Rücksicht auf seine schönen Häfen und gute Flotte, 
die dann ganz zu unserer Verfügung wäre. Dies wird, 
dessen magst Du versichert sein, den Befürchtungen 
betreffs eines sogenannten Neutralitätsbruches ein Ende 
bereiten. Ist dieses Ziel erst einmal erreicht, so er- 
warte ich, den Frieden aufrechterhalten zu können, 
und Du wirst freie und ungestörte Hand haben, mit 

^ Französisch-englischer Marokkovertrag. 

85 



den Japanern abzurechnen. Laß mich offen hinzufügen, 
daß ich Deinen meisterhaften politischen Instinkt be- 
wundere, der Dich veranlaßt hat, den Nordseezwischen- 
fall ^ an den Haager Schiedsgerichtshof zu verweisen. 
Denn gerade dieser systematisch verdrehte Zwischen- 
fall ist von den französischen Radikalen, Clemenceau 
und all dem übrigen Lumpenpack und Pöbel als ein 
weiteres Argument gegen die Notwendigkeit, daß 
Frankreich seine Vertragsverpflichtungen gegen Ruß- 
land zu erfüllen habe, ausgenutzt worden. Bevor wir 
daher irgendwelche Schritte in dieser Frage ergreifen 
können und uns Frankreich nähern, muß dieser ver- 
drießliche Nordseezwischenfall erst zu einem Ende ge- 
bracht sein. Denn wie ich unterrichtet bin, haben 
Delcasse und Cambon bereits die britische Ansicht 
über diesen Zwischenfall sich zu eigen gemacht und 
demgemäß die Haltung der französischen Regie- 
rung in einer England freundlichen Weise fest- 
gelegt. Sollten wir daher bezüglich dieser Frage 
einen Druck auf Frankreich ausüben, so würde es ohne 
Zweifel für England Partei ergreifen, gerade was 
wir nicht wünschen, daß es tun möge. „Erst muß 
der Zwischenfall beigelegt sein^', danach allein kann 
unsere Aktion iDcginnen. 

Ich lege Dir hier beigeschlossen einen Entwurf der 
Vertragsartikel, wie -Du sie wünschtest, bei, möge er 
Deine Billigung finden. Niemand weiß etwas davon, 
selbst nicht mein Auswärtiges Amt. Die Arbeit wurde 
von Bülow und mir allein gemacht. „Möge Gottes 
Segen auf dem Vorhaben der beiden hohen Herrscher 
ruhen und die mächtige dreifache Gruppe Rußland, 

* Es handelt sich um den Angriff russischer Kriegsschiffe auf 
englische Fischereischiffe an der Dogger-Bank in der Nordsee. 

8^ 



Deutschland und Frankreich für immer Europa den 
Frieden bewahren helfen/^ Das waren seine Worte 
(Bülows), als 'wir damit fertig waren. Ich sende, um 
Dich bei Deiner Ankunft an unserer Grenze zu be- 
grüßen, General der Infanterie von der Goltz und den 
Oberpräsidenten von Ostpreußen von Moltke nach 
Suwalki. Ersterer kommandiert das erste Armeekorps, 
nachdem er Führer unserer Geniekorps gewesen, wel- 
chen Posten er nach seiner Rückkehr aus der Türkei 
ausgefüllt hat, wo er viele Jahre mit fruchtlosen Be- 
mühungen um die dortige Heeresreorganisation ver- 
bracht hatte. Letzterer ist Oberpräsident von Ost- 
preußen, ein Neffe des alten Generalfeldmarschalls und 
ein Bruder meines Generaladjutanten, der Deine Grena- 
diere befehligte und oft von Dir freundlich empfangen 
wurde, wenn er in besonderer Mission dorthin kam. 
Mit herzlichem Gruß an Ahx verbleibe ich 

Dein immer wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

Projekt. Ihre Majestäten die Kaiser aller Reußen 
und von Deutschland haben, um die Aufrechterhaltung 
des Friedens sicherzustellen, folgende Artikel eines 
Defensivbündnisvertrages festgesetzt: Artikel I. Im 
Falle, daß eins der beiden Reiche von einer europäi- 
schen Macht angegriffen wird, wird der Verbündete 
dasselbe mit allen seinen Streitkräften zu Wasser und 
zu Lande unterstützen. Seine Majestät der Kaiser aller 
Reußen wird die notwendigen Schritte ergreifen, um 
demgemäß Frankreich aufzufordern und es verpflichten, 
als Alliierter diesem Bündnis beizutreten. Artikel IL 
Die hohen Vertragsparteien verpflichten sich, keinen 
Separatfrieden mit irgendeinem gemeinsamen Gegner 
zu schUeßen. Artikel IIL Der gegenwärtige Vertrag 

87 



wird mit einjähriger Kündigungsfrist in Kraft bleiben. 
Geheimartikel. Die hohen vertragschHeßenden 
Parteien sind übereingekommen, gemeinsame Sache 
für den Fall zu machen, daß Taten, die von einer dritten 
Macht während des gegenwärtigen Krieges, wie z. B. 
Lieferung von Kohle an eine der kriegführenden Par- 
teien, begangen sind, Grund zu Berufungen gegen die 
dritte Macht geben, daß es sich um angebliche Ver- 
letzung des Neutralitätsrechtes handelt. Es ergibt sich 
aus dem Schluß von Alinea I des ersten Artikels, daß 
Deutschland sich mit keiner Handlung verbindet, die 
wie auch immer feindliche Tendenzen gegen Rußland 
in sich schließen könnte. 

Vertragsentwurf. Ihre Majestäten Kaiser aller 
Reußen und Kaiser von Deutschland haben, um, soweit 
es sich ermöglichen läßt, den russisch-japanischen Krieg 
zu lokalisieren, folgende Bestimmungen eines Defensiv- 
bündnisvertrages abgeschlossen. Artikel 1 : Für den 
Fall, daß eins der beiden Reiche von einer europäischen 
Macht angegriffen wird, gewährt der Verbündete mit 
allen seinen Streitkräften zu Wasser und zu Lande Un- 
terstützung. Die beiden AUiierten werden im vorHegen- 
den Fall gemeinsam handeln, um Frankreich an seine 
Verpflichtungen zu erinnern, die es nach den Be- 
stimmungen des französisch-russischen Allianzvertra- 
ges auf sich genommen hat. Artikel 2: Die beiden, 
hohen vertragschließenden Parteien verpfüchten sich, 
keinen Sonderfrieden mit irgendeinem gemeinsamen 
Gegner abzuschließen. Artikel 3: Die Verpflichtung, 
einander gegenseitig zu helfen, gut in gleicher Weise 
für den Fall, in welchem Handlungen von einer der 
beiden hohen vertragschließenden Parteien während 
des Krieges, wie zum Beispiel Kohlenlieferungen an 
88 



einen der Kriegführenden begangen sind, die zu Be- 
rufungen gegen eine dritte Macht Anlaß geben, wenn 
es sich um angebHche Verletzung des Neutralitäts- 
rechtes handelt. 



Neues Palais, 17. XI. 1904. 
Liebster Niki! 

Dein Heber Brief zeigt mir noch einmal, daß die 
Lokalisation des gegenwärtigen Krieges und die Ver- 
meidung eines europäischen Krieges die Hauptgrund- 
sätze unserer beiderseitigen Anstrengungen sind. Ich 
bin so frei. Deine freundliche Erlaubnis zu mißbrauchen, 
um in unserem gegenseitigen Interesse Dir zwei Ver- 
änderungen vorzuschlagen. Die eine dient dazu, meinen 
Vorschlag zu modifizieren, die andere betrifft die End- 
klausel Deines Vorschlages. Es dürfte möglich sein, 
daß der Ausdruck „um den russisch-japanischen Krieg 
zu lokalisieren", falls durch offizielle Publikation oder 
durch Indiskretion der geheime Inhalt des Vertrages 
bekannt wird, von anderen Mächten dahin ausgelegt 
werden könnte, als ob es sich darum handelt, daß der 
Vertrag nur Gültigkeit habe, im Falle England zum 
Krieg als Verbündeter Japans schreitet, d. h. sich als 
provokatorische Drohung lediglich allein gegen 
dieses richtet. In Wahrheit und Wirklichkeit hegt es 
so, aber es ist nicht gut, die ganze Wahrheit zu sagen. 
Wir sehen jetzt, daß die englische öffentliche Meinung 
sich in einem Zustande der Nervosität befindet, der 
fast an Wahnsinn grenzt, wofür uns allen kürzlich 
einige ergötzliche Beweise geliefert worden sind. Es 
würde in dieser Stimmung den Vertrag als direkte 
Provokation und ein direktes Hindrängen zu einer 

89 



Schlußkatastrophe erbhcken, die wir beide zu vermeiden 
suchen, oder wenigstens verschieben möchten. Darum 
denke ich, daß der von mir gebrauchte Ausdruck „um 
die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens" 
sicher zu erhalten, völlig unserer Absicht entsprechen 
würde und in keinem Fall als Provokation 
ausgelegt werden könnte. Wir denken allein an uns 
selbst und vermeiden, mit den Fingern auf irgend 
jemand zu zeigen (was außerdem als ein Mangel von 
gesellschaftlichem Takt angesehen werden könnte). 
Niemand, der ein reines Gewissen hat, besitzt 
nota bene irgendein Recht, sich durch einen derartigen 
Vertrag beunruhigt zu fühlen, und es wird den er- 
zürnten Jingos in England sehr schwer fallen, diesen 
Entschluß zu einem ,, Casus belli" zu verkehren. Diese 
Abänderung in dem Wortlaut des Vertrages benötigt, 
wie ich glaube, eine gewisse Zeitbegrenzung. Ent- 
weder eine kurze Frist mit einer Aufhebung zu irgend- 
einem Jahrestermin, oder, wenn Du es lieber willst, 
eine längere Vertragsdauer. Die Verlängerung würde 
im Falle, wie ich inbrünstig hoffe, der Vertrag Deinen 
Wünschen entspricht und sich als Wohltat für die 
beiden Nationen erweist, sich ganz von selbst auto- 
matisch vollziehen. Dies kann genau festgelegt werden, 
wie Du willst. Die nächste Abänderung bezieht sich 
auf die kürzlich hinzugesetzte Endklausel des Vertrages. 
Mar. muß daran denken, daß, wenn Du z. B. wünschst, 
daß der Vertrag unveröffentlicht bleibt, Indiskretionen 
möglich sind — Mauern haben Ohren und Diplomaten 
Zungen, die schwatzen werden — , unter diesen Um- 
ständen die auf diesen Wortlaut sich gründende Mei- 
nung die sein könnte, daß ich mich ausdrücklich ver- 
pflichtet hätte. Dir Hilfe zu leisten, um die Erobe- 
rung Rußlands abzuwehren, was dahin zielen würde, 
90 



unmittelbar Artikel I in ein rein aggressives Licht 
zu setzen. Dies würde die gesamte politische Welt 
dahin führen, zu folgern, daß wir an Stelle eines De- 
fensivbündnisses eine Art gemeinsame Gesellschaft mit 
beschränkter Haftung für Annexionszwecke gegründet 
hätten, die möglicherweise Geheimklauseln für private 
Wohltaten an Deutschland enthielten. Das allgemeine 
Mißtrauen, welches sich daraus ergibt, würde schwer 
unsere beiderseitige Lage gefährden, da Amerika sich 
unverzüglich mit England verbinden würde, was unter 
keinen Umständen geschehen darf, indem es in dem 
Mißtrauen handelt, daß Rußland und Deutschland auf 
dem Wege sind, aggressive Tätigkeit zu weiteren selbst- 
süchtigen Zwecken zu entfalten. Aber es wird gerade 
die Hauptaufgabe der russischen und deutschen Diplo- 
maten darin bestehen, Amerika davon abzuhalten, sich 
mit England zu vereinigen. Sollte der Vertrag, sei es 
durch offizielle Veröffentlichung oder durch Indiskretion 
bekannt werden, so müßte Bülow bei Beantwortung 
von Fragen im Reichstage imstande sein, zu erklären, 
daß keine Geheimklauseln existieren, welche die 
defensive Natur des Vertrages verletzen können, oder 
Deutschland auf Kosten der anderen zu etwas an- 
derem als zur Unterstützung zur Aufrechterhaltung des 
europäischen Friedens, wenn dieser von irgend jeman- 
den bedroht sein sollte, verpflichten. Aus diesem Grunde 
schlage ich Dir einen anderen Wortlaut vor. Die 
leitende Idee dabei ist die unaufhörliche Polemik der 
russischen Presse in den letzten Monaten gegen einen 
Friedensvermittlungskongreß, gleich jenem im Jahre 
18781, dessen möglichen Zusammentritt eure Zeitungen 

' Berliner Kongreß, auf dem Rußland genötigt wurde, einen 
großen Teil dessen wieder preiszugeben, was ihm die besiegte 
Türkei im Vorfrieden von San Stefano zugestanden hatte. 

91 



befürchten — und es liegen Anzeichen vor, daß einige 
Mächte bereits in dieser Richtung tätig sind, vor allem 
Paris und London — , ein Friedenskongreß, der, was 
irgend in seiner Macht steht, tun würde, um die Sieger 
und Besiegten auf ein und dieselbe Grundlage zu 
stellen und zu versuchen, dem ersteren seine Erobe- 
rungen und Vorteile wie im Jahre 1878 zu rauben. 
Außerdem schließt dieser Wortlaut in seiner neuen 
Form alle Möglichkeiten ein für allemal für Deutsch- 
land aus, auf solchem Friedenskongreß Partei zu sein, 
und gleichzeitig raubt es allen Übelwollenden und 
Kritikern die Gelegenheit, zu denken, daß wir irgend- 
ein anderes Ziel im Auge haben, als den Frieden ohne 
irgendeine Provokation zu bewahren. Dies sind meine 
beiden Vorschläge, die ich Deiner freundhchen Zu- 
stimmung unterbreite und hoffe, daß Du mit ihnen 
Hand in Hand gehst, wobei die Absicht ist, dadurch 
zu vermeiden, daß England tätigen Anteil an diesem 
Kriege nimmt, und, wenn möglich, auch Amerika daran 
zu hindern, sich mit England zu verbinden. 

Ich weiß nicht, ob Du es für nötig hältst, die Ge- 
heimklausel 3 Frankreich mitzuteilen. Handle wie Du 
willst, aber ich glaube, daß die anderen Vertragsartikel 
es zurückhalten werden, beiseite zu stehen. Delcasse 
wird, dessen bin ich sicher, die Antikongreßtendenz 
aus dem Sinne herausfinden, und in der Erwägung, 
daß er bereits Unterhandlungen mit London und mit 
anderen Mächten eröffnet hat, um einen Friedens- 
vermittlungskongreß herbeizuführen, in gewisse Schwie- 
rigkeiten geraten, daß er zu plötzUch die bereits be- 
gonnenen Verhandlungen abbrechen muß. Zweifellos 
würde Frankreich viel eher eine andere Gruppierung 
der Mächte vorziehen, als die des Dreibundes, wie 

92 



im Jahre 1896, aber der russisch-deutsche Vertrag, erst 
einmal zur Tatsache geworden, wird unsere ver- 
einten Mächte zu einem starken Druck auf Frankreich 
veranlassen, was Du bereits in Deinem Telegramm 
vom 29. Oktober vorausgesehen hast, indem Du sag- 
test: „Wenn das Arrangement von uns angenommen 
ist, muß Frankreich sich uns anschließen." Es wird 
natürlich die Arbeit Deiner Diplomatie sein, die not- 
wendigen Verabredungen mit Frankreich zu treffen. 
Deutschland bleibt inzwischen schweigend hinter Dir. 
Die diplomatischen, bürgerlichen und freimaurerischen 
Männer wie Delcasse, Combes usw. haben ebensoviel 
von dem Siege als auch von der Niederlage zu fürchten, 
und im Augenblick wissen sie, daß Frankreich un- 
möglich neutral bleiben kann, und in der Notwendig- 
keit, Partei zu ergreifen, wird man mit aller seiner 
Macht, die man besitzt, es bewirken, England zurück- 
zuhalten, in den Krieg zu ziehen. Last not least eine 
ausgezeichnete Gelegenheit, um die britische Frech- 
heit und Anmaßung abzukühlen, würde es sein, einige 
militärische Demonstrationen an der Grenze von Per- 
sien und Afghanistan zu veranstalten, wo die Engländer 
glauben, daß Du zu machtlos seiest, um während dieses 
Krieges mit Truppen zu erscheinen; sollten selbst die 
zu Deiner Verfügung stehenden Streitkräfte nicht zu 
einem wirklichen Angriff auf Indien genügen, so wür- 
den sie für Persien ausreichen, das keine Armee hat, 
und ein Druck auf die indische Grenze von Persien 
her würde in England Erstaunen hervorrufen und einen 
bemerkenswert beruhigenden Einfluß auf die erhitzten, 
haßerfüllten Jingos in London ausüben. Denn ich weiß 
und bin darüber unterrichtet, daß dies das einzige ist, 
wovor sie Angst haben, und daß die Furcht vor Deinem 
Einbruch in Indien von Turkestan aus und in Afghani- 

01 



stan von Persien aus der wirkliche und alleinige Grund 
war, daß die Kanonen von Gibraltar und der briti- 
schen Flotte seit drei Wochen still geblieben sind. 
Die indische Grenze und Afghanistan sind der einzige 
Teil der Erdkugel, wo die Gesamtheit seiner Kriegs- 
flotte England nicht zur Verfügung steht, und wo ihre 
Kanonen machtlos sind, um dem Eindringling zu be- 
gegnen. Indiens Verlust ist der Todesstoß für Eng- 
land. So wird unser Vertrag seine Aufgabe, den 
Frieden von Europa zu erhalten, voll erfüllen. Sollte 
der revidierte Entwurf und die vorgelegten Motive 
mit Deinen Vorschlägen sich begegnen, so kann die 
Unterzeichnung sofort vonstatten gehen. Ich erwarte, 
daß Lambsdorff Deine Befehle erhält, um die Forma- 
litäten abzufassen. Gott gebe, daß wir den richtigen 
Weg gefunden haben, um die Kriegsschrecken zu 
hemmen, und gebe unseren Plänen seinen Segen. Ver- 
traue auf mich, mein liebster Niki, mit herzlichem 
Gruß an Alix 

Dein stets wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Berlin, 7. XII. 1904. 

Liebster Niki! 
Die englische Regierung scheint, wie Du aus der 
englischen Presse ersehen haben wirst, zu denken, 
daß der gegenwärtige Augenblick zu einer Aktion gegen 
die Versorgung Deiner baltischen Flotte mit Kohle 
günstig ist. Unter dem Vorwande, daß es ihre Pflicht 
sei, die strikteste Neutralität aufrechtzuerhalten, hat 
sie verboten, daß deutsche Schiffe, die der Ham- 
burg-Amerika-Linie gehören oder von ihr gechartert 
94 



sind, die britischen Häfen verlassen. Meine Befürch- 
tung — ich schrieb Dir vor längerer Zeit — , daß 
sich dies schließlich ereignen würde, ist wahr ge- 
worden, und es liegt jetzt auf mir, rechtzeitige Schritte 
zu ergreifen, um die Haltung, welche Deutschland 
diesen Maßnahmen gegenüber zu ergreifen hat, fest- 
zulegen. Es liegt mir die Absicht fern, Dich mit Deiner 
Antwort auf meine letzten Bemerkungen über Deine 
Vorschläge unseres Defensivbündnisses zu beeilen. 
Aber Du wirst, dessen bin ich sicher, völlig auf die 
Tatsache achten, daß ich jetzt absolut positive Garan- 
tien von Dir haben muß, ob Du beabsichtigst, mich 
ohne Hilfe zu lassen oder nicht, für den Fall, daß 
England und Japan mir den Krieg erklären, wenn 
Deutschland der russischen Flotte Kohlen liefert. 
Solltest Du nicht in der Lage sein, mir eine absolute 
Garantie zu gewähren, daß Du in einem solchen, 
Kriege loyal Schulter an Schulter mit mir kämpfen 
willst, so bedaure ich die Notwendigkeit des unmittel- 
baren Verbots, daß deutsche Dampfer Deiner Flotte 
weiter Kohlen liefern sollen. 

Alvensleben ^ hat den Befehl, noch einmal die Kohlen- 
frage mit Lambsdorff- aufzuklären. Herzliche Grüße 
an Alix 

Dein immer wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

Neues Palais, 2L XIL 1904. 

Liebster Niki! 

Aufrichtigen Dank für Deinen freundlichen Brief 
und die beiden Telegramme, wie auch für Deinen 

^ Deutscher Botschafter in Petersburg. 
' Russischer Minister des Auswärtigen. 

95 



freundlichen Befehl, die Kohlenfrage zu regeln. Wir 
können natürlich nicht voraussehen, ob die von Deiner 
Regierung gegebene Erklärung genügen wird, um jeg- 
licher Art von Verwicklung, die aus dem Laufe der 
gegenwärtigen Dinge entstehen kann, zu begegnen. 
Es ist indessen nicht meine Absicht, irgendeinen Druck 
zu irgendeiner Lösung, die Dir nicht wünschenswert 
erscheint, auf Dich auszuüben. Wir werden unter 
allen Umständen wahre und treue Freunde bleiben. 
Meine Meinung über den Vertrag ist noch dieselbe, 
es ist unmöglich, Frankreich in unser Vertrauen zu 
ziehen, bevor es nicht zwischen uns beiden zu einer 
endgültigen Vereinbarung gekommen ist. Loubet und 
Delcasse sind zweifellos erfahrene Staatsmänner, aber 
da sie nicht Fürsten oder Kaiser sind, so kann ich sie 
in einer Vertrauenssache wie diese nicht auf 
den gleichen Fuß wie Dich, meinen Vetter und Freund, 
stellen. 

Solltest Du daher denken, daß es die Notwendigkeit 
erheischt, die französische Regierung mit unseren 
Unterhandlungen bekannt zu machen, bevor wir zu 
einer definitiven Lösung gekommen sind, so halte ich 
es für alle in Betracht kommenden Parteien besser, 
in unserer gegenseitigen Lage wechselseitiger Unab- 
hängigkeit und freiwilliger gegenseitiger Förderung, 
soweit wie es die Lage erlaubt, weiter zu verbleiben. 
Ich vertraue fest und glaube, daß die Hoffnung, uns 
gegenseitig nützlich zu sein, nicht nur während des 
Krieges verwirklicht wird, sondern auch noch nachher 
während der Friedensverhandlungen. Denn unsere 
Interessen im fernen Osten sind in mehr als einer 
Hinsicht die gleichen. 

Ich wünsche Dir und Alix von ganzem Herzen ein 
96 



frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr. 
Möge der Herr Euch alle segnen und nicht den Jungen 
vergessen. Mit aufrichtigstem Gruß an AHx und be- 
halte Heb, mein liebster Niki, 

Deinen wohlgesinnten und ergebenen Vetter und Freund 

Willy. 

Berlin, 2. I. 1905. 

Liebster Niki! 
Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief und Deine 
Neujahrskarten, die sehr gut ausgeführt sind. Der 
Kosakenangriff ist das Wirkungsvollste, und ich kann 
mir nicht helfen, wenn ich denke, was gekommen wäre, 
wenn General Samsonoff in Liao Nang eine gleiche 
Attacke wie die mit den 17 000 Säbeln und Lanzen 
gegen den japanischen linken Flügel geritten hätte. 
Die Nachricht von dem Fall von Port Arthur, die hier 
gestern abend eintraf, hat sehr großes Aufsehen er- 
regt. Wir alle haben die größte Sympathie mit den 
tapferen Generälen ^ und den tapferen zusammen- 
schmelzenden Reiterverbänden unter ihrem Befehl, 
welche bis zum äußersten ausharrten, um bis zum letz- 
ten ihre Pflicht gegen ihren Kaiser und ihr Land zu er- 
füllen. Ihre Verteidigung von Port Arthur wird für alle 
Zeiten sprichwörtlich sein, und ein Beispiel, dem nach- 
geeifert werden wird, solange ein Soldat existiert. 
Ehre ihnen für ewig! Der drohende Fall der zum Fall 
verdammten Festung, hat schon seit einiger Zeit die 
diplomatischen Zungen, die in den verschiedensten 
Hauptstädten der Welt schwatzen, in Bewegung ge- 

* General Stössel, der Port Arthur übergab, wurde bekanntlich 
wie der japanische General Nogi von Wilhelm II. mit dem 
Schwarzen Adler ausgezeichnet. 

97 



setzt, mancherlei verschiedene Gerüchte und Nachrichten 
von einem Waffenstillstände und selbst von Friedens- 
verhandlungen, sind mir von überall her zu Ohren ge- 
kommen. Da es ziemlich schwierig ist, Wahrheit von 
Eingebungen der Phantasie zu trennen, so hoffe ich, 
Du wirst nicht glauben, daß ich in Deine Privatdinge 
eindringe, wenn ich mich selbst ermuntere. Dich zu 
bitten, mir zu erzählen, was Deine Pläne für die Zukunft 
sind, so daß ich Dir, wenn möglich, mich nützlich er- 
weisen könnte und imstande wäre, Dir den Gang mei- 
ner Politik vorzulegen. Dies um so mehr, als Lambs- 
dorff Alvensleben gestern erzählte, daß Frankreich 
schon unsere Bedingungen kenne. Nun, ich möchte 
Heber von Dir selbst informiert sein, anstatt ringsher- 
um durch andere Agenturen, da ich fest zu Deinem 
Lande und Dir vom ersten Tage an als treuer Freund 
gestanden habe! 

Nach einem längere Zeit andauernden, ungewöhn- 
lich warmen und nebligen Wetter, das beinahe bis 
Weihnachten das Ausreiten ermöglichte, ist plötzlich 
ein sehr starker Sturm ausgebrochen, der von schar- 
fem Frost und Schneefall begleitet war. Der Winter 
scheint damit sehr ernstHch eingezogen zu sein. Dies 
läßt mich an die Lebensbedingungen denken, denen die 
Heere in der Mandschurei jetzt ausgesetzt sind, die dort 
schon so lange Monate stehen. Ich bin froh, daß Ehi 
die Tapferkeit meines Regiments, das sich so sehr am 
Schaho ausgezeichnet hat, durch so zahlreiche Deko- 
rationen belohnt hast. Ich hoffe, daß sie auch eine 
große Anzahl St. Georgskreuze erhalten haben. 

Jetzt, wo das Programm zur Erneuerung Deiner 
Flotte veröffentlicht ist, wirst Du hoffentlich nicht ver- 
gessen, Deine Behörden an unsere großen Firmen in 

98 



Stettin und Kiel usw. zu erinnern. Sie werden, des- 
sen bin ich sicher, Dir schöne Typen von Schlacht- 
schiffen liefern. Ich bin so froh, daß Erni wieder enga- 
giert ist, und ich will zu seiner Hochzeit, Anfang näch- 
sten Monats, gehen. Ich hoffe, Du wirst die beiden 
Vasen für das Christfest, die aus unserer Königlichen 
Porzellanmanufaktur stammen, freundhchst annehmen. 
Sie sind ein Symbol meiner wärmsten Wünsche für 
Dich, Deine Familie und Dein Land im kommenden 
Jahr, in w^elchem Gott Euch bewahren möge. Lebe 
wohl. 

Dein immer wohlgesinnter und ergebener Freund und 

Vetter 

Willy. 



Berlin, 15. I. 1905. 

Liebst er Niki! 
Die Witwe des alten Fürsten Anton Radziwill, Fürstin 
Marie, steht im Begriff, nach Petersburg zu reisen und 
Deine Zustimmung zum Testament ihres verstorbenen 
Gatten zu erbitten. Fürst Anton war nicht nur ein lieb- 
gewordener und vertrauter Diener meines verstorbenen 
Großvaters als sein Adjutant und Generaladjutant, son- 
dern auch sein aufrichtiger und geliebter persönlicher 
Freund, wie auch meines verstorbenen geliebten Vaters, 
und auch mein Freund. Seine gewinnende Art und 
seine frohe Natur, wie sein ritterlicher Charakter, ge- 
wannen ihm treue Freunde, und Dein Großvater und 
Vater haben ihn beide stets gern gehabt. Seine Frau 
war die langjährige Freundin meiner verstorbenen Mut- 
ter und wurde von ihrem Gatten als Testamentsvoll- 
streckerin für seine letzten Verfügungen ernannt. Die 

7* 99 



ganze Zukunft ihrer Kinder und Familie hängt tatsäch- 
lich von Deiner freundlichen Zustimmung zu diesem 
Testament ab, und ich wage, Dir ihre Angelegenheit zu 
unterbreiten und Dich zu bitten, daß Du Deine Freund- 
lichkeit ihr zuteil werden lassen mögest, da sie sehr 
traurig und niedergebrochen durch ihren Verlust ist. 
Sie fühlt ihn um so mehr, als ihr ältester Sohn, ein 
hoffnungsloser Idiot, in einer Anstalt sich befindet, so 
daß sie auch für ihre Enkel sorgen muß. — Dein Ge- 
sandter, Osten-Sacken 1, ist in großer Sorge um seine 
arme alte Frau. Sie hat an sich eine sehr schwere 
Operation im Rücken vornehmen lassen müssen, ohne 
daß Chloroform angewendet werden durfte, und sie 
kann nicht liegen, sondern muß ilire Nächte sitzend in 
einem Stuhl verbringen und leidet schreckhche Schmer- 
zen, so daß man im Hinblick auf ihre 84 Jahre um ihr 
Leben sehr besorgt ist. Armer alter Mann. Die Un- 
gewißheit lastet sehr auf ihm, und ich fürchte, daß, 
wenn sie sterben sollte, er nicht mehr fähig ist, so zu 
arbeiten wie früher, und er vielleicht auch an seinen. 
Rücktritt denkt. Sollte einmal ein Wechsel Deiner 
Gesandtschaft eintreten, so möchte ich Dich ganz 
privat bitten, Iswolsky^ hierher zu senden. Er ist 
einer der besten Männer in Deinem Auswärtigen Amt, 
seit langer Zeit ein intimer Freund des Grafen Bülow, 
der überglücklich sein würde, ihn hier zu haben, da 
sie früher als Diplomaten zusammen arbeiteten, und 
da er Iswolsky sehr gern hat. — Schließlich möchte 
ich Dich noch einmal an Dein gütiges Versprechen, das 
Du mir zweimal gegeben hast und zweimal verschobst, 

* Russischer Botschafter in Berlin. 

' Iswolsky war einer der deutschfeindlichsten russischen 
Staatsmänner, der sich um das Zusiandekommen der Triple- 
Entente Rußland-Frankreich-England besonders bemühte. 

100 



daß mein Schwager Friedrich Leopold in Deine Armee 
aufgenommen werden könnte, erinnern. Zum letzten 
Male war im Juli alles bereits fix und fertig, als er 
übergangen wurde, was ihn in eine sehr schwierige 
Lage Deiner Armee und Deinen Offizieren gegenüber 
brachte, da er, wie wir sagen, besonders „blamiert" 
ist, nachdem Karl von Hohenzollern ^ nach Japan ab- 
gereist ist, was geschah, da wir dachten, daß auch 
Friedrich Leopold nach Mukden abfahren würde. Nun 
zeigen die Leute auf Friedrich Leopold mit den Fin- 
gern, und der arme Kerl ist ganz mutlos, da er sich 
einen ganzen Stapel von Kleidern gekauft hat und 
jederlei Vorbereitungen traf, selbst Deine Sprache 
lernte. Er wird in keinem Punkte für Eure Generäle 
ein Hindernis bieten, da er ein ruhiger Mann ist. Da 
das Heer groß und mächtig ist, denke ich, es schadet 
nicht, daß er kommt. So wage ich wiederum, Dich zu 
fragen, ob Du ihm das Dorthinreisen gestatten kannst. 
Entschuldige, bitte, daß ich Dich mit dieser Angelegen- 
heit belästige, aber sie ist besser zwischen uns ge- 
ordnet. Mit herzlichem Gruß an Alix verbleibe ich 
Dein wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Berlin, 6. IL 1905. 

Liebster Niki! 

Dein freundlicher Brief hat mich am Morgen meines 

Geburtstages so früh erreicht, daß Deine Wünsche 

die ersten waren, die ich empfing. Nimm, bitte, meinen 

wärmsten Dank dafür. Gott möge geben, daß sie sich 



' Prinz Karl von Hohenzollern, späterer Fürst Karl von 
Hohenzollern. 

101 



erfüllen. Dein letzter Brief traf mich in dem Augen- 
blick schrecklicher Sorge, denn gerade war mein armer 
Junge schwer erkrankt, es handelte sich um Leben und 
Tod. Die ganze folgende Woche war eine schreckliche 
Prüfung, und meine arme Frau fiel in Ohnmächten, 
da sie am Bett des Patienten wachte. Dank sei Gott, 
daß er unser Gebet erhörte und das Leben unseres 
Knaben rettete. 

Mein Schwager ^ ist sehr dankbar für Deine gütige 
Erlaubnis, daß Du ihm gestattest, nach der Front auf- 
zubrechen. Auf seiner Ausreise soll er Dir selbst Be- 
richt erstatten und Dir diese Zeilen übergeben. Seine 
Reise ist begrenzt worden, wie Du wünschest, und er 
ist darüber instruiert, sich ganz ruhig im Hintergrund 
zu halten, so daß er in keiner Weise dem Höchstkom- 
mandierenden zur Last fällt. Er bittet, daß der letztere 
keine unnötige Notiz von ihm nimmt und nicht ver- 
gessen möge, daß er ein einfacher Zuschauer ist, der 
ernstlich die Kriegskunst zu erlernen wünscht. Du bist 
durch ernste Unruhe '-, die infolge der Aufreizung und 
Agitation unter den niederen Klassen entstanden, hin- 
durchgegangen. Ich bin froh, daß Deine Soldaten sich 
verläßlich zeigten, und vertraue ihrem Eid, den sie 
ihrem Kaiser geleistet haben. Die Aufnahme der Depu- 
tation von Arbeitern, welche schlecht unterrichtet schei- 
nen und zum Teil von den Agitatoren zum Streik auf- 
gewiegelt wurden, machte überall einen guten Eindruck, 
da sie ihnen zeigte, daß sie in das Antlitz ihres Väter- 
chens blicken konnten, welche Ehre sie in angemessener 
Form erbaten. Es existieren viele und meist vage 
Reformpläne in Deinem Lande, soweit ich beurteilen 



* Prinz Friedrich Leopold. 

' Russische Januar-Revolution 1905. 

102 



kann, aber der wirksamste und best angepaßte für das 
Volk und seine Charakterart scheint mir die Bildung 
einer Körperschaft von Männern, die aus den besten 
und fähigsten Köpfen in den verschiedensten Semst- 
vvos^ erwählt sind. Diese Körperschaft könnte dem 
kaiserlichen Rat angeschlossen werden, und ihr könnte 
jede wichtige Frage übergeben werden, deren Bearbei- 
tung und Vorbereitung für den Rat ein lebendiges 
Interesse für ganz Rußland hat. Auch könnten mit 
den speziellen, zur Diskussion stehenden Problemen 
wohlvertraute Männer, die aus allen Teilen des Volkes 
ad hoc ausgewählt sind, um ihre Meinung angegangen 
werden. Und am besten würde es sein, wenn Du von 
Zeit zu Zeit das Präsidium übernimmst, um so viele 
verschiedene Menschen als mögHch zu hören und Dir 
ein klares Urteil über die vodiegenden Fragen zu bilden. 
Gerade so wie ich es 18Q0 tat, als ich das große 
Komitee zur Ausarbeitung der „sozialen Gesetze" für 
die arbeitenden Klassen nach dem großen Streik zu- 
sammenberief, in welchem Komitee ich auch wochen- 
lang den Vorsitz führte. Auf diese Weise könnte diese 
Körperschaft dem kaiseriichen Rat mit jeglicher In- 
formation, die er wünscht, dienen und Dich gleich- 
zeitig befähigen, mit der großen Menge der arbeiten- 
den Klassen in Verbindung zu bleiben und dadurch 
der letzteren jedes Mittel zu sichern, daß sie in An- 
gelegenheiten, die sich auf ihre Wohlfahrt beziehen, 
einen direkten Verbindungskanal zwischen dem ein- 
fachen Volk und seinem Kaiser und Vater haben. 
Außerdem würdest Ehi auf Grund Deiner eigenen In- 
formation imstande sein, eine gute Wache und Kon- 
trolle über Deinen kaiserlichen Rat auszuüben und über 

^ Selbstverwaltungskörperschaften der russischen Gouver- 
nements. 

103 



die Ministerkomitees und darauf zu achten, daß sie so 
arbeiten, wie Du es wünschest und Dein Volk es 
begehrt. Dieser Weg sichert die Exekutive ein 
für allemal dem autokratischen Zaren und nicht einem 
leitenden Minister mit einem Stab von hilflosen 
Kollegen, die ihrem Leiter blindlings folgen. 

An meinem Geburtstage wurde mein Dir wohl- 
bekannter größter Adjutant, Herr von Plüskow — in 
Paris nennen ihn die Damen „Plus que haut** — , zum 
Oberst Deiner Alexandergrenadiere ernannt. Sie stell- 
ten die Ehrenwache zu meinem Geburtstags-„Razwod** 
und schauten mächtig aus, wie Du aus den beihegen- 
den Photos ersehen kannst. Zur rechten Zeit, wenn 
die Lage sich beruhigt hat und es Dir angenehm ist, 
wird der neue Oberst Dir seine Aufwartung machen. 

Da ich gehört habe, daß Sergius^ erwähnte, daß 
Deine Behörden auf Krupp ärgerlich wären, da er 
nicht die Lieferzeit für die von Rußland in Auftrag 
gegebenen Batterien einhielt, so habe ich eine Unter- 
suchung in seinen Betrieben befohlen und sende Dir 
die Kopie des Berichtes, den ich empfing, der zeigt, 
daß kein Grund für die oben erwähnten Klagen vor- 
liegt. Die in den Betrieben der Hamburg-Amerika-Linie 
vorgenommenen Untersuchungen zeigen in gleicher 
Weise, daß die Gerüchte, wonach sie Kanonen und 
Munition auf ihren Schiffen für Japan mitgenommen 
hätten, völlig unbegründet sind. Sie haben keine Waf- 
fen oder Kriegsgerät irgendeiner Art nach oder für 
Japan mitgenommen. Es scheint, daß Wolken französi- 
scher und englischer Agenten, welche die AdmiraHtät 



* Großfürst Sergius, Onkel des Zaren, Bruder Alexanders III., 
vermählt mit der Schwester der Zarin Elisabeth von Hessen. 
Sergius wurde am 17. 2. 1905 ermordet. 

1.04 



und das Kriegsamt belagern, ärgerlich darüber, daß 
unsere Firmen Deiner Regierung so gut und besser 
als es die ihrigen vermögen, liefern, jetzt Zeitungs- 
enten ohne Ende zum Schaden der Deutschen auf- 
flattern lassen. Ich vertraue, daß sie weniger Glauben 
finden und in die Newa geschmissen werden. 

Die Japs haben vor kurzem vier Schlachtschiffe in 
England in Auftrag gegeben. Sie sollen Abbilder der 
neuesten englischen Typs zwischen 13 000 und 19 000 
Tonnen mit 25-cm-Kanonen mittlerer Artillerie und 
30 cm schwere Artillerie darstellen. — Mit besten 
Wünschen für bessere Aussichten für Dich und Dein 
Land und viele Grüße an Alix verbleibe ich 

Dein immer wohlgesinnter und ergebener Freund 

und Vetter 

Willy. 

P.S. Ende nächsten Monats werden wir unseren 
Jungen nach dem Mittelmeer und Sizilien mitnehmen. 

Berlin, 21. II. 1905. 

Liebster Niki! 
Friedrich Leopold ist kürzHch mit Deinen freund- 
lichen Wünschen und Grüßen zurückgekehrt. Er war 
tief gerührt über Deine äußerst freundliche Leutselig- 
keit, wie auch über die großmütige Aufnahme, die Du 
ihm gewährtest. Wie freue ich mich, von ihm zu hören, 
daß Du wohl, ruhig, gesammelt und fleißig bei der 
Arbeit bist, und daß die liebe Alix und die Kinder 
alle wohlauf sind. Man kann so viel leichter an einem 
schwierigen Werk schaffen, wenn man weiß, daß unsere 
Lieben wohl sind. Ich war froh, daß ich Deinem 
Wunsche entsprach, indem ich Friedrich Leopold nach 

105 



Asien zur See schickte. Deine Eisenbahnen sind da- 
durch unbelästigt gebHeben. Welche schreckHchen 
Nachrichten kommen aus Moskau ^ Diese Bestien von 
Anarchisten haben eine schwarze und feige Tat be- 
gangen. Arme Ella 2, ein wie furchtbarer Schlag muß 
es für sie gewesen sein. Möge Gott ihr Kraft und 
Ergebenheit verleihen, es zu ertragen. Es ist sehr 
schlimm für die schöne alte Hauptstadt Rußlands, daß 
ihre Mauern mit so schweren Verbrechen besudelt 
sind, aber sicherlich beherbergt sie keine wahren Bür- 
ger, die einen Atemzug mehr tun können, wenn sie 
so etwas billigen. Ich kann nicht glauben, daß diese 
Dämonen aus den Reihen Deiner moskowitischen Un- 
tertanen entstammen. Es waren wahrscheinlich Fremde 
aus Genua. Denn der größte Teil des Volkes setzt 
noch seinen Glauben in sein „Väterchen", den Zaren, 
und betet für seine geheiligte Person. Ich habe diese 
Überzeugung aus meiner genauen Beobachtung der 
verschiedenen Phasen der Bewegung in Rußland ent- 
nommen, soweit ich imstande war, aus den Nachrich- 
ten, die von dort kamen, und aus den Meinungen, die 
von den Beobachtern, bisweilen von Russen selbst, in 
der europäischen Presse zum Ausdruck kamen. 

Die russische Revolutionsbewegung ist, wie Du Dir 
wohl denken kannst, erster Gegenstand aller Unter- 
haltungen und Korrespondenzen nicht nur in Rußland, 
sondern auch außerhalb. Die ganze europäische Presse 
ist mit Artikeln über Rußland überflutet. Ihre Mei- 
nungen hängen von dem Parteistand ab, zu dem sie 
gehören. In diesem Sinne hat sich ein sozusagen 
europäischer Gesichtspunkt herauskristallisiert, der 



* Ermordung des Großfürsten Sergius. 

• Elisabeth. 



106 



ziemlich genau die öffentliche Meinung unse- 
res Kontinents wiedergibt. Nun, ich dachte, daß 
es vielleicht einiges Interesse hätte, in Deiner Einsam- 
keit in Tsarske eine Idee von dieser europäischen Mei- 
nung zu haben und zu hören, wie die Ereignisse in 
Deinem Lande, von der, was man so gemeinhin nennt, 
„zivilisierten Weif' beurteilt werden. Ich werde deshalb 
in den folgenden Zeilen eine kleine Skizze für Dich zu 
zeichnen versuchen, wie sich das russische Gemälde, von 
außerhalb gesehen, widerspiegelt. Da die Leute außer- 
halb Deines Landes natürlich nicht in die Details der 
verwickelten Fragen eingeweiht sind, so kombinieren 
sie oft, oder tragen in das Bild etwas von einem Er- 
eignis, das sie sehen, ohne seine Ursachen zu kennen, 
hinein. Deshalb vermag oft eine falsche Kombina- 
tion sie zu einer falschen Schlußfolgerung zu führen, 
weil ihre Unkenntnis der wirklichen Tatsache sie Schiff- 
bruch erleiden läßt. Die auswärtigen Betrachter der 
Dinge sind oft gezwungen, in Schlußfolgerungen zu 
verfallen, aber wir müssen hinzufügen, „wo Begriffe 
fehlen, stellt oft ein Wort zur rechten Zeit sich ein''. 
Darum muß ich Dich vor allem bitten, mir zu ver- 
zeihen, wenn ich Dir Dinge schreibe, die Du \ielleicht 
aus den Berichten und Winken Deiner Diplomaten 
längst kennen gelernt hast. Sei so gut und verzeih, 
wenn ich als Dein loyaler und treu ergebener Freund 
gezwungen bin, so zu handeln — auch Ansichten 
äußern muß, die Dir ?? , nicht edelmütig, 

falsch erscheinen mögen oder selbst Deine Gefühle 
verletzen. Aber Rußland befindet sich in einem Sta- 
dium, zu einem neuen Blatt seiner Geschichte über- 
zugehen, und die Entwicklung zeigt eine Tendenz, 
daß man sich auf eine gewisse Modernisierung vorbe- 
reitet 

107 



Solch ein Prozeß, das wirst Du zugestehen, in einer 
so mächtigen Nation wie der Deinigen, muß notwen- 
digerweise auch die weit verbreiteten Interessen in 
Europa beherrschen und selbstverständlich vor allem 
in dem Nachbarlande. Die Methoden, die angenom- 
men werden sollen, die Mittel, die angewandt wer- 
den müssen, und die Leute, die das Werk zu voll- 
enden haben, haben einen direkten Einfluß über Deine 
Grenzen hinweg auf andere Nationen. Wenn ich sagte, 
daß die „Meinung" eine „europäische" ist, so darf ich 
nicht die Tatsache vergessen, daß manche Russen, die 
hier in den letzten Monaten hindurchgekommen sind, 
daß alle, die in ganz Europa leben, namentlich in Paris 
und Frankreich, ebenfalls dazu beigetragen haben, dem 
Gemälde Farben zu verleihen, so daß die Tatsachen, 
welche die Grundlage für die „europäische Meinung" 
bilden, hauptsächlich von Frankreich geliefert werden, 
das als Freund und Bundesgenosse immer am besten 
über Rußland orientiert ist. Das Ergebnis ist folgendes: 

Einem „on dit" zur Folge hat die Regierung Mirski 
zu plötzlich der Presse eine größere Freiheit als vor- 
her zugestanden und die Zügel zu schnell gelockert, 
welche so eng von Plehwe angezogen waren. Infolge- 
dessen ergoß sich eine Flut von bisher nicht erlebten 
Artikeln und offenen Briefen an die Adresse des Herr- 
schers, etwas, was bis dahin in Rußland für völlig un- 
möglich gehalten wurde. Einige der frechsten von ihnen 
waren darauf berechnet, das Ansehen des autokrati- 
schen Regimes zu mindern. Diese günstige Gelegen- 
heit wurde von der revolutionären Partei aufgegriffen, 
um die keinen Argwohn hegende Arbeiterbevölkerung 
zu beherrschen, und um sie in einen Zustand der Gä- 
rung zu versetzen und sie zu veranlassen, Dinge zu 

108 



fordern, für deren Verständnis tele unfähig ist, und 
zwar in peremptorischer, respektloser Haltung, die von 
einer Sprache und Taten begleitet ist, die fast nach Revo- 
lution aussehen. Dies brachte die arbeitenden Klassen, 
sicheriich gegen ihren Willen, in direkte Opposition zur 
Regierung und in Konflikte mit den Behörden, welche 
Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten haben. Da 
diese mißleiteten und schlecht informierten Banden, 
die sich namentlich aus Leuten zusammensetzen, die in 
dem Zaren ihren „Vater" und „Schützer" sehen, unter 
dem Eindrucke standen, daß sie ihre Wünsche vor ihm 
zum Ausdruck bringen könnten, wenn sie vor seinem 
Palast erscheinen, so dachte man, daß es praktisch für 
den Zaren wäre, eine bestimmte Zahl von ihnen zu emp- 
fangen, und nachdem sie mitten in einen Truppenkor- 
don hineingezogen waren, sie vom Balkon des Winter- 
palastes anzureden, wo er vom höchsten Klerus und 
dem Kreuz und seinem Gefolge umgeben, wie ein 
Vater zu seinen Kindern spricht, bevor das Miütär ein- 
gegriffen hätte. So wäre möglicherweise das Blutver- 
gießen ganz vermieden oder wenigstens verringert wor- 
den. 

Das Beispiel Nikolaus I. habe ich oft angeführt, der 
eine sehr ernste Rebellion dadurch beschwichtigte, daß 
er, sein Kind in den Armen, in ihre Mitte ritt und die 
Rebellen in kurzem auf die Knie zwang. Man denkt 
auch jetzt noch wie damals, da>ß die Person des Zaren 
einen enormen Halt im einfachen Volke hat, und daß man 
noch vor seiner geheiligten Erscheinung das Knie beugt 
Ein Wort in solcher Stellung und in solch einer Um- 
gebung würde die Massen in Ehrfurcht haben erschüt- 
tern lassen, und hätte sie beruhigt und würde über 
ihre Häupter hinweg bis in die fernsten Winkel des 

109 



Reiches sicherlich die Agitatoren niedergeworfen haben. 
Diese sollen noch mehr oder weniger unter dem Be- 
fehl der Massen stehen, da solch ein Wort bisher noch 
nicht von dem Herrscher gesprochen ist. Die Agita- 
toren setzen ihr Spiel mit der Einbildung des Volkes 
fort, indem sie den Gedanken aufrecht halten: „Es ist 
Sein Wille, er denkt so, aber Du kannst ihn nicht hören, 
weil die Banden von Beamten, welche es regieren, ihn 
abhalten und ihn von seinem Volke trennen/^ Diese 
betrogenen Massen glauben und folgen diesen Leuten, 
bis es zu spät ist und Blut fließen muß. 

Manche Reformen haben begonnen, neue Gesetze 
werden in den Bevölkerungsschichten erörtert, aber, 
merkwürdig genug, die Leute sagen allgemein, „das ist 
von Witte ^ dies ist von Murawieff inspiriert und jenes 
ist der Gedanke Pobedonozeffs2^^ Der Zar wird aber 
niemals genannt, denn sie sind mit seinen wirklichen 
Gedanken unvertraut! Obgleich der Ministerrat oder 
der Senat die Manifeste im Namen des Zaren veröff ent- 
hebt, sind doch diese Körperschaften viel zu schwan- 
kend und viel zu geheimnisvoll für den Betrachter, als 
daß sie etwas wie Enthusiasmus oder Interesse mit 
ihren Handlungen hervorrufen. Unter einem autokra- 
tischen Regime, so argumentiert man, muß der Herr- 
scher selbst die Losung ausgeben und die program- 
matische Aktion selbst in nicht mißzuverstehender offi- 
zieller Weise einleiten. 

Es scheint, daß jede Körperschaft etwas dieser Art 
mittels eines persönlichen Willensaktes des Zaren er- 



^ Graf Sergius Witte, russischer Finanzminister und Minister- 
präsident bzw. Minister des Äußeren, Unterhändler in Ports- 
mouth mit den Japanern. 

' Procureur des Heiligen Synods. 

110 



wartet. So lange sich aber dies nicht ereignet, wird der 
Eindruck in weiten Kreisen fortbestehen, daß die an- 
gekündigten Reformen und Gesetzesparagraphen nur 
Arbeit der Minister sind, die lediglich zum Schein die- 
nen und Sand in die Augen des Volkes streuen sollen. 
Und die Leute werden weiter ängstlich die starke Hand 
am Steuerruder des Landes vermissen, das von einem 
Leiter mit klarem Vorsatz geführt werden und nach 
einem klar bestimmten Ziele isteuern müßte. Dieser 
Stand der Dinge erzeugt ein Gefühl der Unruhe, das 
in seinem weiteren Verlauf Unbefriedigtsein hervor- 
ruft, eine nörgelnde Kritik erzeugt, ein Her und Hin 
in größtem Umfange, und dies gerade dem mildesten 
Mann mit den besten Absichten gegenüber, der von den 
aufrichtigsten und reinsten Beweggründen geleitet wird. 
Der enttäuschte Zuschauer, vielleicht auch der Unter- 
tan selbst, wird infolgedessen mehr und mehr darautf 
vorbereitet, auf die Schultern des Zaren die Verant- 
wortlichkeit für alles, was ihn jetzt nicht befriedigt, zu 
legen. In normalen Zeiten bedeutet das sehr wenig, 
und bei konstitutionellen Nationen Ist es nicht so ge- 
fährlich, da die Minister des Königs auf die Tribüne 
steigen müssen, um seine Person zu verteidigen. In 
Rußland aber, wo die Minister die geheiligte Person des 
Herrschers nicht schützen können, da man weiß, daß 
sie nur sein einfaches Werkzeug sind, bilden solche 
Erregungen, welche die russischen Gemüter mit Un- 
ruhe und Unbefriedigung erfüllen, und die dazu füh- 
ren, dem Herrscher mit dem Odium für alles Unan- 
genehme, das sich ereignet, zu belasten, eine sehr ernste 
Gefahr für den Herrscher und seine Dynastie, weil sie 
dazu führen, ihn unpopulär zu machen. Jetzt aber, 
so argumentiert man weiter, wenn die Intelligenz und 

Hl 



die einzelnen Schichten der Gesellschaft bereits unbe- 
friedigt sind, müßte- auch der Zar unpopulär bei den 
Massen werden, und die Agitatoren könnten dann leicht 
einen solchen Sturm der Erregung hervorrufen, daß es 
sehr ungewiß ist, ob die Dynastie imstande ist, dem zu 
trotzen. 

Bezüglich eines Punktes scheint man in ganz Europa 
einer Meinung zu sein. Es ist gewissermaßen die still- 
schweigende allgemeine Überzeugung, daß der Zar 
persönlich allein für den Krieg verantwortlich ist. Der 
Ausbruch, die durch den plötzlichen Angriff hervor- 
gerufene Überzeugung, der offenbare Mangel an Vor- 
bereitung, ist, wie man sagt, sein Fehler. Man sagt, 
daß die Tausenden von Familien, die ihre männlichen 
Mitglieder durch den Krieg verloren haben, oder sie 
seit langen Monaten missen müssen, das Blut und 
ihre Klagen an die Stufen des Thrones des Zaren 
legen. Es hält sich die Ansicht aufrecht, daß die aufge- 
rufenen Reservisten, die ihr Heim verlassen müssen, 
widerwillig das Kämpfen in einem Lande verabscheuen, 
von dessen Existenz sie noch nie etwas gehört haben, 
und für eine Sache, die ihnen selbst unpopulär ist. Sie 
sind abgehärmt, wenn sie an ihre Weiber und ihre Kin- 
der denken, die sie zurückgelassen haben, und die lang- 
sam in Armut und hilfloses Elend versinken. Sie legen 
ihre Qualen und ihre Sorgen vor die Tür des Zaren- 
palastes nieder und wünschen, daß er sie zu Hause ge- 
lassen hätte. 

Die Berichte fremder und russischer Korrespondenten 
bei der Armee nennen es ein Berganfechten gegen einen 
furchtbaren Feind. Man mußte den Krieg unter sehr 
schwierigen Umständen beginnen, da man keine Zeit 
hatte, sich ordentlich für die Aufgabe vorzubereiten. 

112 



Unter dem Nachteil einer geringen Zahl, mit der man 
sich unmöglich der eintretenden Flut von Mißgeschick 
entgegenzustemmen und den furchtbaren Angriffs- 
schlachten eines Feindes zu begegnen vermochte, der, 
wie man wußte, sich für diesen Kampf während der 
letzten fünf Jahre vorbereitet hatte. Für alles dieses 
hält man den Zaren für verantwortlich. Auch die 
furchtbaren Verluste der Marine werden seinen Schul- 
tern aufgebürdet. 

Nun ist die Verantwortlichkeit für den Krieg eine sehr 
ernste Angelegenheit für einen Herrscher; das weiß ich 
aus Erfahrung von dem, was mein verstorbener Groß- 
vater mir darüber erzählte. Persönlich ein Mann von 
mildester und friedvollster Gesinnung und schon in 
hohem Alter, war er dazu berufen, drei Kriege während 
seiner Regierungszeit auf sich zu nehmen, und für jeden 
einzelnen hatte er die volle Verantworthchkeit. Aber 
er hatte das reine Gewissen, und sein Volk unterstützte 
ihn aufrichtig und begeistert. Die gesamte Nation er- 
hob sich wie ein Mann und beschloß, den Krieg zu 
gewinnen oder zu sterben, Sieg oder Niederlage, aber 
bis zu Ende fechten. Er und seine Untertanen fühlten, 
daß die Vorsehung auf ihrer Seite war, und das ist so 
gut, als ob der Sieg schon gewonnen ist. Solche Kriege 
sind dann leicht für den Herrscher zu ertragen, weil 
das gesamte Volk die Last mit ihm teilt. Aber die Ver- 
antwortlichkeit für den unpopulären Krieg ist eine ganz 
andere Sache, wenn die Glut des flammenden Patrio- 
tismus nicht entzündet ist, und wenn die Nation als 
Ganzes keinen willigen Anteil daran nimmt und nur 
mürrisch ihre Söhne an die Front schickt, weil der Zar 
es so will. Wenn sie seine Angelegenheit nicht zu ihrer 
eigenen macht, das ist eine furchtbare und schwere 

8 113 



L^st, deren Gewicht nicht erleichtert werden kann, 
durch die Reinheit der Motive, welche dem Herrscher 
die Klarheit des ruhigen Gewissens gibt und ihn erwar- 
ten läßt, daß seine Untertanen kämpfen, wenn sie 
seine Beweggründe selbst nicht zu verstehen vermögen. 

[Fehlerhaftes Manuskript.] 

Der Krieg ist sehr unpopulär mit dem Ergebnis, daß 
ganz Rußland die Offiziere nicht ausgenommen . . . 

Der Eindruck bleibt bei den Offizieren der französi- 
schen Armee, Deinen Alliierten, bestehen, daß selbst 
das Vertrauen auf Kuropatkin nachzulassen beginnt, 
wenn die Einigkeit, die für den Erfolg wesentlich ist, 
zwischen den verschiedenen Kommandierenden und 
den russischen Streitkräften soviel zu wünschen übrig 
läßt. Dieser Stand der Dinge muß die Operationen 
hemmen und die Aussichten auf den Sieg aufs Spiel 
setzen. Es ist notwendig, daß sobald als möglich hier 
eine Abhilfe eintritt, wenn nicht die Armee und ihre 
Disziplin leiden sollen. Die Lösung halte ich für äußerst 
schwierig. 

Es scheint indessen, worüber man allgemein einig 
ist, daß Kuropatkin mehr Talent zu einem General- 
stabschef unter einem andern General als Führer hat, 
als daß er selbst Führer ist, da er etwas langsam ist 
und es ihm an dem Element fehlt, was man die „Offen- 
sive" nennt. Ein solcher Führer ist schwer zu finden, 
da die Generäle, die älter als Kuropatkin sind, meist zu 
alt und seit langer Zeit außer Dienst sind. Außerdem 
ist es zweifelhaft, ob er einem solchen Wechsel zustim- 
men würde. Andererseits ist seine sprichwörtliche 
Kenntnis des Landes, des Feindes, seiner Kampfesart, 
sein Talent für die Armee, Verpflegung und sonstige 
Sorgfalt ganz unschätzbar und kann nicht vom Felde 

114 



vermißt werden. Das Ergebnis aller dieser Erwägung 
ist, daß die Leute darauf anzuspielen beginnen, daß 
der Zar vielleicht selbst den Oberbefehl übernehmen 
möge und seine tapferen Truppen führe, ihr Vertrauen 
wieder herstelle, sie sich gewinnt, indem er Anteil an 
ihren Mühen nimmt, sie durch seine Gegenwart elektri- 
siert und die Dienste Kuropatkins für seine Truppen, 
dabei weiter erhält, so daß er als Generalstabschef 
in seinem „unentschiedenen Krieg" mit fungieren kann. 
Wie ich oben gezeigt habe, erhebt sich eine langsam 
steigende Flut der Mißdeutung, Unruhe, Gehorsamsver- 
weigerung, die offenbar verhindert und niedergehalten 
werden muß. Die europäische Öffentlichkeit so gut wie 
die russische Nation blickt daher instinktiv auf den 
Zaren und erwartet von ihm, daß er vorwärts geht und 
etwas Großes tut; einen großen persönlichen Akt, in 
der Absicht, allen zu zeigen, daß er der Selbstherrscher 
seines Volkes ist, und daß er willens ist, seine Ängste 
und Schmerzen zu beruhigen, soweit es in seiner Macht 
steht. Diese allgemeine Erwartung ist sehr gut von 
jemanden kürzHch in Worte gekleidet worden, wel- 
cher sagte, „der Kaiser muß einen großen Akt voll- 
ziehen, um seine Macht von neuem zu befestigen, um 
seine Dynastie, die bedroht ist, zu erhalten, er muß 
es mit seiner Person zahlen". Aber wie? Nach dem, 
was ich über den Krieg schrieb, hast Du völlig die Frei- 
heit, eine andere Frage aufzuwerfen. Warum ist der 
Krieg unpopulär, warum hat es den Anschein, daß ich 
nicht von meinem ganzen Volke unterstützt werde, 
warum ermangeln sie des Enthusiasmus für den Kampf? 
Wir wurden angegriffen, und wir hatten für seine Ehre 
und für unser Prestige zu kämpfen. Der fremde Beob- 
achter denkt, daß es eine befriedigende Antwort dar- 

8* 115 



auf gibt, hier ist sie: In früheren Zeiten pflegten Deine 
Voreltern, bevor sie in den Krieg gingen, sich nach 
Moskau zu begeben. Sie beteten in den alten Kirchen, 
und dann versammelten sie die Edlen im Kreml und 
das Volk außerhalb in den Hofräumen und legten ihnen 
unter großer Zeremonie die Notwendigkeit des Krieges 
dar und riefen ihre loyalen Untertanen auf, ihnen auf 
das Schlachtfeld zu folgen. Solch ein Ruf vom Kreml 
in Moskau, das noch die wirkliche Hauptstadt Ruß- 
lands ist, würde niemals eine verneinende Antwort von 
der russischen Nation finden. Solch ein Akt, solch ein 
Ruf zu den Waffen wurde von Moskau und Rußland von 
Dir in den Tagen, welche dem 8. Februar des letzten 
Jahres folgten, erwartet, und dann wäre man bereit 
gewesen, unter den grimmigen Schlägen leidend, die 
einen unerwartet trafen, mit Enthusiasmus zu ant- 
worten, und die Bürger der großen Hauptstadt hätten 
ungestüm auf Dein Kommen gewartet, ein Wink hätte 
genügt, daß Deine Beamten Deinen Zug zum Abmarsch 
fertiggestellt hätten. Aber der Zar kam nicht, Moskau 
wurde allein gelassen, der heilige Krieg, den man un- 
gestüm erwartete, wurde nicht proklamiert, man rief 
nicht zu den Waffen. Dieses Moskau blickte wie eine 
geschmückte Frau und litt darunter. Es wurde miß- 
vergnügt und zeigte sein Mißvergnügen offen. Sein 
Beispiel wurde von ganz Rußland befolgt. Am andern 
Tag wurde die Bemerkung gemacht, der Kaiser muß 
seine Hand auf Moskau legen, mit Moskau wird er 
die Ordnung in Rußland wieder herstellen, ohne Mos- 
kau wird es sehr schwer sein. Nun wohl. Europäische 
Beobachter denken, daß dies ausgeführt werden könnte, 
daß der Zar den envarteten „großen Akt" vollführen 
könnte, wenn er nach Moskau ginge, und dort den Adel 

116 



und die Notabein in seinem prächtigen Palast ver- 
sammelte, zu ihnen sprechen würde, vielleicht mit einem 
Tadel beginnt, daß die Briefe und Adressen, die an 
ihn gesandt worden sind, veröffentlicht wurden, was 
aber eine schlechte Art sei, die nicht wiederholt wer- 
den kann, und daß er dann die Reformen proklamiert, 
die er für sein Volk vorbereitet hat, so wie er es für 
gut hält. Nicht das Versprechen einer allgemeinen ge- 
setzgebenden Versammlung, nicht eine Konstituante 
oder eine Nationalversammlung, sondern eine Habeas- 
Corpus-Akte und eine Erweiterung des Staatsrates. 
Keine Versammlungsfreiheit oder Pressefreiheit, wohl 
aber strengste Befehle an alle Richter, sich von irgend- 
welchen Schikanen fortan fernzuhalten. Und weiter 
könnte der Zar seine Hörer wissen lassen, was er über 
das Heer beschlossen hätte, falls er es selbst für mög- 
lich oder notwendig hält, hinauszugehen, ihnen zu 
erzählen, sie zu ermahnen, von allen inneren Streitigkei- 
ten abzulassen, bis der Feind niedergeworfen ist. Her- 
nach sollte der Zar, umgeben von der Geistlichkeit 
mit Bannern und Kreuzen und Weihrauch und heiligen 
Kerzen auf den Balkon hinaustreten und dieselbe Rede, 
die er vorher hielt, noch einmal als Manifest den unten 
im Hofe versammelten Untertanen vorlesen, umgeben 
von den dicht gedrängten Reihen der Truppen mit dem 
Bajonett auf den Gewehren und dem Säbel in der Faust. 
Wenn Du ihnen dann erzählen würdest, daß Du, falls 
Du es für nötig hieltest, selbst gehen würdest, um die 
Mühsal ihrer Brüder und Verwandten im Felde zu tei- 
len, die auf Deinen Befehl ausgezogen sind, und Du 
sie ermutigen und zum Siege zu führen versuchen wür- 
dest, dann würde das Volk, wie man leicht beweisen 
kann, tief gerührt gewesen sein. Dir zugejubelt haben, 
auf seine Knie gesunken sein und für Dich gebetet 

117 



haben. Die Popularität des Zaren würde zurückgewon- 
nen sein, und er würde außerdem die Sympathie seines 
Volkes gewinnen. Alle Leute, die ein Interesse an den 
russischen Ereignissen nehmen, sind einstimmig der 
Meinung, cjaß auf die Dauer der Zar nicht in Ewigkeit 
in Zarske oder Peterhof bleiben darf, sondern daß 
sicherlich sein erstes Auftreten unter oben erwähnten 
Umständen erfolgen müßte. Das Aufsehen und der 
Eindruck, der dadurch in der ganzen Welt geschaffen 
wird, würde ungeheuer sein; mit verhaltenem Atem 
würde man auf ihn hören, wenn er sie anredet, 
wie es seine Vorväter taten. Von den Zinnen des 
Kremls! Dies, mein lieber Niki, ist eine Skizze, die ich 
von der öffentlichen Meinung Europas im Hinblick 
auf die Ereignisse in Rußland gezeichnet habe. Zu 
Beginn derselben habe ich Dir die Gründe dargelegt, 
warum ich es für meine Pflicht hielt, Dir diese Zeilen 
zu schreiben. Ich bitte nochmals um Verzeihung, daß 
ich Deine kostbare Zeit in Anspruch genommen habe 
und für den Fall, daß ich bisweilen zu persönlich in 
meinem Brief war. Aber als Dein aufrichtiger Freund 
bin ich ein eifersüchtiger Wächter Deines ,,Renommees'' 
in dieser Welt, und ich wünsche, daß Du richtig und 
gerecht von ihr beurteilt wirst, und daher ist es nur 
zu sehr meine Pflicht, Dich über die Meinung, welche 
die Welt über Dich hat, zu informieren, um Dich zu 
befähigen, sie durch Deine Regierungsakte zu korri- 
gieren, wenn Du Dich dazu geeignet fühlst. Auf alle 
Fälle „Honny soit qui mal y pense^^ Mit aufrichtigsten 
Wünschen für die Wohlfahrt und Zukunft Deines Lan- 
des und Hauses und mit den besten Grüßen an Alix 
und dem Wunsche, daß Gott Euch alle segnen und be- 
hüten möge, verbleibe ich wie immer mein liebster Niki 

Dein wohlgesinnter Vetter und Freund 
118 Willy. 



Berlin, 5. VI. 1905. 

Liebster Niki! 
Die freundlichen Zeilen, welche Du Michas ^ Sorge 
anvertrautest, und die mir gestern übergeben wur- 
den, haben mich tief gerührt. Die denkwürdigen Er- 
eignisse, auf die Du anspielst, sind alle klar in mei- 
nem Gedächtnis eingegraben und erinnern mich, wie 
die Jahre dahingegangen sind, und wie oft wir beide 
seit langer Zeit in persönliche Beziehungen gekom- 
men sind. Die natürliche Folge hiervon ist ein dauern- 
des Gefühl wechselseitiger Freundschaft, die sich zwi- 
schen uns entwickelt hat und auf einem vollkom- 
menen gegenseitigen Verständnis ruht. Diese Beziehun- 
gen haben in all den Jahren für die Wohlfahrt unserer 
Länder geblüht, für die Rolle, zu der wir von der Vor- 
sehung ausersehen wurden. Sie waren und, wie ich 
hoffe, werden sie auch weiter die Gewähr für den 
Frieden und die Wohlfahrt der beiden Länder wie auch 
der Welt bieten. Ich erinnere mich sehr gut des Augen- 
blicks in der Kapelle des Winterpalastes, als Du Deinen 
Eid auf die ruhmvollen Fetzen der alten Kosakenfahnen 
inmitten der atemlosen Stille einer riesigen Zuhörer- 
schaft erlauchter Männer leistetest. Wie wurde Dein 
teurer Vater bewegt, als er Dich nach der Zeremonie 
küßte. Wie lang ist dies her, wie lange stehst Du an 
seiner Stelle und hast Dein Land durch eine der schwer- 
sten Phasen seiner Entwicklung zu leiten. Wie ich für 
Dich gefühlt und an Dich gedacht habe in all den 
Monaten, brauche ich Dir nicht zu sagen. Auch in jedem 
AugenbHck der Fortschritte des Admirals Roshestwen- 
sky^ Die große Attacke, die er in Deiner Hand reprä- 

^ Großfürst Michael. 

* Führer der baltischen Flotte, die bei der Insel Tsushima in 
der Koreastraße von den Japanern vernichtet wurde. 

119 



sentiert, ist ausgespielt und auf ehrenvolle Weise ver-» 
loren. Er tat alles, was in seiner Macht stand, um 
Deinen Wünschen zu entsprechen; aber die Vorsehung 
wollte es anders, und er erlitt eine Niederlage, indem 
er tapfer seinem Herrn bis zum letzten diente. Meine 
volle Sympathie ist mit ihm und mit Dir. 

Vom rein militärisch-strategischen Gesichtspunkt 
endet die Niederlage in der Straße von Korea die Aus- 
sichten auf eine entscheidende Wendung der Dinge zu 
Deinen Gunsten. Die Japaner sind jetzt frei, um jede 
Menge von Reserven, Rekruten und Munition in die 
Mandschurei für die Belagerung von Wladiwostok 
hineinzuwerfen, das, wenn nicht eine Flotte zu seiner 
Hilfe vorhanden ist, kaum lange Widerstand leisten 
kann. Das Heer von Lanewitsch wird wenigstens drei 
oder vier frischer Armeekorps bedürfen, um es auf 
seine frühere Stärke und Schlagkraft zu bringen, und 
selbst dann ist es schwer, vorauszusagen, was die 
Folgen sein werden, und ob eine andere große Schlacht 
mehr Erfolg als die früheren versprechen wird. Formell 
ist es natüriich möglich, selbst unter diesen widrigen 
Umständen den Krieg noch für eine Zeit lang fortzu- 
setzen. Aber dann muß man andererseits auch die 
menschliche Seite der Sache nicht übersehen. Dein 
Land hat tausende seiner Söhne an die Front gesandt, 
wo sie gefallen sind, wo sie krank oder zu Krüppeln 
für den Rest ihres Lebens wurden. Jetzt ist, wie ich 
Dir in meinem letzten Briefe vom 6. Februar schrieb, 
der Krieg sehr unpopulär, und das Volk sieht seine 
Söhne und Väter widerstrebend, ja selbst unwillig Haus 
und Hof verlassen, um für eine Sache zu kämpfen, 
welche sie nicht nur nicht begeistert, sondern ab- 
schreckt. Ist mit der Verantworthchkeit eines Herr- 

120 



Sehers es vereinbar, eine gesamte Nation weiter zu 
zwingen, gegen ihren ausdrückUchen Willen ihre Söhne 
in den Massentod zu schicken, ledigHch für seine Sache? 
Nur für diese Art Vorstellung nationaler Ehre? Nach- 
dem das Volk durch sein Benehmen klar seine Miß- 
billigung einer weiteren Fortsetzung des Krieges zum 
Ausdruck gebracht hat? Wird nicht mit der Zeit das 
Leben und Blut all dieser nutzlos hingeopferten Tau- 
sende vor die Tür des Herrschers niedergelegt werden, 
und wird er nicht einstmals von ihm, dem Herrscher 
und Herrn aller Könige und Menschen, aufgerufen wer- 
den, sich für die zu verantworten, die unter seine Obhut 
von dem Schöpfer gestellt worden sind, der ihre Wohl- 
fahrt ihm anvertraute? Nationale Ehre ist ein seht\ 
gutes Ding an und für sich, aber nur in dem Fall, daß 
die Gesamtheit der Nation selbst bestimmt, sie mit 
allen möglichen Mitteln aufrecht "zu halten. Aber wenn 
die Wege einer Nation 'dahin weisen, daß sie genug hat, 
und daß „alles verloren, nur nicht die Ehre^^ ihre 
Denkrichtung ist, ist es dann nicht vernünftig, daß auch 
ihr Herrscher, zweifellos mit "schwerem Herzen, die 
Folgerung zieht und Frieden schließt? Selbst wenn 
€S ein bitterer Friede wird? Besser als durch die Ver- 
längerung eines so unpopulären Krieges ein so er- 
bittertes Gefühl in seinem Lande zu schaffen, daß es 
selbst nicht vor ernsthaften Schritten zurückweicht, um 
eventuell den Herrscher zu "zwingen, seine Wünsche 
zu erfüllen und seine Ansichten anzunehmen? Hier 
mußte man natüriich auf die Armee Rücksicht nehmen. 
Sie hat gefochten und tapfer gefochten, in Hitze und 
Kälte versuchte sie in IV2 Jahren, den Sieg für Dich und 
Dein Land zu erstreiten, aber bis jetzt hat ihr die Vor- 
sehung den Erfolg vorenthalten. Niederlage, furcht- 

121 



bare Verluste an Leben und unaussprechlichen Leiden 
sind statt dessen Deinem armen Heere gesandt worden 
und willig von diesen prachtvollen, tapferen, ruhigen 
und sich selbst aufopfernden Menschen, wie es Deine 
Soldaten sind, eriitten worden. Daß sie auf Revanche 
brennen und bereit. sind, zu jedem möglichen Augen- 
blick zu kämpfen, ist ganz natürlich. Aber gibt es hier 
irgendeinen neuen Führer oder General unter den 
Hauptleuten, der fähig ist, den Erfolg zu garantieren, 
so daß es eine neue furchtbare Anstrengung auf Kosten 
von Tausenden von Leben von Soldaten rechtfertigen 
würde? Ist die Armee tatsächlich absolut davon über- 
zeugt, daß es noch möglich sein wird, die Wagschalen 
zu wechseln? Auf diese Frage bist Du natürlich allein 
imstande, die Antwort zu geben. Sollte die Antwort 
indessen im negativen Sinne von Deinen Generälen im 
Namen Deiner Soldaten gegeben werden, indem sie 
bei ihrer Ehre erklären, daß sie für ihren Kaiser nur 
sterben, aber schwerlich einen entscheidenden 
Sieg für ihn erringen können, dann denke ich, daß Dein 
Gewissen darüber ruhig sein kann, ob Du weiter in 
den Kampf gehen solltest oder nicht, und Du könntest 
offen die Friedensverhandlungen beginnen, die von allen 
Deinen ergebenen Untertanen durch ganz Rußland hin- 
durch mit Freude begrüßt werden würden, nach dem 
Blutopfer, das sie bereitwillig ihrem Kaiser brachten. 
Du kannst dann wie der alte französische Grenadier 
Bombardon singen: „Das Glück des Krieges hat wider 
uns entschieden, doch die Armee hat ihre Pflicht getan, 
die Hälfte fiel, der Rest war Invaliden. Je nun, man 
trägt, was man nicht ändern kann.** 

Napoleon I. und Friedrich der Große haben auch ihre 
Niederlagen erlitten. Man muß es betrachten, als ob 

122 



es Gottes Wille war, daß die Dinge diesen Lauf ge- 
nommen haben. Gott hat diese Bürde auf Dich gelegt, 
und sie muß getragen werden, aber vielleicht mit seiner 
Absicht und mit seiner Hilfe kann aus alle diesem 
schließlich noch etwas Gutes Werden; ein neues Leben, 
eine neue Ordnung der Dinge für die Entwickelung 
Rußlands kann aus dieser Prüfungszeit hervorgehen, 
eine Belohnung, die Deine Untertanen reichlich ver- 
dient haben. 

Vergib die Länge dieses Briefes, aber ich fühle als 
Dein Freund und Kollege toich verpflichtet, Dir zu 
sagen, was ich als wahr und richtig erkenne. Du kennst 
die Gründe, die mich bewegen, Du kannst mit diesem 
Schreiben frei tun, was Ehi zu tun für gut hältst. 

Sollten indessen die in diesem Brief vorgeschlagenen 
Ideen mit den Deinen zusammenfallen und Du der 
Meinung sein, daß ich Dir selbst nur im geringsten von 
Nutzen sein könnte, um vorbereitende Schritte für den 
Frieden zu unternehmen, dann bitte verfüge über mich 
ganz nach Deinem Beheben. Ich kann vielleicht Deine 
Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, daß un- 
zweifelhaft die Japaner den höchsten Respekt vor 
Amerika vor allen andern Nationen haben, weil diese 
mächtig wachsende Macht mit ihrer furchtbaren Flotte 
ihnen am nächsten ist. Wenn irgend jemand in der 
Welt fähig ist, die Japaner zu beeinflussen und sie zu 
veranlassen, in ihren Vorschlägen vernünftig zu sein, 
so ist es Präsident Roosevelt K Mit Deiner Genehmi- 
gung könnte ich mich leicht zunächst privat mit ihm 
in Verbindung setzen, da wir sehr eng befreundet sind, 
auch mein Gesandter dort ist sein Freund. Außerdem 

* Roosevelt vermittelte den Frieden zu Portsmouth zwischtn 
Rußland und Japan. 

123 



kannst Du Dich an Herrn Meyei^ den ich seit Jahren 
kenne, und der mein vollstes Vertrauen besitzt, wenden. 
Sprich offen mit ihm. Er ist äußerst verschwiegen und 
vertrauenswürdig, ein liebenswürdiger Plauderer mit 
angenehmen Manieren. Hier fand der Brauteinzug ^ 
bei prachtvollem Wetter und mit größter Begeisterung 
statt. Herzliche Grüße an Alix 

Euer wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

Schloß Wilhelmshöhe, 22. VIII. 1905. 

Mein liebster Niki! 

Dein Manifest, das die Bildung der Ehima anordnete, 
hat einen ausgezeichneten Eindruck in Europa und 
namentlich in meinem Lande gemacht, und ich bitte 
Dich, meine wärmsten Glückwünsche entgegenzu- 
nehmen. Dies bedeutet einen großen Schritt in der 
politischen Entwickelung Deines Landes vorwärts und 
gibt dem Volke eine Gelegenheit, wodurch es vor Dir 
seine Wünsche und Hoffnungen ausdrücken kann, und 
ermöglicht eine gemeinsame Arbeit des Herrschers und 
des Landes für die Wohlfahrt der Nation. Du wirst 
imstande sein, mit allen Arten und Schichten von Leuten 
in Berührung zu kommen und sie selbst direkt in Deinen 
Geist und in Deine Ideen einzuweihen, was früher 
durch die große mächtige Mauer des Tschin, der 
Bureaukratie, die großem Mißtrauen Deiner Unter- 
tanen begegnete, verhindert war. Entschuldige mein 
Telegramm von gestern, aber ich dachte, es sei eine 
gute Idee, das Mittel der Duma zu versuchen und zu 

1 Amerikanischer Botschafter in Petersburg. 
' Brauteinzug der Kronprinzessin Cäcilie. 

124 



sehen, ob sie arbeitsfähig ist oder nicht. Gleichzeitig 
erhältst Du einen ausgezeichneten Einblick in die Sin- 
nesart Deines Volkes und kannst es einen Teil der 
Verantwortlichkeit in Zukunft tragen lassen, die sonst 
wahrscheinlich auf Dir allein gelastet hätte, und da- 
durch eine allgemeine Kritik und Mißstimmung mit den 
Handlungen, die von Dir allein ausgeführt sind, un- 
möglich machen. * 

Ich sende Dir beigeschlossen einige Dich interessie- 
rende Artikel, welche die Gedankenrichtung Frank- 
reichs zeigen. Die Engländer "haben sich vor Frankreich 
und den französischen Matrosen selbst bloßgestellt, in 
der Hoffnung, sie von Dir loszulösen und irgendeine 
Annäherung zwischen Dir, mir und ihnen zu verhindern. 
Die Franzosen fühlten sich sehr geschmeichelt, aber 
ich hoffe, das empfindliche Volk bekommt wieder küh- 
leren Kopf und sieht Avieder klarer, daß alles „nur mit 
weißem Faden genäht" ist und daß England lediglich 
wünscht, Frankreich zu seinem Werkzeug gegen uns zu 
machen, wie es auch Japan zum Werkzeug gegen Dich 
gemacht hat. Der Artikel im „Forum" ist von Maurice 
Law, dem Korrespondenten der Moming Post, geschrie- 
ben, der nach Amerika gesandt wurde. Er ist geistreich 
geschrieben und plaudert sehr viel über die Ausdehnung 
des neuen englisch-japanischen Vertrages aus, der bis- 
her ganz geheim in London gehalten wurde. Aber er 
scheint die Katze aus dem Sack gelassen zu haben. 
Der Erzintrigant und Unglücksstifter von Europa, wie 
Du richtig den König von England nanntest, ist in den 
letzten Monaten eifrig bei der Arbeit gewesen. In 
Cowes sagte er zu einem meiner Freunde, einem deut- 
schen Herrn, den ich nach England sandte, um die 
Entente Cordiale zu beobachten : „Ich kann nicht heraus- 

125 



finden, was in Björkö^ vor sich gegangen ist. Benken- 
dorf* weiß nichts, denn er erzählt mir sonst 
alles, Kopenhagen 8 weiß nichts und selbst die Mut- 
terdes Kaisers, die mich immeralles wissen 
läßt, hat nichts von ihrem Sohn in dieser Zeit gehört 
Auch Lambsdorff, der solch ein netterMann ist, und 
mich alles wissen läßt, was ich zu wün- 
schen höre, weiß nichts, oder wenigstens will es 
nicht sagen. Es ist sehr unangenehm." Dies zeigt EHr, 
wie weit das Netz geheimer Information reicht, das 
er über Europa und Dich ausgeworfen hat. Er selbst 
läßt seine Presse die Absicht, mich zu besuchen, lan- 
cieren, und wenn alle Zeitungen Europas dies aufneh- 
men und darüber schreiben, läßt er plötzlich ein belei- 
digendes Dementi veröffentlichen, das erklärt, daß mein 
Auswärtiges Amt diese Absicht aufgebracht habe, 
die schönste Lüge, die mir jemals in den Weg kam. 
Danach geht er und ladet meinen Sohn hinter meinem 
Rücken ein, zu kommen und ihn in England zu be- 
suchen. Ich habe ihm dies Geschäft natürlich gelegt. 
Seine Flotte beabsichtigt, unsere Küsten zu besuchen, 
und ich denke, das wird die Augen manches Deutschen 
öffnen, die noch immer Geld für die Ausdehnung unse- 
rer Flotte weigern. Wir sollten viele mit der Eisenbahn 
und per Schiff herunterschicken, daß sie eine objektive 
Lektion erhalten. Man wird, wie ich hoffe, die Not- 
wendigkeit, eine starke Flotte zu bauen, einsehen lernen. 
Die beigeschlossene Broschüre wurde mir aus Amerika 
geschickt, ich schicke sie Dir, da ich denke, sie interes- 
siert Dich, namentlich vom Gesichtspunkt der zukünfti- 

^ Zusammenkunft zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. 

- Russischer Botschafter in London. 

» Die mit dem englischen Königshaus verschwägerten Ver- 
wandten Nikolaus' II. 

126 



gen Pläne, welche England gegen Rußland in Asien hat, 
und was es alles versucht, die Japaner dafür zu ge- 
winnen. Sie wirft Licht auf die japanische Expedition 
an die Grenze von Turkestan, von der ich Dir bereits 
erzählte. 

Cronberg, den 24. Vlll. 1905. 

Heute vor vier Wochen in „Björkö" die reizenden 
Stunden, die wir miteinander verbrachten, und das 
dauerhafte Band unserer vereinten Freundschaft, das, 
so Gott will, gute Früchte unsern Ländern bringen wird. 
Ich habe gerade Dein freundliches langes Telegramm 
erhalten ! Herzlichen Dank für Deine große Güte, daß 
Du Dir so viel Unruhe machst. Ich verstehe ganz Deine 
Lage und Deine Entschlüsse. Sobald Du sicher bist, 
daß Dein Volk Dir folgt, und sie weiter kämpfen wollen, 
dann ist alles in Ordnung, und ich wünsche des Him- 
mels Huld und einen baldigen Sieg. Ich bin auf einem 
Besuch bei meinen Schwestern ^ hier, die gerade von 
einem, langen Aufenthalt aus England zurückgekehrt 
sind. Sie erzählen mir, daß die Nachricht von unserer 
Begegnung in Björkö alle Leute dort und die Presse 
in einen Zustand wildester Erregung versetzte. Der 
König und der Hof vor allem waren „ganz aus dem 
Häuschen". Er suchte aus meinen Schwestern heraus- 
zuhören, ob sie irgend etwas wüßten, was vor sich 
ginge. Sie lachten ihm ins Gesicht und waren sehr 
darüber belustigt. 

Der Auszug aus dem Brief Bismarcks an Schleinitz 
aus Rußland im Jahre 1858 wird Dich interessieren. Er 
zeigt, daß die Geschichte sich selbst wiederholt, und 

^ Viktoria und Margarete. Viktoria, Prinzessin zu Schaumburg- 
Lippe, Margarete, Prinzessin von Hessen, 

127 



die Zeiten den heutigen sehr ähnlich sind. Ich sah 
Großfürst Georg heute mit Minny von Griechenland. 
Er erzählte mir, nach seinen Nachrichten aus privater 
Quelle habe die Veröffentlichung der Duma große Be- 
friedigung in russischen Provinzkreisen hervorgerufen, 
und die Sympathie für Deutschland und die Anerken- 
nung für unsere Haltung Rußland gegenüber während 
des Krieges sei warm und lebhaft. Meine Schwestern 
und Tino ^ und die gesamte Familie senden Dir ihre 
herzHchsten Grüße. Vergiß, bitte, nicht die Rang-Order, 
welche das Avancement der Linie dem der Garde 
gleichstellt. Es wird glänzend befriedigen. Ich schließe 
einige neue Postkarten der Saalburg ein, die ich heute 
besuchte, sie ist fast vollendet und sieht im schönen 
Sommerwetter herrlich aus. Nun lebe wohl, mein lieber 
Niki, Gott helfe Dir und beschütze Dich und Deine 
gesamte Familie. Meine Gebete werden Dir immer 
folgen als von 

Deinem ganz ergebenen Freund und Vetter 

Willy. 

25. VIII. 1905. 

P. S. Gerade als ich meinen Brief beendet hatte, 
erhalte ich eine Botschaft vom Präsidenten Roosevelt. 
Da er mein Interesse an der Friedenskonferenz kennt, 
benachrichtigte er mich freundlich über die Lage und 
über die strittigen Punkte, hinsichtlich deren eine Mei- 
nungsverschiedenheit zwischen Japan und Rußland be- 
steht, und über seine Vorschläge, um die Wünsche bei- 
der Kriegführenden sobald als möglich kennen zu ler- 
nen. Ich denke, daß seine Vorschläge sehr vernünftig 
und praktisch sind, und hoffe, daß sie Deinen Erwar- 

* Konstantin, der spätere König von Griechenland. 
128 



tungen entsprechen. Soweit ich es ersehen kann, schei- 
nen sie Rußland alle Vorteile eines ehrenvollen Friedens 
zu sichern. Aber Du hast natürlich allein zu entschei- 
den, da Du am besten die Stimmung Deiner Landsleute 
beurteilen kannst. Ich bitte Dich noch einmal um Ver- 
zeihung, daß ich ein so furchtbar langweiliger Mensch 
bin und Dich belästige. Aber Du weißt, daß alles aus 
einem freundschaftlich gesinnten Herzen kommt, das 
warm für Dich und Deine Wohlfahrt wie auch für die 
Deines Landes schlägt. Ich habe meiner Flotte befoh- 
len, de.- britischen auf dem Fuße zu folgen, und wenn 
sie Anker legt, sich nahe der britischen Flotte zu halten 
und ihnen ein Diner zu geben und sie betrunken zu 
machen, um soweit als möglich ausfindig zu machen, 
um was es sich handelt, und dann wieder schnell weg- 
zusegeln. Ich denke, das Erstaunen wird groß sein, da 
sowohl die Engländer als auch unser Volk glaubt, daß 
unsere Flotte in der Nordsee sein wird. Erzähle es 
niemanden, denn das Geheimnis muß gut bewahrt blei- 
ben. Ta, Ta! Das ist das richtige Ende meiner Epistel. 

Willy. 

Bismarcks Briefwechsel mit Minister 
Frhr. von Schleinitz 1858—1861. „Für Rußland 
verlangt und erwartet jeder," schreibt Bismarck, „der 
nicht gerade ausschließlich von einem Amte lebt, 
nach Erlaß der Bauerngesetze irgendeine verfassungs- 
mäßige Form der Beteiligung des Volkes und nament- 
lich der höheren Schichten an der Regierung des Lan- 
des, die Gemäßigten in maßvoller Weise; aber man 
hört Stimmen, die an den Konvent erinnern und den 
Standpunkt der Girondisten schon überwunden haben. 
Man spürt die Tätigkeit von Wühlern, welche kein 
Mittel vernachlässigen, um Mißstimmung gegen den 
9 129 



Hof und das Kaiserliche Haus bis in die untersten 
Volksschichten zu verbreiten. Die nächste Umgebung 
des Kaisers ist leider nicht rein von Elementen, 
welche die übelsten Anhaltspunkte für dergleichen ge- 
währen, und deren Handlungen sowie die Verantwor- 
tung für den ganzen Augiasstall amtlicher Mißbräuche 
künsthch dem Kaiser zugeschoben werden, dessen mil- 
des Herz für manche ihm bekannte Persönlichkeit zu 
nachsichtig ist, dessen ehrliches Streben nach Bes- 
serung der Dinge sonst aber selbst von denen aner- 
kannt wird, die ihm aus der Erfolglosigkeit desselben 
einen Vorwurf machen. Den armen Leuten, selbst den 
gemeinen Soldaten, wie man sagt, rechnet man die 
Geldausgaben des Hofes, die Beamten für die Groß- 
fürsten, die Häuserankäufe für die jüngsten Söhne des 
Kaisers, den Verbrauch bei Hofe vor und vergleicht 
damit ihre Armut. Leute in hohen Stellungen durch 
Amt und Geburt sprechen mit von Revolutionen als 
von Dingen, die wohl möglich wären, sie aber eigent- 
Hch wenig angingen, sondern nur den Kaiser beträfen, 
so daß es keinesfalls scheint, als ob sie in der Vertei- 
digung des Thrones ihr Leben einzusetzen gedächten. 
Nun hat man sich hier zwar jederzeit durch scharfen 
Tadel in der Konversation für die Unterwürfigkeit ent- 
schädigt, die man der amtlichen Gewalt im praktischen 
Leben erweist, dabei aber war in früheren Zeiten der 
gesamte europäische Wind nicht so ungünstig für mon- 
archische Autorität wie heutzutage und wie beson- 
ders seit vier Jahren in Rußland. Vielleicht geht das 
vorüber wie ein Wechselfieber, vielleicht aber reicht 
auch ein kleiner und zufälliger Funke hin, hier einenj 
großen Brand anzuzünden. Von Offizieren hört man 
über Abnahme der Disziplin unter den Soldaten klagen 
130 



und den Krieg als nötig bezeichnen, wenn nicht schlech- 
ter Geist einreißen soll. Bedrohlich sieht es überall 
aus in der Welt, und wenn man hier erlebt, daß Edel- 
leute von anscheinend ruhigem und friedliebendem 
Temperament ganze Ladungen von Revolvern und Mu- 
nition aufkaufen, um sich auf den Sommer zu rüsten, 
so weiß ich nicht, ob man nicht besser als Christenhund 
in Damaskus aufgehoben wäre, wie als Gentleman 
im Lande des Kaisers Nikolaus. Die Aussichten der 
Deutschen in Nordschleswig sind jedenfalls weniger 
unbehaglich als die des russischen Landjunkers, der 
gleich einer lebendigen Höllenmaschine mit Revolvern 
ausgestopft unter seinen Bauern lustwandelt. Der 
Kaiser ist gedrückt von dem Ernst der Situation im 
Innern und hat für auswärtige Politik nicht dasselbe 
Interesse wie sonst. Gestern sagte er mir mit tiefem 
Seufzen, daß die Mittwoche seine einzigen glücklichen 
Tage seien, weil die Geschäfte ihm dann 24 Stunden 
Ruhe ließen. Er fährt nämhch jeden Dienstag zur Jagd. 
Auch bei meiner neulichen Audienz war er niederge^ 
schlagen ; er schenkte mir seine und der seligen Kaiserin 
Photographie und knüpfte daran eine Beschreibung der 
Originale aller im Zimmer hängenden Familienporträts. 
Wenn Redensarten tödlich wären, so lebte in der Tat 
vom ganzen Hause Holstein-Gottorp keine männliche 
Seele mehr. Dem edlen Herzen des Kaisers läßt jeder 
Gerechtigkeit widerfahren, die „aber", die dann je- 
doch folgen, sind von der Art, daß ich in den Fall 
komme, fortzugehen oder um eine Änderung des Ge- 
spräches zu bitten. Sehr übel ist es, daß der Kaiser für 
alle die weitverzweigten und vielfachen Mißbräuche 
verantwortHch gemacht wird, die mit dem Namen Minna 
Iwanowna, zu deutsch Frau v. Burghof, Freundin des 
^ 131 



alten Adlerberg, zusammenhängen. Daß Gardeoffiziere 
in Gegenwart Fremder die Frage diskutieren würden, 
ob sie auf das Volk schießen werden oder nicht, hat 
der Kaiser Nikolaus gewiß auch nicht so schnell er- 
wartet. Man hat hier eine zu gute Polizei von alters 
her, als daß der Kaiser nicht viel von allen diesen Din- 
gen erfahren sollte, und der praktische Chef dieses 
Institutes, Timascheff, sieht allerdings sehr schwarz in 
betreff der nächsten. Zukunft." 

Rom inten, 26. IX. 1905. 
Liebster Niki! 
Wittes Besuch gibt mir die angenehme Gelegenhtit, 
Dir einige Worte zu senden. Dies macht mir immer 
großes Vergnügen, und ich wünsche nur, daß meine 
Zeilen Dich nicht allzusehr langweilen. Ich hatte sehr 
interessante Unterhaltungen mit Witte. Er macht auf 
mich den Eindruck eines Mannes von ungewöhnlichem 
Scharfsinn und Voraussicht, und er besitzt eine seltene 
Gabe der Energie. Er hat es fertig gebracht, mit Roose- 
velts ebenso energischer wie kluger Hilfe die Konferenz 
von Portsmouth zu einem sehr glücklichen Ende zu 
führen, und zwar so sehr, daß sie in der übrigen Welt 
als ein Signal und tatsächlicher Sieg Rußlands über 
Japan angesehen wird. Dies mag Dich interessieren, 
da zweifellos seine Feinde und unordentliche Leute in 
Rußland ihn von seinem Posten entfernen und glauben 
machen möchten, daß er nicht die Interessen seines 
Landes so gewahrt hat, wie er es hätte tun müssen. 
Große Männer, und er muß, wie ich glaube, zu ihnen 
gezählt werden, werden immer einem gewissen Neid 
und Lügen zu begegnen haben, welche den Anteil an 
Lob, das ihnen von ihren Bewunderern gespendet wird, 
132 



aufwiegen. Aber die Tatsachen sprechen für solche 
Leute, und Portsmouth spricht für sich selbst. 

Ich fand zu meiner großen Befriedigung, daß seine 
poHtischen Ideen vollständig mit der Grundlage über- 
einstimmen, auf der wir nach Austausch unserer An- 
sichten in Björkö verblieben sind. Er ist ein sicherer An- 
walt eines russisch-deutsch-französischen Bündnisses, 
das, wie er mir sagte, glücklich von Amerika cotoyiert 
v^ird, um den Frieden und den Status quo in der Welt 
aufrecht zu erhalten, dessen Gleichgewicht durch den 
englisch-japanischen Bündnisvertrag gestört- worden ist. 
Er war infolgedessen sehr angenehm überrascht, als 
ich ihm von unserem Werk in Björkö erzählte. Es ist 
das sehr natürliche Wachsen der Großmächte — sie 
sind die Repräsentanten des Kontinents — , das zur 
Folge haben wird, daß sie die übrigen kleinen Mächte 
in Europa in den Kreis dieses großen Blockes hinein- 
ziehen. Amerika wird auf Seiten dieser „Kombination" 
stehen. Zunächst sind entschieden vom „Rassenstand- 
punkt" aus die „weißen Mächte" Gegner der gelben 
Mächte. Sodann vom politischen Standpunkt aus : 
Furcht vor Japan und im Hinblick auf die Philippinen, 
auf welche die Japaner sehnsüchtige Augen geworfen 
haben. Der Verlust derselben würde die Position der 
Amerikaner im Stülen Ozean schwächen. Drittens kommt 
der Gesichtspunkt des gefährlichen Wettbewerbs des ja- 
panischen Handels in Betracht, der durch sehr billige 
Arbeitskräfte unterstützt und nicht durch die Kosten 
eines langen Transports mit seinem Frachttarif und mit 
dem Weg durch den Suezkanal belastet wird. Die 
für eine Durchfuhr zu zahlenden Summen bedeuten 
eine schwere Steuer für den ganzen europäischen 
Handel. Genau so wie es mit dem Panamakanal der 

Fall sein wird. 

133 



Die kontinentale Vereinigung, die von Amerika flan- 
kiert wird, ist das einzige Mittel und die einzige Art, 
um wirklich den Weg zur ganzen Welt, welche John 
Bulls privates Eigentum wird, zu blockieren, und die 
er nach Herzenslust ausbeuten wird, nachdem er durch 
Lügen und Intrigen ohne Ende die übrigen zivilisierten 
Nationen zu seinem eigenen persönlichen Vorteil ein- 
ander in die Haare gebracht hat. Wir sehen dies ver- 
derbliche Prinzip jetzt in der Marokkofrage in voller 
Tätigkeit, in welcher John Bull gleichzeitig sein Bestes 
tat, um die Franzosen gegen uns matt zu setzen, indem 
er so endlose Verzögerungen und Unruhe hervorrief. 
Aber Deine Alliierten sind von „Cowes^' und ,,Brest''i 
und der Entente Cordiale so hypnotisiert, daß sie kaum 
etwas in der auswärtigen Politik unternehmen, ohne 
erst London zu fragen. Sieh, es würde gut sein, wenn 
Du Nelidoff- die Anweisung geben würdest, auf diese 
Anglomanie einen Dämpfer zu setzen und die Fran- 
zosen daran zu erinnern, daß ihre Zukunft bei Dir und 
uns liegt; wie ich höre, ist auch er etwas ,,angloman^^ 
Witte gab in liebenswürdiger Weise den Franzosen 
betr. Marokko den Rat, Vernunft anzunehmen, und ich 
habe Radolin^ angewiesen, so ,,conciliant^^ als möglich 
zu sein, so daß ich hoffe, daß wir in wenigen Tagen 
zu irgendwelchen festen Verabredungen kommen. 

Was die englisch-französische ,, Entente Cordiale^^* 
betrifft, so kannst Du vielleicht Hinweise in meinen 
Briefen, die ich Dir vor zwei Jahren schrieb, finden, #n 



1 In Brest und Cowes hatten die englische und die franzö- 
sische Flotte Besuche ausgetauscht. 

* Russischer Botschafter in Paris. 
^ Deutscher Botschafter in Paris. 

* Abgeschlossen 8. April 1Q04 zur Verständigung über die 
Marokkofrage, Ägypten usw. 

134 



denen ich Dich warnte, mit „Annäherungen" an die 
beiden Regierungen und Länder zu beginnen, da sie 
gemeinsam gegen Deine Politik in Mazedonien nach 
den Verabredungen in Mürzsteg Widerstand leisteten. 
Ich zeigte dann, daß sie ihre frühere alte PoHtik aus 
der „Krim" wieder angenommen haben, und nannten 
sie die „Krimkombination". Die liberalen West- 
mächte haben sich vereinigt, wie ich es vorausgesagt 
habe, und stehen Dir nicht nur in der äußeren Po- 
litik, sondern noch viel hitziger und offener auf dem 
Felde der inneren und russischen Politik entgegen. Die 
französische und englische liberale Presse denunziert 
ganz offen und gemeinsam alle monarchischen und 
energischen Handlungen in Rußland — das „Zarentum", 
wie sie es nennen, und unterstützt offen die Angelegen- 
heit der Revolutionäre zur Ausdehnung und Aufrecht- 
erhaltung des Liberalismus und der „Aufklärung" ge- 
gen das „Zarentum" und den „Imperialismus" gewisser 
rückständiger Länder. Darunter verstehen sie Dein 
und mein Land. Die Phrase, mit der die Franzosen 
immer von den Engländern eingefangen werden, lautet: 
„Zusammen die Interessen des Liberalismus in der 
Welt aufrecht zu halten und sie in anderen Ländern 
zu propagieren", d. h. die Revolution in ganz Europa, 
namenthch in den Ländern, welche glücklicherweise 
noch nicht unter der absoluten Herrschaft dieser hitz- 
köpfigen Parlamente sind^ zu befestigen und zu unter- 
stützen. 

Alvensleben, der sich auf seiner Heimreise befindet, 
ist, wie ich leider sagen muß, an seiner Gesundheit 
gänzlich gebrochen u;nd hat darum gebeten, auf seinen 
Posten verzichten zu dürfen. Mit Deiner freundlichen 
Bewilligung schlage ich vor, Dir Herrn von Schön, 

135 



bisher Botschafter in Kopenhagen, zu senden. Er 
war früher eine lange Zeit Botschafter in Paris, ist 
mit einer eleganten, reizenden Dame verheiratet, er 
begleitete mich auf meiner Reise nach Tanger und 
nach dem Mittelmeer in diesem Jahre und ist ein 
treuer, ergebener, ruhiger und verschwiegener Mann, 
mein persönlicher Freund, der seit vielen Jahren mein 
vollstes Vertrauen besitzt. Er ist mit allen englischen 
Intrigen in Dänemark wohl vertraut, manchen konnte 
er begegnen. Er kennt Italien gut, spricht Französisch, 
Englisch, Italienisch ganz wie seine Muttersprache, 
ist sehr tätig und ein guter Lawn-Tennisspieler, wenn 
Du einen solchen gebrauchen kannst. 

Der Besuch der britischen Flotte in Swinemünde^ 
und Danzig lief ohne Kollision ab, das Publikum war 
höflich und gastfrei, aber ohne irgendwelchen Enthu- 
siasmus. In Esbjerg- hatte ich einen meiner Freunde 
bei mir, der Englisch und Dänisch gut spricht. Er ging 
an Bord verkleidet als ein Kohlenhändler und dinierte 
oder soupierte oft mit den Offizieren. Sie erzählten 
ihm, daß sie nach der Ostsee ausgesandt waren, um 
den Kaisern zu zeigen, daß sie keine Macht hätten, 
irgend etwas zu beschließen, wie sie wollten, denn 
die britische Flotte würde ihnen das niemals ge- 
statten!!! 

Ein schönes Stück Unverschämtheit! Möge Deine 
Flotte bald wieder schöne Schiffe neuen Typs auf 
Stapel legen, die von Offizieren tüchtigen Leibes und 
klaren Geistes kommandiert und von geübten Män- 
nern befehligt werden. 

^ Baltische Übungsreise der britischen Flotte 27. — 31. August 
1905. 

' Dänischer Hafen an der Westküste jütlands. 

136 



Eine Neuigkeit, die vor wenigen Tagen aus Wien 
kam, wird Dich interessieren. Der amerikanische Ge- 
sandte Mr. Bellamy Storrer erzählte einem meiner 
Freunde, daß er wenige Tage vor Abschluß des Frie- 
dens mit dem König von England in Marienbad zu- 
sammentraf. Der König erzählte Storrer, daß von 
einem Frieden keine Rede sein könne, da Japan nie- 
mals zustimmen würde, seine Entschädigungsansprü- 
che aufzugeben, die man ihm als Sieger schuldet. Er 
sagte dann, daß es äußerst notwendig wäre, daß Ruß- 
land, finanziell hilflos, für lange Zeit verkrüppelt sein 
und bleiben müsse. Storrer sagte, daiß er in einer sehr 
schwierigen Lage war, als der König seine Meinung 
ganz laut vor einer großen Menschenmenge, die ihn 
begleitete und ihm zuhörte, erbat. Es scheint, als ob 
er sich davor fürchte, daß Amerika sich den übrigen 
Nationen anschließt, indem es Rußland Geld gibt, 
falls eine große internationale Anleihe ausgegeben wird, 
was er natürlich verweigern würde. 

Würdest Du jetzt, wo der Friede^ unterzeichnet wird, 
und die Ratifikationsurkunden gerade ausgetauscht wer- 
den sollen, es nicht für praktisch halten, wenn wir 
unsere Botschafter an den fremden Höfen identisch 
instruieren würden, ohne sie in das Geheimnis der 
Existenz eines Vertrages einzuweihen, daß sie in allen 
Dingen, die nicht besonders unsere Länder in ihrem 
eigenen Interesse berühren, also in allen Fragen der all- 
gemeinen Politik zusammenarbeiten und einander von 
ihren Instruktionen und Plänen in Kenntnis setzen 
sollen? Diese gemeinsame Erklärung einer gemein- 
samen Angelegenheit wird nicht ihren Eindruck auf 
die Welt verfehlen, daß unsere Beziehungen enger ge- 

* Friede von Portsmouth. 

137 



worden sind, und wird so langsam unsere Alliierten, 
die Franzosen, auf die neue Orientierung vorbereiten, 
welche ihre Politik zwecks Eintritts in unsern Vertrag 
nehmen muß. Die Marokkofrage ^ wird in wenigen 
Tagen in dem Dir berichteten Sinne beigelegt sein, 
indem beiden Parteien ein guter Rat gegeben wird; 
ich habe die Instruktion erteilt, so kulant als möglich 
zu sein. Witte hat alle Damen und Herren hier durch 
seine amüsanten Erzählungen über Amerika und über 
seine Erfahrungen, die auch Dich sehr belustigen wer- 
den, entzückt. Nun lebe wohl, liebster Niki, herzliche 
Grüße an Alix, einen Kuß dem kleinen Knaben von 

Deinem immer wohlgesinnten Freund und Vetter 

Willy. 

Neues Palais, 28. XI. 1905. 

LiebsterNiki! 
Der Kanzler, dem ich einige Teile Deines Briefes 
vorlas, sagte mir, daß ein ganz reines Defensivbündnis 
unmöglich dem von Deinem Vater geschlossenen 
Vertrage mit Frankreich widerstreiten könne. Denn 
wenn es dies täte, so würde es bedeuten, daß durch 
den französischen Vertrag Rußland gebunden sei, 
Frankreich zu unterstützen selbst in einem Angriffs- 
krieg gegen Deutschland. Aber eine derartige Mög- 
Hchkeit, d. h. daß Rußland Frankreich bei einer agres- 
siven Politik gegen uns unterstützt, haben wir bis jetzt 
niemals auch nur einen Moment in den Bereich der 
Erwägung gezogen, da Dein lieber Vater mir oft er- 
zählte, er würde zu allen Zeiten sich offen irgendeinem 

^ Am 12. April 1905 hatte Deutschland den Mächten die Ein- 
berufung einer internationalen Marokkokonferenz vorgeschlagen. 

138 



Angriffskrieg widersetzen, abgesehen davon, daß er 
mit mir auf freundschaftlichstem und vertrautestem 
Fuße stand. Dies wird beleuchtet durch die Tatsache, 
daß im Jahre 1891 während der Manöver in der Nähe 
von Narva er mir offen seine Abneigung gegen das 
französisch-republikanische System ausdrückte, wobei 
er die Wiederherstellung der Monarchie in Paris ver- 
teidigte, für welches Unternehmen er meine Hilfe er- 
bat. Wenn Dein französisches Bündnis gleich dem 
unsern ein reines Defensivbündnis ist, dann besteht 
zwischen diesen beiden keine Unvereinbarkeit. Eins 
schließt das andere nicht aus, so daß keine weitere Er- 
klärung notwendig ist. 

Anderseits kann ich begreifen, daß es für Dich sehr 
günstig ist. Dich nicht offen als Verbündeten zu ver- 
zeichnen in dem Augenblicke, wo die internationalen 
Revolutionäre über die Welt die infame Lüge ver- 
breiten, daß ich meinen Einfluß auf Dich zugunsten 
einer Reaktion ausgeübt habe. 

Mein heißer Wunsch ist, daß Du unversehrt durch 
die gegenwärtige Krisis hindurchgehst, und daß Dein 
Volk Deine edlen Absichten voll begreifen möge. Jetzt 
mußt Du abwarten und sehen, wie die Einrichtungen, 
die Du ins Leben gerufen hast, praktisch wirken; nur 
danach wird es später möglich sein, zu beurteilen, ob 
und welche Abänderungen erforderlich sind. 

Was Deine Meinung über Witte betrifft, so kann ich 
natürlich nicht behaupten, ihn so gut zu kennen wie 
Du, aber sicherHch macht er auf mich einen Eindruck 
als ein Mann, der weit über dem Durchschnitt steht. 
Gleichzeitig freut es mich, daß Du Deinen Onkel Ni- 
kolaus Nikolajewitsch in Dein Vertrauen gezogen hast. 
Er scheint mir ein Element der Festigkeit zu verkör- 

139 



pern, und Festigkeit ist nötig, um Ordnung aufrecht zu 
erhalten. Ohne Ordnung kann eine junge Freiheit nicht 
leben. 

Hinsichtlich Tattenbachs ^ und Marokkos sind Deine 
Informationen aus Frankreich unrichtig. Ich beabsich- 
tige nichts und habe niemals irgendeinen besonderen 
Vorteil für Deutschland beabsichtigt, und Tattenbach 
hat niemals irgendeine Politik als die seinige verteidigt. 
Das wäre etwas Unerhörtes in meinen Diensten. 
Meine Vertreter in fremden Ländern verteidigen nur 
eine Politik, und das ist die meinige. Wir wünschen 
nur offene Tür zu sichern, d. h. ein Interesse, das wir 
mit allen andern seefahrenden und handeltreibenden 
Nationen gemeinsam haben. Es liegt kein Grund vor, 
warum es nicht zu einem gerechten Abkommen mit 
Fsankreich auf dieser Grundlage kommen könnte. Ich 
vertraue darauf, daß Du, dessen ständige Absicht es ist, 
den Frieden zwischen allen Nationen herbeizuführen 
und ein Wohlwollen über die ganze zivilisierte Welt 
zu verbreiten, mir Deinen machtvollen Beistand leihen 
könntest, um die Konferenz 2 zu einer allgemeinen Ver- 
ständigung zu bringen, die auf der Aufrechterhaltung 
der offenen Tür begründet ist. Ein Wort in dieser 
Richtung an Deinen Vertreter auf der Konferenz würde 
sehr vorteilhaft sein, um die Aufgabe meines Gesandten 
zu erleichtern. Mit herzlichem Gruß an Alix und an 
den Säugling verbleibe ich, mein Heber Niki, immer 

Dein Willy. 

Neues Palais, 30. XII. 1905. 
Liebster Niki! 
General Tatischeff hat mir Deinen Brief überbracht, 



1 Deutscher Vertreter in Marokko. 

2 Konferenz von Algeciras. 

140 



und sich selbst in seiner neuen Charge^ vorgestellt. Es 
ist von höchster Wichtigkeit für mich, zu wissen, daß 
er sich Deines vollen Vertrauens erfreut. Ich will im 
Ernstfall mit Vergnügen mich seiner Dienste in meinen 
privaten Beziehungen zu Dir bedienen. Er ist hier will- 
kommen und wird in der Rangordnung meines Haupt- 
quartiers, zu dem er jetzt gehört, geführt. Der neue 
Gesandte von Schön- reist heute mit General von Ja- 
kobi ab. Ich kann für den Charakter des Generals in 
jeder Beziehung einstehen. Er war mein erster Adju;^ 
tant, den ich überhaupt hatte, studierte mit mir in Bonn, 
diente im ersten Garderegiment beim 1. Bataillon, war 
später zum zweiten Male mein Adjutant, nachdem ich 
den Thron bestiegen hatte, verbrachte mehrere Jahre 
als Mihtärattache in Rom und wurde später zu Mamas 
Regiment in Wiesbaden kommandiert, wo Du ihn sahs^. 
Ich bin sicher, daß er Deines Vertrauens wert ist, da 
er das meinige besitzt. Ich kenne ihn seit 25 Jahren 
genau. Besten Dank für Deine freundlichen Zeilen und 
die Wünsche zum neuen Jahr, die ich herzlichst er- 
widere. Möge Gott Dich und Deine Familie segnen 
und behüten und den Frieden unsern Völkern bewah- 
ren. Das ist der ernste Wunsch 

Deines stets sehr ergebenen Vetters, Freundes und 

Verbündeten 

Willy. 

Berlin, 29. I. 1906. 
Liebster Niki! 
General von Jakobi überbrachte mir Deinen Brief 
und Deine Wünsche, für die ich herzlich danke. Er 



* Vom Zaren als Adjutant Wilhelms II. attachiert. 
' Zum Botschafter in Petersburg ernannt. 



141 



war sehr glücklich über die freundliche Aufnahme, die 
er bei Dir wie auch in der Gesellschaft gefunden hat. 
Ich freue mich, von ihm zu hören, daß Du wohl und 
munter bist, wie auch Alix und die Kinder. Das gute 
Aussehen und die gute Haltung der von Dir inspizier- 
ten Truppen, welcher Zeremonie er beiwohnen durfte, 
machten auf ihn einen großen Eindruck. Aber er war 
sehr traurig, welch eine unglückliche Figur er beim 
Schießen Ispielte, da er nicht sein eigenes Gewehr führte 
und ein untüchtiger Schütze ist. 

Der Gedanke eines großprahlerischen ,, Adjutanten*^ 
unseres Kollegen, des Holzhauers von Fallieres i, der 
sich in Deinem Gefolge befindet, verursachte mir eine 
unbegrenzte Belustigung. Aber abgesehen davon, daß 
es schreckhch komisch wirkt, ist es in einiger Hinsicht 
wenigstens auch ein nützlicher Gedanke. Je mehr 
Frankreich gänzlich zu Dir herübergezogen wird — 
vorausgesetzt, daß es gelingt — desto mehr befreit es 
sich von dem „Störenfried*^ Das marokkanische Ge^ 
schäft wird, soweit ich sehen kann, völlig ohne Krieg 
in Ordnung kommen. Der entscheidendste Punkt ist, 
daß bisher keine andere Macht irgendeine Neigung ge- 
zeigt hat, Frankreich irgendwelche bewaffnete Hilfe 
zu leisten, falls es in Marokko einzufallen beabsichtigt. 
Ohne die Sicherheit einer bewaffneten Hilfe wird Frank- 
reich sicherlich einen solchen Einfall nicht wagen. 
Irgendein Abkommen wird schließlich getroffen wer- 
den, um den Frieden für alle in Betracht kommenden 
Parteien mit Ehren zu sichern, der gleichzeitig für den 
Handel der ganzen Welt die Aufrechterhaltung der 
offenen Tür in Marokko gewährleisten wird. Daß die 
Franzosen sich weigerten, jetzt Rußland eine Anleihe 

1 Der französische Präsident. 
142 



zu gewähren, hat nicht so viel mit der marokkanischen 
Angelegenheit zu tun, da diese jetzt seit Eröffnung der 
Konferenz von Algeciras ^ sehr beruhigt worden ist, 
als vielmehr mit den Berichten der russischen Juden, 
welche die Führer der Revolution sind, an ihre Ver- 
wandten in Frankreich, welche die ganze Presse unter 
ihrem infamen Einfluß haben. Berlin ist ganz voll von 
Russen und vornehmen Famihen, die aus den baltischen 
Provinzen geflohen sind. Etwa 50 000 Deiner Unter- 
tanen sind hier, 20 000 in Königsberg und weitere Tau- 
sende in den kleinen Provinzstädten Preußens, Posens, 
Schlesiens. Hauptsächlich die Adeligen aus den balti- 
schen Provinzen sind in einer schlimmen Verfassung, 
da sie alle ihre Gutsitze, die verbrannt, ihr Eigentum, 
das geplündert, und ihre Wälder, die zum Teil zerstört 
sind, verloren haben. Viele Baroninnen sind als einfache 
Haushälterinnen zu andern Familien gegangen, und 
viele junge Gräfinnen und Baroninnen mußten in „Wa- 
renhäuser^^ als einfache Ladenmädchen gehen, nur um 
sich und ihre Mütter vom Verhungern zu retten. 
Unsere Großgrundbesitzer haben freiwillig einige Fa- 
milien in ihren Landhäusern aufgenommen, und selbst 
die Kaiserin hat junge Mädchen in ihr Seminar aufge- 
nommen, um die armen Mütter zu entlasten. Du hast 
keine Ahnung von den schrecklichen Verlusten und dem 
Unglück, das unter den Besten Deines kurländischen 
und livländischen Adels herrscht. Da manche meiner 
Offiziere, die in der Armee dienen, junge Damen aus 
diesen Familien geheiratet haben, und ihre hauptsäch- 
lichsten Unterstützungsmittel von ihren Schwiegereltern 
empfingen, sind diese armen Burschen auch plötzlich 
„vis-ä-vis de rien^^ gestellt, da sie mit ihrer eigenen 

' 16. Januar 1906. " 

143 



Löhnung nicht leben können. Nach meiner Meinung 
werden viele Millionen nötig sein, um diese armen Men- 
schen wieder auf die Beine zu bringen und ihnen zu 
helfen, ihr zerstörtes Heim wieder aufzubauen, welche 
Summen, wie ich vertrauensvoll hoffe. Deine Regierung 
zu ihrer Verfügung bereitstellen wird. Ein dahin- 
gehender Befehl von Deiner Seite würde einen ausge- 
zeichneten Eindruck auf ganz Europa machen und die 
verzweifelten Gemüter dieser beklagenswerten Men- 
schen wieder heben. 

Während ich Dir diese Zeilen schreibe, empfange 
ich gerade die plötzliche und unerwartete Nachricht 
vom Tode Deines heben Großvaters ^ Was für ein 
wahrhaft edler und ritterlicher Monarch ist mit ihm 
dahingegangen. Geliebt von seiner ganzen Familie und 
seinen Untertanen, die auf ihn als ihren Vater blickten. 
Ich spreche Dir mein tiefstes Beileid zu diesem schwe- 
ren Verlust, den wir Monarchen alle fühlen und be- 
klagen, aus, da wir einen der Besten unter uns ver- 
loren haben. Deine arme Mutter wird in schwerem 
Leide sein, aber dankbar dafür, daß sie zugegen war, 
um die letzten Augenblicke mit ihrem angebeteten Vater 
zu verbringen. Ich werde selbstverständhch zur Be- 
erdigung gehen. 

General Saionzkowsky stellte sich mir vor und machte 
einen ausgezeichneten Eindruck auf mich. Ich war 
erfreut, ihn über die ausgezeichnete Haltung meines 
tapferen Wiborgregimentes zu beglückwünschen, das 
so tapfer für seinen Kaiser und für sein Land kämpfte. 
Nun lebe wohl, Hebster Niki, herzlichen Gruß an Alix 
und an die Kinder von 

Deinetn immer wohlgesinnten Freund und Vetter 
. Willy. 

^ König Friedrich VIII. von Dänemark. 
144 



Berlin, 6. III. 1906. 
Mein liebster Niki! 

Die Rückkehr des Generals ä la suite von Jakobi nach 
Tsarskoe gibt mir die gute Gelegenheit, Dir diese Zei- 
len durch ihn zu senden. Sie mögen meinen aufrichtig- 
sten und herzHchsten Dank für Deine freundlichen 
Wünsche zu unserer silbernen Hochzeit und für das 
glänzende Geschenk, welches Du uns freundlich über- 
sandtest, ausdrücken. Es ist wahrhaft glänzend, Heb- 
Hch an Farbe und ausgesucht in der Arbeit. Die Zif- 
fern der Edelsteine machen einen prächtigen Eindruck 
auf dem sanften Dunkelgrün des Steins. Sie erregten 
große Aufmerksamkeit unter unsern Gästen und wur- 
den gebührend bewundert. Es war sehr freundlich von 
Dir, an unsere ehemalige Hochzeit zu denken und 
an unsere Feier, wie bei dieser Anteil zu nehmen. Ich 
war sehr erfreut, alle Deputationen, die Du mir sand- 
test, zu begrüßen. Besonders meine tapferen „Wibor- 
ger" waren das Zentrum bewundernder Neugier. Sie 
machten überall einen sehr guten Eindruck und wurden 
so viel wie nur möglich „fetiert". Die Feierlichkeiten 
waren sehr anstrengend und aufregend, aber Viktoria 
überstand sie glücklicherweise sehr gut, obwohl sie 
kurz vorher einen schweren Influenzaanfall gehabt 
hatte. Seit drei Tagen haben wir vollkommenen Som- 
mer hier, und jeder ist draußen zu Fuß und zu Pferde. 
Man kann die Leute in den Gärten sitzen und auf den 
Terrassen der Cafes ihren Kaffee oder ihr Bier außer- 
halb der vier Wände trinken sehen. Ich glaube, daß 
dieses warme Wetter auch bald zu Euch kommen wird. 
Mit herzlichen Grüßen an Alix und an die Kinder und 
vielen Dank für Deine liebe Gabe verbleibe ich 

Dein ergebener und wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 
10 145 



Neues Palais, 14. VI. 1906. 

Liebster Niki! 

Aufrichtigen Dank für Deinen freundlichen Brief, 
den mir Tatischeff überbrachte, und den zweiten, den 
mir Wladimir heute übergab. Mein volles Mitgefühl 
mit Dir in diesen schwierigen Zeiten. Der beste Weg, 
über die Sorgen und Kümmernisse, welcRe die Lage 
Dir daheim bereitet, hinwegzukommen, ist, wie Du es 
tust, sich mit seinen schönen Gardetruppen zu beschäf- 
tigen, sie zu inspizieren und mit ihnen zu sprechen. Es 
macht Dir Vergnügen und befriedigt die Truppen, die 
zweifellos in schwierigen Augenblicken das Interesse, 
das Du ihnen entgegenbringst, anerkennen und sich als 
eine ergebene, vertrauenswürdige und tapfere Waffe 
in der Hand ihres Herrschers bewähren. Es freut mich, 
daß Deine Husaren Dich zufriedenstellen, der Du ja 
in ihren Reihen dienst. Es geht Dir genau wie mir, 
auch ich habe eine Neigung für meine Gardehusaren, 
die ich eine Zeitlang kommandierte. Ich sah sie gestern 
wieder, bevor die Garde-Kavallerie-Division ins Manö- 
ver zog. Es fiel sehr befriedigend aus, aber endete wie 
alle Inspektionen in diesem Jahre mit einem schweren 
Regenschauer. 

Ich bin ganz Deiner Meinung über die anarchistische 
Frage. Der Angriff war feige und unfreundlich. Die 
Schwierigkeit, mit diesem Abschaum der Menschheit 
fertig zu werden, liegt, wie Du richtig bemerkst, darin, 
daß in einigen Ländern, vor allem in England, diese 
Bestien ungestört leben und hier gegen das Leben 
irgendeines Menschen sich verschwören dürfen. Ich 
höre, daß der spanische Premierminister den Prinz von 
Wales gebeten hat. Seiner Majestät dem König Edu- 
ard VII. den Wunsch der spanischen Nation auszu- 

146 



drücken, daß es notwendig erscheint, seine Regierung 
zu veranlassen, sich den kontinentalen Mächten bei der 
ernstlichen Unterdrückung dieser Mördersekten anzu- 
schHeßen. 

Diese Begebenheit zeigt, daß die von unsern beiden 
Regierungen über die Kontrolle dieser Burschen ge- 
troffenen Vereinbarungen völlig mißlungen sind. Da 
sie absolut straflos in London leben können, bringen 
sie dort ihre mörderischen Pläne zur Reife. Der richtige 
Platz für diese Freunde ist das Schafott, manchmal auch 
die Einsperrung auf Lebenszeit in ein Irrenhaus. Alle 
Kontinentalmächte sollten eir.e gemeinsame Einladung 
nach London schicken, um die englische Regierung zu 
bitten, sich ihnen in einer internationalen Verständigung 
anzuschheßen, um diese Bestie i zu bekämpfen. Ich 
sollte meinen, es wäre durch ei:.e gemeinsame Über- 
einkunft möglich, zur Verteidigung des Lebens und 
der Kultur durch ein Gesetz die Fabrikation von Spreng- 
stoff zur Füllung und zum Gebrauch von Bomben bei 
Todesstrafe zu verbieten. — Die Duma schafft sehr 
schwierige Situationen für Deine Regierung, und die 
Zeitumstände sind sehr kritisch. Aber man muß hoffen, 
daß in Bälde beide Mittel und Wege finden werden, 
um zu einem vernünftigen Modus vivendi zu kommen, 
so da'ß positive Arbeit zur Wohlfahrt des Landes ge- 
leistet werden kann. Wie ich erwartete, fiel Deine Wahl 
auf Iswolskyi, der Dich sicherlich zufriedenstellen wird, 
und der als ein sehr kluger Mann leicht den Gang der 
russischen äußeren Politik nach den friedlichen Richt- 
linien ganz gemäß' Deinen Wünschen leiten wird. Er 
gab Schön eine sehr verständige Antwort in der Bag- 
dadbahnfrage, so daß, wie ich hoffe, meine Regierung 

* Zum Minister des Äußeren ernannt. 
10* 147 



imstande sein wird, mit ihm weiter auf der Grundlage 
gegenseitigen Vertrauens zu arbeiten, das sich aus der 
Gemeinsamkeit der Interessen ergibt. Unsere Interes- 
sen an der Bahn sind rein wirtschafthcher und kommer- 
zieller Natur für die Wohlfahrt der Menschheit. Es 
handelt sich um eine völlig gesetzliche Konzession an 
eine deutsche Gesellschaft, welche die Bahn erbaut und 
betreibt. Ich kann mir wohl denken, daß die Engländer, 
wie Du sagst, um Dich in Asien herumwedeln, aber da 
Du Dich entschlossen hast, ruhig ihre Vorschläge abzu- 
warten, bin ich sicher, daß, wenn ihre Angebote be- 
treffs Zentralasiens Dir annehmbar erscheinen, eine Ver- 
ständigung mit ihnen manche Reibungs- und Konflikts- 
stoffe beseitigen würde, was auch mir eine Genug- 
tuung wäre. 

Zweifellos wird jeder verstehen, daß der von der 
englischen Flotte gewählte Augenblick, um ihren selbst 
angebotenen Besuch abzustatten, äußerst störend und 
ungelegen für Dich und Dein Land kommt. Ich bin 
überzeugt, wie empört Du darüber bist, genau wie ich 
es im vergangenen Jahre über den uns abgestatteten 
Besuch war. Man will sicher damit versuchen, das 
Rückgrat Deiner ultraliberalen Partei zu stärken. Die 
Flotte hat bei ihrer Rückreise ihren Besuch in Pillau 
und Travemünde angezeigt. Ich werde sehr wachsam 
auf sie sein. 

Ganz wie Du, sehe auch ich mit großer Freude un- 
serer Begegnung Ende Sommer entgegen. Ich werde 
in den ersten Tagen des August ^neuen Stiles nach der 
Ostsee zurückkehren, wenn das Wetter gut ist, nach der 
Reede von Heringsdorf auf der Höhe von Swinemünde. 
Die Stelle ist sehr günstig und die Verbindung mit der 
Küste für An-Land-Gehen viel leichter als in Heia. 

148 



Der liebe alte Kaiser Franz Joseph, den ich vor 
kurzem besuchte, war noch verhältnism^äßig rüstig, ob- 
wohl das Alter ihn etwas gebeugt hat. Er war auch 
sehr unwillig über die Haltung seines Parlaments. Die 
Stunden, die ich mit ihm verbrachte, waren bei seiner 
warmherzigen Freundlichkeit und Ritterlichkeit sehr 
angenehm. Ich besuchte ein sehr interessantes, altes, 
wiederhergestelltes Schloß, Franzenstein, das dem be- 
rühmten Forscher Graf Wilczeck gehört. Es ist ein 
Wunder gotischer Architektur, und seine Einrichtung 
aus dem 13. bis 15. Jahrhundert ist sehr harmonisch 
und lehrreich. 

Tatischeff wird Dir von meiner Truppeninspektion 
während des FrühHngs und den Manövern meiner zwei- 
ten Brigade berichten, welche das neue „Regiment^' 
zum ersten Male zeigte, wie auch von den Evolutionen 
der Garde-Kavallerie-Division unter meinem Komman- 
do, was alles ausgezeichnet auslief. Wladimir war hier 
und gab mir Deine freundUchen Zeilen, die mich als 
den Oberst des Wiborgregiments sehr stolz gemacht 
haben. Ich danke Dir nochmals für Deine große 
Freundlichkeit, die Du ihnen bewiesest, und die Ehre, 
die Du ihnen durch Deine Besichtigung gabst. Sie 
haben es wohl verdient, da sie sich tapfer benommen 
haben. Wladimir begleitete uns zu einer großen Vieh- 
schau in der Nähe von Berlin und schien sehr belustigt 
über die Produktion der preisgekrönten Kühe, Bullen, 
Schweine, Pferde, die einen großen Spektakel machten. 
Tausende von Bauern und kleinen Eigentümern jubel- 
ten uns in loyaler Ergebenheit zu. Der erstaunlichste 
Fortschritt zeigte sich in den Gruppen Elektrizitäts- 
und Spiritusgasmotoren für landwirtschaftliche Zwecke. 
Nun lebe wohl, Hebster Niki, Gott schütze und behüte 

149 



Dich. Herzliche Grüße an Alix, auf Wiedersehen in 
Swinemünde, wo wir eine lustige Gesellschaft sein 
wollen. 

Dein immer wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Pillau, 27. VII. 1906. 

Liebster Niki! 

In dem Augenblick, wo ich die Küste meines Landes 
erreiche, ergreife ich die erste Gelegenheit, Dir eine 
Zeile zu senden und Dir nochmals für die liebens- 
würdige Aufnahme zu danken und für die Freundlich- 
keit, die Du mir bewiesen hast. Die Stunden, die ich 
in Deiner Gesellschaft verbringen durfte, sind immer 
meinem Gedächtnis eingeprägt. Du warst zu mir wie 
ein lieber Bruder, ich werde immer mit der gleichen 
Wärme und gleichen Stärke Dein Gefühl erwidern, und 
Du kannst auf mich als einen sicheren Freund rechnen, 
der nur den einzigen Wunsch und die Hoffnung hat, 
Dich glücklich bei Deiner schweren Arbeit zu sehen, 
und der möchte, daß Dein Land sich bald wieder erholt. 
Das Bündnis zur gegenseitigen Hilfe im Falle der Not, 
das wir geschlossen haben, wird für Rußland sehr 
vorteilhaft sein, da es sich ruhig unter den Augen der 
Völker und im Vertrauen auf die Aufrechterhaltung 
des europäischen Friedens wieder herstellen wird und 
die Finanzkreise in fremden Ländern ermutigen kann, 
in Unternehmungen, die Rußland und seine weiten 
Wohlstandsquellen, die noch unberührt sind, erschlie- 
ßen sollen, Kapital zu investieren. In kommenden 
Zeiten wird vielleicht möglicherweise selbst Japan ge- 
neigt sein, sich dabei zu beteiligen. Dies würde das 

150 



englische Selbstgefühl und seine Frechheit wesentlich 
abkühlen, da es nur allzu sehr sein Alliierter ist. Der 
24. JuH 1905^ ist ein Markstein in der europäischen Po- 
litik und schlägt ein neues Blatt in der Geschichte der 
Welt auf, das ein Kapitel des Friedens und des Einver- 
ständnisses unter den Großmächten des europäischen 
Kontinents sein möge, die sich untereinander in Freund- 
schaft, Vertrauen und in der Befolgung der allgemeinen 
Politik auf den Bahnen einer Gemeinsamkeit der Inter- 
essen bewegen mögen. Im Augenblick werden die 
Nachrichten der neuen Gruppierung der Welt bekannt 
geworden sein. Die kleineren Nationen Holland, Bel- 
gien, Dänemark, Schweden, Norwegen werden alle zu 
diesem einen Schwerkraftzentrum hingezogen werden, 
ganz nach dem Naturgesetz von der Anziehung klei- 
nerer Körper durch die größeren und kompakteren. 
Sie werden sich im Kreis um den großen Block der 
Mächte Rußland, Deutschland, Frankreich, Österreich, 
Italien drehen und das Vertrauen zu dieser Anlehnung 
haben. Die Doppelallianz, verbunden mit der Tripel- 
alhanz ergibt eine Quintupelallianz, die wohl imstande 
sein wird, alle unbotmäßigen Nachbarn in Ruhe zu 
halten und selbst mit Gewalt ihnen den Frieden auf- 
erlegen, wenn eine Macht so hirnverbrannt sein sollte, 
ihn zu stören. In der Unterhaltung mit dem ausge- 
zeichneten Birilew- — Du hast wirklich eine Kapitalwahl 
mit ihm getroffen — erwähnte ich, daß, wenn Du ein- 
mal Dich für Deine Schiffstypen entschieden hast. Du 
soviel wie möglich gleichzeitig von ihnen bauen und 
nicht dabei die deutschen Privatwerften neben den 



1 Zusammenkunft des Kaisers mit dem Zaren in den finni- 
schen Gewässern bei Björkö. 

^ Russischer Marineminister. 

151 



französischen vergessen solltest, da die deutschen 
Werften für ihr eigenes Land arbeiten würden, wäh- 
rend andere Mächte von den Geheimnissen Deiner 
Baumeister und Ingenieure gegen Dich selbst und Dein 
Land Gebrauch machen würden. — Zwischen Björkö 
und Hochland begegnete ich meinem Kreuzer, der aus 
Schweden ungeschoren und ungewaschen und beinahe 
schwarz wie ein Schornstein kam, ein trauriges Bild 
des Leides, das ihm der Rauch des Torpedoboots auf- 
tat. Ich erhielt einige französische Zeitungen, in denen 
ich einen Rückblick auf die Festlichkeiten in Brest ge- 
lesen habe. Es sind nun schon zwölf Jahre her, daß wir 
Toulon und Kronstadt^ hatten. Es war eine Ehe . . . 
wie bei allen Liebesehen ist eine allgemeine Enttäu- 
schung, namentlich seit dem Kriege 1904/05, einge- 
treten. Jetzt haben wir Brest und Cowes, das ist eine 
Geschäftsehe, und wie bei allen Geschäftsehen wird 
daraus eine „Vernunftehe^^ Ich denke wirklich kühl, 
für einen Verbündeten, über seine „Freundin und Alli- 
ierte". Es würde den Franzosen gut tun, wenn Du die 
Zügel ein wenig fester ziehen würdest. Ihre 10 Mil- 
liarden Francs, die sie in Rußland investiert haben, 
hindern sie natürlich, ganz abzufallen, aber die Sprache 
zeigt, bis zu welchem Grad die engUschen Schmei- 
cheleien schon die Franzosen gebracht haben. Hoffent- 
lich werden sie nicht ganz aus ihrem Häuschen in 
Cowes gehen. Um die Metapher „Mariage" gegen 
„Marianne" (Frankreich) zu gebrauchen, muß man 
doch daran denken, daß sie mit Dir verheiratet ist, 

1 Zustandekommen der formulierten Entente zwischen Frank- 
reich und Rußland. Bei dem Besuch des Admirals Gervais in Kron- 
stadt 1891 hört der Zar stehend die Marseillaise an, trinkt aut 
das Wohl des französischen Präsidenten. Depeschenaustausch 
zwischen Alexander III. und Carnot. 

152 



und daß sie mit Dir im Bett liegen muß, um gelegent- 
lich eine Umarmung oder dann und wann einen Kuß 
mir zu geben, aber nicht in das Schlafzimmer des ewig 
intrigierenden Touche-ä-tout auf der Insel schleichen 
darf. Nun lebe wohl, mein liebster Niki! Vergiß 
nicht die Magna Charta (Habeas-Corpus-Akte) und 
die Belohnung für Dein prachtvolles Frontheer, d^s Du 
auf eine gleiche Stufe mit der Garde stellen mußt. 
Du versprachst es mir. Denke nicht an den Galgen- 
humor von Wladiwostok, oder an die Meuterei der 
Garde, erinnere Dich an die 10 Armeekorps auf dem 
Felde, die für Dich bluten, und an alle in den Pro- 
vinzen daheim, die täglich für Dich gegen die Revo- 
lution kämpfen. Herzlichen Gruß an Alix 
Dein sehr ergebener Freund 

Willy. 

P. S. : Wie Du mir erzählst, hat Boulygine bereits 
einen Gesetzentwurf nach Deiner Direktive ausgearbei- 
tet, der den Ansichten entspricht, von denen ich Dir 
sprach. Es würde meiner Meinung nach dringend sein, 
daß ergleichaufeinmalveröffentlichtwird, 
und daß die Mitglieder sobald als möglich er- 
wählt werden, damit, wenn die Friedensbedingungen 
Dir unterbreitet werden. Du sie dem russischen 
Volk mitteilen kannst, das die Verantwortlichkeit ihrer 
Annahme oder Ablehnung tragen müßte. Dies würde 
Dich vor einem allgemeinen Angriff auf Deine Politik 
schützen, der von allen Seiten her kommen würde, 
wenn Du es allein tätest. 



153 



7. XI. 1907. 
Liebster Niki! 

Hintzei ist im Begriff, abzureisen, und dies gibt mir 
die günstige Gelegenheit, Dir diese Zeilen zu senden. 
Meine Wünsche begleiten Dich in das neue Jahr. Möge 
Deine stetige Arbeit für Dein Land und die Wohlfahrt 
Deines Volkes Erfolg haben und die durch die Diskus- 
sion erhitzten und durch unverantwortliche Aktionl 
mißleiteten Gemüter zu beruhigen. Ich hoffe weiter, 
daß, wenn weisere Ratgeber unter Deinen Untertanen 
die Oberhand gewinnen und sie sich selbst im Zaum 
halten, wir uns auf der See irgendwo treffen können, 
und daß Heinrich dann glücklich sein wird. Dir die 
Flotte, die unter Deiner Flagge steht, zu zeigen. Ich 
denke. Du wirst sicher in ihrer Entwicklung seit dem 
Jahre IQOl bei Danzig einen Fortschritt herausfinden, 
nachdem die alten Schiffstypen sich verringert haben 
und neue hinzugekommen sind, so daß die ganze Flotte 
einen einheitlicheren Charakter trägt. Mit herzlichem 
Gruß an Alix und die Kinder, deren Bilder mich unge- 
heuer gefreut haben, namentlich das des Knaben, und 
mit dem Wunsch, daß Gott Dich segnen möge, ver- 
bleibe ich 

Dein wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

28. XII. 1907. 
Liebster Niki! 
Meine herzlichsten und wärmsten Wünsche für das 
Jahr 1908. Gott segne und beschütze Dich, Alix und die 



^ Damals deutscher Marine-Attache in Petersburg, später Ge- 
sandter in Christiania, seit Juli 1918 Staatssekretär des Auswärtigen. 

154 



Kinder und bewahre mir die Hoffnung, das V^ergniigen 
zu haben, Dich wieder einmal zu sehen. Durch meinen 
Besuch in England denke ich, eine Reihe von Mißver- 
ständnissen und Mißtrauen behoben zu haben, so daß 
die Luft gereinigt ist und der Druck auf dem Sicher- 
heitsventil sich verringert hat. Eine ganz ^private 
und vertrauliche Nachricht für Dich 
allein. Ich fand das englische Volk sehr nervös be- 
zügHch der Japaner^, vor denen man Furcht und Miß- 
trauen zu bekommen beginnt. Die Fahrt der amerika- 
nischen Stillen-Ozean-Flotte hat in London größten 
Ärger hervorgerufen, da man alles nur Erdenkliche ver- 
suchte, um es zu verhindern. London ist vor einem 
Übereinkommen zwischen Amerika und Japan bange, 
da man sich auf eine Partei von beiden stellen muß, 
und da es eine Frage der Rassen, nicht der Politik ist, 
und es sich nur um Gelb gegen Weiß handeln kann. 
Das Fallenlassen Japans würde unverzüglich den Ver- 
lust von Indien zur Folge haben, das die Japaner ganz 
ruhig unterminieren und revolutionieren usw. Die 
Japaner haben diese Entwicklung vorausgesehen und 
bereiten sich darauf vor. Vielleicht werden sie 
zuerst Indien angreifen und die PhiUppinen isolieren. 
Die britischen Marine- und Seeoffiziere sprechen offen 
zu meinen Offizieren über ihren Widerwillen gegen 
die „Gelbe'^ Allianz mit Japan, das sie hassen. Bei 
diesem Stimmungszustande urteile, welchen Eindruck 
die vor einigen Tagen gehaltene Rede Graf Okumas^ 
gemacht hat! Die Wirkung ist, als ob eine Bombe 



1 Japan und Rußland hatten sich wieder versöhnt. (Verein- 
barungen über die Mandschurei.) 

' Einflußreichster japanischer Politiker seiner Zeit, wiederholt 
Minister des Äußeren. 

155 



aus Shimosa in London eingeschlagen hätte. Nun haben 
ihre Zeitungen zum ersten Male den Eindruck „Gelbe 
Gefahr'^ gehabt, nach meinem Bilde, das wirklich 
zur Wahrheit wird. Ein deutscher Herr, der kürzlich 
aus Mexiko zurückkam, berichtete mir, daß er selbst 
10 000 Japaner in den Pflanzungen von Südmexiko 
gezählt habe, alle in Militäruniform mit Messing- 
knöpfen. Nach der Arbeit bei Sonnenuntergang ver- 
sammelten sie sich alle unter ihren Sergeanten und 
Offizieren, die sich wie einfache Arbeiter verkleidet 
hatten, in Rotten und Schwadronen und üben und 
exerzieren mit Holzstäben, was er oft beobachtet hat, 
wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Es sind japanische 
Reservisten, welche Waffen bei sich versteckt haben 
und beabsichtigen, als ein Armeekorps den Panama- 
kanal anzugreifen und die Landverbindung mit Amerika 
abzuschneiden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Eng- 
land ein Geschwader nach dem Pazifik aussenden 
muß, was man aber nur sehr ungern tut. Inzwischen 
haben amerikanische und englische Journalisten ein 
kleines freundliches Nasenpflücken miteinander, was 
die Nerv^osität der Londoner Presse zeigt. Dies ist 
meine geheime Information für Dich allein, so 
daß Du Zeit hast und Dich für Deine Pläne vorbereiten 
kannst. Es ist eine sichere Information und gut, wie 
Du jetzt wohl w^eißt, daß ich Dir niemals eine verkehrte 
gab. Der Hauptpunkt ist, Augen offen zu halten und 
vorbereitet zu sein. Die Entwicklung kann langsam 
gehen, doch können unvorhergesehene Zwischenfälle 
einen unerwarteten und plötzlichen Ausbruch hervor- 
rufen, bevor die Frage reif ist, wie es sich bisweilen 
ereignet. Es ist erstaunlich, zu beachten, wie ^ut die 
Japaner sich für ein Ereignis vorbereiten. Sie gehen 

156 



in ganz Asien vor, bereiten sorgfältig ihre Agitation^ 
gegen die weiße Rasse im allgemeinen vor. 
Denke an mein Gemälde, es wird zur Wahrheit! Wenn 
Frankreich mit England in dieser Angelegenheit zu- 
sammengeht, sind Saigon und Annam gewesen. 

Willy. 



Wilhelmshöhe, 8. VIII. 1908. 

Liebster Niki! 

Willst Du so hebenswürdig sein, gnädigst die ersten 
Abzüge meiner Photographie in der neuen russischen 
Uniform anzunehmen? Sie sind noch nicht veröffent- 
licht worden, und ich hoffe, Dein prüfendes Auge wird 
einige Fehler in der Ausführung finden. Onkel Bertie 
war ganz Sonnenschein in Cronberg, in sehr guter 
Laune. Er beabsichtigt, offiziell Berlin mit Tante Alix im 
nächsten Jahr zu besuchen. Der Zeitpunkt wird noch 
festgesetzt. Er sprach auch über die Türkei ^ und gab 
zu verstehen, daß man sie am besten allein lassen 
müsse, sich selbst zu organisieren und Mazedonien 
selbst zu reformieren, so daß die Mächte imstande 
wären, im Augenbhck die projektierten Reformen fallen 
zu lassen, was ihn sichtlich zu beruhigen scheint. Ich 
hoffe, daß Deine Reise von gutem Wetter begünstigt 
ist, während wir hier unaufhörlichen Regenfall haben. 
HerzHche Grüße an AHx 

Dein immer wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

1 Türkische Revolution Mitte Juli 1908. Herrschaft der Jung- 
türken. Sie haben zunächst das Vertrauen der Westmächte, wes- 
halb man ihnen selbst die Reformen in Mazedonien überläßt. 

157 



Hubertusstock, 8. I. 1909. 

Lieber Niki! 
Herzlichen Dank für Deinen freundlichen Brief vom 
25. Dezember, den Du mir durch Tatischeff sandtest. 
Ich war sehr erfreut, von Dir zu hören, und meine Frau 
und ich danken Dir aufrichtig für Deine freundlichen 
Wünsche zum neuen Jahr. Du hast ganz recht mit Deinen 
Worten, daß das alte Jahr ein ereignisreiches^ war. 
Die Annexion von Bosnien und der Herzegowina ^ war 
eine doppelte Überraschung für jeden, aber besonders 
für uns, da wir über die Absichten Österreichs sogar 
noch später als Du in Kenntnis gesetzt worden waren. 
Ich halte es für meine Pflicht, Deine Aufmerksamkeit 
hierauf zu lenken, aus der Erwägung heraus, daß 
Deutschland angeklagt worden ist, Österreich zu diesem 
Schritt aufgeputscht zu haben. Diese Anschuldigung* 
ist eine widersinnige und ebenso unwahr, wie es in 
dem Falle mit der Sandjakeisenbahn^ war. Ich ent- 
nehme mit Freude aus Deinem Brief, daß das Volk in 
Rußland dies jetzt zu erfassen beginnt. 

Tatsache ist es, daß Österreich diesen Schritt, ohne 
uns vorher zu Rate zu ziehen, unternommen hat. 



1 Rußland hatte in einer Note vom 24. III. 08 an Osterreich 
das Mürzstegprogramm von 1903 für erloschen erklärt und 
ein neues Reformprogramm für Mazedonien aufgestellt. Es fol- 
gen Zusammenkünfte der Staatsoberhäupter: Fallieres in Lon- 
don, Nikolaus II. und Eduard VII. in Reval 25.-26. Mai 1908. 
Wachsendes Einvernehmen zwischen England und Rußland. 
Im August zweite Revaler Begegnung Nikolaus' II. mit Fallieres. 

2 5. Oktober 1908. 

3 Im Januar 1908 hatte Graf Ährental die Absicht Öster- 
reichs kundgetan, durch das Sandschak von Novibasar eine 
Eisenbahn zu bauen, die eine direkte Verbindung zwischen 
Graz und Saloniki hergestellt hätte. 

158 



Daß wir dem Lauf der Dinge als Alliierte ohne Zögern 
folgen mußten, stand außer aller Frage. Wir konnten 
nicht mit seinen Gegnern rechnen. Du wirst der erste 
sein, um unser loyales Verhalten zu billigen. 

Aber dies besagt nicht, daß wir unsere alten freund- 
schaftlichen Beziehungen zu Rußland abzubrechen beab- 
sichtigen. Ich selbst bin fester als je davon überzeugt, 
daß Deutschland und Rußland wie nur irgend möglich 
zusammen vereinigt sein müssen. Diese Vereinigung 
würde ein mächtiges Bollwerk für die Aufrechterhal- 
tung des Friedens und der monarchischen Institutionen 
bedeuten. Du kennst meine Ansichten in dieser Rich- 
tung. Daß meine Freundschaft aufrichtig und ehrlich 
ist, habe ich Dir durch Taten beweisen können, als 
während der Zeit der Widerwärtigkeit, durch die Ruß- 
land neuerdings hindurchgegangen ist, ich schwere 
Verantwortung auf mich für Deine Sache genommen 
habe. 

Wenn ich die freundlichen Beziehungen zwischen 
unsern beiden Ländern abwäge, so halte ich es vor 
allem für das wichtigste, daß alles, was auch immer 
sie kränken möge, aus dem Wege geräumt wird. Du 
bist, wie ich hoffe, gewohnt, das, was ich Dir erzähle, 
als ganz offen, wie ich in dieser Hinsicht denke, anzu- 
sehen. Kürzlich stellte man es so dar, als ob wir 
Dein Übereinkommen mit England betreffs Asiens ^ 
übel aufgenommen hätten und damit unzufrieden wären. 
Dieselben Gerüchte sind über den Besuch, den Onkel 
Bertie Dir in Reval abstattete, in Umlauf gebracht 
worden. Alles Unsinn! Wir verstehen voll und ganz, 
daß Rußland im Augenblick es vermeiden muß, einen 



' Abkommen Englands mit Rußland über Persien, Tibet, 
Afghanistan. 

159 



Konflikt mit England zu bekommen, und daß aus die- 
sem Grunde es sich beugt, um einige tatsächliche 
Streitfragen sanft hinvvegzuglätten. 

Abgesehen davon, hast Du mir wiederholt die aus- 
drückliche Versicherung gegeben, daß Du nicht in ein 
Übereinkommen von mehr als allgemeiner Natur ein- 
treten wirst. Ich habe Dein Wort, was brauche ich 
sonst noch? Wir sind ebenso eifrig wie Du, unsere 
Beziehungen zu England zu verbessern. Ich sehe dem 
Besuch, den Onkel Bertie mir im nächsten Monat in 
Berlin abstatten wird, entgegen, nicht nur, weil ich 
mich darüber freue, ihn und Tante Alix wieder einmal 
hier zu haben, sondern auch, weil ich erwarte, daß 
dieser Besuch nützliche Ergebnisse für den Frieden 
der Welt haben wird. 

Nun, mein lieber Niki, weder Deine Verabredung 
mit England betreffs Zentralasiens, noch Deine Zu- 
sammenkunft in Reval hat irgendwelche Besorgnis 
oder Verstimmung in Deutschland hervorgerufen. Die 
Ursache ist eine ganz andere. Es ist eine offene Tat- 
sache, daß seit den letzten beiden Jahren die russische 
Politik sich schrittweise mehr und mehr von uns 
zurückzieht und sich immer enger zu einer Kombi- 
nation mit den uns unfreundlich gesinnten Mächten 
entwickelt. Diese Tripelentente zwischen Frankreich, 
Rußland und England wird von der ganzen Welt als 
eine vollendete Tatsache ausgegeben. Englische und 
französische Zeitungen lassen keine Gelegenheit vorbei 
gehen, um darzustellen, daß die Tripelentente direkt 
gegen Deutschland gerichtet ist, und nur zu oft stimmt 
die russische Presse mit in den Chorus ein. Anderer- 
seits zeigte sich in manchen Fällen der jüngsten rus- 
sischen Politik ein Mißtrauen gegen Deutschland, z. B. 

160 



in Persien und China, ein Mißtrauen, das völlig unbe- 
rechtigt war. Wie bei andern Fragen, an denen wir 
interessiert sind, so z. B. in der Bagdadeisenbahnfrage, 
wo wir erwarteten, auf Rußland zählen zu können, ließ 
es uns in seiner Politik einen weiten Spielraum. Ist es 
daher überraschend, daß eine gewisse Entfremdung 
zwischen beiden Ländern entstanden ist? 

Ich brauche Dir nicht zu versichern, daß alle diese 
Fragen mich sehr schwer treffen, und ich halte es für 
meine PfHcht, Deine Aufmerksamkeit auf die Lage zu 
lenken, wie sie wirklich ist, und auf die Gründe, welche 
dazu führen, bevor es zu spät ist. 

Die Tendenz der russischen Politik, die Anlehnung 
an England und Frankreich vorzuziehen, trat besonders 
in der gegenwärtigen Krisis hervor. Deine Regierung 
trat an meine bezügHch der bosnischen Frage heran, 
erst nachdem ein Programm für eine beabsichtigte Kon- 
ferenz aufgestellt und in Paris und London genehmigt 
worden war. Dies Programm wurde in der französi- 
schen Presse veröffentHcht, bevor wir uns beide 
verständigt hatten. Französische Zeitungen, so gut wie 
englische und russische, stimmten einen jubilierenden 
Chorus über diesen Abschluß der neuen Tripelentente 
an. Wie die Dinge standen, als Iswolsky nach Berlin 
kam, hatte meine Regierung keine freie Wahl, sondern 
mußte strikteste Zurückhaltung hinsichtlich mehrerer 
wichtiger Punkte üben, die einen Teil der russischen 
Wünsche bildeten. Wir konnten unsern Alliierten nicht 
drängen, einem Programm zuzustimmen, von dem wir 
wußten, daß er es nicht annehmen würde, ganz abge- 
sehen von der Erwägung, daß dieses Programm ganz 
ohne uns aufgestellt worden war. Unsere Mitarbeit war 
in einer Weise aufgehoben, daß die außenstehende Welt 

11 161 



es als eine beabsichtigte Demonstration beurteilte. Wäre 
ein anderer Kurs eingeschlagen worden, so hätten wir 
Deiner Regierung raten können, dieses Programm 
nicht vom Stapel zu lassen. Wir hätten vorläufige 
vertrauliche Unterhandlungen zwischen den Kabinetten 
vorgeschlagen, da solche Unterhandlungen uns mehr 
als eine Gelegenheit gegeben hätten, Rußland wertvolle 
Dienste zu leisten. Hätte Rußland uns zur rechten Zeit 
um Rat gefragt, so würden die Dinge nicht in die 
furchtbare Verwirrung gekommen sein, in der sie sich 
jetzt befinden, noch auch in ein so kritisches Sta- 
dium. Unter gegenwärtigen Umständen sehe ich nicht 
ganz klar, was ich tun könnte, außer Worten der Mäßi- 
gung beiden Parteien zu geben, was ich bereits getan 
habe. Ich halte es auch für meine Pflicht, Dir ganz 
offen zu sagen, daß ich unter dem Eindruck stehe, 
daß Deine Ansichten über Österreichs Absichten zu 
pessimistisch sind, und daß Du überängstlich bist, 
mehr als es nötig ist. Wir hier haben auf jeden Fall 
nicht die leisesten Zweifel, daß Österreich nicht beab- 
sichtigt, Serbien anzugreifen. Dies würde Kaiser Franz 
Joseph nicht ähnlich sehen, der ein weiser und gerech- 
ter und wirklich wahrhaftiger Mann ist. Wir glauben 
auch nicht, daß Ährental derartige Pläne in seinem 
Innern hegt. Natürlich müssen die kleinen Balkan- 
staaten klug und loyal sein und alle Herausforderung 
vermeiden und mit ihren kriegerischen Vorbereitungen 
haltmachen. Diese kleinen Staaten sind ein schreck- 
licher Schaden. Quantites negligeables ! Aber die lei- 
seste Ermunterung von irgendeiner Seite macht sie 
wahnsinnig. Die Reden, die in der Skupschtina am 
2. d. M. gehalten wurden, haben infolge ihrer revolu- 
tionären Tendenz einen sehr schlechten Eindruck auf 

162 



mich gemacht. Vor sechs Jahren wurde dieses Icleine 
Volk mit Widerwillen und Abscheu von der ganzen 
Welt als Mörder seines Königs betrachtet. 

Ich hoffe von ganzem Herzen, daß ungeachtet der 
zahlreichen und ernsten Schwierigkeiten, die zu über- 
winden sein werden, eine friedliche Lösung erreicht 
wird. Alles, was ich in dieser Richtung tun kann, wird 
sicherlich geschehen. Nimm mein Wort darauf. 

Hintze wird Dir diesen Brief überbringen; hoffent- 
lich findet er Euch alle munter und gesund, wozu ich 
noch wünsche, daß der Herr Euch Frieden, Gedeihen 
und Glück im neuen Jahre geben möge. 

Viktoria und ich senden herzliche Grüße an Alix und 
freuen uns, daß mein Weihnachtsgeschenk ein Erfolg 
war. Lebe wohl, mein lieber Niki, 

Dein wahrer und ergebener Freund und Vetter 

Willy. 

Neues Palais, 3. IV. 1909. 

Liebster Niki! 
Willst Du freundlich für Dich und die liebe Alix 
unsere Gabe als Zeichen unverminderter Liebe und 
Freundschaft annehmen? Das eine mit dem griechi- 
schen Portikus und dem Springbrunnen stellt einen 
Teil von Charlottenburg dar, das in dem Garten von 
Pet'erhof kopiert wurde, und ist für Alix bestimmt. 
Der runde Tempel ist der Freundschaftstempel, der 
von Friedrich dem Großen im Park von Sanssouci ge- 
baut wurde, und allen großen historischen Menschen- 
paaren, die ihre Freundschaft standhaft bis zum Tode 
hielten und für sie starben, geweiht wurde. Dies mag 
Dir ein Symbol unserer nahen Beziehungen zueinander, 
„* 163 



wie ich sie auffasse, sein. Ostern steht jetzt vor der Tür, 
und daher möchte ich Dir noch einmal aufrichtig für 
die loyale und edle Art, in der Du freundlich in den 
■Weg einleitetest, den Frieden ^ bewahren zu helfen, 
danken. Es ist der Dank für Deine hochgesinnte und 
selbstlose Initiative, daß Europa von den Schrecken 
eines allgemeinen Krieges verschont geblieben ist, und 
daß die heilige Osterwoche von menschlichem Blut 
unbesudelt bleiben wird, das sonst vergossen sein 
würde. Du magst Deine Ostern mit dem erhabenen 
Bewußtsein feiern, daß überall in Europa Tausende 
von Familien auf ihren Knien dem Herrn für den 
Frieder danken, seinen Segen auf Dein Haupt er- 
flehen. Ich beabsichtige, nach Ostern nach Corfu zu 
reisen und über Venedig dorthin zu fahren. Ich 
wünschte, ich könnte Dir diesen lieblichen Ort zeigen, 
ein kleines Paradies auf Erden, keine Touristen und 
leicht von der See direkt zu erreichen. Ein glück- 
liches Osterfest mit besten Wünschen an Alix und 
den Knaben verbleibe ich 

Dein wohlgesinnter Freund 

Willy. 

P.S. Auf meiner Heimreise werde ich wahrschein- 
lich Onkel Artur auf Malta besuchen. 

Corfu, 8. V. 1909. 
Mein liebster Niki! 
Da Hintze zu Deinem Geburtstag heimkehrt, ergreife 
ich froh die gute Gelegenheit, Dir diese Zeilen zu 

'~ ^ Rußland, das noch unter den Folgen des japanischen Krie- 
ges und der Revolution, litt, hatte sich nach längerem Sträuben 
die vertragswidrige Annexion von Bosnien und der Herzego- 
wina durch Österreich-Ungarn kompensationslos gefallen lassen. 

164 



senden. Von meinem ganzen Herzen wünsche ich 
Dir noch manche glückUche Wiederkehr dieses Tages. 
Möge der Himmel Dich, Dein Weib und Kind segnen 
und beschützen. Mögest Du glückhch in Deiner Arbeit 
für Dein Land und für die Wohlfahrt Deines Volkes 
sein. 

Vor wenigen Wochen, als die Dinge gefährlich zu 
werden drohten, hat Deine weise und entschlossene 
Entscheidung den Frieden allen Völkern gesichert. 
Ich war sehr befriedigt darüber, daß Du durch meine 
helfende Mitwirkung Deine Aufgabe erfüllen konntest. 

Ich erwartete natüriich, daß Du und ich allgemeinen 
Beifall finden würden, und ich wage zu denken, daß 
wir die Dankbarkeit aller wohlgesinnten Leute ge- 
erntet haben. Aber zu imeinem Bedauern und Er- 
staunen hat die Presse im allgemeinen in niedrigster 
Art und Weise gegen mich gearbeitet. Nach einigen 
Zeitungen sollte ich der Anstifter zu Annexionen sein, 
und man beschuldigte mich unter anderem Gefasel 
und Unsinn, daß ich Rußland durch meine Friedens- 
vorschläge erniedrigt habe. Du weißt es natürlich besser, 
doch muß dem Rechnung getragen werden, daß die 
Zeitungen meist erst die öffentliche Meinung schaffen. 
Einige von ihnen irren infolge ihrer Unkenntnis und 
aus Mangel an richtiger Information, sie sehen kaum 
weiter als auf Nasenlänge. Aber gefährhcher und gleich- 
zeitig verabscheuungswerter ist jener Teil der Presse, 
der das schreibt, wofür er bezahlt wird. Die Schurken, 
welche so schmutzige Arbeit leisten, fürchten nicht 
unterzugehen. Sie werden immer fortfahren, eine 
Nation zu Feindseligkeit gegen die andere auf- 
zustacheln, und wenn sie schheßlich durch ihre hölli- 
schen Verbrechen den so gewünschten Zusammenstoß 

165 



herbeigeführt haben, dann sitzen sie ruhig da und 
bewachen das Feuer, das sie angezündet haben, vvohl- 
versichert, daß der Gewinn der ihrige ist, unbeküm- 
mert, wie der Ausgang auch sein möge. Auf diese 
Weise ist in 99 von 100 Fällen das, was man ge- 
wöhnlich „öffentliche Meinung'* nennt, eine reme 
Fälschung. 

Als Herrscher, die vor Gott für die Wohlfahrt der 
Nationen die Verantwortung tragen, die unserer Sorge 
anvertraut sind, haben wir daher die Pflicht, genau 
die Entstehung und die Entwicklung der „öffenthchen 
Meinung*' zu studieren, bevor wir ihr einen Einfluß 
auf unsere Handlungen einräumen. Sollten wir finden, 
daß sie ihren Ursprung aus schmutzigen, rinnstein- 
artigen Quellen der erwähnten infamen Presse schöpft, 
so wird und muß es unsere Pflicht sein, diese Art 
öffentliche Meinung zu korrigieren und ihr Wider- 
stand zu leisten. 

Persönlich stehe ich Zeitungsklatsch völlig teilnahms- 
los gegenüber, aber ich kann mich doch eines ge- 
wissen Gefühls der Angst nicht enthalten, daß, wenn 
nicht einmal entgegnet wird, die schmutzigen und 
unflätigen Lügen, die so ungestraft über meine Politik 
und mein Land im Umgang sind, dahin gelangen, eine 
Verbitterung zwischen unseren beiden Volkern infolge 
ihrer ständigen und unwidersprochenen Wiederholung 
zu schaffen. Öffentliche Meinung wünscht klare Infor- 
maüon und Führung. 

Als ich nach Corfu ging, erhoffte ich einen ruhigen 

Feiertag, aber auch dies sollte nicht sein. Eine neue 

Revolution brach in Konstantinopel ^ aus. Wir armen 

^ Die mißglückte Gegenrevolution Abdul Hamids im Februar 
1909 und nocn einmal im April 1909, die zur Oetangennahme 
Abdul Hamids führte. 

166 



Herrscher sind scheinbar nicht berechtigt, wie andere 
einfache SterbUche unsern Feiertag zu haben. Die 
Wirren im Osten machten mich zeitweihg sehr ängst- 
Hch, auch heute noch. Der Osten ist ein regelrechter 
Nachtalp, eine „Schachtel mit Überraschungen^^ Ich 
wäre sehr dankbar, wenn Du mir freundlich Deine 
Meinung über die allgemeine Lage in der Türkei 
schreiben könntest. Ein Austausch unserer Ansichten 
ist dringend notwendig, wenn uns nicht frische Er- 
eignisse wiederum überraschen sollen. 

Die Ereignisse des letzten halben Jahres sind ein 
lebendiger Beweis für die absolute Notwendigkeit, so 
zu handeln, da sie klar zeigen, daß es sehr gewinn- 
bringend gewesen wäre, wenn wir sofort bei Ausbruch 
der Krisis miteinander in Verbindung getreten wären. 
Wenn Du und ich, was mein heißester Wunsch ist, 
in loyaler und offener Mitarbeit zur Aufrechterhal- 
tung des Friedens uns vereinigen, so bin ich voll- 
kommen davon überzeugt, daß der Frieden nicht nur 
erhalten werden kann, sondern nicht einmal gestört 
sein wird. Es ist nicht der Schatten eines Zweifels 
daran, daß der Frieden die Lebensinteressen, die Sicher- 
heit und Wohlfahrt unserer Völker so gut wie unserer 
Dynastien garantiert. 

Nimm freundlich als Geburtstagsgabe eine Aquarell- 
skizze, die von einem geschickten Corfioter Maler 
gemalt ist und das Achilleion, vom Olivenhain am 
Fuße des Hügels gesehen, darstellt. Wir verbrachten 
eine reizende Zeit hier unter blauem Himmel, von 
süßen Wohlgerüchen und dem wunderbaren Aufblühen 
zahlreicher Blumen umgeben, und saßen den ganzen 
Tag außerhalb des Hauses auf den Marmorterrassen 
im Schatten herrlicher Palmbäume. Ich hoffe, daß ich 

167 



Dir noch einmal dieses Paradies zeigen kann, wenn 
einmal Deine Jacht Dich zufälHg ins Mittelmeer führt. 
Wir machten zahlreiche reizende Ausflüge per Auto 
mit Teapicnic auf das Land, einfach entzückend. Die 
Insel ist lieblich, das Volk ruhig, einfach, höflich, 
Reisende gibt es hier nicht. Heute verlassen wir es 
mit schwerem Herzen auf unserer Rückreise nach 
Malta, Brindisi und Tota. Wir sahen oft den König 
und die Königin, und ich sah auch zu meiner Freude 
oft meine Schwester. Nun lebe wohl, herzlichen Gruß 
an AHx und die Kinder, namentlich an meinen Jungen. 
Möge Gott Dich segnen und behüten auf Wieder- 
sehen und ich verbleibe 

Dein immer wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Neues Palais, 20. X. 1909. 
Liebster Niki! 
Da Tatischeff Berlin verläßt, um Dich auf Deiner 
Reise durch unser Land zu begleiten, so sende ich 
Dir eine kurze Zeile, um Dich zu begrüßen. Möge 
Deine Reise vergnüglich und Dein Aufenthalt in 
Italien angenehm und vom Wetter so begünstigt sein 
wie bei uns. Unsere Manöver liefen sehr gut ab 
und waren sehr erfolgreich, wie er Dir berichtet haben 
wird. Disziplin und Marschleistungen der Infanterie 
waren ausgezeichnet und brillant. Die Gegend war 
interessant, aber sehr schwierig, da sie sehr hüglig 
und schwach bewaldet ist. Die Feldküchen, die nach 
Deinen Modellen kopiert waren, haben sich sehr prak- 
tisch erwiesen und fanden sehr reichlichen Zuspruch. 
Ein sehr anregendes Bild für die Zuschauer war in den 
letzten Tagen der Manöver die Anwesenheit des Zep- 

168 



pelinluftschiffes, das vom Militärluftschiff begleitet war, 
welches um den Zeppelin manöverierte. Mein Jagdauf- 
enthalt in Rominten war von so ausnahmsweise schö- 
nem Sommerwetter begleitet, wie wir uns dessen seit 
längerer Zeit nicht erfreut haben. Ich erlegte 21 Hirsche, 
darunter 6 Kapitalhirsche. DasSt.-Johannis-Hospital, das 
ich in dem kleinen Grenzstädtchen Kittkehnen, gegen- 
über Waschtyner, erbaute, hat sehr gut den Erwartun- 
gen entsprochen, und während meines Besuches sah ich 
mehrere russische Patienten, die wir dort verpflegen 
konnten. Es freut mich, über das neu eingerichtete 
Röntgenkabinett, das ich dem Hospital stiftete, zu 
hören, daß man dort eine große Anzahl von russischen 
Patienten hatte, die dorthin kamen, um durchleuchtet zu 
werden, und wir haben eine Menge Gutes damit ge- 
tan. Du hast durch Stremankoff, den Gouverneur von 
Suwalki, eine Summe gespendet, er kam liebenswürdi- 
gerweise herüber und besichtigte auch die Hospitäler, 
wofür ich Dich bitte, meinen wärmsten Dank entgegen- 
zunehmen. Er folgte meiner Einladung nach Romin- 
ten und speiste mit uns. ^r ist ein selir netter, ruhiger, 
angesehener Herr, hält gute Nachbarschaft mit seinen 
russischen Kollegen jenseits der Grenze, die mit ihm 
in Verbindung stehen. Ich dachte, es würde Dir Freude; 
machen, zu wissen, was für einen fähigen und guten 
Vertreter Du diesseits Deiner Grenze hast, den ich 
regelmäßig besuche, da er allgemein von meinen Leu- 
ten respektiert wird. — Vor zwei Tagen wurde meine 
Tochter in der Friedenskirche konfirmiert und sie 
machte jedem mit der mutigen Art, mit der sie ihr 
Bekenntnis las, Freude. Die ganze Gemeinde war tief 
gerührt, und ich war sehr stolz auf sie, denn sie zeigte 
ein tiefes Gefühl und einen Ernst in der Beschäftigung 

169 



mit dem Problem des Lebens und der Religion, was 
liefen Eindruck auf die versammelte Geistlichkeit 
machte, um so mehr, als sie es ganz allein abgefaßt und 
jedem verboten hatte, ihr dabei zu helfen. Der schöne 
Sommer dauert noch an, die Rosen sind ausgeschlagen 
und die Blumenbeete ganz farbig, wie im August. Die 
beifolgenden Karten stimmen genau mit der Abend- 
beleuchtung. Mit besten Grüßen verbleibe ich lieb- 
ster Niki 

Dein stets ergebener Vetter und Freund 

Willy. 

Berlin, 11. I. 1910. 
Liebster Niki! 

Vielen Dank für Deinen freundlichen Brief mit den 
Bildern, die mir Heinrich überbrachte; ich habe mich 
sehr darüber gefreut. Was für eine ausgezeichnete 
Idee von Dir, einen Zweistundenmarsch in einer Sol- 
datenausrüstung zu machen und für Dich ausfindig zu 
machen, was es bedeutet, solche Last im Felde zu tra- 
gen. Es freut mich sehr, von Dir zu hören, daß Du mit 
der Anwesenheit und der Haltung meiner Abordnungen 
zur Beerdigung des armen Onkels Micha^ zufrieden 
bist. Ich danke Dir herzHch für die freundliche Auf- 
nahme, die Du ihnen gewährtest. Sie waren sehr dank- 
bar für die Erlaubnis, die Ehrenwache an seiner Bahre 
zu halten. 

Heinrich hat alle Botschaften, die Du ihm für mich 
anvertrautest, treu erledigt. Im ganzen teile ich Deine; 
Ansichten. Ich kann vollkommen verstehen, daß die 
Entwicklung im fernen Osten Deine ganze Aufmerk- 
samkeit in Anspruch nimmt. 

1 Großfürst Michael f 18. XII. 1909, Bruder Alexanders II. 
170 



Die Heinrich gemachte Mitteilung Deiner Entschei- 
dung, 4 Armeekorps von unserer Grenze fortzuziehen, 
hat mich sehr befriedigt, um so mehr als Heinrich mir 
erzählte, daß Du, indem Du ihm Deine Entscheidung 
mitteiltest, in herzhchsten Ausdrücken der traditionel- 
len Freundschaft unserer beiden Länder und ihrer Waf- 
fenverbrüderung, die schon vor einem Jahrhundert be- 
gonnen hat, gedacht hast. Du weißt wohl, wie ich diese 
geheiligten Beziehungen stets im Herzen trage und be- 
wahren werde, und ich brauche Dir nicht zu sagen, wie 
dankbar ich über Deine heben und mich rührenden 
Worte bin. 

Ich hoffe, daß Dich dieser Brief zum Neujahrstage 
erreichen wird, und ich ergreife diese Gelegenheit, 
um Dir und Alix die besten Wünsche für ein glückliches 
neues Jahr, das Gott Euch allen schenken möge, zu 
erwidern. 

Ich hoffe, wieder von Dir zu hören, sobald Du den 
Zeitpunkt für unsere Zusammenkunft in den deutschen 
Gewässern endgültig festgestellt hast. Heinrich meinte, 
daß es Anfang August zur Zeit Deiner und meiner 
Rückkehr aus Norwegen Dir am besten passen würde. 
Was für ein Vergnügen, der Gedanke, Dich, liebster 
Niki, wiederzusehen. Herzlichen Gruß Alix und den 
Kindern, besonders dem Knaben, lebe wohl, ich ver- 
bleibe 

Dein immer wahrer und ergebener Freund und Vetter 

Willy. 

NeuesPalais, ?? 

Liebster Niki! 
Laß mich Dir im Vertrauen eine wichtige Angelegen- 
heit vorlegen. Es ist die Frage, ob Du vielleicht einen 

171 



Wechsel in der Person des Adjutanten, der die Ehre 
hatte, Dir von hier aus beigeordnet zu sein, haben 
möchtest. Da Du bei unseren früheren Zusammenkünf- 
ten immer mit großer Hochschätzung von Kapitän von 
Hintzes QuaHtäten sprachst, und da er sich voll unse- 
res Vertrauens erfreut, möchte ich nicht irgendeinen 
andern Schritt ergreifen, bevor ich von Dir gehört habe, 
oder wenigstens nicht ohne Deine Billigung handeln. 

Laß mich, bitte, ganz uneingeschränkt und freimütig 
wissen, was Du darüber denkst. Solltest Du der Mei- 
nung sein, es wäre für mich Wünschenswert, Hintze 
zu ersetzen, so würde ich zuerst mit Dir über die 
Wahl seines Nachfolgers in Verbindung treten. Deine 
Wünsche sind in dieser Hinsicht von höchster Wich- 
tigkeit für mich, da ich es für absolut notwendig er- 
achte, daß der Offizier, der von mir Dir beigeordnet ist, 
Dein vollstes Vertrauen erlangt. 

Es freut mich, vom Kanzler zu hören, daß er über 
verschiedene Fragen mit Sasonow, einen Meinungsaus- 
tausch gehabt hat, was zu beiderseitiger Befriedigung 
führen möge. 

Wir denken noch an den freundlichen Besuch, den Du 
uns hier gönntest, und hoffen, daß die Heimreise Alix 
nicht allzusehr angestrengt hat. HerzUchen Gruß an 
sie und die Kinder von 

Deinem ergebenen Vetter und Freund 

Willy. 

Neues Palais, 24. XII. 1910. 
Lieber Niki ! 

Ich danke Dir aufrichtig für Deine freimütige Ant- 
wort betreffs Hintzes. Ich entnehme mit tiefem Be- 

172 



dauern aus Deinem Brief, daß er Dein Vertrauen nicht 
länger hat, ich! habe daher beschlossen, ihn zurück- 
zurufen. 

Als seinen Nachfolger möchte ich Dir Generalmajor 
ä la Suite von Lauenstein vorschlagen, der gegenwär- 
tig die Infanteriebrigade in Hannover kommandiert. 
Er war mein persönlicher Adjutant, bevor er dies Kom- 
mando übernahm. Du wirst Dich seiner von der Zeit 
her wahrscheinlich erinnern, als er Militärattache in 
Peteasburg war. Er hatte auch die Ehre, Dein Heer 
in den Krieg zu begleiten, und wie ich höre, war ef 
unter Deinen Offizieren sehr beliebt. Er ist ein sehr 
befähigter Soldat und dazu vor allem äußerst verläß- 
lich und vertrauenswürdig. Er schreibt ein glänzen- 
des Deutsch und war infolgedessen Mitglied der drei 
Komitees, welche die Reglementsreform für unsere 
Infanterie, Artillerie und Kavallerie durchgeführt haben. 
Alle drei sind aus seiner Feder hervorgegangen. Ich 
setze unbeschränktes Vertrauen in ihn, und in der 
Hoffnung, daß Du meinen Vorschlag billigst, sehe ich 
Deiner Antwort entgegen. 

Ich hatte Osten-Sacken gestern zum Frühstück ein- 
geladen. Er scheint bei vollem Wohlbefinden zu sein 
und war sehr guter Laune. Es freut mich sehr, daß Du 
ihn zum Ritter des St.-Andreasordens gemacht hast, 
und ich danke Dir herzlichst für Deine äußerst freund- 
liche und sympathische Anspielung auf die Beziehun- 
gen unserer beiden Länder in dem Briefe, den Du an 
den Heben alten Herrn bei dieser Gelegenheit ge- 
richtet hast. 

Ich erhielt einige entzückende Karten von Alix mit 
den Kindern als Gruppenbild. Bitte, sprich ihr meinen 
besten Dank dafür aus. Ich sende Dir einen Jagddolch 

173 



und Alix eine Salatschüssel für die Sakuskai-Tafel, die 
in meiner Majolikamanufaktur hergestellt und in Dres- 
den versilbert wurde. 

Mit den besten Wünschen für ein glückliches neues 
Jahr, das ein Jahr des Friedens sein möge. Mit herz- 
lichem Gruß an Alix und die Kinder verbleibe ich 
Dein wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Neues Palais, 12. I. 1911. 

Liebster Niki! 

Qieser Brief wird Dir durch General Graf Dohna, der 
kürzlich aus Indien zurückkehrte, überbracht werden. 
Er war beim Durbar ^ anwesend und wird Dir lebendige 
Schilderungen der glänzenden Szenen, an denen er 
teilnahm, geben. Seine Frau, die seit einigen Mona- 
ten in Petersburg weilt, um das Heim für ihren rück- 
kehrenden Gatten einzurichten, wird, wie ich zuver- 
sichtlich hoffe. Dir und Deinem Hofe so angenehm wie 
er sein. Sie schrieb sehr glückliche Briefe über die 
Freundlichkeit, die ihr von der Hofgesellschaft be- 
wiesen wurde. Da er erst eben aus den Tropen zu- 
rückgekehrt ist und der Wechsel Eures Klimas mit 
Minus 20 Grad für ihn ein sehr plötzlicher ist, so lenke 
ich Deine Güte darauf, an ihn zu denken, wenn Zere- 
monien im Freien im Winter auf dem Programm stehen, 
zumal er ein sehr schwächlicher Mensch ist. Da er 



1 Russischer Name für das eigenartige, reiche, zweite Frühstück, 
das in Rußland üblich ist. 

* Indische Krönungsfeier des Königs von England zum Kaiser 
von Indien. Georg V., König von England, folgte seinem Vater 
am 6. V. 1910. 

174 



kahlköpfig ist, meine ich, daß er eine warme Perücke 
beim Fest der Wasserweihe trägt. Du kannst bestim- 
men, welche Farbe sie haben soll! 

Ich sende Dir nochmals meine aufrichtigsten Glück- 
wünsche für ein glückliches neues Jahr, indem ich mich 
mit Dir in Deinen Hoffnungen und Gebeten zum Him- 
mel vereinige, daß er uns ein friedliches Jahr schenken 
möge, wobei ich wohl weiß, daß unsere Gefühle in 
dieser Hinsicht die gleichen für unsere beiden Länder 
sind. Ich hoffe, daß Ihr das Weihnachtsfest gut ver- 
lebt habt, und daß sich kein Unfall mit meinen Ge- 
schenken ereignete. Besonders hoffe ich, daß die klei- 
nen Mädels sich nicht den Magen in ihrer eigenen 
Küche verdorben haben. Ist die elektrische Eisen- 
bahn vom letzten Jahre noch heil? Ich war sehr trau- 
rig, als ich vom Tode des alten Generals Stroukow 
hörte. Er war ein prächtiger Mann, mein alter lieber 
Bekannter und mein treuer Freund. Mit herzlichen 
Wünschen auch für Alix und die Kinder, von denen 
ich durch Olga ein so reizendes Telegramm hatte. Ich 
bleibe immer 

Dein sehr ergebener Freund und Vetter 

Willy. 

Corfu, 21. IV, 1911. 

Liebster Niki! 

Da Euer Osterfest naht, bitte ich. Dir meine wärm- 
sten Osterwünsche durch diese Zeilen senden zu dür- 
fen. Es ist eine Zeit, in der man immer seine Taten 
und Gedanken noch einmal wieder überschaut, bevor 
man zur Beichte geht, und darnach geht man zurück in 
sein Leben mit frischen Entschlüssen und mit gefestig- 

175 



ten Überzeugungen. Zu diesen letzteren zähle ich 
unsere gegenseitigen Beziehungen und unsere feste 
Freundschaft füreinander, die wir so glücklich in 
Wolfsgarten und Potsdam bekräftigten. Du kannst im- 
mer auf mich und auf mein aufrichtiges Interesse an 
Dir, Deiner Familie und Deinem Lande zählen. 
' Wir verlebten hier eine reizende Zeit unter Blumen- 
düften, blauem Himmel und Sonnenschein. Nur in der 
vorletzten Woche war es kalt und regnerisch. Wir 
waren anläßlich einer zufälligen Versuchsgrabung sehr 
überrascht und sehr interessiert durch die ganz uner- 
wartete Entdeckung riesiger Skulpturen, die scheinbar 
einem Tempel, der bis ins sechste oder siebente Jahr- 
hundert vor Christus zurückgeht, zugehören. Ich 
verbrachte mehrere Tage in der Sonne liegend und 
bei dem Zutagefördern der verschiedenen Objekte, was 
sehr anregend war und auch Dir ungeheures Vergnü- 
gen gemacht haben würde. 

Ich sende Dir beigeschlossen einige Bilder von un- 
serm Haus und Garten mit der Statue des Achilles, die 
ich »auf der Terrasse aufstellen ließ. Außerdem füge 
ich einen kürzlich in der deutschen Presse veröffent- 
lichten Artikel bei, der von einem intimen Freunde 
Onkel Berties, einem englischen Politiker, geschrieben 
wurde, mit der Absicht, die Deutschen zu überzeugen, 
besser von Onkels Politik zu denken, als es bisher der 
Fall w^ar. Sein Name ist nicht bekannt. Wie Du für 
Deine Person sehen wirst, ist es sehr auffallend, daß 
die große Sorge, welche Onkel für die Zukunft Eng- 
lands hegte, die Möglichkeit einer engeren Freund- 
schaft zwischen Rußland, Deutschland und Österreich 
bildete, die er als gefährlich für England ansieht und 
demgemäß mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln 

176 



zu verhindern suchte. Das ist die Erklärung für die 
ständig von der englischen Presse gebrauchte Redens- 
art: „Gleichgewicht der europäischen Mächte", d. h.: 
isoliere die drei Kaiser voneinander, oder wir sind ver- 
loren ; denn sie würden den ganzen europäischen Kon- 
tinent um sich versammeln, und d. h. : gegen unsere eng- 
lischen Interessen. Ich fahre nach London zur Denk- 
malsenthüllung auf Georgs Einladung und hoffe, mehr 
darüber ausfindig zu machen. Mit herzlichem Gruß 
an Alix verbleibe ich 

Dein wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Wilhelmshöhe, 8. VIII. 1911. 
Liebster Niki! 

Ich muß Dich leider wiederum mit einer Bitte be- 
lästigen, die sich auf General Lauenstein bezieht, der 
die Ehre hatte. Deiner erlauchten Person als Adjutant 
zugeteilt zu werden. Als ich ihn für diesen Postert 
mit Deiner Genehmigung auswählte, zog er sofort 
meine Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß seine 
Frau in sehr leidendem Zustande war. Ich kenne sie 
persönlich und weiß davon. Doch hoffte ich ihn zu be- 
stimmen, daß er seinen Posten antreten würde, da Du 
so äußerst Hebenswürdig über ihn geschrieben hast. 
Die Frau hat nun kürzlich ihr drittes Kind bekommen, 
was ihre Gesundheit so angegriffen hat, daß die Ärzte 
übereinstimmend der Ansicht sind, daß es ganz außer 
aller Frage ist, daß sie das Klima in St. Petersburg 
nicht vertragen kann. Demgemäß hat Lauenstein erneut 
um die Erlaubnis gebeten, von diesem Posten entbun- 
den zu sein. Ich habe mit großem Bedauern meine 
12 177 



Einwilligung gegeben, da es unmöglich für ihn ist, ein 
Leben zu führen, das ständig von dem seiner Familie 
getrennt ist. 

Ich bin sicher, daß Du meinen auf Grund so ernster 
Erwägungen gefaßten Entschluß billigen wirst. 

Ich schlage Dir vor, als seinen Nachfolger General- 
leutnant ä la Suite Graf Dohna-Schlobitten zu senden, 
der jetzt die Garde-Kavallerie-Division kommandiert. 
Ich darf Dich wohl daran erinnern, daß ich ihn Dir 
während meines letzten Besuchs in Potsdam vorstellte, 
der so freundHche Erinnerungen bei mir hinterlassen 
hat. Graf Dohna stand damals im Begriff, meinen 
Sohn auf seiner Reise nach Indien ^ zu begleiten, und 
würde auch in seinem Stab während seines Aufent- 
haltes in Sarskoje gewesen sein, dem ursprünglich 
ersten Abschnitt der Reise, die er damals unternahm. 

Dohna ist ein geborener Kavallerist, Frontsoldat, erst- 
klassiger Pferdekenner, passionierter Reiter und Sports- 
mann und Allerweltskerl. Er ist immer bei allen in 
seinen verschiedenen Ämtern beliebt gewesen, so als 
Rittmeister bei den ersten Garde-Dragonern, später als 
Oberst meiner Gardehusaren, dann als Leiter der Bri- 
gade und schließlich als Führer der Garde-Kavallerie- 
Division. Nicht zum wenigsten gewann er die Achtung 
und Sympathie jedes Offiziers in Indien sowie auch die 
des Oberstkommandierenden der Streitkräfte, der ihn 
zum Krönungsdurbar eingeladen hatte, wozu ich ihm 
die Erlaubnis erteilt hatte. Er wird Dir nach seiner 
Rückkehr sicherlich lebhafte Schilderungen der einzig- 
artigen Festlichkeiten und des unerreichbaren orienta- 
lischen Glanzes geben. Seine Frau ist eine gute Ge- 



1 Reise des Kronprinzen nach Indien 1911 zu den Krönungs- 
feierlichkeiten. 

178 



s.ellschafterin und eine alte Freundin meiner FraÜ seit 
langer Zeit. Sie erfreut sich einer ausgezeichneten, 
Stellung in der Berliner Hofgesellschaft. 

Dohna besitzt mein völliges Vertrauen. Ich vertraue, 
daß meine Wahl Deine Billigung finden wird. Wir 
sind durch den plötzlichen und schnellen Tod des 
armen Knesebeck sehr betrübt. Er war 11 Jahre lang 
Privatsekretär meiner Großmutter und 21 Jahre lang- 
Privatsekretär meiner Frau. Ein treu ergebener und 
vertrauter aufrichtiger Freund und ein vollendeter Edel- 
mann. Mit herzlichen Grüßen an Alix und die Kinder 
(was macht die Eisenbahn?) verbleibe ich 

Dein stets ergebener Freund und Vetter 

Willy. 

Rom inten, 3. X. 1912. 
Liebster Niki! 
Darf ich Deine Aufmerksamkeit und ebenso Dein 
Interesse auf einen Plan, der mich schon seit mehre- 
ren Jahren beschäftigt hat, lenken? Während meiner 
Reise in Rominten habe ich genau die Entwicklung* 
der beiderseitigen Grenzländer in meiner Nachbar- 
schaft studiert. Ich bin zu dem Entschluß gekommen, 
daß die Bezirke auf beiden Seiten unserer Grenzö 
vielversprechend sind und eine hoffnungsvolle Zukunft 
erwarten lassen. Aber sie müssen aufgeschlossen sein 
und mögHchst miteinander in Beziehungen treten. Auf 
der beigeschlossenen Eisenbahnkarte ist eine Linie in 
Rot gezeichnet. Sie stellt eine neue Eisenbahn dar, die 
gebaut werden soll und um die große Romintener 
Heide verläuft, um den Holztransport leichter als bisher 
zu gestalten. Die Linie zweigt von Goldap ab, geht bei 
Pablindzen vorbei nach Szittkehnen, wo sie die Zweig- 

12* 179 



linie i:ach Eydtkuhnen trifft. Die Linie wird Stein- 
brüche und Kiesgruben aufschließen und eine große 
Menge Holz aus dem Romintener Forst befördern. Nun 
wage ich, Deine Aufmerksamkeit auf den Gedanken zu 
lenken, ob es nicht praktisch für Deine Regierung wäre, 
eine Eisenbahn von Suwalki nach Pablindzen zu erbauen 
und hier an unsere Eisenbahnlinie anzuschließen. Das 
würde den Handel zwischen diesen beiden Bezirken 
ausgezeichnet entwickeln. Pablindzen ist ein Ort, über 
den schon ein lebhafter Verkehr sich hin und her ent- 
wickelt hat, und der noch größer zu werden verspricht, 
falls hier eine Linie gebaut wird. Der Plan ist mit 
Deinen Behörden seit sehr langer Zeit erörtert wor- 
den. Ich hatte namentlich über ihn mit Exz. de Stre- 
manko gesprochen, der auch daran sehr interessiert 
war und ihn auch für sehr notwendig im Interesse des 
Gouvernements Suwalki hält. Er versprach mir, daß 
er Dir über diesen Plan in günstigem Sinne berichten 
würde, und er traf Vorbereitungen, tätigen Anteil an 
seiner Förderung zu nehmen, als er von seinem Posten 
sich zurückzog, und damit war die Sache zu Ende. 
Es ist sehr schade, da die Grenzbevölkerung an der 
weiteren Entwicklung dieser Frage sehr interessiert 
ist. Er war ganz mit allen Einzelheiten dieser Fragen 
auf beiden Seiten der Grenze vertraut und stand hier 
mit meinen Behörden in ständigem Verkehr. Alles dies 
ist jetzt zum Stillstand gekommen, da sein Nachfolger 
noch keine Schritte ergriffen hat, um sich mit seinen 
Kollegen jenseits der Grenze in Verbindung zu setzen, 
obwohl er bereits seit zwei Jahren im Amte ist. Darum 
baten mich die Leute von allen Seiten, Dir direkt diese 
Angelegenheit vorzulegen, was ich hiermit getan habe. 
Ich bitte Dich um Verzeihung, wenn ich Dich mit einem 
180 



so elenden kleinen Grenzdetail belästige, aber da ich 
24 Jahre unter diesen Leuten lebe, habe ich zusammen 
mit ihnen die Dinge wachsen sehen, und sie haben 
Vertrauen zu mir gefaßt. Es sind einfache, ruhige, 
arbeitsame Leute und wie alle Grenzdistrikte ein wenig 
vergessen. Und da es ein gutes Werk ist, solchen 
armen Leuten zu helfen, versuche ich mein Glück mit 
Dir. Ich hatte gute Jagd, etwa 19 Hirsche, aber mit 
Ausnahme von zwei Tagen scheußliches Wetter. Heute 
Schneefall und Hagel. Herzhchen Gruß Alix und den 
Kindern und Weidmannsheil für Dich. 

Dein stets wohlgesinnter und ergebener Vetter und 

Freund 

Willy. 

Berlin, 3. L 1913. 

Liebster Niki! 

Der Bote reist heute mit meinem Geschenk für Dich, 
Alix und die Kinder ab. Ich hoffe, daß sie Euch als 
glückHchen Empfängern gefallen mögen. Gleichzeitig 
sende ich Dir meine herzlichsten Glückwünsche zum 
Neujahrstag und für ein neues friedliches Jahr. Ich 
spreche die ernstliche Hoffnung und das Vertrauen 
aus, daß das Jahr 1913 ein friedliches sein möge, wie 
Du mir am Neujahrstag telegraphiertest. Ich denke, 
daß im ganzen sich die Aussichten dafür befestigen, 
und daß die Erörterungen in London i, die gut vorwärts 
kommen, weiter in versöhnlichem und freundschaft- 



1 Es handelt sich um die Londoner Botschafterkonferenz zur 
Beilegung der Streitfragen, die sich aus dem Balkankrieg er- 
geben hatten. 

181 



lichem Geist gehalten werden, nach welcher Richtung 
die auswärtige Politik Deiner Regierung geschickt mit 
allen andern Mächten zusammen arbeitet. 

Ich danke Dir für Deinen Brief, den mir Tatischeff 
überbrachte, der Dir bei seiner Rückkehr auch meine 
Antwort überbringen wird. Ich vertraue darauf, daß 
auch diese Angelegenheit zu einem befriedigenden Ende 
geführt wird, und die Schwierigkeiten, die entstanden 
sind, überwunden werden. 

Dein Kriegsminister General Suchomlinow stattete 
mir auf -seiner Rückkehr aus Leipzig einen Besuch ab, 
er war sehr liebenswürdig und interessant in seinen 
Schilderungen der Taten während seines Feldzuges 
1877. 

Bis jetzt hatten wir hier einen warmen schneelosen 
Winter, der hübsche lange Ausritte fast jeden Tag ge- 
stattete, vorausgesetzt, daß es nicht regnet. Lebe wohl, 
Hebster Niki, herzliche Grüße an Alix, die Kinder, vor 
allem den Knaben, ich hoffe, daß es ihm besser geht. 

Dein immer wohlgesinnter Freund und Vetter 

Willy. 

Berlin, 3. IL 1913. 

Liebster Niki! 

Herzlichen Dank ,für Deine freundlichen Wünsche 
und die prächtige Gabe, die Du mir freundlich sandtest. 
Was war das für eine große Überraschung für mich, 
als ich mein Geburtstagszimmer betrat und die beiden 
großen Gemälde erblickte. Es war wirkhch eine rei- 
zende Idee von Dir, mir diese beiden schönen Originale, 

182 



die von hohem künstlerischen und historischem Wert 
für uns hier sind, zu übersenden, da sie die Bilder so 
mancher hier wohlbekannter Persönhchkeit zeigen. 
Diese Gemälde machten mir wirkhch eine große 
Freude, und ich bitte Dich, meinen herzlichsten Dank 
noch einmal dafür entgegenzunehmen. 

Es freut mich, aus Deinem Briefe zu ersehen, daß 
der Hebe Knabe gute Fortschritte macht, aber ich bin 
traurig darüber, daß Alix' Gesundheitszustand nicht be- 
friedigend ist. Sicherlich waren die Wochen, die sie 
mit der Pflege des Knaben verbrachte, sehr anstrengend 
für sie, aber ich hege die Zuversicht, daß Ruhe und 
eine Kur oder ein Aufenthalt in der Krim sie bald 
wieder herstellen werden. Ich hoffe inbrünstig mit Ehr, 
daß die Balkanunruhen ^ bald ohne weitere Kompli- 
kationen beigelegt werden, und bin begierig, mit Dir 
zu diesem Zwecke zusammen zu wirken. Natürlich hat 
Österreich als naher Nachbar dieser Landstriche In- 
teressen zu wahren. Aber ich stehe unter dem Ein- 
druck, daß es so handeln wird, ohne etwas für sich 
selbst zu beanspruchen, sondern nur Sicherheiten zu 
schaffen wünscht, daß keine Grenzveränderungen auf 
der Kart^ eintreten, die es in Zukunft in Gefahr 
bringen. Adalbert ist wieder aus dem Bett, und morgen 
wird Dona ihr Quartier wieder bei mir aufschlagen. 
Gott sei Dank, daß alles so gut abhef. Mit herzlichem 
Gruß an AUx und die Kinder verbleibe ich 

Dein immer wohlergebener Freund und Vetter 

Willy. 



1 Der Krieg zwischen der Türkei und den Balkanstaaten war 
nach kurzer Pause wieder aufgeflammt. 

183 



Berlin, 18. III. 1913. 
Liebster Niki! 

Ich möchte Dich benachrichtigen, daß wir jetzt end- 
gültig den Tag für die Hochzeit unserer Tochter Sissy i 
auf den 24. Mai festgesetzt haben. 

Der Hauptzweck meines Briefes ist, Dir und Alix 
meine herzHchste Einladung zu den Hochzeitsfeierlich- 
keiten zu übermitteln. Wir beide würden ganz entzückt 
sein, wenn Du uns das Vergnügen Deiner Anwesen- 
heit machen würdest, und ich hoffe von ganzem Herzen, 
daß Du Rußland für einige Tage verlassen kannst, um 
viele Deiner Verwandten zu sehen, da wir auch Deine 
liebe Mutter, Tante Alix-, Georg und May ^ Waldemar* 
usw. eingeladen haben, damit alle Geschwister sich 
wiedertreffen, wie auch Tante Thyra^ 

Es freut mich, daß alle Deine Festlichkeiten so gut 
vorübergegangen sind, und daß Dein Knabe dabei an- 
wesend sein konnte und zufriedenstellende Fortschritte 
gemacht hatte. Ich will hoffen, daß er bald wieder ganz 
hergestellt ist. Nach Ostern kommen die Cumberlands 
zu Besuch, und dann fahren wir auf einen Monat nach 
Homburg, da die verfluchten Balkanwirren mir die 
Möglichkeit genommen haben, in dem himmlischen 
Paradies Corfu zu weilen. 

Mit herzlichem Gruß von Viktoria und mir an Alix 
und alle Kinder, verbleibe ich 

Dein stets wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 

1 Hochzeit der Prinzessin Viktoria Luise mit dem Herzog von 
Cumberland. 

' Die Exkönigin Alexandra von England. 
3 Georg V. und der Königin Mary. 
* Prinz Waldemar von Dänemark. 
^ Prinzessin Thyra von Dänemark. 

184 



Berlin, 30. I. 1914. 
Liebster Niki! 

Herzlichen Dank Dir, der lieben Alix und den Kin- 
dern für Eure freundlichen Wünsche und das reizende 
China-Porzellan, das sie begleitete. Gott sei Dank 
konnte ich meinen Geburtstag recht glücklich ver- 
leben, namenthch infolge der Anwesenheit meiner He- 
ben Sophie und Georgs i, welche die Reise aus Athen 
zurücklegten, um den Tag mit mir zu verleben. Ich 
bin sehr erfreut, daß Du noch freundliche Erinnerungen 
an den Besuch wahrst, den Du uns im letzten Sommer 
anläßhch Sissys Hochzeit abstattetest; sei auch Du 
versichert, daß wir alle hier herzlich Deine freundlichen 
Gefühle und Erinnerungen erwidern. 

Es freut mich, zu hören, daß Euch allen Euer netter 
Aufenthalt in der Krim so gut getan hat, und daß na- 
menthch Alix und der Knabe nach ihrer Reise nach 
dem sonnigen Süden sich so viel besser befinden. 

Ich erinnere mich an das Interesse, das Du vor 
einigen Tagen daran nahmst, als Du Homburg be- 
suchtest und die Kathedrale hier im Bau sahst. Ich 
erlaube mir daher, Dir ein Buch über die Kapelle im 
neuen Schloß zu Posen zu übersenden, dessen Ver- 
öffenthchung von mir veranlaßt wurde. Sie ist in altem 
byzantinischem Stil erbaut und brauchte sieben Jahre 
zu ihrem Bau und wurde in unserer Gegenwart im 
letzten August geweiht. Sie ist erbaut, teils nach den 
Motiven der Ravennakirche (Grabmal Theoderich des 
Großen), teils nach dem Mon Reale und der Capella 
Palatina in Palermo. 

Die Sendung Ridulskys, welcher die Halsbinde für 



1 König^in Sophie von Griechenland und ihr Sohn Georg. 

185 



Alix^ Dragoner überbrachte, war ein sehr freundlicher 
Gedanke und wurde von dem Regiment sehr hoch auf- 
genommen. Er ist bei mir zum Frühstück. Mit herz- 
lichem Gruß an AHx und die heben Kinder verbleibe 
ich 

Dein wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy. 



Berlin, 26. 2. 1914. 
Liebster Niki! 

General Graf Dohna, der die Ehre hat, Dein Adju- 
tant zu sein, teilt mir mit, daß er die Absicht hat, 
den Dienst im Monat Mai zu verlassen. Durch den 
Tod seines Vaters ist er Erbe eines sehr großen und 
ausgedehnten Grundbesitzes und eines sehr schönen 
Schlosses in Finkenstein, das vor 100 Jahren das Haupt- 
quartier Napoleons I. vor der Schlacht von Eylau war. 
Er ist absolut nötig für die persönliche Leitung seines 
Besitzes, und zu meinem großen Bedauern muß ich 
seinen Wünschen willfahren. Als Ersatz für ihn beab- 
sichtigte ich. Dir mit Deiner freundlichen Genehmigung 
Exz. Generalleutnant v. Chelius zu senden. Er war mein 
Regimentsadjutant, als ich die Leibgardehusaren kom- 
mandierte, war mehrere Jahre in Rom Militärattache, be- 
fehligte mein altes Leibhusarenregiment als Oberst mit 
großer Auszeichnung und stand seitdem in meinen per- 
sönHchen Diensten. Er ist ein ganz phänomenaler Mu- 
siker und spielt Klavier so gut wie Rubinstein, d^ Albert 
oder ein anderer großer Künstler. Er ist ein sehr an- 
genehmer Mensch und absolut zuverlässig und wird 
mich nächsten Monat nach Corfu begleiten. Er spricht 
186 



fließend französisch, englisch, italienisch und altgrie- 
chisch und ist einer meiner engsten persönlichen 
Freunde. Mit herzlichen Grüßen an Alix und die Kin- 
der verbleibe ich 

Dein immer wohlgesinnter Vetter und Freund 

Willy- 



ANHANG 

TELEGRAMMWECHSEL 

ZWISCHEN WILHELM H. 

UND NIKOLAUS IL 

(1904—1907) 



Die folgenden Telegramme, die in den Jahren 
1904 bis 1907 zwischen Wilhelm II. und Nikolaus II. 
in chiffrierter englischer Sprache gewechselt worden 
sind, wurden nach der russischen Märzrevolution 
in der sogenannten „Persönlichen Feldkanzlei Seiner 
Majestät" (des Kaisers Nikolaus) aufgefunden. Von 
dem russischen Historiker Prof. E. Tarle bearbeitet 
und eingeleitet, wurde der englische Originaltext 
dieser Telegramme von W. Burzeff im Juliheft 
1917 seiner Zeitschrift „Byloje" (Die Vergangenheit) 
veröffentlicht. Von hier nahmen diese Telegramme 
ihren Weg in die Presse der neutralen und feind- 
lichen Länder, und nach einigem Zögern erteilte 
auch die deutsche Zensurbehörde ihre Genehmigung 
dazu, daß einige Auszüge aus ihnen auch in der 
deutschen Presse veröffentlicht wurden. Indessen 
ist dieser Telegrammwechsel in Deutschland noch 
nicht vollständig bekannt geworden, und da er eine 
wichtige historische Ergänzung zu den in diesem 
Buch gebotenen Briefen bildet, so bringen wir nach- 
stehend eine genaue und vollständige Übersetzung 
der englischen Originale zum Abdruck. 



Kiel, 16. VI. 1904. 
Sr. Majestät dem Kaiser, 
Onkel Alberts Besuch verlief natürlich gut. Er ist 
sehr lebhaft und unternehmend und außerordentlich 

191 



freundlich. Sein Wunsch nach Frieden ist sehr aus- 
gesprochen. Dies ist der Grund, weshalb er mit Vor- 
liebe überall in der Welt seine Dienste anbietet, wo er 
Zusammenstöße sieht. Wetter ist einfach scheußlich. 
Herzliche Grüße für Alix. Sympathisiere aufrichtig 
mit Deinen neuen Verlusten an Schiffen und Mann- 
schaften. 

W i 11 y, A. d. A. 



Nordfjord, 20. VI. 1904. 
Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser, 

Peterhof. 

Kondoliere zum Tode des Grafen Keller, ein tapferer 
Soldat und Gentleman. Habe meinem Schwager das 
von Dir bestimmte Datum übermittelt. Er wird sich 
natürlich an Dich wenden. Mein Schwager Hohen- 
zollern wird die Japaner auf ihrer Seite beobachten. 
Wir haben schönes Wetter hier. Herzlichen Gruß für 



Alice. 



Willy. 



Peterhof, 21. VI. 1904. 

Sr. Majestät dem Kaiser. 

Nordfjord. 

Danke Dir für Beileid. — Sah Witte, der mir das 
Ergebnis seines Vertrages mit Graf Bülow überbrachte. 
Hoffe, Du genießt Deine Kreuzerfahrt. — Habe alle 
Truppen des 1. Armeekorps besichtigt. HerzHchen 
Gruß von uns beiden. 

N i c k y. 

192 



Mol de, 5. VI. 1904. 

Sr. Majestät dem Kaiser. 

Ein russischer Dampfer, der sich Kreuzer Smolensk 
nennt, hat den deutschen Lloyddampfer „Prinz Hein- 
rich" angehalten, und alle Postsäcke, die für Japan 
bestimmt waren, mitgenommen. — Dieser Akt, ein 
Bruch des Völkerrechts, wird großes Erstaunen und 
Unwillen in Deutschland hervorrufen in Anbetracht 
der freundschaftlichen Gefühle, die unser Land Ruß- 
land gezeigt hat. Und bei Wiederholung würde es, 
fürchte ich, dazu führen, die Sympathie, die noch 
in Deutschland für Dein Land herrscht, außerordent- 
lich herabzusetzen. 

Willy. 



Peterhof, 7. VH. 1904. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Berlin. 

Entschuldige meine späte Antwort. Konnte nicht 
früher antworten, da erst eben von einer Inspektions- 
reise der 22. Division zurück bin. Ich bedaure diese 
aus Übereifer hervorgerufene Ausschreitung der „Smo- 
lensk". Maßnahmen sollen getroffen werden, um ähn- 
liche Fälle zu verhindern. Wäre sehr traurig, wenn 
eine Episode imstande wäre, die ausgezeichneten Be- 
ziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu zer- 
stören. Ich nahm Deinen Flügeladjutanten Graf Lambs- 
dorff mit mir. Dein Wiborg-Regiment hat sich sehr gut 
präsentiert. Ich sagte ihnen, ich sei sicher, daß sie 
sich ihres Chefs würdig erweisen würden. 

Nicky. 
13 ^ 193 



Drontheim, H ohenzollern, 8. VII. 1904. 
Sr. Majestät dem Kaiser, 

Peterhof. 
Tausend Dank. Ganz zufriedengestellt. Hoffe mein 
Regiment bereit, sich würdig zu verhalten. Herzhche 
Grüße für Alice. 

Willy. 

Drontheim, 10. VII. 1904. 
Sr. Majestät dem Kaiser, 

Peterhof. 
Ich höre soeben von der Hamburg-Linie, daß ein 
russischer „Kreuzer" ihren Dampfer „Scandia" unter 
Besetzung mit russischen Offizieren und Mannschaften 
abgebracht hat, nach unbekanntem Bestimmungsort. 
Dieser Akt ist ein offener Bruch des internationalen 
Seerechts und grenzt beinahe an Seeräuberei. Ich meine, 
es ist höchste Zeit, daß die Kapitäne der sogenannten 
Kreuzer Instruktionen erhalten, die sie davor warnen, 
Handlungen, wie die soeben angeführten, zu begehen, 
da sie dazu angetan sind, internationale Komplikationen 
herbeizuführen. 

Wilhelm. 

Peterhof, 11. VII. 1904. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Drontheim. 
Den Kapitänen sind bereits Befehle gegeben, keine 
Schiffe mehr anzuhalten, aber es ist nicht so leicht, 
ihnen Instruktionen zu übermitteln, solange sie draußen 
kreuzen. Dampfer ,, Scandia" soll sofort nach Ankunft 
194 



im ersten Hafen freigelassen werden. Während dieses 
Krieges hörten wir, daß enorme Mengen von Kontre- 
bande von Europa nach Japan verschifft würden. Natür- 
Hch wünschten wir aus dem Gefühle der Selbsterhaltung, 
diesem Treiben ein Ende zu machen. Ich hoffe, Du 
ersiehst hieraus, daß in Rußland auch nicht im geringsten 
die Absicht bestand, in Deutschland ein bitteres Gefühl 
hervorzurufen. Ich bedaure nochmals aufs äußerste, 
was geschehen ist. 

N i c k y. 



Drontheim, 11. VII. 1904. 8 Uhr 20 Min. abends. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

P e t e r h o f . 
Innigsten Dank! Nachrichten über Freigabe der 
„Scandia^^ werden außerordentHch dazu beitragen, das 
Gefühl von Bestürzung und Unruhe zu beseitigen, das 
sich über das Land verbreitete, besonders in den Han- 
delskreisen Deutschlands. Möchtest Du doch bald gute 
Nachrichten vom Kriegsschauplatz haben! HerzHche 
Grüße für Alice. Recht kaltes Wetter hier. 

Willy. 

Hubertusstock, 8. X. 1 Uhr 25 Min. mittags. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Reval. 

Der Oberst meines Wiborger Regiments telegraphiert 
mir die Tatsache Deiner freundlichen Anerkennung 
ihrer Bravour durch die Sendung einer großen Anzahl 
von Ordensauszeichnungen. Als Chef nehme ich Anlaß, 
13* 195 



Dir herzlichst für diese Tat zu danken und meine 
Freude auszudrücken über das heldenhafte Verhalten 
der Wiborger! Ich ersehe aus den Zeitungen, daß 
die Flotte zu Schießübungen an den so wohl bekannten 
Höhenzügen bei Reval sich aufhält, wo wir so ent- 
zückende Tage verlebten. Ich hoffe, sie werden durch 
Dich gründhch lernen und Fernrohrvisiere einführen, 
wie sie die Japaner an ihren Geschützen haben, die 
aber der Port-Arthur-Flotte fehlten. Ich nehme an, daß 
wenn starker Frost einsetzt, die Flotte ihren Stütz- 
punkt in Libau nehmen wird, oder in -der Nähe der däni- 
schen Küste, in der Kicege-Bay z. B. Für ihre Be- 
wegungsübungen imd Geschwaderausbildung wäre dies 
ein sehr praktischer Platz für den Winter, so daß 
sie für den Frühling bereit sein werden für ihre Fahrt 
nach dem Osten, d. h. in voller Kenntnis ihrer Führer, 
ihrer Schiffe und ihrer Geschütze, um dann die russische 
Vorherrschaft zur See wieder herzustellen. Ich bin, wie 
jedermann in meinem Lande, voll begeisterter Bewun- 
derung für den tapferen Stössel, seine heldenhafte 
Garnison. Möge Gott ihnen helfen auszuhalten! Die 
Schiffe im Hafen sind natürlich die Hauptanziehung für 
die Japaner. Ich hoffe, sie werden einen Versuch auf 
die japanische Flotte machen. Wenn es ihnen gelingt, 
die vier Linienschiffe, die den Japanern verblieben sind, 
zu überrennen, zu zersclimettern oder sie zu 'beschä- 
digen, auf die Gefahr, selbst dabei zugrunde zu gehen, 
so werden sie ihre Pflicht getan hal)en: die Stärke 
der japanischen Seemacht erschüttert und den Weg 
für den siegreichen Erfolg der Ostseeflotte bei ihrer 
Ankunft frei gemacht, der dann leicht zu gewinnen ist 
gegen den beschädigten Gegner, dem es unmögHch ist, 
seine Schiffe auszubessern oder rechtzeitig neue zu 

196 



bauen. Dann ist die Seegewalt wieder in Deiner Hand, 
und die japanischen Landtruppen sind Deiner Gnade 
ausgeliefert. Dann befiehlst Du den allgemeinen Vor- 
marsch Deiner Armee, und der Feind — HalaU! Sche- 
bekow brachte gerade Deinen Brief, als ich mein Tele- 
jgramm beendete. Vielen herzlichen Dank. Ich habe bereits 
Befehl gegeben, daß Hamburg-Amerika-Linie in keiner 
Weise belästigt wird, sondern freien Spielraum hat, 
nach Belieben zu handeln. Es ist sehr vernünftig, 
das Geschwader hier zu behalten, bis die Schiffe 
gründlich „akklimatisiert^^ und alle Schiffseinheiten 
zur gemeinsamen Ausfahrt fertig sind. Es ist zweifel- 
los, daß das Erscheinen einer starken frischen 
Flotte mit einer großen Anzahl von Einheiten 
— selbst wenn einige alte Schiffe dabei sind — 
sich bewähren und zu Deinen Gunsten entscheiden 
wird. Die Hauptsache ist, daß die Schiffe in Port 
Arthur an die Japaner herangehen und versuchen, sie 
zu versenken, zu rammen oder so viel wie möglich 
zu beschädigen, um so die Basis für die baltische 
Flotte vorzubereiten, die bei ihrer Ankunft dann nur 
noch den Rest der feindlichen Schiffe zu zerstören hat. 
Ebenso, glaube ich, würde es praktisch für Dich sein, 
eine Reihe von Kriegsschiffen bei Privatfirmen zu be- 
stellen, wie die Japaner es in England getan haben. 
So daß, wenn in ein oder zwei Jahren die Friedensver- 
handlungen beginnen, Du über frische Reserven ver- 
fügst, um Deinen Willen durchzusetzen und Dich ganz 
unabhängig von fremder Einmischung zu machen. Beste 
Grüße für Alice. 

Willy. 



197 



Neues Palais, 8. X. 1904. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Zarskoje Selo. 
Ich habe zuverlässige Informationen, daß früherer 
japanischer Minister in Petersburg, Kurino, \vieder in 
Europa aufgetaucht ist. Er ist in Paris und scheint 
bevollmächtigt, zu versuchen, Frankreich und England 
— TEntente cordiale — dazu zu bringen, zugunsten 
Japans den Frieden zu vermitteln. Es scheint auch, 
als ob die Chinesen von Japan gedrängt werden, ihrer- 
seits Friedensvermittlung anzubieten. Dies zeigt, daß 
Japan dem Ende seiner Leistungsfähigkeit in Menschen 
und Geld entgegengeht. Und jetzt, wo sie Vorteile über 
die mandschurische Armee gewonnen haben, bilden sie 
sich ein, aufhören zu können und die Früchte ihrer 
Anstrengungen einzuheimsen; indem sie andere Mächte 
veranlassen, sich in diese Angelegenheit einzumischen 
und durch eine Friedenskonferenz die Mandschurei zu 
gewinnen. Da ich Deine Ansichten über die weitere 
Entwicklung des Krieges kenne, da ich weiß, daß 
auch nach einem schlimmen Rückschlag Du natürlich 
niemals die Hand zu einem solchen Vorgehen reichen 
wirst, so hielt ich es für meine Pflicht, Dir mitzuteilen, 
was hinter den Kulissen vorzugehen scheint. Ich 
glaube, daß die Fäden all dieser Machenschaften über 
den Kanal führen. 

Willy. 

Zarskoje Selo, 10. X. 1904. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Neues Palais. 

Da ich auf Jagd war, konnte ich Dein interessantes 
Telegramm nicht früher beantworten. Vielen Dank 

198 



für die Information über Japans Machenschaften in 
einigen europäischen Ländern. Ich habe auch schon 
davon gehört, aber ich bin nicht ganz sicher, ob die 
Fäden dieser Machenschaften über den Kanal gehen 
oder über den Atlantik. Du kannst sicher sein, daß 
Rußland diesen Krieg bis zum Ende ausfechten wird, 
und bis der letzte Japs aus der Mandschurei heraus- 
getrieben ist. Nur dann kann von Friedensverhand- 
lungen die Rede sein, und zv^ar ausschließlich zwischen 
den beiden Kriegführenden. Möge Gott uns helfen! 
Herzlichen Dank für Deine loyale Freundschaft, an die 
ich über alles gfaube. 

Nicky. 

Neues Palais, 14./27. X., 4.28 nachts. 

Sr. Majestät dem Kaiser, ' 

Zarskoje Selo. 

Seit geraumer Zeit bedroht die englische Presse 
Deutschland, damit es unter keinen Umständen gestatte, 
daß an Dein baltisches Geschwader, das jetzt auf der 
Ausreise ist, Kohlen gesandt w^erden. Es ist nicht aus- 
schlössen, daß die japanische und die englische Re- 
gierung einen gemeinsamen Protest gegen unsere Ver- 
sorgung Deiner Schiffe mit Kohlen einlegen, verbunden 
mit einer Aufforderung, jede weitere Tätigkeit einzu- 
stellen. Das durch eine solche Kriegsdrohung ange- 
strebte Ergebnis wäre, daß Deine Flotte völlig fest- 
gelegt, und daß es ihr durch Kohlenmangel unmög- 
hch gemacht würde, ihr Ziel zu erreichen. Dieser 
neuen Gefahr würden Rußland und Deutschland ge- 
meinsam zu begegnen haben. Deinen Bundesgenossen 
Frankreich hätten sie dabei an die VerpfHchtungen zu 

19Q 



erinnern, die er in dem Zweibundvertrage mit Dir 
übernommen hat, an den casus foederis. Es ist ausge- 
schlossen, daß Frankreich angesichts einer solchen Auf- 
forderung versuchen sollte, seiner selbstverständlichen 
Verpflichtung gegen seinen Verbündeten auszuweichen. 
Obwohl Delcasse ein geschworener Anglophile ist, wird 
er klug genug sein, um zu begreifen, daß die englische 
Flotte ganz außerstande ist, Paris zu schützen. Auf 
diese Weise würde eine machtvolle Vereinigung der 
drei stärksten Festlandmächte gebildet werden, die an- 
zugreifen sich die anglojapanische Gruppe zweimal 
überlegen würde. 

Die Klagen Englands wegen unserer Kohlenversor- 
gung für russische Schiffe sind um so weniger gerecht- 
fertigt, als England seit dem Beginn des Krieges — 
nachdem es Japan zwei Panzerschiffe, „Nishin^^ und 
„Kasuga", unter englischen Offizieren und Beman- 
nungen geschenkt hat — ständig die japanische Flotte 
mit ihren Kohlen versorgt und ihnen nicht weniger als 
30 Dampfer verkauft hat. Die Seeschlachten, die Togo 
liefert, werden mit Cardiffkohlen geliefert. Es würde 
natürlich für uns viel angenehmer sein, wenn die Eng- 
länder so klug wären, dies alles zu bedenken und 
uns allein und in Frieden lassen. Aber ich werde 
nie einen Augenblick vor einer ungerechtfertigten 
Drohung zurückweichen. 

Ich bedauere den unglücklichen Zwischenfall in 
der Nordsee. Wenn die Flotte nächtliche Angriffe 
fürchtet, so meine ich, daß Scheinwerfer allein ge- 
nügen würden, um die Schiffe vor Überraschungen 
zu schützen, wenn alle außerhalb des Geschwa- 
ders Hegenden Sektoren beleuchtet werden. Aber 
der Gebrauch der Geschütze sollte — besonders 

200 



in europäischen Gewässern — so viel als mög- 
lich eingeschränkt werden. Meine Nachrichten aus 
London besagen, daß die Presse und die Straße Lärm 
schlagen, daß die Admiralität sich etwas aufregt, daß 
aber Regierung, Hof und Gesellschaft mit großer Ruhe 
das Ereignis als einen bedauerlichen Unfall betrachten, 
der aus zu großer Nervosität entstanden ist. 

Ich habe sichere Nachricht aus Italien, daß der 
Terni-Schiffbautrust (Terni, Odero, Orlando) drei 
schnellaufende Hochseepanzerschiffe von je 12 000 t 
baut, für eine fremde, nicht genannte Macht, wahr- 
wahrscheinlich Japan. Dies erinnert mich an meinen 
früheren Vorschlag, daß Du nicht vergessen solltest, 
ebenfalls neue Linienschiffe zu bestellen, um einige 
fertig zu haben, wenn der Krieg vorüber ist. Sie 
werden während der Friedensverhandlungen eine vor- 
zügliche Überredungskraft ausüben. Unsere Privat- 
firmen würden sich sehr freuen, Aufträge zu erhalten. 

Ich habe Lambsdorff Deinem Gefolge zugeteilt, wie 
Du dies freundlicherweise für mich mit Schebekow getan 
hast. Ich bin sehr dankbar für Deine freundliche An- 
erkennung meines Verhaltens gegen Dich und gegen 
Rußland und versichere Dir, Du kannst Dich stets auf 
meine unbedingte und treue Loyalität verlassen. Beste 
Grüße an Alix. 

Willy. 

Zarskoje Selo, 16./28. X. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Neues Palais. 

Dein Telegramm trifft in einem sehr ernsten Augen- 
blick ein. Natüdich kennst Du die ersten Einzelheiten 

201 



des Nordseezwischenfalls aus dem Telegramm unseres 
Admirals. Selbstverständlich ändert dies vollständig den 
Charakter des Ereignisses. Ich habe keine Worte, 
um meine Entrüstung über Englands Verhalten aus- 
zudrücken. Es scheint, daß die Festlandmächte in ähn- 
lichen Fällen Gefahr laufen, daß seine (Englands) 
öffentüche Meinung eine verständigere Haltung seiner 
Regierung überwältigt. Letztere muß ihr folgen. Die 
Minister des Landes unternehmen gewagte Schritte und 
senden freche Noten mit ganz unannehmbaren Be- 
dingungen. Das ist die Folge davon, daß man nach 
der Eingebung des ersten Augenblicks handelt! Heute 
befahl ich Lambsdorff, meinem Londoner Botschafter 
den Vorschlag zugehen zu lassen, die ganze Frage 
einer internationalen Untersuchungskommission zu 
unterbreiten, wie im Protokoll der Haager Konferenz 
bestimmt ist. Ich stimme völlig Deinen Beschwerden 
bei über Englands Verhalten hinsichtlich der Kohlen- 
versorgung unserer Schiffe durch deutsche Dampfer, 
während es sich darauf versteht, die Neutralität 
auf seine eigene Art zu wahren. Es ist sicher- 
lich hohe Zeit, dem ein Ende zu machen. Das einzige 
Mittel wäre, wie Du sagst, daß Deutschland, Ruß- 
land und Frankreich sich sogleich über eine Abmachung 
verständigen sollten, um die englisch-japanische An- 
maßung und Unverschämtheit zunichte zu machen. 
Möchtest Du die Umrisse eines solchen Abkommens 
niederlegen und abfassen und es mir mitteilen. Sobald 
es von uns angenommen ist, wird Frankreich genötigt 
sein, sich seinem Verbündeten anzuschließen. Diese 
Verbindung hat mir oft vorgeschwebt. Sie wird den 
Frieden und die Ruhe der Welt bedeuten. Beste Grüße 
von Alix. 

N i c k y. 
202 



Neues Palais, 17. X. 1904. 9 Uhr abends. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Zarskoje Selo. 

Besten Dank für Telegramm. Sandte heute abend 
Brief einschließlich gewünschtem Vertragsentwurf durch 
kaiserlichen Feldjäger. Hörte aus privater Quelle, daß 
Fischer aus Hüll schon ausgesagt haben, daß sie zwi- 
schen ihren Booten fremde Dampfer gesehen haben, die 
nicht zu ihrer Fischerflotte gehörten. Was für welche, 
wußten sie nicht! So, da hast Du also das falsche 
Spiel! Ich denke, der englische Botschafter in Peters- 
burg sollte davon Kenntnis haben. Weshalb dies dem 
englischen Publikum bis jetzt vorenthalten wurde? Aus 
Furcht vor „Blamage'M Beste Grüße für Alice. 

Willy. 

NeuesPalais, 2./15. XL 1904. 4 Uhr 33 Min. nachm. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Zarskoje Selo. 

Von zuverlässiger Quelle in Indien höre ich vertrau- 
lich, daß Expedition ä la Tibet für Afghanistan schleu- 
nigst ausgerüstet wird. Es ist beabsichtigt, dieses Land 
ein für allemal unter britischen Einfluß zu bringen, 
wenn möglich direkte Suzeränität. Die Expedition soll 
Ende dieses Monats abgehen. Der einzige nicht eng- 
Hsche Europäer in afghanischen Diensten, der Direktor 
der Waffenfabrik des Emirs, ein Deutscher, ist ermordet 
worden, als Auftakt zu der Aktion! Die Verluste der 
Japaner vor Port Arthur sind nach meinen Informa- 
tionen 50 000 Mann. Deshalb beginnen sie des Krieges 
müde zu werden nach den allzu großen Verlusten, und 
haben in Paris und London um Vermittlung gebeten, 

203 



und deshalb lassen diese beiden Länder ihre Presse 
von neuem die Möghchkeit ihrer Friedensvermittlung 
ventilieren. Japan erhofft Port Arthur und die Man- 
dschurei von ihnen mit Hilfe eines Kongresses. Ich 
bearbeite Antwort Deines freundlichen Briefes, die, 
wie ich hoffe. Deinen Wünschen begegnen wird. Herz- 
liche Grüße für Aüce. 

Willy. 

NeuesPalais, 6./19. XI. 1904. 10 Uhr 30 Min. morg. 
Sr. Majestät dem Kaiser, 

Zarskoje Selo. 

Lambsdorff fährt heute abend mit Brief ab. Meine 
Nachrichten über Indien im letzten Telegramm sind 
durch die Rede Lord Selbournes, der die afghanische 
Frage erwähnte, bestätigt. Ich höre aus zuverlässiger 
privater Quelle, daß Autoritäten in Tokio über die 
zukünftigen Aussichten des Krieges nervös werden. 
Sie haben ihren Verdruß darüber ausgedrückt, daß 
sie bei Liaojang keinen wirklichen Erfolg gewannen, 
trotz enormer Verluste, weil sie ohne große Reserven 
waren. Der ununterbrochene Zuzug von frischen Ba- 
taillonen aus Rußland übertrifft weit ihre Erwartungen, 
da sie die sibirische Eisenbahn nicht für fähig hielten, 
ununterbrochene Transporte zu bewältigen. Sie fangen 
deshalb an, zu begreifen, daß sie wohl am Ende sind 
mit ihren Soldaten und besonders Offizieren, daß Deine 
Armee täglich an Stärke, Soldaten und Schlagfertigkeit 
zunimmt, und daß die Kriegslage langsam aber sicher 
sich gegen sie wendet. Ein japanischer General ging 
sogar soweit, zu sagen: „Die Suppe, die wir einge- 
brockt haben, müssen wir jetzt ausessen!" Meine Ver- 
nriutungen, daß die Japaner heimlich versuchen, andere 

204 



Mächte zur Friedensvermittlung zu veranlassen, weil 
sie jetzt auf der Höhe ihrer Erfolge sind, haben sich 
daher als richtig erwiesen. Lansdowne hat Hayashi ge- 
beten, England die Bedingungen mitzuteilen, unter 
denen Japan Frieden schließen will. Sie wurden von 
Tokio telegraphiert, waren aber so anmaßend, daß 
selbst der aufgeblasene Lansdowne sie zu stark fand 
und Hayashi dringend empfahl, sie abzuschwächen. 
Als sie ein saures Gesicht schnitten und Schwierig- 
keiten machten, fügte Lansdowne hinzu : „Natürlich wird, 
England dafür sorgen, daß ein mittelalterhches Ruß- 
land aus der Mandschurei, aus Korea usw. ausge- 
schlossen wird, so daß im Grunde Japan alles be- 
kommen wird, was es verlangt !^^ Das ist das Ziel, das 
die Engländer im Auge haben, wenn sie von freund- 
schafthchen Vermittlungen sprechen. Frankreich ist, 
wie ich aus Japan höre, schon über diese Pläne unter- 
richtet und natürlich Partei für dieses Vorgehen, da 
es, wie immer, in der neuen „Entente cordiale*^ auf 
selten Englands ist. Sie werden Dir ein kleines Stück 
Persien als Entschädigung anbieten, natürHch weit vom 
Golfe entfernt — ga va sans dire — da England die 
Absicht hat, ihn selbst zu annektieren, aus Furcht, Ehi 
möchtest an das warme Meer herankommen, was Dir 
rechtlich eigentlich zukommt, da Persien dazu bestimmt 
ist, unter russische Kontrolle und Herrschaft zu kom- 
men. Das würde Rußland ein glänzendes Absatzge- 
biet eröffnen, das Dir England vorzuenthalten wünscht. 
WahrscheinHch haben Dir Deine Diplomaten all dies 
schon überbracht, aber ich halte es trotzdem für meine 
Pflicht, Dir alles, was ich weiß, mitzuteilen, da es ganz 
authentische Nachrichten von absolut zuverlässiger 
Quelle sind. Lansdownes Worte sind ebenfalls authen- 
tisch. Nun, Du siehst, die Zukunft Deiner Armee hellt 

205 



sich auf, und bald wird sich das Blatt gegen den Feind 
wenden. Möge Gott Dir vollen Erfolg bescheren, 
während ich fortfahre, überall für Dich zu wachen. 
Herzlichen Gruß für Alice. 

Willy. 

ZarskojeSelo, 7./20. XI. 1904, 7 Uhr 50 Min. abends. 

Sr. Majestät dem Kaiser. 

Neues Palais. 

Graf Lambsdorff brachte mir heute Deinen freundlichen 
und sehr interessanten Brief. Nimm auch meinen herz- 
lichen Dank für Dein gestriges Telegramm, da es mir 
viel Neues brachte. In den allernächsten Tagen sende 
ich Dir meine Antwort. Ich hoffe, diese Angelegenheit 
wird bald zu unserer beider Vorteil geregelt sein. AHx 
sendet herzliche Grüße. 

N i c k y. 

Zarskoje Selo, 10./23. XI. 1904. 12.30 mitt. 
Sr. Majestät dem Kaiser. 
Bevor ich den letzten Entwurf des Vertrages unter- 
zeichne, halte ich es für ratsam, ihn den Franzosen zu 
zeigen. Solange er nicht unterzeichnet ist, kann man 
kleine Abänderungen des Textes vornehmen, während 
nach unser beider Genehmigung es aussehen könnte, 
als wollten wir Frankreich den Vertrag aufzwingen. In 
diesem Fall könnte ein Mißerfolg eintreten, was sicher 
auch nicht Dein Wunsch ist. Deshalb erbitte Deine 
Zustimmung, französische Regierung mit diesem Vor- 
schlag bekannt zu machen. Nach Eintreffen ihrer Ant- 
wort werde Dir sofort telegraphisch Nachricht geben. 

N i c k y. 
206 



Zarskoje Selo, 10./23. XL 1904, 12.30 a. p. 

Sr. Majestät dem Kaiser. 

Neues Palais. 

Da ich höre, daß der Kaiser von Österreich wegen 
einer zwischen Rußland und Österreich unterzeichneten 
Vereinbarung an Dich geschrieben hat, halte ich es für 
meine Pflicht, Dich auch von meiner Seite aus zu infor- 
mieren. Von dem Wunsche beseelt, unsere Bemühungen 
zu verstärken, Ruhe und Frieden auf dem Balkan zu er- 
halten, entsprechend dem Abkommen von 1897, haben 
der Kaiser und ich uns entschlossen, eine geheime Er- 
klärung zu unterzeichnen zur Aufrechterhaltung einer 
loyalen und ausdrücklichen Neutralität im Fall, daß 
eines der beiden Reiche ohne eigenes Verschulden in 
Kriegszustand mit einem dritten Lande, das den status 
quo bedroht, geraten sollte. Natürlich betrifft diese Er- 
klärung keines der kleineren Balkanländer und wird 
so lange gelten, als Rußland und Österreich ihre Frie- 
denspolitik im Südosten Europas fortsetzen. Da ich 
Deine Bemühungen zur Erhaltung des allgemeinen Frie- 
dens kenne, bin ich überzeugt, daß dieses Abkommen 
Deine Sympathie und freundliche Unterstützung fin- 
den wird. 

N i c k y. 



Moschen bei Kujau, 13./26. XL 1904, 9 Uhr 

33 Min. morgens. 

Sr. Majestät dem Kaiser. 

Zarskoje Selo. 

Besten Dank für Telegramm. Du hast mir einen 
neuen Beweis Deiner Loyalität gegeben dadurch, daß 
Du Frankreich nicht ohne meine Zustimmung benach- 

207 



richtigen willst. Trotzdem ist es meine feste Überzeu- 
gung*, daß es im höchsten Grade gefährlich wäre, Frank- 
reich zu informieren, bevor wir beide den Vertrag 
unterzeichnet haben. Es würde gerade den entgegen- 
gesetzten Erfolg unserer Wünsche zeitigen. Nur die 
absolut sichere Erkenntnis, daß wir beide durch 
den Vertrag gebunden sind, uns gegenseitig 
zu unterstützen, wird Frankreich dazu bringen, England 
zu bestimmen, ruhig und friedlich zu bleiben, aus 
Furcht, daß sonst Frankreichs Stellung aufs Spiel ge- 
setzt wird. Sollte Frankreich jedoch wissen, daß ein 
russisch-deutscher Vertrag nur geplant ist, aber noch 
nicht unterzeichnet, so wird es sofort seinen Freund 
(wenn nicht geheimen Verbündeten) England benach- 
richtigen, mit dem es durch die Entente cordiale ver- 
bunden ist. Das Bekanntwerden dieser Information 
würde zweifellos einen sofortigen Angriff der beiden 
verbündeten Mächte, England und Japan, gegen 
Deutschland zur Folge haben, sowohl in Europa wMe 
in Asien. Ihre enorme Übermacht zur See würde kurze 
Arbeit mit meiner kleinen Flotte haben, und Deutsch- 
land würde vorübergehend verstümmelt werden. Dies 
würde die Wagschale des Gleichgewichts der Welt zu 
unserem gegenseitigen Schaden verschieben, und später, 
wenn Du Deine Friedensverhandlungen beginnst, 
würde es Dich allein der liebevollen Gnade Japans 
und seiner ausgelassen jubilierenden Freunde auslie- 
fern. Es war mein besonderer Wunsch und — vv^ie ich 
verstand — auch Deine Absicht, dies gefährdete Gleich- 
gewicht der Welt aufrecht zu halten und zu verstärken, 
gerade durch das Abkommen zwischen Rußland, 
Deutschland und Frankreich. Das ist nur möglich, wenn 
unser Vertrag vorher eine Tatsache ist, und wenn 
wir absolut d^accord sind. Eine vorzeitige Information 

208 



Frankreichs wird zu einer Katastrophe führen! — Soll- 
test EXi es trotzdem für unmöglich halten, daß Du mit 
mir einen Vertrag schließt ohne vorherige Zustimmung 
Frankreichs, dann halte ich es für besser, von jeg- 
lichem Vertrage abzusehen. Selbstverständlich werde 
ich absolutes Stillschweigen über unsere Vorbespre- 
chungen bewahren, ebenso wie Du, und ebenso wie 
Du nur Lambsdorf eingeweiht hast, so habe ich nur 
mit Bülow darüber gesprochen, der absolutes Schwei- 
gen versprach. Unsere gegenseitigen Beziehungen und 
Gefühle würden dieselben bleiben, und ich werde ver- 
suchen, mich Dir weiter nützlich zu machen, soweit es 
meine Sicherheit erlaubt. Dein NeutraHtätsabkommen 
wurde mir vom Kaiser von Österreich übermittelt, und 
ich danke Dir für Dein Telegramm, das mir dasselbe 
mitteilt. Ich halte es für sehr vernünftig und billige es 
durchaus. Herzlichen Gruß 

Willy. 

Zarskoje Selo, 15./28. XI. 1904, 10 Uhr nachts. 
Sr. Majestät dem Kaiser. 

Neues Palais. 

Besten Dank für Telegramm. In Beantwortung sende 
ich Dir einen erläuternden Brief über die Angelegen- 
heit. Ich denke, ein Brief ist sicherer als ein langes 
Telegramm, das zu entziffern nur unnötige Aufmerk- 
samkeit auf sich zieht. Ich bin der festen Überzeugung, 
daß wir sehr bald zu einer vollständigen Meinungsüber- 
einstimmung in dieser Frage, die uns beide sehr inter- 
essiert, kommen werden. Besten Dank für Deine offene 
und freundliche Unterhaltung mit Schebekow, die er mir 
berichtete. 

N i c k y. 

14 209 



N c u c s P a 1 a i s, 27. XI. (10. XII.) 1904, 10 Uhr 22 Min. 

abends. 
Sr. Majestät dem Kaiser. 

Zarskoje Selo. 

Dein Brief vom 7. d., für den ich bestens danke, hat 
sich gerade mit dem meinen vom selben Datum ge- 
kreuzt. Wir müssen nun vor allen Dingen zu einem 
dauernden Abkommen über die Kohlenfrage kommen. 
Diese Frage wird täglich akuter. Erst heute hatte 
ich ernste Nachrichten von Port Said und Capetown. Es 
ist keine Zeit mehr zu verlieren. Es darf keine dritte 
Macht auch nur die leiseste Ahnung von un- 
seren Absichten haben, bevor wir die Übereinkunft 
über die Kohlenfrage getroffen haben. Sonst würden 
die Folgen äußerst gefährlich werden. Ich setze vollstes 
Vertrauen in Deine Loyalität. 

Willy. 



Zarskoje Selo, 28. XI. (11. XII.) 1904, 5Uhr5Min. 

a. m. 
Sr. Majestät dem Kaiser, 

Neues Palais. 

Herzlichen Dank für Brief. Bin vollständig einverstan- 
den, daß unsere beiden Regierungen jetzt zu einem 
dauernden Übereinkommen in der Kohlenfrage kommen 
müssen. Lambsdorff sollte heute Alvensleben des- 
wegen sehen. Du kannst Dich vollständig auf 
meine Loyalität verlassen, ebenso auf meinen 
Wunsch nach einer schnellen Erledigung der ernsten 
Frage. 

N i c k y. 
210 



Z a r s k o j e S e 1 o, 29. XI. (12. XII.) 1904, 7 Uhr 45 Min. 

a. m. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Neues Palais. 

Ich habe meinem Minister des Auswärtigen befohlen, 
dem Grafen Alvensleben eine Note zu übermitteln, die 
meine vollste Zustimmung zu Deinem Wunsch, die 
Kohlenfrage betreffend, ausdrückt. Bin glücklich, Dir 
dies mitzuteilen. 

N i c k y. 

Nach Erkundigungen in der Kohlenangelegenheit 
höre ich, daß zwei Agenten der Hamburg -Amerika-Linie 
jetzt in Petersburg sind, um wegen des Verkaufs der 
Kohlenschiffe zu verhandeln, daß aber Deine Leute sich 
weigern, zu kaufen, unter dem Vorwand, daß sie keine 
Mannschaften haben, um die Kohlenschiffe zu bemannen. 
Dies kann nicht wahr sein, und ich vermute, daß der 
Wunsch, um jeden Preis Frieden zu haben, ausschlag- 
gebend ist in den Köpfen derjenigen, die für Unmöglich- 
keit plädieren. Denn man könnte doch sicher ein paar 
hundert Seeleute mit Offizieren und dazugehörigen 
Ingenieuren von der Schwarzmeerflotte nehmen, die 
ja doch auf alle Fälle unbeschäftigt bleibt — und sie 
direkt per Schiff durch den Suezkanal nach Madagaskar 
schicken. Sie könnten an Bord der Kohlenschiffe unter- 
gebracht werden, lange bevor das dritte Geschwader in 
Madagaskar ankommt. Roshestwensky hat sowieso auf 
dieses letztere zu warten, wenn er eine Schlappe ver- 
meiden will, denn das zweite Geschwader ist den japa- 
nischen Seekräften unterlegen. Es ist ein Glück für 
Dich, daß die Franzosen immer, ja sogar gegen ihre 
eigenen Interessen während des deutschen Krieges, 
14* 21 1 



den Standpunkt des Seerechts vertreten haben, daß 
kriegführende Schiffe in neutralen Häfen beliebig lange 
verbleiben können, ohne entwaffnet zu werden. Auf 
diese Weise kann die französische Regierung ohne 
weiteres das zweite Geschwader in Madagaskar belas- 
sen bis zur Ankunft des dritten. Die russische Besat- 
zung der Kohlenschiffe würde somit Zeit genug haben, 
bis Nossibe zu kommen und sich dort an Bord ein- 
zurichten. Die frische Bemannung der Kohlenschiffe 
würde Roshestwensky gerechtfertigten Grund geben, in 
Nossibe zu bleiben, bis er durch das dritte Geschwader 
verstärkt worden ist. Sollte Dir irgend jemand raten, 
daß Roshestwensky die Japaner angreift vor der Ankunft 
der Verstärkung, so könntest Du die betreffende Person 
fragen, ob sie bereit sei, die Verantwortung für den Er- 
folg auf sich zu nehmen. 

Willy. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Berlin. 

Admiral Roshestwensky telegraphierte gestern zum drit- 
tenmal, daß zwei Hamburg-Amerika-Kohlenschiffe bis 
jetzt noch keinen Befehl von ihrer Gesellschaft erhalten 
hatten, über Madagaskar hinauszugehen unter deut- 
scher Flagge. Das Abkommen betreffend Versicherung 
gegen Kriegsgefahr ist mit der Gesellschaft durch Men- 
delsson-Bank geregelt worden. Die Hamburg-Amerika- 
Linie fürchtet sich jedoch. Befehle auszugeben, bevor 
sie Instruktionen vom Kanzler erhalten hat. Willst Du 
freundlichst die notwendige Erlaubnis geben, da ohne 
dieselbe die Weiterfahrt des Geschwaders ganz unmög- 
lich wird? 

Nicky. 

212 



Berlin, 15. II. 1905, 12 Uhr 55 Min. mittags. 

Ich schrieb Dir zu Beginn dieser Kohlenangelegen- 
heit, daß ich nichts dagegen tun würde. Ich kann keine 
Instruktionen dafür erlassen, da es ein Privatunter- 
nehmen ist. Die Hamburg-Amerika-Linie kennt die 
Lage und muß nach eigener Verantwortung handeln. 
Von diesem Standpunkt aus habe ich angeordnet, daß 
BaUin nochmals tekgraphisch mitgeteilt wird, daß, was 
mich und meine Regierung betrifft, er nach Belieben 
handeln kann, wie er es für richtig hält. Natürlich 
auf seine eigene Gefahr. 

Willy. 

Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser, 

Berlin. 

Micha kam heute zurück, entzückt von Deiner Lie- 
benswürdigkeit und Gastfreundschaft. Er wieder- 
holte mir alles, was Du wünschtest, ihm 
zu sagen. Am zweiten Tage nach Ankunft 
seines Briefes ließ deramerikanische Bot- 
schafter Mr. Meyer mich bitten, ihn zu 
empfangen. Ich empfing ihn gestern. Er 
war vom Präsidenten beauftragt, mir den 
Vorschlag zu^in'^t erbreiten, von dem Du 
mir schriebst. Ich stimmte unter der Be- 
dingung zu, daß vollste Geheimhaltung 
gewahrt bliebe, bis Japan seine Einwil- 
ligunggegeben hätte, vorbereitende Ver- 
handlungen mit uns zu eröffnen. Selbst- 
verständlich würden die Erörterungen ab- 
gebrochen werden, falls die Bedingungen 
unvernünftigwären. Herzlichen Gruß von beiden. 

Nicky. 

213 



Juli 1905 (mit Bleistift). 

Aus einem schwedischen Hafen im Bott- 
nischen Meerbusen nördlich von Stock- 
holm, etwa 100 Meilen von Wasa. 

Ich werde bald auf meiner Rückreise sein und kann 
den Eingang ins Finnische Meer nicht passieren, ohne 
Dir herzliche Grüße und Wünsche zu senden. Sollte es 
Dir Vergnügen machen, mich zu sehen — entweder an 
der Küste oder auf Deiner Yacht — so bin ich natürlich 
zu Deiner Verfügung. Ich werde als einfacher Tourist 
kommen ohne Festlichkeit. 

Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser, 

Hernoesand. 

Begeistert über deinen Vorschlag. Paßt Dir Begeg- 
nung in Bjoerkesund bei Viborg, einem kleinen hüb- 
schen Ort, wo wir an Bord unserer Yachten bleiben? 
In diesen ernsten Zeiten kann ich nicht weit weg gehen 
von meiner Hauptstadt. Selbstverständlich soll unsere 
Begegnung ganz einfach und gemütlich sein. Sehe mit 
großem Vergnügen unserer Zusammenkunft entgegen. 

N i c k y. 

Nyland, 7./20. VII. 1905, 1 Uhr 25 p. m. 

Sehr glücklich. Würde es Dir passen, wenn ich auf 
Deinem Ankergrund — Bjoerkesund — Sonntag, den 
23., abends ankomme? Meine Yacht hat 6V2 m Tief- 
gang. Wäre dankbar für zuverlässigen Lotsen, um uns 
durch Einfahrt zu bringen. Erbitte Nachricht, wo Du 
ankerst. Habe diese Sache geheim gehalten, so daß 
selbst meine Herren an Bord nichts ahnen. Ebenfalls 

214 



zu Hause niemand benachrichtigt. Bin sehr glückHch, 
Dich sehen zu können. Hoffe, meine Nordlandsgesell- 
schaft, die mich seit 15 Jahren immer begleitet, wird 
Dich nicht stören. Herzlichen Gruß. 

Willy. 

Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser, 

Nylan d. 

Werde Sonntag, 10. (23.), nachmittags Björkesund sein. 
Habe Befehl wegen zuverlässigen Lotsen gegeben. 
Ankerplatz ist zwischen Björkeinsel und Kavitza. Habe 
unsere geplante Begegnung bis jetzt geheim gehalten. 
Bin glücklich. Dich zu sehen. Wünsche Dir ruhige 
Überfahrt. HerzUchen Gruß. Nicky. 

Nyland, 8./21. VII. 1905, 1 Uhr 25 p. m. 

Sehr verbunden. Hoffe, am 10. abends 7 Uhr anzu- 
kommen. Bitte, laß Lotsen uns bei Hochland treffen. 
Kein Mensch hat die leiseste Ahnung außer meinem 
Kapitän, der Befehl absoluten Schweigens hat. Alle 
meine Gäste sind der Meinung, wir gehen nach Visby 
in Gothland. Bin überglücklich. Dich wiederzusehen. 
Habe wichtige Neuigkeiten für Dich. Die Gesichter 
meiner Gäste werden sehenswert sein, wenn sie plötz- 
lich Deine Yacht erblicken. Ein prächtiger Spaß! Ta- 
bleau! Welchen Anzug für Begegnung? 

Willy. 

Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser, 

Nyland. 

Dampfer mit Lotsen erwartet Dich am Südende von 
Hochlandinsel 23. Juli bei Sonnenaufgang. Mischa be- 
gleitet mich. Herzlichen Gruß. Nicky. 

215 



Dan zig, 16./29. VII. 1905, 1 Uhr 28 p. m. 

Meine Frau sendet viele Empfehlungen und Dank 
für Dein freundliches Telegramm. Reutertelegramme 
melden heute früh Fahrt der englischen Kanalflotte 
nach der Ostsee. Sie gucken in unsere Häfen hinein, 
ohne feierlichen Antrittsbesuch zu machen! Entweder 
England ist in Sorge wegen unserer Begegnung, oder 
sie wollen mich erschrecken! Das wird meinem Ge- 
spräch in Kopenhagen mehr Gewicht geben. Du wirst 
heute Brief von mir haben. Ich wage es. Dir zu raten, 
die Boulyginevorlage sobald wie möglich zu veröffent- 
lichen, so daß die Vertreter des russischen Volkes bald 
gewählt werden. Inzwischen, bis sich das vollzogen hat, 
wird die Friedenskonferenz angefangen haben, und die 
Bedingungen für beide Teile werden bekannt geworden 
sein. Bei der augenblicklich in Rußland herrschenden 
Stimmung werden die mißvergnügten Massen ver- 
suchen, die ganze Verantwortung für alle ungün- 
stigen Folgeerscheinungen auf Deine Schultern zu 
legen und die Erfolge auf Wittes persönliches Ver- 
halten zurückzuführen. Als erste Arbeit für die 
Volksvertreter wäre es ausgezeichnet, wenn Du 
ihnen den Friedensvertrag, nachdem er formuliert 
ist, zur Abstimmung vorlegtest. Auf dies'e Weise 
läßt Du dem Lande das Odium der Entschei- 
dung, und zu gleicher Zeit" gibst Du dem russischen 
Volk eine Stimme in der Angelegenheit seines eigenen 
Geschickes, was es sich so sehnlichst wünscht. Die 
Entscheidung wäre dann !s e i n Werk, und Du schlössest 
der Opposition dadurch den Mund. Herzlichen Gruß 
für Alice. 

Willy. 

216 



Sr. Majestät dem Kaiser, 

D a n z i g. 

Ich war tief gerührt über Deinen freundUchen Brief 
und danke für Telegramm. Habe auch schon von dem 
geplanten Erscheinen der britischen Kanalflotte in der 
Ostsee gehört. 

Dein Besuch in Kopenhagen kommt zu rechter Zeit. 
Hoffe, Du wirst befriedigt sein von dem Resultat Deiner 
Gespräche dort. Erwarte ungeduldig kurze Nachricht 
über Besuch. HerzHchen Gruß für Viktoria von uns 
beiden. Wünsche guten Erfolg. 

N i c k y. 

S a ß n i t z (Rügen), 2. VIII./22. VII., 1 Uhr nachts. 

Mein Besuch verlief gut, die ganze Familie, nament- 
lich auch Dein lieber alter Großvater, erwiesen mir 
außerordentliche Freundlichkeit. 

Nach meiner Ankunft erkannte ich bald aus den 
Presseberichten, dänischen und fremden, daß eine sehr 
starke Strömung von Mißtrauen und Besorgnis gegen 
meinen Besuch erzeugt worden war. Besonders 
von England, aber auch von Frankreich. Der König 
war so eingeschüchtert und die öffentliche Meinung so 
aufgewiegelt worden, daß ich nicht in der Lage war, 
die Fragen zu berühren, die ich, wie wir ausgemacht 
hatten, ihm gegenüber erwähnen sollte. 

Der britische Gesandte, der mit einem meiner Herren 
dinierte, erging sich in sehr heftigen Ausdrücken gegen 
mich, beschuldigte mich der gemeinsten Pläne und 
Intrigen und erklärte, jeder Engländer wisse und sei 
überzeugt, daß ich auf einen Krieg gegen England und 
auf Englands Vernichtung hinarbeite. Du kannst Dir 
vorstellen, was für Unsinn ein Mann wie dieser in die 

217 



Köpfe der dänischen Königsfamilie, des Hofes und des 
Volkes eingeträufelt haben mag. 

Ich tat alles, was in meiner Macht stand, um die 
Mißtrauenswolke zu verscheuchen, indem ich mich ganz 
uninteressiert verhielt und keinerlei Anspielungen auf 
ernste politische Fragen machte. Auch scheute ich mich 
in Anbetracht der sehr großen Zahl von Kanälen, die 
von Kopenhagen nach London führen, und bei der 
MögHchkeit einer Indiskretion am dänischen Hofe, 
irgend etwas über unsere Vereinbarung bekannt zu 
geben, da es sofort nach London mitgeteilt worden 
wäre, was natürlich gänzlich unzulässig wäre, solange 
die Vereinbarung noch geheim bleiben soll. Wie ich 
einem langen Gespräch mit Iswolsky entnehmen konnte, 
sind jedoch der gegenwärtige Minister des Äußeren, 
Graf Raben, und eine Anzahl einflußreicher Personen 
bereits zu der Überzeugung gelangt, die Dänen erwar- 
teten im Falle eines Krieges und eines bevorstehenden 
Angriffs einer fremden Macht auf die Ostsee (da sie 
offenbar vollkommen außerstande sind, auch nur den 
Schein der Neutralität einer Invasion gegenüber auf- 
rechtzuerhalten), daß Rußland und Deutschland sofort 
militärische Schritte und entsprechende Flottenbewe- 
gungen unternehmen würden, um ihre Interessen zu 
wahren. Indem sie die Hand auf Dänemark legten und 
es während des Krieges besetzten, würden sie gleich- 
zeitig den Besitz und den Fortbestand von Dynastie 
und Land gewährleisten. 

Die Dänen beginnen sich langsam mit dieser Alter- 
native abzufinden und sich darauf einzustellen. Da dies 
gerade das ist, was Du gewünscht und gehofft hast, 
hielt ich es für angebracht, dieses Thema den Dänen 
gegenüber nicht zu berühren, und unterließ auch jede 

218 



Anspielung. Denn es ist besser, wenn der Gedanke 
sich in ihren Köpfen entwickelt und ausreift, und wenn 
es ihnen selbst überlassen bleibt, die Schlußfolgerung zu 
ziehen. Sie verfallen dann aus eigenem Antrieb darauf, 
sich an uns anzulehnen und mit unseren beiden Ländern 
zusammenzuhalten. „Tout vient ä qui sait attendre.*^ 

Die Angelegenheit, daß Karl nach Norwegen geht, 
ist bis in die kleinsten Einzelheiten geregelt, da Eng- 
land zu allem zugestimmt hat, und es läßt sich nichts 
mehr an der Sache ändern. Ich sprach mit Karl über 
seine Aussichten und fand ihn sehr besonnen und ohne 
alle Illusionen über seine Aufgabe. 

Was sagst Du zu dem Programm der Festlichkeiten 
Deiner Alliierten in Cowes?! Die gesamten Krim- 
veteranen sind eingeladen, mit ihren früheren Waf- 
fenbrüdern zusammenzutreffen, die mit ihnen gegen 
Rußland gekämpft haben! Sehr taktvoll fürwahr! Es 
zeigt, daß ich recht hatte, als ich Dich vor zwei Jahren 
vor der Neubildung der alten Krimkombination warnte. 
Sie wird jetzt wieder eifrigst aufgewärmt. Das Wetter 
prächtig. Beste Grüße an Alix. 

Willy. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

S a ß n i t z. 

Herzlichen Dank für interessante Einzelheiten. Bin 
froh, daß Dein Besuch gut verlief. Du hast recht, 
keinem Menschen etwas von unserem Bündnis zu sagen. 
Da die Frage, daß Karl nach Norwegen geht, 
erledigt ist, nehme ich an, daß nichts mehr getan w^er- 
den kann. Erwarte Bericht von Iswolski wegen däni- 
scher Neutralität in ihrer letzten Gestalt. Herzlichen 
Gruß von Alexandrine. N i c k y. 

219 



Wilhelmshöhe, 7./20. VIII. 1905, 11.34 morgens. 

Mein Botschafter meldet mir soeben, daß Du die 
Veröffenthchung des l>ekrets befohlen hast, das die 
Einberufung der ,, Großen Duma^^ betrifft. Die Statuten 
seien in den Grundzügen unserem Staatsrat ähnlich, 
was ihr die Eigenschaft einer beratenden Körperschaft 
verleihe. Ich bitte Dich, meine wärmsten Glückwünsche 
zu diesem großen Schritt nach vorwärts in der Ent- 
wicklung 'Rußlands anzunehmen. 

Aus den Zeitungen ersehe ich, daß im allgemeinen 
die Friedensverhandlungen befriedigend fortschreiten, 
aber daß einige Punkte vorliegen, die gewisse Schwie- 
rigkeiten für die Einigung bieten. Ehe Du Deine end- 
gültige Entscheidung für den Frieden oder für die Fort- 
setzung des Krieges triffst — die letztere wurde von 
weitreichenden Folgen sein, die in ihrem ^Endergebnis 
schwer vorauszusehen sind, und 'unzählige Menschen- 
leben, Blut und Geld kosten — wäre es, wie mir 
scheint, ein ausgezeichnetes Verfahren, wenn Du diese 
Frage erst der Großen 'Duma vorlegen würdest. Da 
diese das russische Volk vertritt, wäre ihre Antwort 
die Stimme Rußlands. 

Wenn sie sich für den Frieden entscheidet, so bist 
Du durch das Volk ermächtigt, auf Grund der Deinen 
Delegierten in Washington unterbreiteten Vorschläge 
Frieden zu schließen. Wenn so Rußland selbst 
seine Ehre für gewahrt hält, so kannst Du Dein 
Franz I.: „Alles ist verloren außer der Ehre." Niemand 
Schwert in die Scheide stecken mit den scTiönen Worten 
in Deiner Armee, in Deinem Laude oder in der übrigen 
Welt hat ein Recht, Dich für diese Handlung zu tadeln. 

Wenn anderseits die Duma die Vorschläge für un- 
annehmbar erachtet, und die japanische Regierung sich 

220 



weigert, auf einer anderen Basis zu verhandeln, dann 
wiederum ist es Rußland selbst, das durch die Stimme 
der Duma Dich, seinen Kaiser, auffordert, den Kampf 
fortzusetzen. Dadurch würde sie die volle Verantwor- 
tung für die gesamten Folgen auf sich nehmen und 
Dich ein für allemal vor der Welt und vor der Ge- 
schichte in Zukunft vor dem Vorwurf schützen, daß Du 
Tausende von vaterlandsliebenden Söhnen, ohne das 
Land zu fragen oder gar gegen ihren Willen, geopfert 
hättest. 

Dies wird Deiner persönlichen Tat eine große Wucht 
und Kraft verleihen, da Du Dich durch den Willen der 
Gesamtheit Deines Volkes getragen fühlen wirst, das 
entschlossen ist, bis zum bitteren Ende zu kämpfen, 
ohne Zeitaufwand, Verluste und Entbehrungen zu 
scheuen. Nur unter solchen Bedingungen läßt sich der 
Krieg ja fortsetzen. 

Ich würde an Deiner Stelle nicht diese erste und 
günstigste Gelegenheit vorübergehen lassen, mit dem 
Empfinden und Wollen Deines Landes in bezug au*t 
Krieg und Frieden enge Fühlung zu gewinnen, indem 
Du dem russischen Volke die langgewünschte Möglich- 
keit gibst, die Entscheidung über seine Zukunft selbst 
zu treffen oder an dieser Entscheidung teilzunehmen, 
wozu es ein positives Recht hat. Du würdest auch der 
Duma sogleich eine gute Gelegenheit geben, zu arbei- 
ten, zu zeigen, was sie vermag, und darzutun, ob sie 
die Erwartungen, die jeder auf sie setzt, erfüllt. 

Die Entscheidungen, die zu treffen sind, sind in 
ihren Folgen so furchtbar ernst und so weitreichend, 
daß es ganz unmöglich ist für irgendeinen sterblichen 
Herrscher, die Verantwortung dafür auf seine eigenen 
Schultern zu nehmen, ohne die Hilfe und den Rat 

221 



seines Volkes! Möge Gott mit Dir sein! Vergiß nicht 
die Beförderung der Linientruppen gegenüber der 



Garde. 



Willy. 



Sr. Majestät dem Kaiser. 

Wilhelmshöhe. 

Nimm wärmsten Dank für freundliches Telegramm, 
das mich tief gerührt hat. Konnte nicht früher ant- 
worten, da sehr beschäftigt mit Manöver in der Nähe 
von Zarskoje Selo. Das Interesse, das Du für die 
bevorstehende Einberufung der Duma zeigst, freut 
mich sehr. Ich glaube, daß die Loyalität und der ge- 
sunde Sinn meines Volkes eine große Hilfe für die 
Entwicklung Rußlands in dieser beratenden Körper- 
schaft sein wird. In den letzten drei Monaten habe 
ich viel über die Frage von Krieg und Frieden nach- 
gedacht. Ich erhalte täglich Telegramme, Briefe, 
Adressen usw., in denen ich angefleht werde, keinen 
Frieden unter harten Bedingungen zu schließen. Es 
gibt zwei Punkte, für die jeder gute Russe bereit ist, 
bis zum Ende zu kämpfen, wenn Japan darauf be- 
stehen sollte: keinen Zoll unseres Landes und keinen 
Rubel Kriegsentschädigung! Und dies sind gerade die 
Bedmgungen, in denen Japan nicht gewillt ist, nach- 
zugeben. Es gibt aber auch nichts, was mich be- 
stimmen wird, in diesen beiden Fragen nachzu- 
geben. Deshalb ist für den Augenblick keine Aussicht 
auf Frieden. Du weißt, wie ich Blutvergießen ver- 
abscheue. Trotzdem ist es einem schmählichen Frie- 
den doch vorzuziehen, der einem den Glauben an sich 
und sein Vaterland zerstören würde. Vielleicht wird 
diese Frage morgen schon entschieden werden. Ich 

222 



bin bereit, die ganze Verantwortung auf mich zu 
nehmen, da mein Gewissen rein ist, und da ich weiß, 
daß die große Masse meines Volkes hinter mir steht. 
Ich bin mir des Ernstes der Lage, in der ich mich 
in diesem AugenbHck befinde, voll bewußt, aber ich 
kann nicht anders handeln. Danke Dir für das Inter- 
esse, das Du an meinen Sorgen nimmst. Herzlichen 
Gruß von Alix. Nicky. 

Sr. Majestät dem Kaiser. 

Aus Schloß Rominten, 11. September, 12 Uhr 

20 Min. mittags. 

Auf Deinen freundlichen Befehl wird Witte am 
26./13. hier sein. Weiß er über unseren Vertrag Be- 
scheid? Soll ich ihm etwas darüber sagen, falls er 
nichts weiß? HerzHchen Gruß für Alice. Hier vier 
Hirsche geschossen. Nichts besonders Starkes. Wetter 
kalt und schön. Waidmannsheil. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Rom in t en. 

Bis jetzt ist der Großfürst Nikolaus, der Kriegs- 
minister, der Chef des Generalstabs und Lambsdorff 
über Vertrag unterrichtet. Habe nichts dagegen, daß 
Du Witte einweihst. Genieße meinen Aufenthalt auf 
dem „Polarstem'^ Trockenes schönes Wetter. Herz- 
lichen Gruß von Alix. Waidmannsdank. Nicky. 

Homburg, Schloß, 4. September, 
Q Uhr 30 Min. morgens. 

Witte ist, wie ich höre, auf Rückreise. Würdest 
DvL ihm erlauben, mich en passant zu besuchen auf 

223 



seinem Wege nach Rußland? Ich beabsichtige, ihm 
Orden zu verleihen wegen des Zustandekommens des 
Handelsvertrages, den er letztes Jahr mit Bülow ab- 
geschlossen hat. Glückliche Fahrt! Unsere Manöver 
sehr interessant in prächtiger Gegend, aber sehr naß. 
Herzlichen Gruß für Alice. "Willy. 

Kabeltelegramme von Washington brachten mir 
Nachricht über die Verständigung auf der Konferenz 
wegen der Friedenspräliminarien, durch die der end- 
gültige Abschluß des Friedens, wie es scheint, endlich 
gesichert ist. Darf ich meine herzlichen Glückwünsche 
ausdrücken, daß eine Lösung gefunden ist, die Ruß- 
land gestattet, mit vollen Ehren aus dem Kriege her- 
auszukommen, dank sowohl der Tapferkeit Deiner 
Armee wie Deiner Beharrlichkeit, mit der Du Ruß- 
lands Rechte und nationale Ehre verteidigt hast? Ich 
höre, daß Japan alle Deine Forderungen bewilligt hat. 
Präsident Roosevelt hat, wie ich höre, übermensch- 
liche Anstrengungen gemacht, um Japan soweit zu 
bringen. Er hat wirklich ein großes Werk für Dein 
Land und für die ganze Welt getan. Um so mehr da, 
wie ich hörte, England sich absolut weigerte, einen 
Finger zu rühren, um auf seinen Verbündeten Japan 
einzuwirken und Roosevelts Wünschen zu entsprechen. 
Also nochmals herzliche Glückwünsche. Ich bin froh, 
wenn ich Dir in dieser Zeit von irgendwelchem Nutzen 
war. Herzliche Grüße an Alix. 

Aus Glücksburg (Ostsee), 29. September. 

Der Wortlaut des Vertrages steht, worüber wir in 
Björkö einig waren, nicht im Widerspruch mit der 
franko-russischen Allianz — vorausgesetzt natürlich, daß 

224 



die letztere nicht direkt gegen mein Land gerichtet ist. 
Auf der anderen Seite können die Verpflich- 
tungen Rußlands Frankreich gegenüber nur soweit 
gehen, wie Frankreich dies durch sein Verhalten ver- 
dient. Dein Verbündeter hat Dich offenkundig im Stich 
gelassen während des ganzen Krieges, während Dir 
Deutschland in jeder Weise half, soweit es in seinen 
Kräften stand, ohne die Gesetze der Neutralität zu 
verletzen. Das bringt Rußland morahsch in Verbind- 
Uchkeiten uns gegenüber; do ut des. 

Inzwischen haben die Indiskretionen Delcasses der 
Welt gezeigt, daß, obgleich Frankreich Dein Verbün- 
deter ist, es mit England eine Verständigung abge- 
schlossen hat und im Begriff stand, Deutschland mit 
britischer Hilfe mitten im Frieden zu überfallen, wäh- 
rend ich alles tat für Dich und Dein Land, seinen 
Verbündeten. Dies ist ein Versuch, den ich nicht 
noch einmal wagen dar., .;nd gegen dessen Wieder- 
holung ich von Dir erwarten muß, mich zu 
schützen. Ich bin ganz Deiner Ansicht, daß es 
Zeit, Arbeit und Geduld kosten wird, um Frankreich 
soweit zu bringen, sich uns beiden anzuschließen. Aber 
die vernünftigen Leute werden sich in Zukunft durch- 
zusetzen wissen! Unsere Marokkoangelegenheit ist zur 
völligen Genugtuung geregelt, so daß die Luft frei ist 
für ein besseres Verständnis zwischen uns. Unser Ver- 
trag ist eine sehr gute Basis, um darauf weiter zu 
bauen. Wir haben uns die Hände gereicht und vor 
Gottgelobt, derunserGelübdegehörthat. 
Deshalb glaube ich, daß der Vertrag gute Wirkung 
haben wird. 

Aber solltest Du irgendwelche Änderungen wün- 
schen in dem Gerüst oder in den Bedingungen oder in 
15 ' 225 



den Vorkehrungen für die Zukunft oder für unvorher- 
gesehene Ereignisse, z. B. die glatte Ablehnung Frank- 
reichs, die unwahrscheinlich ist — , so bin ich gern 
bereit, Vorschläge entgegenzunehmen, die Du für gut 
hältst! Bis diese mir vorgelegt und von uns genehmigt 
sind, muß dem Vertrage von uns zugestimmt werden 
so, wie er ist. Deine gesamte einflußreiche Presse 
Nowosti, Nowoje Wremja, Russj usw. ist seit 14 Tagen 
heftig antideutsch und proenglisch geworden. Zum 
Teil sind sie wahrscheinlich durch große Summen bri- 
tischen Geldes gekauft worden. Dennoch macht dies 
mein Volk äußerst vorsichtig und richtet großen Scha- 
den an in den frisch geknüpften Beziehungen zwischen 
unseren beiden Ländern. Alle diese Vorfälle zeigen, 
daß die Zeiten getrübt sind, und daß wir klaren Kurs 
zum Steuern brauchen. Der Vertrag, den wir unter- 
zeichneten, ist ein Mittel, geradeaus zu gehen, ohne 
Dein Bündnis zu stören. Was unterschrieben ist, ist 
unterschrieben, und Gott ist unser Zeuge! 'Ich erwarte 
Deine Vorschläge. Herzlichen Gruß für Alix. 

Willy. 



Sr. Majestät dem Kaiser, 

Glücksburg, Hohenzollern, 30. September, 

83/4 Uhr morgens. 

Da Fritz Leopold am Sonntag eintrifft, um sich hier 
vorzustellen, nachdem er mehrfach im Feuer gewesen 
ist, möchte ich ihn mit dem St. -Georgskreuz 4. Klasse 
auszeichnen. General Lanewitsch meldete mir seine 
Kaltblütigkeit und tadellose Führung bei mehreren Affä- 
ren im letzten Mai. Herzlichen Gruß. 

N i c k y. 
226 



. Aus Kiel, 13. Oktober (30. September) 1905, 

1 Uhr 45 Min. nachmittags. 

Sr. Majestät dem Kaiser. 

Peterhof. 

Sehr gerührt und dankbar für Deine gütige Absicht. 
Ich beneide ihn um diese begehrte Auszeichnung. Herz- 
lichen Gruß. Scheußliches Wetter. Willy. 

Aus dem Neuen Palais, 15. Oktober, 

2 Uhr 27 Min. nachmittags. 

Bin so froh, meinen Schwager aus dem Kriege zurück 
und bei Dir zu wissen. Nochmals tausend Dank für die 
große Auszeichnung mit dem Georgskreuz! Es scheint, 
daß der Erzunheilstifter von Europa in London wieder 
am Werke ist. Die Enthüllungen Delcasses, die ihn und 
seine Regierung allerdings schauderhaft kompromit- 
tieren, zeigen einen geplanten Krieg gegen unsere 
friedliche Nation. Wie Räuber im Walde! Er hat 
Benckendorff — Deinen Botschafter — in geheimer 
Mission mit Instruktionen zu Deiner Mutter nach 
Kopenhagen geschickt, um sie dafür zu gewinnen. 
Dich für eine Politik gegen mich zu beeinflussen. Das 
Auswärtige Amt in London ist über seine Reise unter- 
richtet, die von Deiner Botschaft abgeleugnet wird. Ich 
könnte natürlich falsch unterrichtet sein, aber das son- 
derbare Benehmen Englands läßt mich glauben, daß 
es nichts schaden kann, wenn ich Dich für alle Fälle 
unterrichte. Es ist sonderbar, daß Dein Botschafter 
sich zu solchen Tricks hergibt. Man kommt ja doch 
dahinter, und sie rufen nur neue Erregung hervor, und 
davon hatten wir wirkhch in letzter Zeit genug. Herz- 
Hchen Gruß. Wetter scheußlich. Willy. 

15* 227 



Sr. Majestät dem Kaiser, 

Neues Palais. 
4./17. X. 1905. 

Vielen Dank für Dein Telegramm. Benckendorff ist 
mit meiner Erlaubnis dort auf Einladung meiner Mutter, 
da er Freund der dänischen Familie ist. Was für eine 
Art Unterhaltung geführt wurde, weiß ich nicht. Aber 
ich kann Dir die Versicherung geben, daß mich absolut 
nichts beeinflussen wird, ausgenommen das Interesse, 
die Sicherheit und die Ehre meines Landes! Bencken- 
dorff ist ein loyaler Untertan und ein echter Gentleman. 
Ich weiß, daß er sich nie zu falschen Kniffen hergeben 
würde, selbst wenn sie von dem großen Unheilstifter 
kommen sollten. Delcasses Enthüllungen sind außer- 
ordentlich, aber ich glaube, Bülows Unterhaltung mit 
einzelnen Zeitungskorrespondenten hat nicht viel dazu 
beigetragen, die Lage au'i'zuklären. Ich werde Dir bald 
schreiben. Prinz Leopold sieht braun sehr gut aus. 
Herzlichen Gruß von uns Beiden. 

N i c k y. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Hamburg. 

Sehr freundlich von Dir, Witte sehen zu 
wollen, um ihn auszuzeichnen. Genießen 
unsere Kreuzfahrt, haben schönstes Wetter. Herzliche 
Grüße von allen. 

N i c k y. 

Neues Palais, 13./26. XL 1905. 

Dank für Brief. Werde erst antworten nach Rück- 
sprache mit Kanzler. Deine Information über Tatten- 
228 



bach ist inkorrekt. Er hat die ganze Zeit „en concert^* 
mit seinem befreundeten Kollegen gehandelt, und beide 
haben bereits seit geraumer Zeit Fez verlassen. Ich 
bin ganz Deiner Meinung, daß Komplikationen in 
Europa und seiner Umgebung mit allen Mitteln ver- 
mieden werden sollten. Es ist keine Gefahr, daß v^^elche 
in Marokko oder wegen Marokko entstehen sollten. 
Mazedonien und der Balkan scheint mir viel gefähr- 
licher, und die Flottendemonstration gegen die Türkei 
in diesem Moment könnte zu unerwarteten Konse- 
quenzen führen, sobald die „amour propre*^ der isla- 
mitischen Welt den Druck auf ihren Flerrn übel auf- 
nehmen sollte. Der „Krimkonzern" ist hier am Werk. 

Willy. 

Abgesandt 19. November 1905. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Neues Palais. 
Vielen Dank für Deinen freundüchen Brief, der mir 
großes Vergnügen bereitete. Unser Bündnis mit Frank- 
reich ist ein defensives. Ich denke, daß die Erklärung, 
die ich Dir sandte, in Kraft bleiben könnte, bis Frank- 
reich unsere neue Verständigung angenommen hat. Ich 
werde selbstverständlich alles tun, was in meiner Macht 
steht, um die Marokkokonferenz zu einer allgemeinen 
Verständigung zu bringen. Herzlichen Gruß von uns 
beiden. Nicky. 

Abgesandt 25. November 1905. 
Sr. Majestät dem Kaiser, 

Berlin. 
Flügeladjutant Schebekow muß einen neuen Posten 
erhalten. Ich schlage vor, ihn durch Oberst Tatischeff 

229 



von meinen Gardehusaren zu erse'tzen. Er ist lange 
bei Onkel Wladimir gewesen, war oft in Berlin, spncht 
sehr gut deutsch. Ich beabsichtige, ihn an meinem 
Namenstage zum General ä la suite zu ernennen und 
mit Deiner Billigung ihn Deiner Person zu attachieren. 
Gleichzeitig möchte ich wissen, ob Du es notwendig 
findest, daß wir wieder besondere Militärattaches er- 
nennen, außer Lamsdorf und Tatischeff. Herzlichen 
Gruß von Alize. Nicky. 

Neues Palais, 30. November (13. Dezember) 1905, 

8 Uhr 20 Min. morgens. 
Oberst Tatischeff, von dem Du vorschlägst, ihn 
meiner Person zu attachieren, soll willkommen sein. 
Bezüglich Deiner Frage wegen besonderer Militär- 
attaches neben denen „ä la suite'^ von uns beiden halte 
ich es für praktisch, sie zu ernennen. Früher war es 
immer so. Es bringt die persönlichen Attaches in 
eine zu heikle und schwierige Position, wenn sie ihrem 
Geschäft nachgehen sollen und zugleich zum Stabe des 
Herrschers gehören. Sie müssen für diese Ehre 
allein reser\'iert bleiben und nur solche offiziellen 
militärischen oder vertraulichen Informationen aufneh- 
men und loyal überbringen, die sie von ihrem Herrscher 
empfangen, oder mit Erlaubnis ihrer Herrscher von 
den offiziellen militärischen Stellen. Es müssen Per- 
sonen von tadellosem Charakter sein, denen die Sou- 
veräne unbeschränkt vertrauen dürfen, und die das 
volle Vertrauen der Offiziere des betreffenden Haupt- 
quartieres genießen. Das setzt voraus, daß sie absolut 
nichts zu tun haben dürfen, was mit dem gewöhnlichen 
Geschäft des üblichen Mihtäragenten zusammenhängt. 
Werders Stellung bei Deinem Großvater ist ein gutes 
Beispiel, wie es sein sollte. Herzlichen Gruß an Alix. 
230 Willy. 



Sr. Majestät dem Kaiser, 

Berlin. 

Graf Lambsdorff muß wegen Ministerwechsel fort. 
Ich beabsichtige, ihn durch Iswolski zu ersetzen. Es 
tut mir leid, ihn nicht in Berlin lassen zu können. Aber 
ich brauche seine Dienste hier. Bin sicher. Du wirst 
das verstehen. Bin nach Peterhof übersiedelt, da wirk- 
liches Sommerwetter eingesetzt hat. Sah Tatischeff 
heute. Er brachte Deine freundUche Botschaft. Herz- 
liche Grüße von uns beiden. 

Nicky. 

Straßburg, 10. Juni, 6 Uhr 45 Min. 

Sr. Majestät dem Kaiser, 

Peterhof. 

Dank für Informationen wegen Iswolski, die ich 
durchaus verstehe. Hier ist der Sommer auch einge- 
kehrt. Kastanien und Flieder sind in voller Blüte. Und 
die Luft sehr warm. Herzhche Grüße an Alix. 

Wilhelm. 

Du weißt, wie freudig ich unserer Begegnung Anfang 
August entgegensah. Leider entwickeln sich die Dinge 
so ernst, daß ich entschlossen bin, die Duma aller- 
nächstens aufzulösen. Ich bin sicher, daß Du begreifen 
wirst, daß ich unter diesen Umständen mein Land 
nicht verlassen kann. Mit großem Bedauern muß ich 
voi läufig meinen Besuch in Deinen Gewässern auf- 
schieben. Dieser unfreiwillige Aufschub verstärkt nur 
noch meine Ungeduld, Dich zu sehen. Beste Grüße 
von uns beiden. 

Nicky. 

231 



Hamburg (Trondhjem), 7./20. Juli 1Q06, 

10 Uhr 55 Min. 

Ich bedaure unendlich, daß wir uns nicht treffen 
können, verstehe aber vollkommen Deine Gründe, die 
Dich hindern, in diesem Augenblicke Dein Land zu 
verlassen. Ich hoffe sehr, daß wir uns später in ruhigen 
Zeiten wieder treffen können. Gott sei mit Dir und 
behüte Dich. Herzlichen Gruß an Alice. 

Willy. 

Wilhelmshöhe, 3./16. VIII. 1906, 6 Uhr 52 abends. 

Onkel Berties Besuch ist sehr befriedigend verlaufen. 
Er sieht gut aus und scheint in prächtiger Stimmung 
zu sein. Wir waren uns darüber einig, daß die Auf- 
rechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen zwischen 
unseren beiden Ländern nicht nur ein Segen für sie sei, 
sondern ebenso für alle andern Nationen. Ich hoffe 
aufrichtig, daß der Gedankenaustausch zwischen On- 
kel Bertie und mir, der sich nur um die Befestigung 
des Weltfriedens drehte, Dir und Deinem großen Reich 
von Nutzen sein wird. 

Willy. 



Wilhelmshöhe, 4. August 1906. 

Ich sende mein herzhchstes Dank für Dein freund- 
liches Telegramm. Die Aufrechterhaltung freundschaft- 
licher Beziehungen zwischen Deutschland und England 
ist eine absolute Notwendigkeit für die Welt. Ich 
bin froh über dies Resultat von Onkel Berties Besuch. 

N i c k y. 

232 



Sr. Majestät dem Kaiser, 

Berlin, 23. August 1906. 

Nach Empfang von Tatischeffs Bericht bezügUch 
Deiner Ansicht über Boris Gegenwart bei dem Ma- 
növer habe ich ihn von der Grenze zurückgerufen. 

Treueste Grüße. Nicky. 

Travemünde, 17./30. VI., 11 Uhr 25 abends. 

Ich erhielt durch Tatischeff Deinen freundlichen Vor- 
schlag, ungefähr am 6. August nach Swinemünde zu 
kommen und Peterhof am 4. zu verlassen. Ich bin sehr 
dankbar für diese Absicht, aber wenn es Dir möglich 
wäre, schon am 3. anzukommen, so würde ich diesen 
Tag vorziehen, da ich bereits für den 6. August ein 
Inspektionsprogramm für mich festgesetzt habe, das 
nicht gut geändert werden könnte, ohne die öffentliche 
Aufmerksamkeit zu erwecken. Ich hörte nämlich von 
Kapitän Hintze, daß es Dir möglich wäre, zwischen 
dem 23. JuU und 14. August zu kommen, so daß ich 
hoffe, der 3. wird Dir nicht unbequem sein. Bitte, 
laß mich wissen, ob Dir der 3. paßt. Dann werde 
ich durch Kapitän Hintze Einzelheiten für unsere Be- 
gegnung vorschlagen, welcher ich in freudiger Erwar- 
tung entgegensehe. William. 

"Sr. Majestät dem Kaiser, 

Travemünde. 

Peterhof, 11 Uhr 30 Min. abends, 18. Juni/1. JuH 1907. 
Willige mit Vergnügen ein, am 3. August neuen Stils 
anzukommen. Mir ist das ebenso angenehm. Werde 
dankbar sein für nähere Einzelheiten, die durch Hintze 
kommen. Wünsche Dir angenehme Fahrt. 

Nicky. 

233 



Wilhelmshöhe, 15./2. VIII. 1907. 

Aufgegeben 2 Uhr 15 Min. 

Begegnung mit Onkel Bertie befriedigend. Onkel in 
guter Laune und friedhch gesinnt. Die in Ma- 
zedonien haben augenscheinlich Eindruck auf ihn ge- 
macht. Er hält gemeinschaftliche Vorstellungen in 
Athen für notwendig. Vom König über gegenwärtigen 
Stand der Dinge in Rußland befragt, war glücklich, 
ihm mitteilen zu können, daß ich von Dir gehört, alles 
ginge gut. Die Heimschickung der Duma durch Dich 
habe dieselbe Bedeutung wie die Verabschiedung des 
portugiesischen Parlaments durch seinen Vetter Karl. 
Nach mehreren regnerischen Tagen haben wir seit 
gestern schönes Wetter. Unternahmen gestern morgen 
Autofahrt durch die stillen Wälder der Umgegend, 
hoffe sehr, daß Du Alix in guter Gesundheit ange- 
troffen hast. Herzlichen Gruß an sie. 



PERSONEN-VERZEICHNIS 



Abdul Hamid, Sultan, IX. 166. 

Adalbert, Prinz von Preußen, 
46. 48. 183. 

Adlerberg 132. 

Aehrental, Grat, österreichi- 
scher Minister des Äußeren, 
158. 162. 

d'Albert, Pianist 186. 

Alexander IL, Zar, 12. 35. 74. 

Alexander III., Zar, X. 1. 16. 
21. 23. 45. 46. 48. 99. 104. 
119. 138. 152. 

Alexandra, Königinwitwe von 
England, 182. 

Alexandra Feodorowna, Za- 
rin, 1. 

Alexei Nikolajewitsch, russi- 
scher Thronfolger, 1. 154. 
184. 

Alexejew, russischer Vizeadmi- 
ral und Statthalter, 5. 6. 65. 
72, 82. 

Alvensleben, Graf v., Bot- 
schafter, 95. 98. 135. 210. 
211. 

Amalde 66. 

Arthur, Herzog von Con- 
naught, 36. 64. 164. 

Augusta Victoria, Kaiserin von 
Deutschland, VI. 27. 28. 143. 
145. 158. 163. 216. 

B 

Ballin, Generaldirektor, 213. 

Benkendorff, v., russischer 
Botschafter, 126. 227. 228. 

Birilew, russischer Marinemini- 
ster, 151. 



Bismarck, Fürst Otto von, 

Reichskanzler, XIII. 23. 24. 

127. 129. 
Boris, Großfürst, 233. 
Boulygine 153. 216. 
Bubnow, russischer Oberst, 6. 
Bülow, Fürst, Reichskanzler, 

71. 86. 87. 91. 100. 138. 

192. 209. 212. 224. 228. 
Burgdorf, Minna von, 131. 



Cäcilie, Kronprinzessin von 

Deutschland, 124. 
Cambon 86. 

Caprivi, v., Reichskanzler, 7, 
Carnot 152. 

Chelius, v, Generalleutnant, 186. 
Clemenceau 86. 
Combes 93. 
Gourcelles 36. 
Czernin VII. 

D 

Delcasse X. 86. 92. 93. 96. 
200. 225. 227. 228. 

Dragomiroff, russischer Gene- 
ral, 9. 

Dohna-Schlobitten, Grat, 174, 
178. 179. 186. 



Eckardstein, v., Botschaftsrat, 
VII. XVII. 

Edinburgh, Herzog von, 21. 

Eduard VII., König von Eng- 
land, XX. 73. 74. 79. 125. 
127. 137. 146. 157. 158. 159. 
160. 176. 232. 234. 

235 



Egloffstein 19. 

Elisabeth, Prinzessin von Hes- 
sen, 104. 106. 

Eulenburg, Fürst Philipp zu, 
Botschafter, 2. 



Fallieres, Präsident von Frank- 
reich, 142. 158. 

Franz Joseph I., Kaiser von 
Österreich, 149. 162. 207. 209. 

Friedrich I., König von Preu- 
ßen, 60. 

Friedrich III., Kaiser von 
Deutschland, 2. 16. 99. 

Friedrich VIII., König von 
Dänemark, 4. 79. 80. 144. 217. 

Friedrich der Große 122. 163. 

Friedrich Leopold, Prinz von 
Preußen, 63. 101. 102. 105. 
192. 226. 228. 



Georg- I., König von Griechen- 
land, 25. 26. 

Georg V., König von England, 
174. 177. 1S4. 

Georg, Großfürst, 128. 

Georg, Prinz von Griechen- 
land, 185. 

Gervais, französischer Admi- 
ral, 152. 

Giers, v., russischer Minister, 
9. 19. 

Gladstone 15. 

Goltz, von der, General, 87. 

Goluchowski, österreichischer 
Ministerpräsident, 61. 

H 

Hamann, Geheimrat, VII. 

XVII. 
Hanotaux, Gabriel, 24. 
Hardinges, Lord, 73. 
Hatzfeld, Graf, Gesandter, 32. 

236 



Hayashi, Grat, japanischer Mi- 
nister, 205. 

Heinrich, Prinz von Preußen, 
21. 27. 30. 35. 51. 53. 55. 
70. 75. 170. 171. 

Hilmi Pascha 61. 

Hintze, v., Gesandter, 154. 163. 
164. 172. 233. 

Hohenlohe, Fürst Chlodwig, 
Reichskanzler, 7. 8. 23. 

I 

Iswolsky XIX. XX. 100. 147. 

161. 218. 219. 231. 
Jacobi, V., General, 141. 145. 
Jameson 18. > 
Jaures XIV. 13. 
Juan-shi-kai 69. 

K 

Karl I. (Karlos), König von 
Portugal, 234. 

Karl, Prinz von Dänemark, 
später Haakon I., König 
von Norwegen, 219. 

Karl, Prinz von Hohenzollern, 
101. 192. 

Keller, Graf, 192. 

Kesnakow, russischer Oberst, 
50. 

Knackfuß, Maler, 8. 

Knesebeck 179. 

Knorring 1. 

Konstantin, König von Grie- 
chenland, 128. 

Konstantin Konstantinowitsch, 
Großfürst, 45. 

Krüger, Burenpräsident, 18. 

Krupenskv, russischer Gesand- 
ter, 72: 

Krupp 104. 

Kurino, japanischer Minister, 
198. 

Kuropatkin, russischer Gene- 
ral, XIH. 72. 76. 82. 115. 115. 



Lambsdorff, Graf, russischer 
Ministerpräsident, 49. 61. 
94. 95. 9S. 126. 202. 209. 
210. 223. 231. 

Lamsdorf, Graf, deutscher Mi- 
Utärattache, Generaladju- 
tant, 74. 83. 193. 201. 204. 
206. 230. 

Lanewitsch, russischer Gene- 
ral, 120. 

Lansdöwne, Lord, 205. 

Lauenstein, v., Generalmajor, 
173. 177. 

Law, Maurice, 125. 

Lobanoff, Fürst, russischer 
Reichskanzler, 9. 10. 12. 15. 16. 

Loubet X. 96. 

Löwenfeld, v., Generaladju- 
tant, 64. 

Luther 75. 

M 

Mallet, britischer Botschafter, 
15. 

Marchand, französischer Ge- 
neral, 43. 

Margarete, Prinzessin von 
Hessen, 108. 

Maria, Großfürstin, 1. 

Maria Feodorowna, Zarin- 
witwe, 4. 80. 126. 144. 184. 

Martin, Regierungsrat, XVIL 

Mary, Königin von England, 
184. 

Meyer, amerikanischer Bot- 
schafter, 124. 213. 

Michael, Großfürst, 12. 49. 50. 
119. 170. 213. 215. 

Mirski, russischer Minister, 108. 

Moltke, V., Oberpräsident, 87. 

Moltke, V., Oberst, 12. 17. 25. 
26. 31. 

Murawieff, Graf, russischer 
Minister, 44. 110. 



N 

Napoleon L 3. 28. 72. 77. 
122. 186. 

Nelidoff, russischer Botschaf- 
ter, 134. 

Nikolaus I., Zar, 34. 74. 109. 
131. 132. 

Nikolaus Nikolajewitsch, 
Großfürst, 139. 223. 

Nogi, japanischer General, 97. 

O 

Obolensky, russischer Adju- 
tant, 54. 55. 

Odero, 201. 

Okuma, Graf, japanischer Mi- 
nister, 155. 

OUa, Großfürstin, 1. 

Orlando 201. 

Osten-Sacken, russischer Bot- 
schafter, 2. 38. 66. 100. 173. 



Pahlen 2. 

Paul Alexandrowitsch, Groß- 
fürst, 46. 49. 

Plehwe, russischer Minister, 108. 

Plüskow, V., Adjutant, 104. 

Pobedonoszew, russischer Pro- 
kurator, 110. 



Raben, dänischer Minister des 
Äußern, 218. 

Radolin, Fürst, deutscher Bot- 
schafter, 2. 17. 21. 30. 134. 

Radziwill, Fürst Anton, 99. 

Radziwill, Fürstin Marie, 99. 

Reitzenstein, v., Kapitän, 53. 

Richter, Generaladjutant, 2. 45. 

Ridulsky 185. 

Roosevelt 84. 123. 128. 132. 
213, 224. 

Roshestwensky, russischer Ad- 
miral, 1. 3. 46. 

237 



Rouvier, französischer Finanz- 
minister, 84. 
Rubinstein 186. 



Saionzkowsky, russischer Ge- 
neral, 144. 

Salisbury 15. 

Samsonoff, russischer Gene- 
ral, 97. 

Sasonow, russischer Minister 
des Äußeren, 172. 

Selbournes, Lord, 204. 

Sergius, Großfürst, 53, 104. 106. 

Seymour 54. 

Sinowiew, russischer Botschaf- 
ter, 36. 37. 

Skobelew 14. 

Skrydlow, russischer Admiral, 6. 

Sophie, Königin von Griechen- 
land, 185. 

Suchomlinow, russischer 
Kriegsminister, 182. 

Schebekovv, Generaladjutant, 
82. 83. 197. 201. 209. 229. 

Schenk, Oberst, 69. 

Schilling 5. 

Schimmelmann 59. 

Schleinitz, v., preußischer Mi- 
nister, 127. 129. 

Schön, V., deutscher Botschaf- 
ter, 135. 141. 147. 

Schuwaloff, Graf, russischer 
Botschafter, 1. 3. 46. 

Schweinitz, General, 1. 

Stahl 2. 

Stössel, russischer General, 97. 
196. 

Storrer, Bellamy, [ amerikani- 
scher Gesandter, 137. 

Stremankoff, russischer Gou- 
verneur, 169. 180. 

Stroukow, russischer General, 
175. 



Tatiana, Großfürstin, 1. 

Tatischeff, russischer General- 
adjutant, 140. 146. 149. 158. 
168. 182. 229. 230. 231. 233. 

Tattenbach 140. 228. 

Terni 201. 

Thyra, Prinzessin von Däne- 
mark, 184. 

Tirpitz, Admiral, VII. 66. 

Togo, japanischer Admiral, 200. 

Tschertkoff, russischer Gou- 
verneur, 58. 



Viktoria, Kaiserinw^itwe von 
Deutschland, 48. 50. 99. 141. 

Viktoria, Prinzessin v. Schaum- 
burg-Lippe, 127. 

Viktoria Louise, Prinzessin von 
Preußen, 20.49. 169. 184. 185. 

W 

Waldemar, Prinz von Däne- 
mark, 184. 

Waldersee, Grat, 46. 

Wedel, Graf, 28. 

V. Werder, General, 1. 20. 
22. 29. 34. 36. 230. 

Wilczeck, Grat, 149. 

Wilhelm 1., Deutscher Kaiser, 
5.23.31.34.35. 99. 113. 131. 

Wilhelm, Deutscher Kron- 
prinz, 45. 59. 178. 

Witte, Graf, russischer Mini- 
ster des Äußeren, XII. 74. 
110. 132. 133. 134. 138. 
139. 192. 216. 223. 228. 

Wladimir Alexandrowitsch, 
Großfürst, 21. 23. 24. 25. 
146. 149. 230. 



Yamai, japanischer General, 58. 



238 



■c^ 



ü O <j u 



'n 



UC SOUTHERN REGIONAL LIBRARY FACILITY 





A 000 678 846 7 




II